{"id":12203,"date":"2012-02-13T09:28:09","date_gmt":"2012-02-13T08:28:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12203"},"modified":"2019-01-30T11:03:31","modified_gmt":"2019-01-30T10:03:31","slug":"hunger-nach-sinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12203","title":{"rendered":"Hunger nach Sinn"},"content":{"rendered":"<p>Am 14. Februar wird der Autor, Filme- und Fernsehmacher Alexander Kluge 80 Jahre alt. Eine Hommage von G&ouml;tz Eisenberg.<br>\nEs gibt lakonische Bemerkungen von Alexander Kluge, die hoch verdichtet, gewisserma&szlig;en in Pillenform, den ganzen Kosmos der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft enthalten und erhellen. &ldquo;Sinnentzug. Eine gesellschaftliche Situation, in der das kollektive Lebensprogramm von Menschen schneller zerf&auml;llt, als die Menschen neue Lebensprogramme produzieren k&ouml;nnen.&rdquo; Dieser Satz, mit dem Alexander Kluge sein Buch Lernprozesse mit t&ouml;dlichem Ausgang aus dem Jahr 1973 er&ouml;ffnet, hat mir einen verstehenden Zugang von weit verbreiteten gegenw&auml;rtigen Leidenserfahrungen er&ouml;ffnet. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam. Ihre F&auml;higkeit, innerhalb ihrer Lebenszeit und auf der Basis einer erworbenen Identit&auml;tsstruktur und charakterlicher Pr&auml;gungen Ver&auml;nderungen zu verarbeiten, ist begrenzt. Immer mehr Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung von &bdquo;Sinnentzug&ldquo; &hellip;<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&Ouml;ffentlichkeit und Erfahrung<\/strong><\/p><p>Zum ersten Mal kam ich mit dem Autor Alexander Kluge in Ber&uuml;hrung, als 1972 in der Edition Suhrkamp der Band <em>&Ouml;ffentlichkeit und Erfahrung<\/em> erschien, den er zusammen mit seinem langj&auml;hrigen Doppelpartner und Freund Oskar Negt verfasst hat. Das Buch griff in die politischen Debatten innerhalb der sich in verschiedene Fraktionen entmischenden 68er Bewegung ein und lieferte uns nachmaligen Spontis wichtige Argumente gegen die verschiedenen Varianten der Dogmatisierung des Protests in Theorie und Praxis. Der wichtigste Impuls, der von diesem Buch ausging, bestand darin, die Begriffe der Marx&rsquo;schen Theorie nach unten, zu den wirklichen Erfahrungen der Menschen hin zu &ouml;ffnen. Begriffe wie Alltagsleben, gelebte Erfahrung und menschliche Sinnlichkeit wirkten inmitten des Schulungswesens, das die linke Theoriebildung auf den Status von stalinistisch-maoistischen Parolen und einen scholastischen Kanon von Grund-, Haupt- und Nebenwiderspr&uuml;chen herunterbrachte, ungemein befreiend und subversiv. Das Buch beginnt mit einer etwas verklausulierten Widmung: <em>11. September 1903, 6. August 1969<\/em>. Diese Daten markieren Geburts- und Todestag von Theodor W. Adorno, dem Alexander Kluge nach seinem Jurastudium Ende der 1950er Jahre in Frankfurt begegnete und der ihn mit Fritz Lang in Kontakt brachte. Beide Begegnungen sollten richtungsweisend werden und Leben und Werk Alexander Kluges pr&auml;gen. Seit 1960 dreht er als Regisseur und Produzent Kurzfilme und Filme, von denen mir vor allem &ldquo;In Gefahr und gr&ouml;&szlig;ter Not bringt der Mittelweg den Tod&rdquo; (1974), &ldquo;Deutschland im Herbst&rdquo; (1978) und &bdquo;Die Patriotin&ldquo; (1979) in Erinnerung geblieben sind. Mein Favorit unter den Kluge-Filmen ist &bdquo;Der starke Ferdinand&ldquo; aus dem Jahr 1976, in dem Heinz Schubert einen Werksch&uuml;tzer spielt, der Opfer seiner eigenen Sicherheits-Obsession wird. Als der st&auml;ndig trainierte und insgeheim ersehnte Ernstfall endlich eintritt, versagt er kl&auml;glich und bringt die ganze Produktion zum Erliegen. Unvergesslich sind f&uuml;r mich auch die Gespr&auml;che zwischen Alexander Kluge und Heiner M&uuml;ller, die sp&auml;tnachts auf irgendeinem dieser ansonsten uns&auml;glichen Privatkan&auml;le zu sehen waren, f&uuml;r die Alexander Kluge seit vielen Jahren Kulturmagazine produziert.