{"id":12227,"date":"2012-02-15T12:44:14","date_gmt":"2012-02-15T11:44:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12227"},"modified":"2024-10-10T17:27:58","modified_gmt":"2024-10-10T15:27:58","slug":"damals-wie-heute-sind-es-ausgrenzung-und-abstiegsangste-welche-die-menschen-den-nazis-in-die-arme-treiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12227","title":{"rendered":"\u201eDamals wie heute sind es Ausgrenzung und Abstiegs\u00e4ngste, welche die Menschen den Nazis in die Arme treiben.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Im Gespr&auml;ch: <strong>Wolfgang Neskovic<\/strong>, Bundesrichter a. D. und Justiziar der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag, &uuml;ber Rechtsradikalismus, Rechtsterrorismus, Rassismus, V-Leute, verfassungsrechtliche Ignoranz, die Notwendigkeit der sozialen Diagnose des neonazistischen Syndroms und die Rolle der Medien. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Thorsten Hild<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Thorsten Hild: Herr Neskovic, seit der Aufdeckung der Zwickauer Terrorgruppe ist Rechtsradikalismus wieder im Visier der Politik? Wieder einmal ein moralischer Aufschrei, der so pl&ouml;tzlich verhallt, wie er gekommen ist &ndash; oder findet jetzt ein Umdenken statt &ndash; und wenn, in welche Richtung?<\/strong><\/p><p><strong>Wolfgang Neskovic:<\/strong> Ich hoffe, dass es diesmal nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt. Immerhin haben wir jetzt eine Debatte der Politik zum Rechtsterrorismus und einen Untersuchungsausschuss des Bundestages. Vor allem gibt es wohl auch die Einsicht, dass das Ph&auml;nomen &uuml;ber Jahre untersch&auml;tzt wurde. Insofern gibt es ein Umdenken. Aber ich bezweifle, dass die eigentliche Ursache erkannt und entschieden bek&auml;mpft wird.<\/p><p><strong>Was ist nach Ihrer Auffassung die eigentliche Ursache?<\/strong><\/p><p>Es fehlt die Erkenntnis, dass diese Gesellschaft einen latenten Rassismus pflegt. Das zeigt schon die Tatsache, dass der Begriff &ldquo;D&ouml;nermorde&rdquo; &uuml;ber Jahre zu einem Teil der Alltagssprache wurde. Der Begriff klingt, als seien D&ouml;ner statt Menschen ermordet worden.&nbsp;Er verharmlost die T&ouml;tung unserer Mitmenschen. &bdquo;D&ouml;nermorde&rdquo; &ndash; das ist ein ver&auml;chtliches Wort f&uuml;r die Lebenswelten der T&uuml;rken und der Griechen.&nbsp; Es enth&auml;lt schlie&szlig;lich auch die Fehlvorstellung der damaligen Ermittler. Sie gingen von Milieu-Straftaten aus. Dieses eine Wort enth&auml;lt das Problem und auch schon die entscheidende Frage: Wie rassistisch ist eine Gesellschaft, in der mit derselben Waffe neun Morde begangen werden k&ouml;nnen &ndash; w&auml;hrend Medien, Politik und Sicherheitskr&auml;fte davon ausgehen, es handele sich um Rivalit&auml;ten unter Immigranten nach der Vorstellung: &bdquo;Ausl&auml;nder ermorden Ausl&auml;nder&ldquo;?<\/p><p><strong>Es gibt also einen latenten Rassismus?<\/strong><\/p><p>Ja, es gibt einen latenten Rassismus in breiten Teilen der deutschen Gesellschaft. Es gab ihn wohl immer, doch zumindest seit den fr&uuml;hen 2000er Jahren hat er wieder zugenommen. Damals entsetzten die Anschl&auml;ge auf Asylbewerberheime die deutsche &Ouml;ffentlichkeit. Wir Deutschen trugen in gro&szlig;er Zahl unseren Protest auf die Stra&szlig;e. Es gab Mahnwachen und Demonstrationen. Noch im Jahre 2000 brachte der &bdquo;Aufstand der Anst&auml;ndigen&ldquo; 200 000 Menschen zu einer Lichterkette zusammen. Die Menschen verlangten von der Politik, sich dem