{"id":1223,"date":"2006-06-21T13:09:06","date_gmt":"2006-06-21T11:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1223"},"modified":"2016-02-05T11:53:46","modified_gmt":"2016-02-05T10:53:46","slug":"politiker-beschimpfung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1223","title":{"rendered":"Politiker-Beschimpfung"},"content":{"rendered":"<p>Erhard Eppler in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 19.6.2006.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Abrechnung eines Mitarbeiters von Helmut Schmidt<\/strong><\/p><p>&ldquo;Machtwahn&rdquo; hei&szlig;t das Buch. Der Titel stammt sicher nicht vom Autor. Denn die &ldquo;mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite, die uns zugrunde richtet&rdquo; &ndash; so der Untertitel &ndash; f&uuml;hlt sich gar nicht m&auml;chtig gegen&uuml;ber einem global agierenden Kapital. Sie stellt sich in seinen Dienst, verficht seine Interessen, verbreitet seine Ideologie. Wer heute in Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaft, Wirtschaftsjournalismus und Wirtschaftspolitik das Sagen hat &ndash; f&uuml;r Albrecht M&uuml;ller die Elite -, glaubt und l&auml;sst glauben, dass, wer nur den lieben Markt l&auml;sst walten, schlie&szlig;lich im Idealreich allgemeinen Wohlstands lande. Wenn da Macht ist, dann geliehene, die bei Abweichung jederzeit entzogen werden kann. Kein Anlass zum Wahn. Der Autor hatte den Titel &ldquo;Dumm oder korrupt?&rdquo; vorgeschlagen, und er bedauert, dass es dabei nicht geblieben ist. Manche h&auml;lt er wohl f&uuml;r dumm und korrupt. Und im Laufe von 349 Seiten verlagert er seine Argumentation von &ldquo;dumm&rdquo; zu &ldquo;korrupt&rdquo;. Auf Seite 300 ist zu lesen: &ldquo;Wir haben es mit einer Generation von Topeliten zu tun, die viel Zeit, Kraft und sogar Steuergelder darauf verwenden<\/p><ul>\n<li>das bisher angesammelte Volksverm&ouml;gen zu verscherbeln,<\/li>\n<li>eine der wichtigsten Errungenschaften, die solidarischen Sicherungssysteme, dem Vertrauensverlust preiszugeben und so zu zerst&ouml;ren.<\/li>\n<\/ul><p>Und all das aus einem einzigen Grund: weil sie an dem Akt der Ver&auml;nderung verdienen wollen.&rdquo;<\/p><p>Es stimmt ja: Manche von denen, die M&uuml;ller meint, zumal wenn sie mit wissenschaftlichem Anspruch auftreten, haben ihre Entzauberung redlich verdient. Aber alle, die M&uuml;ller da beschimpft, werden sich gelassen zur&uuml;cklehnen: Auf solche Anw&uuml;rfe brauchen sie nicht zu reagieren. So, wie sie M&uuml;llers Buch &uuml;ber die &ldquo;Reforml&uuml;ge&rdquo; ignoriert haben, das vieles von dem  vorwegnahm, was nun eher breit getreten als vertieft wird, werden sie nun sagen k&ouml;nnen, M&uuml;ller bewege sich weit jenseits einer seri&ouml;sen Diskussion. Und denen, die das Buch verschlingen, ist anschlie&szlig;end auch nicht nach rationalem Diskurs zumute. Korrupte Eliten kann man nur wegfegen, und wenn man es dann doch nicht kann, darf man wenigstens, wie manche Gewerkschafter, einem ausgewiesenen Plebejer wie Oskar Lafontaine zujubeln, weil der bekanntlich immer nur das Gemeinwohl im Auge hat, genau wie die Bildzeitung, die sein Forum war und ihn gut bezahlte.<\/p><p>Was dieses Land braucht, ist ein politischer Diskurs, der die beh&auml;bige Hegemonie marktradikaler Ideologen abl&ouml;st. Am ehesten l&auml;sst er sich einleiten mit der Frage, was ein Staat zu leisten hat, was man ihm abnehmen darf und was nicht. Beschimpfungen st&ouml;ren nur. Es k&ouml;nnte sein, dass die marktradikale Welle sich weltweit schon gebrochen hat. Die Gegenbewegung hat, ausgehend von Lateinamerika, inzwischen Deutschland erreicht. Jetzt sind einleuchtende Alternativen gefragt. M&ouml;glichst europ&auml;ische, nachdem die Nationalstaaten erpressbar geworden sind. Und da hat M&uuml;ller nichts beizutragen au&szlig;er dem erstaunlichen Rat: &ldquo;Macht alles so wie wir, die Nicht-Dummen, Nicht-Korrupten es in den Siebzigerjahren gemacht haben!