<\/p><p><strong>Geschichte und Eigensinn<\/strong><\/p><p>Ich erinnere mich gut an den Sommer 1981. Wir waren mit einer Gruppe von Freundinnen und Freunden nach Italien gefahren und durften im Haus eines Professors wohnen. Alle hatten einen dicken, blauen Band im Gep&auml;ck, der in Farbe, Format und Goldpr&auml;gung des Titels ein wenig ironisch auf die heiligen blauen B&auml;nde der Ostberliner Marx-Engels-Ausgabe Bezug nahm. Nun sa&szlig;en wir unter Olivenb&auml;umen oberhalb des Gardasees an kleinen Marmortischen und vertieften uns in die Lekt&uuml;re dieses gerade bei <em>Zweitausendeins<\/em> erschienen Buches von Oskar Negt und Alexander Kluge: <em>Geschichte und Eigensinn<\/em>. Auf der Innenseite des Umschlags sieht man die beiden Autoren sich gegen&uuml;ber sitzen, Tee trinkend, Pfeife rauchend, in Lekt&uuml;re und Notizen vertieft. Die gemeinsame Produktionsweise dieses Buches faszinierte uns genauso wie sein Inhalt, der in nichts weniger als dem Versuch besteht, der Marx&rsquo;schen Analyse des Kapitals eine Analyse seines Gegenpols folgen zu lassen: eine Geschichte der lebendigen Arbeitskraft. Abends sa&szlig;en wir in der riesigen K&uuml;che des Landhauses, lasen uns bestimmte Passagen vor und redeten uns die K&ouml;pfe hei&szlig;. Seit diesen Tagen in Italien hie&szlig; es unter uns, wann immer von Alexander Kluge die Rede war, mit respektvoller Ironie: &bdquo;Alexander Kluge, der nicht nur so hei&szlig;t &hellip;&ldquo;<\/p><p><em>Geschichte und Eigensinn<\/em> ist eines der B&uuml;cher, deren Lekt&uuml;re tiefe Spuren in Hirnen und Lebensl&auml;ufen hinterl&auml;sst. Ganze Passagen habe ich damals bei der ersten Lekt&uuml;re nicht oder nur ansatzweise verstanden, dann aber stie&szlig; ich auf S&auml;tze und Gedanken, deren sprachliche Brillanz und inhaltliche Pr&auml;gnanz f&uuml;r all die M&uuml;hen und Frustrationen bei der Lekt&uuml;re entsch&auml;digten. Es geh&ouml;rt zu den B&uuml;chern, mit denen man nie fertig wird. Beim eigenen Schreiben befindet es sich wie ein theoretischer Handwerkskasten immer in meiner Reichweite. <\/p><p>Als ich mich in der zweiten H&auml;lfte der 1990er Jahre mit dem Thema <em>Amok<\/em> zu befassen begann, hatte ich oft die eindringliche Stimme von Alexander Kluge im Ohr, die beinahe fl&uuml;sternd aus dem Off des Films <em>Die Macht der Gef&uuml;hle<\/em> kommt: &ldquo;Menschen, die etwas nicht mehr aushalten, ertragen es noch lange. Dann pl&ouml;tzlich brechen sie aus &ndash; unerwartet und brutal!&rdquo; Diese beiden S&auml;tze erschlossen mir ebenso einen Zugang zu diesem r&auml;tselhaften Ph&auml;nomen Amok wie Passagen aus <em>Geschichte und Eigensinn<\/em>: &bdquo;Ungl&uuml;ck kann aber nicht stillstehen. Ist es wie ein Schatz aufgeh&auml;uft, so bleibt es nicht ruhen, wie ein Schatz von Gold oder Zerst&ouml;rungsger&auml;t, sondern beginnt, auch als tote Arbeit Arbeitsverm&ouml;gen zu hecken. Man kann sagen: Solche inneren Vorr&auml;te an Ungl&uuml;ckserfahrung sind am explosivsten, wenn ihnen menschliche Ber&uuml;hrungsfl&auml;che (lebendige Arbeit) fehlt, wenn sie in sich rotieren.&ldquo; Und weiter: &bdquo;Der Entstehungsproze&szlig; solcher Katastrophen ist verkleidet als menschliche Beziehung, die &auml;u&szlig;erlich so aussieht wie andere auch, erst nach der Katastrophe scheint alles einer Logik, einem Grundgesetz zu folgen, das auf aggressive Eruption die ganze Zeit &uuml;ber zusteuerte. Jeder Lernproze&szlig; ist dadurch versperrt, da&szlig; er zu sp&auml;t kommt. Es sind aber millionenfach Prozesse und Reibungen solcher Energien im Gange, die sich nicht immer in einem Springpunkt, in einer solchen t&ouml;dlichen Katastrophe zusammenfassen, sondern &uuml;ber das Leben von 90 Jahren in kleiner M&uuml;nze verteilt sein k&ouml;nnen. Dann hat das ganze Leben gewisserma&szlig;en die Form einer Katastrophe, und ein solches Leben kann &auml;u&szlig;erlich wie bei Philemon und Baucis aussehen, harmonisch. Die Energie solcher stillen Krisen ist aber keine andere als diejenige, die die Eruptionen ausl&ouml;st.