Rechtsradikalismus entgegenzustellen. Doch die Politik versch&auml;rfte das ohnehin schon faktisch abgeschaffte Asylrecht weiter und begann w&uuml;rdelose Integrationsdebatten. Der latente Rassismus wurde hoff&auml;hig, b&uuml;rgerte sich in die K&ouml;pfe vieler Menschen ein. In dem latenten Rassismus wuchs der radikale Rassismus und begann zu morden. Es war der allgegenw&auml;rtige latente Rassismus, der ihm dabei Schutz gab. Denn er sorgte daf&uuml;r, dass Ermittler und Journalisten die Morde f&uuml;r &bdquo;D&ouml;nermorde&rdquo; hielten. Nun spricht die Gesellschaft &uuml;ber die &bdquo;Zwickauer Zelle&rdquo;. Doch &uuml;ber ihren latenten Rassismus spricht sie nicht. Die Menschen gehen nicht einmal auf die Stra&szlig;e wie im Jahre 2000. Hingegen sind Sarrazins &bdquo;Kopftuchm&auml;dchen&rdquo; immer noch in aller Munde.<\/p><p><strong>Die NSU war nur die ber&uuml;hmte Spitze des Eisberges?<\/strong><\/p><p>Ja. Den Rest des Eisberges bilden breite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft. Wenn man einem Eisberg die Spitze abschlagen k&ouml;nnte, w&uuml;rde man sehen, wie ein Teil des Eisberges &uuml;ber dem Meer aufsteigen und eine neue Spitze bilden w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielt die NPD?&nbsp; Und wie wahrscheinlich ist ein Verbot?<\/strong><\/p><p>Ein Verbot wird gerade wieder unwahrscheinlicher. Das liegt an dem Verhalten der meisten Innenminister. Auf der letzten Innenministerkonferenz hatten sie Gelegenheit, die notwendigen Vorbereitungen f&uuml;r ein Verbot zu beschlie&szlig;en. Sie h&auml;tten sich auf den Abzug der V-Leute aus den F&uuml;hrungsgremien der Partei einigen m&uuml;ssen. Das haben sie aber nicht getan. Damit fehlt es auch weiterhin an den vom Bundesverfassungsgericht erl&auml;uterten Voraussetzungen f&uuml;r ein Verbot der Partei. Im Jahre 2003 scheiterte das erste Verbotsverfahren wegen der &bdquo;Staatspr&auml;senz&rdquo; in den F&uuml;hrungsgremien der Partei.&nbsp; Das Gericht hatte die Bedeutung der Parteien f&uuml;r die bundesrepublikanische Demokratie zu beachten und die daraus folgenden hohe H&uuml;rden f&uuml;r ein Parteiverbot. Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung hatten Karlsruhe Verbotsantr&auml;ge vorgelegt, deren Belege f&uuml;r die Verfassungsfeindlichkeit der NPD in gro&szlig;en Teilen aus den M&uuml;ndern und Federn von V-Leuten in der F&uuml;hrung stammten. Der Staat hatte also zun&auml;chst Menschen bezahlt, die sich aus der NPD heraus verfassungsfeindlich &auml;u&szlig;ern. Dann wollte der Staat ein Verbot der Partei, deren verfassungswidriges Verhalten er selbst mitgestaltet hatte. Das Bundesverfassungsgericht kam zu der Einsch&auml;tzung, dass es erst &uuml;ber ein Verbot der NPD urteilen k&ouml;nne, wenn zuvor die V-Leute aus der F&uuml;hrung der NPD verschw&auml;nden. Nun wollen vor allem die christdemokratischen Innenminister dieser Vorgabe nicht folgen und liefern damit der Nazipartei eine Art Bestandsgarantie.<\/p><p><strong>Die Innenminister sagen, sie br&auml;uchten die V-Leute, um nicht auf dem rechten Auge blind zu sein.