&rdquo;<\/p><p>Es mag ja stimmen, dass den Leuten, die M&uuml;ller mit &ldquo;Eliten&rdquo; meint, seit dem Lambsdorff-Papier, das die sozialliberale Koalition aufk&uuml;ndigte, also seit 25 Jahren, nichts Neues mehr eingefallen ist. Nur: M&uuml;ller kann da l&auml;ssig mithalten: Was ist ihm in den letzten 30 Jahren Neues eingefallen? Oder sind es 40 Jahre? Seit Plisch und Plum 1966 anfingen, eine Konjunkturdelle frei nach Keynes durch kreditfinanzierte Programme einzuebnen? Was damals richtig und m&ouml;glich war, soll nun, f&uuml;r eine ganz andere, globalisierte Wirtschaft, zum Allheilmittel f&uuml;r alle F&auml;lle werden.<\/p><p>Dass die Regierung Schmidt, deren Planungsabteilung im Kanzleramt Albrecht M&uuml;ller leitete, die erste &Ouml;lpreisexplosion nicht, wie heute Sigmar Gabriel, als Motor einer modernen Energiepolitik nutzte, sondern lediglich mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen reagierte, h&auml;lt M&uuml;ller f&uuml;r die letzte richtige wirtschaftspolitische Entscheidung. Dabei war damals schon klar, dass nicht mit Schulden wettgemacht werden konnte, was die &Ouml;lscheichs zu verlangen gedachten. Helmut Schmidt hatte seine Gr&uuml;nde daf&uuml;r, dass er die zweite &Ouml;lpreisexplosion nicht noch einmal so bek&auml;mpfen wollte. Das war Lambsdorffs Chance.<\/p><p>Vor ein paar Wochen schickte mir eine ehemalige Bundestagskollegin die Abschrift einer Rede zu, die ich auf dem Landesparteitag der Berliner SPD 1982 unmittelbar nach dem Sturz der Regierung Schmid gehalten habe. Damals &ndash; ich hatte dies l&auml;ngst vergessen &ndash; erinnerte ich daran, dass ich &ldquo;vor einigen Jahren&rdquo;, also wohl Ende der Siebzigerjahre, als die zweite &Ouml;lpreiskrise begann, gesagt h&auml;tte: &ldquo;Wenn wir nicht &uuml;ber Keynes hinauskommen, werden wir hinter Keynes zur&uuml;ckgepr&uuml;gelt.&rdquo; Und dann: &ldquo;Dies ist im Augenblick&rdquo; (Ende 1982) &ldquo;in vollem Gange.&rdquo; Man verzeihe dieses Selbstzitat aus fernen Zeiten. Es zeigt, dass M&uuml;llers Position nie unangefochten war.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ahnte ich damals noch nicht, wie gr&uuml;ndlich dieses &ldquo;Zur&uuml;ckpr&uuml;geln hinter Keynes&rdquo; ausfallen, wie lange es dauern und wo es enden w&uuml;rde. Noch weniger allerdings konnte ich mir vorstellen, dass einer von denen, deren Mangel an Sensibilit&auml;t und Phantasie den Zur&uuml;ckpr&uuml;glern freie Bahn geschaffen hatte, 24 Jahre sp&auml;ter noch behaupten k&ouml;nnte, alles Elend komme daher, dass man nicht einfach weitergef&uuml;hrt habe, was schon damals als Antwort auf immer neue Sch&uuml;be von Energieverteuerung nicht taugte.<\/p><p>Das Bewusstsein wird gepr&auml;gt von dem, was war, von der Vergangenheit. Daher haben wir M&uuml;he, die Zukunft richtig einzusch&auml;tzen. Deshalb fand ich, wie die Regierung Schmidt auf die &Ouml;lpreisexplosion antwortete, schlimm, aber verzeihlich. Auch mein Urteil &uuml;ber die Leute, die M&uuml;ller f&uuml;r dumm oder f&uuml;r korrupt h&auml;lt, f&auml;llt deshalb wesentlich milder aus. Auch M&uuml;ller ist weder dumm noch korrupt. Aber was er heute unternimmt, ist nicht mehr verzeihlich. Es ist nur noch schlimm. Es spielt denen in die H&auml;nde, f&uuml;r die Demokratie nie etwas anderes war als eine Verschw&ouml;rung der Dummen mit den Korrupten.<\/p><p>ERHARD  EPPLER<\/p><p>ALBRECHT M&Uuml;LLER: Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet. Droemer\/Knaur, M&uuml;nchen 2006. 363 Seiten, 19,90 Euro.<\/p><p><em>Quelle: S&uuml;ddeutsche Zeitung<br>\nNr.138, Montag, den 19. Juni 2006 , Seite 61<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erhard Eppler in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 19.6.2006.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[127,41,208],"tags":[1654,1695,300],"class_list":["post-1223","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-medienanalyse","category-rezensionen","tag-eppler-erhard","tag-machtwahn","tag-mueller-albrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1223"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30923,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1223\/revisions\/30923"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}