&ldquo; <\/p><p><strong>Sinnentzug<\/strong><\/p><p>Es gibt lakonische Bemerkungen von Alexander Kluge, die hoch verdichtet, gewisserma&szlig;en in Pillenform, den ganzen Kosmos der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft enthalten und erhellen. &ldquo;Sinnentzug. Eine gesellschaftliche Situation, in der das kollektive Lebensprogramm von Menschen schneller zerf&auml;llt, als die Menschen neue Lebensprogramme produzieren k&ouml;nnen.&rdquo; Dieser Satz, mit dem Alexander Kluge sein Buch <em>Lernprozesse mit t&ouml;dlichem Ausgang<\/em> aus dem Jahr 1973 er&ouml;ffnet, hat mir einen verstehenden Zugang von weit verbreiteten gegenw&auml;rtigen Leidenserfahrungen er&ouml;ffnet. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam. Ihre F&auml;higkeit, innerhalb ihrer Lebenszeit und auf der Basis einer erworbenen Identit&auml;tsstruktur und charakterlicher Pr&auml;gungen Ver&auml;nderungen zu verarbeiten, ist begrenzt. Immer mehr Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung von &bdquo;Sinnentzug&ldquo;: Was sie in Kindheit und Jugend gelernt und verinnerlicht haben, passt irgendwann auf kein Lebensgel&auml;nde mehr so richtig. Vielen von ihnen geht es wie Meister Anton, der am Ende von Friedrich Hebbels Theaterst&uuml;ck &bdquo;Maria Magdalena&ldquo; sinnend stehen bleibt und ausruft: &bdquo;Ich verstehe die Welt nicht mehr.&ldquo; Sie haben mit dem Fortgang des Ganzen nichts mehr zu tun und f&uuml;hlen sich angesichts des Zusammenbruchs des Reichs des Vertrauten verst&ouml;rt und entwertet. Der forcierte gesellschaftliche Wandel ersch&uuml;ttert das eingespielte Gleichgewicht zwischen der Struktur der &auml;u&szlig;eren Realit&auml;t und der Identit&auml;tsstruktur der Menschen und wird zur Quelle von Wirklichkeitsverlust und seelischer Krankheit. Das, was aus Gegenwart und Zukunft auf die Menschen zukommt, f&uuml;gt sich ihrer Verarbeitungsroutine nicht mehr. Immer mehr bisher gut angepasste Menschen haben das Gef&uuml;hl, dass der Film der &auml;u&szlig;eren Realit&auml;t schneller l&auml;uft als der innere Text, den sie dazu sprechen. Sie f&uuml;hlen sich aus ihrer Ordnung der Dinge katapultiert, desorientiert, entwirklicht und werden von der Angst heimgesucht, eines nicht mehr fernen Tages vollends aus der Welt zu fallen. <\/p><p>In <em>Geschichte und Eigensinn<\/em> hei&szlig;t es zu diesen Erfahrungs- und Wirklichkeitsverlusten: &bdquo;Es mu&szlig; etwas an sich und zugleich f&uuml;r mich eine zusammenh&auml;ngende Bewegung ergeben, damit ich sagen kann: Das hatte einen Sinn. &hellip; Ist etwas zusammenhanglos, konsensunf&auml;hig (d.h. unvern&uuml;nftig), entwirklicht und ungl&uuml;cklich, so wird wohl niemand das als menschlichen Sinn bezeichnen. Ich lebe bis zum Tode, und am Ende merke ich, da&szlig; dieses Leben nicht meins war und au&szlig;erdem leer blieb. Das hatte keinen Sinn. Es entwickeln sich historisch, unter enormen Motiven berufliche Qualifizierungen, die Entwicklung macht sie gegenstandslos, &uuml;berfl&uuml;ssig; jetzt waren Anstrengung, Hoffnungen und Loyalit&auml;ten unn&ouml;tig.&ldquo;<\/p><p><strong>Fr&uuml;he Gl&uuml;cks&uuml;bersch&uuml;sse<\/strong><\/p><p>Wie nah Alexander Kluge Adorno stand und wie gut er sich in ihn und die Motive seines Denkens einzuf&uuml;hlen vermochte, verdeutlicht ein Gespr&auml;ch mit ihm &uuml;ber Adorno, das in dem Film <em>Es gibt kein richtiges Leben im falschen &ndash; Th. W. Adorno<\/em> enthalten ist. Seine Bemerkungen &uuml;ber Adorno haben mich derart beeindruckt, dass ich mir die M&uuml;he gemacht habe, sie von einem Videoband abzuschreiben. Da Alexander Kluge die alte Rechtschreibung bevorzugt und in seinen B&uuml;chern beibehalten hat, habe auch ich am guten, alten Eszett festgehalten und die roten Markierungen des Korrekturprogramms ignoriert.