<\/strong><\/p><p>Das ist eine blo&szlig;e Behauptung, f&uuml;r deren Richtigkeit die Innenminister bislang nicht den geringsten Beweis erbracht haben. Im &Uuml;brigen beweisen die Innenminister mit dieser Behauptung, dass sie entweder die Entscheidung nicht gelesen, oder sie gelesen, aber nicht verstanden, oder sie gelesen und verstanden, aber sie aus politischer B&ouml;swilligkeit falsch wiedergeben. Denn diese Behauptung unterstellt, es ginge um einen Abzug oder das Verbleiben aller V-Leute. In Wahrheit jedoch m&uuml;ssen die Innenminister nur pr&uuml;fen, ob sie sich von den V-Leuten trennen sollten, die den f&uuml;hrenden Zirkeln und Gremien der Partei angeh&ouml;ren. Das waren zur Zeit des Verfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht maximal 15 Prozent aller V-Leute. Nur um diese V-Leute geht es. Alle &uuml;brigen, also 85 Prozent oder mehr, k&ouml;nnten auch weiterhin &ndash; unabh&auml;ngig von ihrer Informationstauglichkeit &ndash; t&auml;tig sein.<\/p><p><strong>Haben die christdemokratischen Innenminister diese Voraussetzungen also nicht begriffen oder wollen sie sie nicht begreifen?<\/strong><\/p><p>Wem das Begreifen schadet, dem f&auml;llt das Nichtbegreifen leichter. Das ergibt dann wohl einen flie&szlig;enden &Uuml;bergang zwischen dem Nichtwollen und dem Nichtk&ouml;nnen. Jedenfalls haben CDU und CSU einen objektiven Nutzen von der Existenz der NPD. Der Nutzen entstammt der &ouml;ffentlichen Einstufung von &bdquo;rechts&rdquo; und &bdquo;rechtsradikal&rdquo;. Da wo die NPD beginnt, endet gleichsam die demokratische Rechte. Zum einen halten sich damit echte Rassisten aus der CDU heraus. Zum anderen fallen die Wenigen, die schon drin sind, nicht so sehr auf. Solche Probleme haben SPD und Gr&uuml;ne nicht. Deswegen neigen sie auch zu einem Verbotsverfahren. Ich gehe aber nicht davon aus, dass man diese Motivlagen auf der Innenministerkonferenz offen besprochen hat. Verhandlungen fallen immer schwer, wenn man mit Vorw&auml;nden argumentiert und Einw&auml;nde f&uuml;r sich beh&auml;lt. Deswegen ist die Konferenz auch ohne nennenswerte Ergebnisse beendet worden.<\/p><p><strong>Welchen Nutzen haben die V-Leute &uuml;berhaupt?<\/strong><\/p><p>Ein wirklich nennenswerter Erkenntnisgewinn ist nicht erkennbar. Die Innenminister behaupten jedoch die Unverzichtbarkeit, ohne daf&uuml;r einen irgendwie gearteten Beweis antreten zu k&ouml;nnen. Gerade die Morde der Zwickauer Zelle beweisen die v&ouml;llige Nutzlosigkeit von V-Leuten.&nbsp;Obwohl die Szene mit V-Leuten durchsetzt ist und die Zwickauer Zelle nicht abgeschottet agierte, sondern &uuml;ber einen gr&ouml;&szlig;eren Unterst&uuml;tzerkreis verf&uuml;gte, befanden sich die Ermittler im Zustand der Ahnungslosigkeit.<\/p><p><strong>Ist die Finanzierung von V-Leuten also eher Teil des Problems? Sind das nicht selbst Leute mit rechtsextremer Gesinnung, oder wei&szlig; man dar&uuml;ber nichts?<\/strong><\/p><p>Das muss man so sehen. Es handelt sich hier um ein strukturelles Problem. Die V-Leute befinden sich in einer Doppelrolle. Sie sind ideologisch in der NPD verankert. Deswegen wollen sie der Partei und deren Zielen auch treu dienen. Dennoch sollen sie dem Staat Informationen liefern, was die NPD besch&auml;digen k&ouml;nnte. Es ist deswegen nachvollziehbar, dass die V-Leute ihre staatliche Mitarbeit nach einem System ausrichten, von dem die NPD im Ergebnis profitiert. Der Staat bezahlt f&uuml;r Informationen. Das bedeutet: Die Information eines V-Mannes muss also gerade so gut sein, dass sie Geld einbringt und in jedem Fall so schlecht, dass sie der NPD nicht schadet. Das staatliche Geld flie&szlig;t dann der NPD in Form von Mitgliedsbeitr&auml;gen und Spenden zu. Es ist der eigentliche Grund, dass die NPD ihre staatliche Ausforschung duldet. Die Partei k&auml;mpft seit Jahren mit erheblichen Finanzproblemen. Die V-Leute sind also in zweifacher Hinsicht f&uuml;r die NPD von Wert. Zum einen machen sie das Verbot der Partei sehr unwahrscheinlich. Zum anderen finanzieren sie die Partei in erheblichem Ma&szlig;e. Die V-Leute n&uuml;tzen dem Staat praktisch nicht und sind zugleich f&uuml;r die Existenz der NPD unentbehrlich.