{"id":12218,"date":"2012-02-14T14:59:51","date_gmt":"2012-02-14T13:59:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12218"},"modified":"2015-01-18T15:13:01","modified_gmt":"2015-01-18T14:13:01","slug":"die-verarmung-des-staates-als-strategischer-hebel-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12218","title":{"rendered":"\u201eDie Verarmung des Staates als strategischer Hebel\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dieses St&uuml;ck wurde in der vergangenen Woche wie sooft in der letzten Zeit wiederaufgef&uuml;hrt. Diesmal nicht nur praktiziert im Umgang der deutschen Regierung und ihres Anhangs mit Griechenland. Das St&uuml;ck findet auch Erw&auml;hnung in einem zweiseitigen Essay von Barbara Supp im gedruckten Spiegel 6\/2012. Der Titel &bdquo;Unbarmherzige Samariter. Wie Margaret Thatcher und ihre deutschen Sch&uuml;ler die marktkonforme Demokratie erschaffen haben.&ldquo; Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nJetzt kann man nur hoffen, dass viele Spiegel-Redakteure den Text ihrer Kollegin gelesen haben oder noch lesen. Und andere auch.<br>\nDer Essay von Barbara Supp ist leider (noch) nicht als Datei verf&uuml;gbar. Das ist schade. SpiegelOnline t&auml;te gut daran, sich einen Schupps zu geben, um diesen guten Text schnell ins Netz zu stellen. <\/p><p>Die Verarmung des Staates ist der strategische Hebel f&uuml;r allerhand: f&uuml;r Privatisierung, f&uuml;r Lohnsenkungen, f&uuml;r Aushungern des &ouml;ffentlichen Dienstes und f&uuml;r die Verringerung der Versorgung mit den G&uuml;tern des &ouml;ffentlichen Bedarfs. Die Verarmung des Staates f&uuml;hrt zu st&auml;ndigen Klagen &uuml;ber den Staat und setzt damit die Abkehr von Leistungen in &ouml;ffentlicher Verantwortung fort. <\/p><p>In Griechenland wird die Strategie wieder einmal angewandt: Reformen, Sparen, Staatst&auml;tigkeit verringern, Besch&auml;ftigte entlassen. Auf Anweisung aus Berlin, Br&uuml;ssel und Washington (IMF). <\/p><p>F&uuml;r alle, die Verschw&ouml;rungstheorien vermuten, hier noch ein Hinweis auf eine von Barbara Supp zitierte &Auml;u&szlig;erung eines &bdquo;Experten&ldquo; der neoliberalen Bewegung. Es ist eingebettet in ihren Text:<\/p><blockquote><p><em>Dringend, schrieb in den neunziger Jahren so ein mehr in Wirtschaftskreisen bekannter Experte, m&uuml;sse der Staat an Macht verlieren. Dagegen sei Widerstand zu erwarten. Zu l&ouml;sen sei das Problem, indem man beispielsweise Steuern senke. Man brauche &bdquo;das Diktat der leeren Kassen&ldquo;. Man brauche &bdquo;ein Defizit, das als anst&ouml;&szlig;ig gilt&ldquo;. so k&ouml;nne man den Staat beschneiden. Ganz unverbl&uuml;mt steht es da: Nicht aus Notwendigkeit solle der Staat machtloser und &auml;rmer werden, sondern aus Prinzip.<\/em><br>\n<em>Der das schrieb, war kein Exot. Es war Herbert Giersch, ein vor anderthalb Jahren in hohem alter verstorbener Wissenschaftler, der jahrzehntelang als &bdquo;Doyen der deutschen Volkswirtschaft&ldquo; galt. Er war Regierungsberater, Gr&uuml;ndungsmitglied der &bdquo;F&uuml;nf Wirtschaftsweisen&ldquo;, Direktor des Kieler Instituts f&uuml;r Weltwirtschaft, pr&auml;gender Lehrbuchschreiber und Ausbilder mehrerer Generationen von &Ouml;konomen, die heute in Banken, Verb&auml;nden, Unternehmen zu finden sind. Einer der f&uuml;hrenden neoliberalen Wirtschaftswissenschaftler, wie Thatcher ein Hayek-Anh&auml;nger, auf den sich ja jede klassische marktliberale, jede klassisch unternehmerfreundliche Politik beruft.