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das merken Sie sehr schnell bei ihm, da&szlig; er Gl&uuml;ck in der Kinderzeit kennengelernt hat oder meint, es kennengelernt zu haben, und das l&auml;&szlig;t er sich nie wieder ausreden. Das hat wohl sicher auch zu tun mit seiner Mutter, einer S&auml;ngerin, der Tochter eines korsischen Generals, die hier in Frankfurt-Bockenheim in Gefangenschaft war und mit einem Freifahrschein zwischen Riga und Paris als Sopranistin hin und her reiste. Eine bewunderte Mutter, die dieses Wunderkind jetzt so liebte, Frau eines Weinh&auml;ndlers, der sich auf Durchschnittsweine spezialisiert hatte. Dies ist durchaus ein Gegensatz. Er hat nie mit dem gleichen Respekt oder der gleichen Zuneigung von seinem Vater gesprochen, dem Wiesengrund, wie von seiner Mutter, der Adorno. Er mu&szlig; also in Beziehung zu seiner Mutter Gl&uuml;ck kennengelernt haben, mindestens die Sehnsucht, die dann &uuml;berraschende Erf&uuml;llung findet, und sehr vieles jetzt ist Rekonstruktion dieser Momente. Sehen Sie, es gibt Physiker, die k&ouml;nnen auf Mikrosekunden die Plasmaphysik beherrschen oder irgendetwas anderes und daraus nehmen sie die Gewi&szlig;heit, f&uuml;r die eine ganze naturwissenschaftliche Entwicklung geradestehen mu&szlig;. Und so &auml;hnlich ist es in der Geisteswissenschaft oder der Philosophie: wenn Sie an irgendeiner Stelle ein Gl&uuml;ck erkannt haben, dann wissen Sie, da&szlig; es das gibt, das kann Ihnen die ganze Realit&auml;t nicht wieder ausreden. Die Realit&auml;t hat als Realit&auml;tsprinzip in uns und als umbauter Raum in unseren St&auml;dten oder unseren Gesellschaften &ndash; als verbauter Raum &ndash; eine ungeheure &Uuml;berredungskraft, da&szlig; es diese ganzen Kinderzeiten nie gegeben h&auml;tte und manchmal auch, da&szlig; es sie geben m&ouml;ge, es k&ouml;nnte ja chaotisch werden, und hier tritt Adorno als Ungl&auml;ubiger heran. Es ist eine zweite S&auml;kularisierung, die er hier predigt: man soll, man kann nur an das Gl&uuml;ck glauben, sonst kann man nicht weiterleben.<\/p>\n<p>Die westeurop&auml;ische Geschichte hat seit 200 Jahren die Vorstellung, da&szlig; in der Kinderzeit Gl&uuml;ck steckt. Nun ist Adorno nat&uuml;rlich nicht einer, der sagt: Wer Gl&uuml;ck erlebt hat, lebt von diesem Gl&uuml;ck. Das w&uuml;rde er so nicht sagen &hellip; sondern, wer Gl&uuml;ck erlebt hat, entbehrt es gleich darauf, darunter leidet er und das macht ihm ein Ged&auml;chtnis. Und nur wer dieses Ged&auml;chtnis hat, hat die Sehnsucht nach dem Gl&uuml;ck in sich, und dies ist eigentlich das Gl&uuml;ck, von dem er spricht; davon lebt man. Man lebt also von der Sehnsucht nach dem Gl&uuml;ck, von dem man eine Ahnung hat, aber die k&ouml;nnte man nicht haben, wenn man nicht irgendeine Spur davon kennengelernt h&auml;tte. Einer, der gl&uuml;cklich ist, sagt Adorno, der vergi&szlig;t es gleich darauf. Beispielsweise der Held Siegfried, der hat &uuml;berhaupt kein Ged&auml;chtnis, der war gl&uuml;cklich mit Brunhilde, und nach einem Schluck Met oder Zaubertrank vergi&szlig;t er sie und liebt bald darauf eine andere. Das geht von Frau zu Frau: genie&szlig;en und wegwerfen, ohne ein Don Juan zu sein. Dieses pure, unreflektierte Gl&uuml;ck ist es nicht, das Adorno in der Kinderzeit vermutet. Kinder sind leidensf&auml;higer, sie lernen etwas Gl&uuml;ckliches kennen, meist &uuml;ber die M&uuml;tter, und anschlie&szlig;end entbehren sie es umso intensiver: dies treibt sie an ein Leben lang. Man mu&szlig; sich das als eine Art von Diaspora-Erfahrung vorstellen. Adorno hat nie die Vorstellung, da&szlig; am Anfang ein Paradies liegt oder ein nat&uuml;rlicher Zustand &agrave; la Rousseau, sondern es ist verwirrend von Anfang an und es ist falsch gelaufen. Der ganze Planet lief falsch, sowie er Bewu&szlig;tsein hatte. Aber es ist diesem Falschen etwas Richtiges beigemengt, untrennbar, und jetzt k&auml;mpfen diese Dinge miteinander, und aus den Spuren dieses wenigen Richtigen, das nur in Form von Mi&szlig;verst&auml;ndnissen &uuml;berliefert ist, damit sich verbunden zu halten, diese Flaschenposten lesbar zu halten, das ist das, was Adorno eigentlich selber als Nachrichten weiterleitet. Und er sagt: Keiner kann das Gl&uuml;ck ausschlie&szlig;en, da&szlig; pl&ouml;tzlich durch ein B&uuml;ndnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine pl&ouml;tzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem gl&uuml;cklichen Hafen hier eine gesellschaftliche Ver&auml;nderung stattfindet. Die Revolution geht aber nicht dadurch, dass die Post&auml;mter besetzt werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der faszinierende Kerngedanke Kluges, dass es Gl&uuml;ckerfahrungen der fr&uuml;hen Kindheit sind, die uns ein Leben lang an- und umtreiben und beim Erwachsenen zum Ferment von politischen Rekonstruktionsversuchen und Utopien werden k&ouml;nnen, zieht die bange Frage nach sich, was aus diesen Gl&uuml;cks&uuml;bersch&uuml;ssen wird, wenn die b&uuml;rgerliche K&auml;lte sich universalisiert, die intimen Binnenwelten und fr&uuml;hen Sozialisationsprozesse erfasst und einen K&auml;lteschatten auf das Verh&auml;ltnis zwischen Eltern und Kindern wirft. St&uuml;rzen Kinder aus dem Mutterleib direkt in die Gesellschaft des entfesselten Marktes, ohne dass der Airbag der Familie und liebevolle elterliche Zuwendung diesen Aufprall abfedern, werden sie die Differenzerfahrung nicht mehr machen k&ouml;nnen. Der lebensgeschichtliche Anfang besitzt Naturalform, w&uuml;rde Alexander Kluge sagen. Hier hat sich inmitten einer von Ware, Geld und Tauschbeziehungen beherrschten Gesellschaft eine alternative, am Gebrauchswert und an Bed&uuml;rfnissen orientierte Logik durchgehalten. Und nur, wer die kennengelernt hat, wird die Geld- und Kapitallogik, die den Anfang dann &uuml;berlagert und zum Verschwinden bringen will, als befremdlich erleben. Die b&uuml;rgerlich-kapitalistische und vollends vom Markt beherrschte Gesellschaft wird nur dann als menschenfeindliche Eisw&uuml;ste erlebt, wenn man noch die W&auml;rme eines liebevollen Empfangs in den Knochen versp&uuml;rt und den Geruch von etwas anderem in der Nase hat. Von Warencharakteren und Geldsubjekten werden nur Warencharaktere und Geldsubjekte hervorgebracht, deren Innenwelt eine Gletscherlandschaft eingefrorener Gef&uuml;hle ist und die lediglich die psychischen Korrelate von Geld und Markt hervorbringen: kalte Schonungslosigkeit, Indifferenz, Skrupellosigkeit und Feindseligkeit. Ich habe unter dem Titel <em>Unterm Strich z&auml;hl&rsquo; ich<\/em> im p&auml;dagogischen Online-Magazin <a href=\"http:\/\/www.magazin-auswege.de\/tag\/Eisenberg\/\">Auswege<\/a> einen l&auml;ngeren Beitrag ver&ouml;ffentlicht, der Belege und Beobachtungen f&uuml;r die These enth&auml;lt, dass sich unter unseren Augen der &Uuml;bergang zu einem neuen Kindheitsmuster vollzieht und wir im Begriff sind, ins Stadium der gesellschaftlichen Produktion von &bdquo;Psychopathen&ldquo; einzutreten. Der &bdquo;Psychopath&ldquo; ist durch eine gro&szlig;e Wendigkeit und Anpassungsf&auml;higkeit, psychische Frigidit&auml;t, Empathie-Mangel und R&uuml;cksichtslosigkeit charakterisiert und scheint der den wild gewordenen M&auml;rkten und entfesselten Geldstr&ouml;men entsprechende Sozialcharakter zu sein oder zu werden.<\/p><p>Wir werden uns also sputen m&uuml;ssen, wenn wir noch einen Zipfel der alternativen Logik zu fassen bekommen und als Ansatzpunkt einer gesellschaftlichen Ver&auml;nderung in Gang setzen wollen. Wenn alles homogenisiert und pasteurisiert, verkabelt, digitalisiert, modularisiert und vernetzt sein wird, wenn alle Fl&uuml;sse begradigt, Stra&szlig;en betoniert, alle alten Bahnh&ouml;fe unter die Erde verlegt sind, wenn der Durst endg&uuml;ltig in Nachfrage nach Coca-Cola verwandelt und allen menschlichen W&uuml;nschen und Bed&uuml;rfnissen eine Warenhaut &uuml;bergezogen worden ist, wenn Eltern ihre Kinder als b&ouml;rsennotierte Bio-Aktien und werdende Ich-AG&rsquo;s betrachten und behandeln, von denen eine gute Performance erwartet wird, wenn auch die Liebe &ouml;konomisiert ist und &uuml;ber sogenannte soziale Netzwerke wie eine Ware gehandelt und getauscht wird, k&ouml;nnte es zu sp&auml;t sein. Dann w&auml;ren wir gezwungen, in einer &bdquo;eindimensionalen Gesellschaft&ldquo; (H. Marcuse) zu leben, die alle Hoffnungen und Alternativen unter sich begraben hat. Auch das ist von Alexander Kluge und der Kritischen Theorie zu lernen: Dass wir kalte gesellschaftliche Verh&auml;ltnisse mit dem analytischen Blick kalter Kenntnisse anblicken und analysieren m&uuml;ssen und dennoch nicht aufh&ouml;ren d&uuml;rfen, an ihre Ver&auml;nderbarkeit zu glauben und an ihr zu arbeiten. Als kritische Theoretiker sind wir zum Pessimismus verpflichtet und m&uuml;ssen die Dinge und Entwicklungen bei ihrem Namen nennen, als Menschen k&ouml;nnen wir nicht aufh&ouml;ren, optimistisch zu sein und zu hoffen, dass &bdquo;pl&ouml;tzlich durch ein B&uuml;ndnis aller Spuren mit allen Spuren, durch eine pl&ouml;tzliche Ankunft mehrerer Flaschenposten in einem gl&uuml;cklichen Hafen doch noch eine gesellschaftliche Ver&auml;nderung stattfindet.