<\/p><p><strong>Der nieders&auml;chsische Innenminister forderte, der NPD m&uuml;sse man den staatlichen Geldhahn zudrehen.<\/strong><\/p><p>Niedersachsens Innenminister Sch&uuml;nemann stellt mit dieser Forderung wieder einmal seine verfassungsrechtliche Ignoranz unter Beweis. Denn es w&auml;re ein klarer Verfassungsversto&szlig;, der NPD ohne vorheriges Verbot den Geldhahn zudrehen zu wollen. Die NPD ist juristisch solange eine Partei auf dem Boden des Grundgesetzes, bis das Bundesverfassungsgericht das Gegenteil feststellt. Als nicht verbotene Partei hat die NPD aber grunds&auml;tzlich Anspruch auf staatliche Finanzierung. Wer der NPD den Geldhahn zudrehen will, erreicht dies nur &uuml;ber das Bundesverfassungsgericht. Am Ende eines erfolgreichen Verbotsverfahrens ist die Partei aufzul&ouml;sen und ihre Finanzierung einzustellen.<\/p><p><strong>Sie sind aus L&uuml;beck. Der in L&uuml;beck aufgewachsene und leider an Krebs verstorbene Autor und Journalist, Rolf Winter, hat in seinem autobiographischem Buch, Hitler kam aus der Dankwartsgrube (und kommt vielleicht mal wieder), eine Kindheit in Deutschland, beschrieben, wie ein von&nbsp; Sozialdemokraten und Kommunisten bewohntes Arbeiterviertel in L&uuml;beck Hitler entgegen reifte; soziale Aussichtslosigkeit lie&szlig;en Hass und Missgunst entstehen. Er hat das Buch seiner Mutter gewidmet, &bdquo;die es nicht besser wusste&rdquo;. Wissen wir es heute besser?<\/strong><\/p><p>Sie fragen, ob wir es heute besser wissen als die politisch Verantwortlichen der Weimarer Republik. Vielleicht wissen es die Deutschen noch nicht gut genug. Winter hat seinem Buch sehr bewusst einen Untertitel gegeben: &bdquo;&hellip; und kommt vielleicht mal wieder&rdquo;. In dem Buch schreibt er sinngem&auml;&szlig;, die Deutschen lie&szlig;en es schon wieder zu, dass der soziale Rand anw&auml;chst. Er schreibt, dass die Mitte der Gesellschaft auf diesen Rand mit b&uuml;rgerlicher Verachtung blicke. Doch diese Verachtung sei so hilflos wie gef&auml;hrlich. Denn durch Verachtung wird der soziale Rand nicht wieder in die Gesellschaft geholt. Nur das Aufgehobensein in der Gesellschaft wirkt der Ohnmacht und dem Hass entgegen, die den Faschismus bef&ouml;rdern.<\/p><p><strong>Was ist die Dankwartsgrube auf die heutigen Verh&auml;ltnisse &uuml;bertragen?<\/strong><\/p><p>Armut ist immer relativ. Wer erkennbar weniger hat als die soziale Mitte der Gesellschaft, erlebt sich als arm und ist es auch. In der Dankwartgrube ist man arm. Vor allem aber hat man keine Hoffnung, dies &auml;ndern zu k&ouml;nnen. Diese Mischung aus Armut und Hoffnungslosigkeit f&uuml;hrt dann zu dem in allen Dankwartgruben typischen Ausma&szlig; an Hass und Solidarit&auml;tsverweigerung mit anderen Gruppen, Anh&auml;nglichkeit f&uuml;r betr&uuml;gerische Heilsversprechen und der Bereitschaft zu Gewalt und Unrecht. Beides wird in Dankwartgrube t&auml;glich selbst erlitten. Warum sollten denn nicht auch andere, genauso leiden?<\/p><p><strong>So wie Mundlos und dessen Szene?<\/strong><\/p><p>Hitler kam aus der Dankwartsgrube. Mundlos kam aus einer Stra&szlig;e der Jenaer Nachwendezeit. Das Klima der Stadt war von den Entlassungswellen der Zeisswerke bestimmt. Mundlos verlor die Aussicht auf eine Lehrstelle bei Zeiss. Ich habe gelesen, dass er ein sehr begabter Programmierer war &ndash; bevor das Programm der Nazis ihn zum M&ouml;rder machte.