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Die Spiegelautorin liegt bei ein paar Dingen falsch, was den Wert ihrer Ver&ouml;ffentlichung aber nicht mindert: <\/p><ul>\n<li>Barbara Supp hat zum Beispiel &uuml;bersehen, dass nicht Frau Thatcher mit dem Wahnsinn begonnen hat. Er wurde nach 1973 schon in Chile praktiziert. Das hat Naomi Klein in ihrem Buch &bdquo;Schock-Strategie&ldquo; gut beschrieben. Im Buch &bdquo;Meinungsmache&ldquo; habe ich ihren Gedanken aufgenommen. Dort habe ich auch beschrieben, wie das Prinzip der Verarmung durch Steuersenkung bei uns schon in den siebziger Jahren in die &ouml;ffentliche Debatte eingef&uuml;hrt und in Politik umgesetzt worden ist. Dennoch, Margret Thatcher hat das zweifelhafte Verdienst, die neoliberalen Gedanken und die Praxis massiv voranzubringen.<\/li>\n<li>Konsequenterweise vergisst die Autorin auch das Lambsdorff Papier vom September 1982 und siedelt die Einf&uuml;hrung der neoliberalen Ideologie hierzulande deshalb zu sp&auml;t an.<\/li>\n<\/ul><p>Aber: Alleine schon der Hinweis auf das Zitat von Giersch ist f&uuml;r alle, die in der Auseinandersetzung um die zerst&ouml;rerischen Strategien der Neoliberalen stehen, viel wert.* Hinzu kommt eine f&uuml;r den Spiegel erstaunlich offene, aufkl&auml;rende Analyse der Strategie, die hinter dem &bdquo;Diktat der leeren Kassen&ldquo; steckt. Gut, dass so etwas endlich mal im Spiegel stand.<\/p><p>P.S.: Als Autor von &bdquo;Meinungsmache&ldquo; und des dortigen Kapitel 13 mit der Kapitel&uuml;berschrift &bdquo;Die Verarmung des Staates als strategischer Hebel&ldquo; kann ich nur hoffen, dass Journalistinnen\/en und andere Menschen, die an einer Analyse der Hintergr&uuml;nde interessiert sind, den dortigen Text nachlesen. Der Text ist als Leseprobe in den NachDenkSeiten eingestellt. <a href=\"\/?page_id=4138\">Hier<\/a> als Ziffer 8. <\/p><p>* Hier sind die Quellen f&uuml;r die beiden Giersch-Zitate. Das &ldquo;Diktat der leeren Kassen&rdquo; kommt in einem kleinen Giersch-Traktat von 1991 vor; es hei&szlig;t &ldquo;Europas Wirtschaft. Ordnungspolitische Aufgaben in Ost und West&rdquo;. Das zweite, das mit dem &ldquo;anst&ouml;&szlig;igen&rdquo; Defizit, ist aus einem Giersch-Text in der Wirtschaftswoche, 22.10.1998, Titel: &ldquo;Produktive Schulden&rdquo;.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses St&uuml;ck wurde in der vergangenen Woche wie sooft in der letzten Zeit wiederaufgef&uuml;hrt. Diesmal nicht nur praktiziert im Umgang der deutschen Regierung und ihres Anhangs mit Griechenland. Das St&uuml;ck findet auch Erw&auml;hnung in einem zweiseitigen Essay von Barbara Supp im gedruckten Spiegel 6\/2012. Der Titel &bdquo;Unbarmherzige Samariter. 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