&ldquo;<\/p><p><strong>Der Griff nach der Notbremse<\/strong><\/p><p>Damit diese Hoffnungen nicht purer Voluntarismus sind oder den Status quasi-religi&ouml;ser Gl&auml;ubigkeit annehmen, bed&uuml;rfen sie der Spuren, von denen bei Kluge die Rede ist. Hoffnungen m&uuml;ssen sich auf ein Fundament in der Realit&auml;t, auf gesellschaftlich-geschichtlichen Tendenzen berufen und st&uuml;tzen k&ouml;nnen. Die Hoffnung der <em>kritischen Theorie<\/em> basiert letztlich auf der Annahme, dass Herrschaft &uuml;ber &auml;u&szlig;ere und innere Natur auf Grenzen st&ouml;&szlig;t, dass es in der Natur und im menschlichen Subjekt Schichten und Bereiche gibt, in die die Gewalt von Abstraktionsprozessen nicht vordringen darf. In dem Ma&szlig;e, wie die Familie &bdquo;auf ein reines Geldverh&auml;ltnis&ldquo; reduziert wird und die &bdquo;gef&uuml;hllose, bare Zahlung&ldquo; (Marx) von ihrer Binnenstruktur Besitz ergreift, zerst&ouml;rt die kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart die Formen, in denen Kultur &ndash; nach der Aufl&ouml;sung des &bdquo;urspr&uuml;nglichen Gemeinwesens der agrarischen Hausgemeinschaft&ldquo; (Negt\/Kluge) &ndash; sich menschliche Natur angeeignet hat. Ein gewisses Mindestma&szlig; an famili&auml;rer Sozialisation, Stabilit&auml;t und Verl&auml;sslichkeit von pers&ouml;nlichen Bindungen scheint unerl&auml;sslich zu sein, damit der Mensch seine &bdquo;psychische Geburt&ldquo; (M. Mahler) vollenden kann. Wird dieses Minimum unterschritten, dann l&ouml;sen sich jene Reste von Identit&auml;t, also leib-seelischer Stabilit&auml;t und Kontinuit&auml;t auf, die auch f&uuml;r den Fortbestand der kapitalistischen Gesellschaft unabdingbar sind. Die globalen Revolten der Gegenwart zeugen davon, dass diese Grenzen in beiden Richtungen &uuml;berschritten sind und permanent weiter &uuml;berschritten werden. Die Geldvermehrung und Plusmacherei hat sich von allen Beschr&auml;nkungen losgerissen und ist g&auml;nzlich in die Abstraktion geschossen: Die Null nullt vor sich hin und die wild gewordenen &ouml;konomischen Prozesse schleifen die Menschen und ganze Gesellschaften nur noch wie l&auml;stige Anh&auml;ngsel mit. Die Politik, hei&szlig;t es bei Oskar Negt,  ger&auml;t in die Lage einer Institution, &bdquo;die &uuml;ber das Wetter herrscht&ldquo;. Neben den &ouml;konomischen und &ouml;kologischen Krisen drau&szlig;en gibt es auch eine &bdquo;innere &ouml;kologische Krise&ldquo;, hat Peter Br&uuml;ckner, der auch ein Spross der <em>kritischen Theorie<\/em> gewesen ist, schon Mitte der 1970er Jahre bemerkt. Deren Folgen treten als psychische St&ouml;rungen, psychosomatische Erkrankungen, dem, was &Auml;rzte vegetative Dysfunktion, ADHS, Depression, Burn-out-Syndrom nennen, als Fr&uuml;hinvalidit&auml;t, Drogen- und Tablettenkonsum, aber auch als Wut und vage Emp&ouml;rung zu Tage. Der K&ouml;rper formuliert sein stummes Nein gegen&uuml;ber den Verhaltenszumutungen einer Realit&auml;t, die immer unertr&auml;glicher werden und eigentlich nicht l&auml;nger lebbar sind. Aufgabe einer kritischen Theorie der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft w&auml;re es, die exotisch verr&auml;tselte Sprache der Symptome zu dechiffrieren, die Leidenserfahrungen der Menschen beredt werden zu lassen und ihre Ursachen ins Bewusstsein zu heben. Der diffuse Rohstoff der Rebellion und des Unbehagens bedarf der Regulierung durch eine intellektuelle und moralische Instanz, die ihn dem Sog der Regression entrei&szlig;t und in eine aufkl&auml;rerisch-emanzipatorische Richtung bringt. Sonst besteht die Gefahr, dass die diffusen, frei flottierenden Unruhe- und Leidenszust&auml;nde von rechts angeeignet werden. Das hatten wir schon einmal und droht uns gegenw&auml;rtig erneut.