<\/p><p>In der Wendezeit fanden sich die Kinder der Revolution am sozialen Rand der Bundesrepublik wieder. Eben noch waren ihre Eltern Helden, die ein System gest&uuml;rzt hatten. Jetzt aber gerieten sie in die geschwisterliche Umarmung der Bundesrepublik. Sie wurden abgestempelt zu wirtschaftlichen und politischen Anf&auml;ngern. Die ostdeutsche Wirtschaft, die ihnen bisher Arbeit gab, wurde zerschlagen. Die Wendezeit hat den Eltern die Selbstgewissheit genommen, ihre Kindern in geeigneter Weise beraten, f&uuml;hren und unterst&uuml;tzen zu k&ouml;nnen. Die f&uuml;r jede Erziehung notwendige Grundorientierung mussten sich die &auml;lteren DDR-B&uuml;rger erst selbst wieder erarbeiten, w&auml;hrend sie gleichzeitig selbst so viel Neues lernen mussten und mit den allt&auml;glichen neuen Sorgen zu k&auml;mpfen hatten. Sie mussten sich um ihre alten Arbeitspl&auml;tze sorgen oder um neue k&auml;mpfen. Gleichzeitig verschwand das dichte Netz aus sozialer Sicherheit, dass der DDR-Staat den Menschen zur Verf&uuml;gung gestellt hatte. Auch den jungen Erwachsenen nahm die Wende viele sozialistische Sicherheiten, Perspektiven und Zielstellungen. Sie gab ihnen gleichzeitig neue westliche Rollenbilder, von denen sie ohne elterliche Hilfestellung nicht recht wissen konnten, wie sie zu erreichen sind oder die zu erreichen &ndash; allein schon aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen &ndash; schlicht aussichtslos war.<\/p><p><strong>&ldquo;Das soziale Klima der Orientierungslosigkeit bef&ouml;rdert ein fremdenfeindliches Klima im Sozialraum. Dieses schw&auml;cht das friedfertige Zusammenleben in der Gesellschaft, da die Gleichwertigkeit der Menschen zur Disposition gestellt wird.&rdquo; Kennen Sie das Zitat?<\/strong><\/p><p>Nein. Woher stammt es?<\/p><p><strong>Aus der letzten Folge der &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/?p=1145\">Deutschen Zust&auml;nde<\/a>&rdquo; von Wilhelm Heitmeyer. Heitmeyer hat mir auf meine Frage, ob er denn bei der Politik Geh&ouml;r finde, geantwortet: &ldquo;Ich bin seit f&uuml;nf, sechs Jahren nicht nachgefragt worden.&rdquo;<\/strong><\/p><p>Das bedauere ich. Gerade die Linke h&auml;tte Anlass, auf solche Zusammenh&auml;nge einzugehen. Ihr f&auml;llt es schwer, f&uuml;r das neonazistische Syndrom die soziale Diagnose zu stellen. Vielleicht liegt das daran, dass zwischen Erkl&auml;rungen und Entschuldigungen oft schwer zu unterscheiden ist. Wir wollen die Nazis nicht entschuldigen, also erkl&auml;ren wir uns deren Entstehungsgeschichte nicht in ausreichendem Ma&szlig;e mit sozialen Missst&auml;nden.<\/p><p><strong>Wo also muss die Politik ansetzen? Was ist konkret kurzfristig zu tun, was mittel- und langfristig?<\/strong><\/p><p>Kurz-, mittel- und langfristig ben&ouml;tigt die bundesrepublikanische Politik den stabilen antifaschistischen Konsens.<\/p><p><strong>Den gibt es nicht?<\/strong><\/p><p>Es gibt ein gewisses Minus zu diesem Konsens. Breite Teile der Gesellschaft sind sich dar&uuml;ber einig, dass sie hohle nazistische Phrasen oder plumpen Antisemitismus ablehnen. Darin liegt eine Art negativer Konsens f&uuml;r die groben F&auml;lle. Einen positiven antifaschistischen Konsens sehe ich nicht. Er w&uuml;rde darauf abzielen, auch latenten Antisemitismus und latenten Nazismus aktiv zu bek&auml;mpfen.<\/p><p><strong>Vielleicht gibt es aber einen breiten politischen Konsens gegen totalit&auml;re Theorien?<\/strong><\/p><p>Ja. Es gibt diesen Konsens und es gibt leider auch das Missverst&auml;ndnis, das sich mit ihm verbindet. Zun&auml;chst m&ouml;chte ich zum Wahrheitsgehalt dieser These etwas sagen und dann zum Missverst&auml;ndnis. Die Totalitarismusthese, die in der Soziologie und der Politikwissenschaft vertreten wird,&nbsp; bem&uuml;ht sich zun&auml;chst um eine richtige Lehre aus dem Zeitalter der Ideologien, dem 20. Jahrhundert. Die richtige Lehre lautet: Nie wieder darf zugelassen werden, dass Menschen im Namen einer Ideologie, die einen unwiderlegbaren Wahrheitsanspruch behauptet, Verbrechen begehen. Das Missverst&auml;ndnis, auch das bewusste Missverstehenwollen, das einige Soziologen und vor allem Politiker mit der These dann verbinden, beginnt mit der Behauptung, alle Ideen, die die Gesellschaft in erheblicher Weise ver&auml;ndern wollen, seien gleichsam totalit&auml;re Ideologien und damit gef&auml;hrlich f&uuml;r die freiheitliche Demokratie.<br>\nWenn das wahr w&auml;re, dann w&auml;re auch die soziale Marktwirtschaft eine totalit&auml;re Idee, die man abzulehnen h&auml;tte. Denn nat&uuml;rlich ist die gegenw&auml;rtige Gesellschaftsordnung die Folge von ganz erheblichen Ver&auml;nderungen gegen&uuml;ber der liberalen Marktwirtschaft des fr&uuml;hen 20. Jahrhunderts, die ihrerseits Ergebnis von vielen historischen Umw&auml;lzungen war. Gesellschaften haben sich immer ge&auml;ndert und sie werden sich auch immer &auml;ndern.<\/p><p><strong>Wegen dieses letzten Satzes w&uuml;rde der konservativ gelenkte Verfassungsschutz sicher gerne eine Akte &uuml;ber Sie anlegen.<\/strong><\/p><p>Das w&auml;re dann eine Akte mehr, die er nicht anlegen d&uuml;rfte. Denn es ist die vom Grundgesetz gesch&uuml;tzte Aufgabe linker Politik, die ver&auml;nderungsw&uuml;rdigen Elemente unserer Gesellschaft, die insbesondere&nbsp; auf den Schutz der Schwachen abzielen, herauszuarbeiten und f&uuml;r Ver&auml;nderungen einzutreten. Diese Aufgabe will das Grundgesetz erf&uuml;llt sehen. Es ist eine Verfassung, die f&uuml;r vielf&auml;ltige gesellschaftliche Ver&auml;nderungen offen ist. Was das Grundgesetz jedoch verhindern will, das sind solche Parteien, die gerade darauf aus sind, diesen gesch&uuml;tzten Rahmen f&uuml;r Ver&auml;nderungen beseitigen zu wollen. Dieser Rahmen wird durch das Grundgesetz in Artikel 79 Absatz 3 unver&auml;nderbar festgelegt. Diese Bestimmung ist weltweit einzigartig. In ihr spiegelt sich das Misstrauen der M&uuml;tter und V&auml;ter des Grundgesetzes gegen die nachkommenden Generationen wider. Solange das Grundgesetz existiert, k&ouml;nnen bestimmte Grunds&auml;tze auch nicht mit verfassungs&auml;ndernder Mehrheit der Gesetzgebungsorgane beseitigt oder ge&auml;ndert werden. Diese sogenannte Ewigkeitsgarantie umfasst u.a. die Menschenw&uuml;rde in&nbsp; Artikel 1, die Prinzipien des Rechtsstaates und der Demokratie sowie den Sozialstaat. Auf dieser Grundlage sind&nbsp; auch gerechtere Gesellschaftsordnungen als die gegenw&auml;rtige gestaltbar. Wer diese Grundlage beseitigen will, ist ein Verfassungsfeind. Wer auf dieser Grundlage bauen will, ist ein Verfassungsfreund.<\/p><p><strong>In den Verfassungsschutzberichten des Bundes und in vielen der L&auml;nder gibt es keine Kapitel &uuml;ber Verfassungsfreundschaft. Dort argw&ouml;hnt man, Teile der Linken seien verfassungsfeindlich. Die Linke wird beobachtet und &uuml;berwacht.