<\/p><p>Was meint Kluge, wenn er am Ende der Adorno-Passage sagt: &bdquo;Die Revolution geht aber nicht dadurch, dass die Post&auml;mter besetzt werden&ldquo;? Wenn sich die verschiedenen Bruchlinien der sozialen Integration &uuml;berhaupt noch einmal zu so etwas wie einer Revolution b&uuml;ndeln lassen, k&ouml;nnen wir uns diese nicht mehr nach dem Bild der russischen Oktoberrevolution vergegenw&auml;rtigen. L&auml;ngst kommt die Macht nicht mehr nur aus den Gewehrl&auml;ufen und den politischen Institutionen. Sie hat sich verzweigt und ist molekular geworden, sie hat von unseren W&uuml;nschen und Bed&uuml;rfnissen Besitz ergriffen, ist bis in unsere Denk-, Gef&uuml;hls und Handlungsgewohnheiten vorgedrungen. Die Revolution der Zukunft wird ihren theoretischen Bezugsrahmen eher in den geschichtsphilosophischen Thesen Walter Benjamins finden als in der Tradition des Arbeiterbewegungs-Marxismus, der viel zu stark von den Prinzipien der instrumentell-&ouml;konomischen Vernunft und dem b&uuml;rgerlichen Fortschrittsdenken durchdrungen war. Revolution im Sinne Benjamins w&auml;re nicht blo&szlig;e Machteroberung und die Beschleunigung des von seinen b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Fesseln befreiten Fortschritts, sondern der Sprung aus diesem Fortschritt und seiner Logik der Natur- und Menschenbeherrschung heraus. Benjamin erinnert daran, dass Marx die Revolutionen als &bdquo;Lokomotiven der Weltgeschichte&ldquo; begriffen hat und f&auml;hrt fort: &bdquo;Aber vielleicht ist dem g&auml;nzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.&ldquo; Eine geschichtsangemessene Theorie der Revolution h&auml;tte die traditionelle Fetischisierung der Produktivkr&auml;fte, der Arbeit und des technisch-wissenschaftlichem Fortschritts zu &uuml;berwinden und m&uuml;sste ihre Intentionen eher im Bezugsrahmen einer sinnlichen Vernunft und in Begriffen wie Entbrutalisierung, Entmachtung, Nachlassen, Verlangsamung und Vers&ouml;hnung formulieren. Eine an Gebrauchswerten und Bed&uuml;rfnisbefriedigung orientierte &Ouml;konomie akzeptiert sinnvolle Begrenzungen und tritt in den Dienst gesellschaftlich-kultureller Zwecksetzungen. Sie wird nicht l&auml;nger von der sinnentleerten, abstrakten Dynamik von Markt und Geld zu Wachstum und st&auml;ndiger Innovation angetrieben, sondern kennt die Kategorie des Genug. &bdquo;Vielleicht&ldquo;, hei&szlig;t es bei Adorno, &bdquo;wird die wahre Gesellschaft der Entfaltung &uuml;berdr&uuml;ssig und l&auml;sst aus Freiheit M&ouml;glichkeiten ungen&uuml;tzt, anstatt unter irrem Zwang auf fremde Sterne einzust&uuml;rmen.&ldquo; <\/p><p><strong>Der Antirealismus der Gef&uuml;hle<\/strong><\/p><p>Gerade rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag sind im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel <em>Das f&uuml;nfte Buch. Neue Lebensl&auml;ufe<\/em> noch einmal Geschichten von Alexander Kluge erschienen. Zum Thema Reprivatisierung und Medizinalisierung gesellschaftlicher Konflikte findet sich darin folgende Geschichte: &bdquo;Ein Arbeiter in Frankfurt am Main hatte sein Leben in ein und demselben Betrieb verbracht. Diese Fabrik wurde insolvent. Der Arbeiter besuchte eine &Auml;rztin. Er hatte heftige Magenschmerzen, nicht erst seit Schlie&szlig;ung des Betriebs. Die &Auml;rztin verschrieb ihm Tabletten. Ich habe die Tage meines Lebens hingegeben, sagte der Arbeiter, und als Gegenleistung erhalte ich diese Tabletten. Damit bin ich nicht einverstanden.