<\/strong><\/p><p>Die Linke ist eine verfassungstreue Partei, weil sie die Gesellschaft auf dem Boden des Grundgesetzes ver&auml;ndern will. Die Linke tritt f&uuml;r eine gerechtere Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstandes ein. Das macht einigen Leuten Angst, aber es ist verfassungskonform und entspricht dem gemeinwohlorientierten Geist des Grundgesetzes. Das wissen die Innenminister mit gro&szlig;er Sicherheit auch selbst. Deren Beobachtung und &Uuml;berwachung hat einen parteipolitischen Zweck. Die konservative Politik missbraucht den Verfassungsschutz als politische Waffe im Ideenwettstreit der Parteien. Denn allein die Tatsache, dass die Linke in den Berichten erw&auml;hnt wird, verunsichert W&auml;hler, benachteiligt Kandidaturen, erschwert die Mitgliederwerbung und ver&auml;ndert Wahlausg&auml;nge. So dient der Verfassungsschutz nicht dem Schutz unserer Verfassung, sondern dem Schutz der politischen Konkurrenz, indem ihr ungerechtfertigt Wettbewerbsvorteile verschafft werden.<\/p><p><strong>Der Generalsekret&auml;r der CSU will die Linke sogar verbieten lassen.<\/strong><\/p><p>Der Mann versteht unsere Verfassung nicht. Aber Herr Dobrindt hilft immerhin, das Problem zu illustrieren. Denn die Konservativen f&uuml;hlen sich von rechts und von links bedroht. Dabei unterscheiden sich die Bedrohungslagen formal und inhaltlich ganz erheblich. Die NPD versammelt Feinde der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz. Die Linken sind die Freunde der sozialen Gleichheit und der b&uuml;rgerlichen Freiheit. Der Feind des Grundgesetzes steht rechts. Diesem Feind kommt nur derjenige bei, der sich nicht beim Kampf gleichzeitig und ohne Grund st&auml;ndig &uuml;ber die Schulter schaut. Genau das m&uuml;ssen die Konservativen begreifen. Wir stehen neben ihnen, ob sie nun wollen oder nicht. Das ist eine ausgetreckte Hand und die linke Lehre aus Weimar. Es muss aber noch eine weitere Lehre&nbsp; geben. Die allerdings kann nur die konservative Mitte ziehen: In Weimar wurde die ungel&ouml;ste soziale Frage zum Steigb&uuml;gelhalter der Faschisten. Heute haben wir wieder einen sozialen Rand. Wir ben&ouml;tigen also auch einen neuen sozialen Konsens. Alle demokratischen Parteien m&uuml;ssen einsehen, dass es in einem sozial gerechten Staat den Menschen viel schwerer f&auml;llt, zum Faschisten zu werden. Damals wie heute sind es Ausgrenzung und Abstiegs&auml;ngste, welche die Menschen den Nazis in die Arme treiben.<\/p><p><strong>Sehen Sie politische Mehrheiten f&uuml;r mehr sozialen Ausgleich?<\/strong><\/p><p>Nein. Aber ich sehe die gro&szlig;en Gefahren, wenn sie sich nicht endlich finden. In vielen europ&auml;ischen L&auml;ndern sind in den letzten Jahren starke rechtspopulistische und nazistische Parteien entstanden. Unsere Geschichte gibt uns keine Garantie, dass dies nicht auch in der Bundesrepublik geschieht. Im Gegenteil &ndash; unsere Geschichte lehrt: Auch in Weimar ist mit der NSDAP eine Splitterpartei in kurzer Zeit zur Massenpartei geworden. Das geschah unter den Bedingungen einer wirtschaftlichen Krise. Die haben wir derzeit gerade wieder. Sie hat Deutschland nur noch nicht in vollem Umfang erreicht.<\/p><p><strong>Die Wochenzeitung DIE ZEIT &ndash; ebenfalls eine Aussage Heitmeyers &ndash; hat 2007 die Zusammenarbeit mit den Forschern und ihrer Publikation &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\/?p=1145\">Deutsche Zust&auml;nde<\/a>&rdquo; aufgek&uuml;ndigt, weil ihnen deren Berichterstattung zu kritisch war. Welches ist ihre Erfahrung und wie bewerten Sie die Rolle der Medien? Welche Aufgabe k&auml;me den Journalisten konkret zu &ndash; und werden sie dem Ihrer Meinung nach zurzeit gerecht?<\/strong><\/p><p>Der Kabarettist Hagen Rether hat ein Programm, in dessen Verlauf er immer wieder einen pr&auml;gnanten Satz wiederholt: &bdquo;Wir leben in einer Volvo-Werbung.&rdquo; In Rethers St&uuml;ck gleiten die Menschen sanft und bei vern&uuml;nftigem Wohlstand durch ein Leben mit gutem &ouml;kologischem Gewissen. Das Publikum seiner Veranstaltungen setzt sich zusammen aus genau jenem scheinbar aufgekl&auml;rten bildungsb&uuml;rgerlichen Milieu, aus dem auch die meisten Journalisten stammen. Rether ist ein mitf&uuml;hlender Feingeist, der die ignorante Feingeistigkeit aufs Korn nimmt.<br>\nDenn das Leben ist selbstverst&auml;ndlich keine Volvo-Werbung. Viele Journalisten weigern sich, zu sehen, worin es wirklich besteht. Das bundesrepublikanische Leben ist voller Armut, Wut und Verzweiflung. Die Lebensrealit&auml;t von Millionen besteht darin, in einem Vollzeitarbeitsverh&auml;ltnis mit &Uuml;berstunden gerade den Betrag zu erringen, der sie von den Millionen anderen unterscheidet, die als arm gelten m&uuml;ssen. Weder die Ausgebeuteten noch die Ausgegrenzten finden einen Weg zur humanen Selbstverwirklichung. Viele erfolgreiche Medienmacher geben dieses Milieu der L&auml;cherlichkeit preis oder meiden es. Andere leugnen es. Sie verwechseln ihr eigenes Leben zwischen Empf&auml;ngen, Theaterbesuchen und Energieeffizienzhaus mit der mehrheitlichen bundesdeutschen Realit&auml;t. Sie wissen nichts &uuml;ber den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Karrierechancen. Sie glauben tats&auml;chlich, dass sozial Benachteiligte so etwas wie Verlierer sind, die sich einfach nicht gen&uuml;gend angestrengt haben und deshalb nichts zu verlangen haben. Wenn der Verlierer dann auch noch ein brutaler Nazi ist, ist er in den Augen der Medien zweifach schuldig.<\/p><p><strong>Nazis st&ouml;ren den Frieden der &bdquo;Volvowerbung&rdquo;?<\/strong><\/p><p>Ja. Die Berichterstattung &uuml;ber Neofaschismus ersch&ouml;pft sich meist in bildungsb&uuml;rgerlicher Selbstbehauptung. Die Journalisten zeichnen das Bild eines d&uuml;mmlichen und gef&auml;hrlichen rechten Hasses, der sie und uns alle bedroht. Das Bild trifft zu. Doch es fehlt ihm auch Entscheidendes. Es ist ein rein deskriptives Bild. Es fehlt ihm die Analyse, die zu verstehen hilft, wo Hass und Dummheit herstammen und wie sie sich langfristig beheben lassen. Niemand wird dumm und hassend geboren. Erst das gesellschaftliche Leben, seine Ungleichheiten, seine Ungerechtigkeiten stecken f&uuml;r Hass und Dummheit die Wahrscheinlichkeiten ab. Es w&auml;re die Aufgabe der Medien, diese Wahrscheinlichkeiten und ihre gesellschaftlichen Hintergr&uuml;nde zu untersuchen und zu hinterfragen. Doch dazu m&uuml;ssten sie gleichsam den Volvo anhalten und aussteigen. Das t&auml;te dann weh.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p><em><strong>Wolfgang Neskovic<\/strong> sitzt seit 2005 f&uuml;r die DIE LINKE im Deutschen Bundestag. Er ist Bundesrichter a. D. und Justiziar der Bundestagsfraktion. Wolfgang Neskovic ist Vorsitzender des Wahlausschusses f&uuml;r die Richter des Bundesverfassungsgerichts und Mitglied im Ausschuss f&uuml;r die Wahl der Richter der obersten Gerichtsh&ouml;fe des Bundes sowie Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium.<\/em>\n<\/p>\n<p><em><strong>Thorsten Hild<\/strong> arbeitet als Journalist in Berlin. Neben Beitr&auml;gen in Zeitungen und Rundfunk schreibt er auf <a href=\"http:\/\/www.wirtschaftundgesellschaft.de\">www.wirtschaftundgesellschaft.de<\/a>.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr&auml;ch: <strong>Wolfgang Neskovic<\/strong>, Bundesrichter a. 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