&ldquo; <\/p><p>Ich werde den Gefangenen, mit denen ich mich einmal in der Woche zur <em>Kulturgruppe<\/em> treffe, aus Anlass seines Geburtstags eine &auml;ltere Geschichte von Kluge vorlesen. Sie hei&szlig;t <em>Eine, deren Unterschrift unter dem Gesellschaftsvertrag gef&auml;lscht ist<\/em>. Erz&auml;hlt wird die Geschichte einer Frau, die sich als Hausgehilfin durchs Leben schl&auml;gt und nicht aufh&ouml;rt zu stehlen. Unter anderem bet&auml;tigt sie sich als Beischlafdiebin. Auch st&auml;ndige richterliche Ermahnungen und Verurteilungen bringen sie nicht davon ab. Sie verh&auml;lt sich wie ein Ein-Personen-Indianerstamm, der sich nicht an die Rechtsordnung gebunden f&uuml;hlt und aus irgendeiner schwer fassbaren Regung f&uuml;r sich bleibt. Auch die zurate gezogene Gutachterin Dr. Brille vermag das Geheimnis ihrer hartn&auml;ckigen Klauerei und Unbelehrbarkeit nicht zu l&uuml;ften. Als der Richter schlie&szlig;lich entnervt fragt, wie er denn entscheiden solle, antwortet die Gutachterin: &bdquo;Gar nicht entscheiden. Diese Person kann gar nicht anders leben. Das sind keine Diebst&auml;hle, sondern ihre Lebens&auml;u&szlig;erungen. So wie unsereins Luft holt.&ldquo;<\/p><p>Alexander Kluges Anmerkungen und Geschichten zum <em>Antirealismus der Gef&uuml;hle<\/em> haben mir einen verstehenden Zugang zu einem Ph&auml;nomen er&ouml;ffnet, dem ich im Kontext meiner T&auml;tigkeit als Gef&auml;ngnispsychologe immer wieder begegne. In einem Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 14.\/15. Januar 2012 erl&auml;utert er noch einmal, was er darunter versteht: &bdquo;Denn die W&uuml;nsche und das M&ouml;gliche geh&ouml;ren zur Realit&auml;t. Und der Antirealismus des Gef&uuml;hls: Dass ich mich weigere, eine Realit&auml;t, die nicht auf mich eingeht, zu akzeptieren, sondern sage, ich setze meine eigene Realit&auml;t dagegen, dieser Eigensinn ist etwas, was f&uuml;r Menschen zum Realismus geh&ouml;rt. Realismus ist nicht Abbildung von Tatsachen.&ldquo; Nirgends kann man diesen Mechanismus und seine lebensdienliche und identit&auml;tserhaltende Kraft intensiver erleben als im Gef&auml;ngnis, wo Menschen oft auf Jahre einer Realit&auml;t ausgeliefert sind, die sich ihnen gegen&uuml;ber als kompaktes Nein behauptet. Weil das Gef&auml;ngnis alle Lebens&auml;u&szlig;erungen seiner Kontrolle unterwirft und den Wunsch der Gefangenen, Subjekte mit eigenen Ziel- und Zwecksetzungen und nicht nur Objekte eines fremden Willens und damit im Sinne Kants w&uuml;rdelos zu sein, negiert, ist es zugleich der Ort, der die meisten Tr&auml;ume beherbergt und wo der Antirealismus des Gef&uuml;hls treibhausm&auml;&szlig;ig gedeiht. Man trifft hier regelm&auml;&szlig;ig auf Ein-Mann-Indianerst&auml;mme, die ihren Eigensinn gegen eine &Uuml;bermacht aus Reservats-Verwaltung und Kavallerie zu behaupten versuchen. Ihre phantasiegeleitete, mitunter ans Wahnhafte grenzende Realit&auml;tsverleugnung ist gegen jede wohlmeinende Korrektur perfekt abisoliert. Das Gef&uuml;hl wehrt sich gegen die Wahrnehmung einer Realit&auml;t, die unertr&auml;glich ist, und ersetzt sie durch eine Illusion. In <em>Das f&uuml;nfte Buch<\/em> schreibt Alexander Kluge: &bdquo;Weder eine kasernierte Arbeit noch eine Gefangenschaft machen deshalb bis zum Nullpunkt ungl&uuml;cklich. Kurz vor diesem Nullpunkt macht die Hoffnung Spr&uuml;nge.&ldquo; Dieser Kampf um Selbstbehauptung ist erstaunlich robust und phantasievoll, manchmal aber auch verzweifelt bis zur Selbstverletzung und zum Suizid. <\/p><p>F&uuml;r Alexander Kluge schlie&szlig;t sich mit <em>Das f&uuml;nfte Buch. Neue Lebensl&auml;ufe<\/em> ein Kreis. Schon sein erstes, im Jahr 1962 erschienenes Buch hie&szlig; <em>Lebensl&auml;ufe<\/em>. Kluge beobachtet, h&ouml;rt hin und notiert seit dieser Zeit, was er sieht, h&ouml;rt und erlebt. Den Rest erfindet er hinzu. Programmatisch hei&szlig;t es eingangs des neuen Buches: &bdquo;F&uuml;r Menschen sind Lebensl&auml;ufe die Behausung, wenn drau&szlig;en Krise herrscht. Alle Lebensl&auml;ufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift.&ldquo; Diese zu entziffern und lesbar zu machen, hat Alexander Kluge zu seiner Lebensaufgabe gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14. Februar wird der Autor, Filme- und Fernsehmacher Alexander Kluge 80 Jahre alt. Eine Hommage von G&ouml;tz Eisenberg.<br \/> Es gibt lakonische Bemerkungen von Alexander Kluge, die hoch verdichtet, gewisserma&szlig;en in Pillenform, den ganzen Kosmos der gegenw&auml;rtigen Gesellschaft enthalten und erhellen. &ldquo;Sinnentzug. 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