{"id":122341,"date":"2024-10-01T11:34:53","date_gmt":"2024-10-01T09:34:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122341"},"modified":"2024-10-01T11:59:53","modified_gmt":"2024-10-01T09:59:53","slug":"zum-denkmal-degradiert-der-dokumentarfilm-petra-kelly-act-now","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122341","title":{"rendered":"Zum Denkmal degradiert \u2013 Der Dokumentarfilm \u201ePetra Kelly &#8211; Act now!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein gerade angelaufener Film r&uuml;ckt die Mitgr&uuml;nderin der GR&Uuml;NEN, Petra Kelly, wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und blendet ihren Antimilitarismus und Einsatz f&uuml;r Gewaltfreiheit weitestgehend aus. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMenschen, denen Charisma attestiert wird, &uuml;ben eine gro&szlig;e Anziehungskraft aus. Oft ist es ihr moralischer Rigorismus, ihr kompromissloser Kampf f&uuml;r Gerechtigkeit, f&uuml;r die gute Sache, der sie so anziehend &ndash; nicht selten aber auch f&uuml;r ihre Mitwelt und sich selbst bedrohlich &ndash; macht. Ihr Leben ist ein permanenter Drahtseilakt. Sie sind wie eine Kerze, die an beiden Enden zugleich abbrennt. <\/p><p>Petra Kelly, Anti-Atomkraft-K&auml;mpferin, Menschenrechtsaktivistin, Frauenrechtlerin, Pazifistin, Atomwaffengegnerin und Mitgr&uuml;nderin der damaligen &Ouml;kopax-Partei DIE GR&Uuml;NEN &ndash; es gab wohl kein wichtiges Thema, f&uuml;r das sie sich nicht mit Leib und Seele engagierte. Schon zu Lebzeiten wurde sie zur &sbquo;Ikone&lsquo;, zu einer &sbquo;Jeanne d&rsquo;Arc der Umwelt- und Friedensbewegung&lsquo; hochstilisiert. (Ob man ihr damit einen Gefallen getan hat, sei dahingestellt.) Kelly w&auml;re heute 76 Jahre alt, w&auml;re sie nicht Anfang Oktober 1992 im Alter von 44 Jahren von ihrem langj&auml;hrigen Lebensgef&auml;hrten, dem ehemaligen Bundeswehrgeneral Gert Bastian, erschossen &ndash; oder muss man sagen: ermordet? &ndash; worden.<\/p><p>Wo st&uuml;nde sie heute? An welchen gesellschaftlichen Themen w&uuml;rde sie sich abarbeiten? Wo sich engagieren? Fragen, die der Mitte September angelaufene Dokumentarfilm &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=v64FKV480_Q\">Petra Kelly &ndash; Act now!<\/a>&ldquo; aufwirft.<\/p><p>Und in eine Richtung lenkt, die sie zu einer Aktivistin im Sinne der heute Herrschenden degradiert.<\/p><p><strong>Der halbierte &Ouml;kopax<\/strong><\/p><p>Tote k&ouml;nnen sich nicht mehr wehren. Ob sie vereinnahmt, heiliggesprochen oder gesch&auml;ndet werden, sie bleiben ohnm&auml;chtig.<\/p><p>&bdquo;Petra Kelly engagiert sich international. Gegen Atomkraft, f&uuml;r Menschen- und Frauenrechte, f&uuml;r Umweltschutz. Themen, die heute noch oder wieder hochaktuell sind.&ldquo; Die Weise, wie beispielsweise die <em>ARD<\/em> den Film <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/rbb-kultur\/filmvorstellung-petra-kelly-act-now\/rbb-fernsehen\/Y3JpZDovL3JiYl8wYTU4MGUyYS1lMzFmLTQ3YWQtYmYwOC0wYmY1YWFmMDQ2MjVfcHVibGljYXRpb24\">pr&auml;sentiert<\/a>, wird diesem durchaus gerecht. Nicht unbedingt jedoch Petra Kelly. Das Entscheidende: Alle hier aufgez&auml;hlten Themen, &bdquo;die heute noch oder wieder hochaktuell sind&ldquo;, waren vor viereinhalb Jahrzehnten in der Tat rebellisch. Diejenigen, die sich mit ihnen allerdings heute schm&uuml;cken und sich dabei als oppositionell inszenieren, erweisen sich bei genauerer Betrachtung als fromme Mitl&auml;ufer-Sternchen-innen regierungsamtlich erw&uuml;nschten &bdquo;Engagements&ldquo;, das ebenso wohlfeil ist wie die mittlerweile inflatorisch von oben in den Diskurs eingespeisten Parolen &bdquo;Zivilcourage&ldquo;, &bdquo;Gesicht zeigen!&ldquo; oder &bdquo;Aufstand der Anst&auml;ndigen&ldquo;.<\/p><p>Engagement f&uuml;r Frauenrechte ist heute, zu Zeiten fl&auml;chendeckender Studieng&auml;nge in Gender Studies, kommunaler Gleichstellungsbeauftragtinnen und EU-finanzierter Frauenf&ouml;rderungsprogramme als Querschnittsaufgabe, ein Karrieresprungbrett. Wer sich f&uuml;r ein finales Aus der Atomkraft und die Energiewende einsetzt, kann es bis zum Vizekanzler bringen. Christopher Street Days sind zu postmodernen Karnevalsumz&uuml;gen avanciert, mit denen sich nun auch konservative Lokalpolitiker gerne schm&uuml;cken. Bundeskanzler und breiteste Bev&ouml;lkerungskreise gehen in trauter Einheit &bdquo;Gegen rechts!&ldquo; auf die Stra&szlig;e. Und protestierende Klimakleber werden von der herrschenden Politik schlimmstenfalls mit erhobenem Zeigefinger bei anerkennendem Augenzwinkern ger&uuml;ffelt.<\/p><p>Wundert es einen also, wenn Regisseurin Doris Metz uns Petra Kelly als eine &sbquo;Luisa Neubauer avant la lettre&lsquo; oder diese umgekehrt als &sbquo;zeitgem&auml;&szlig;e Petra Kelly&lsquo; verkaufen will? Eine b&uuml;rgerlich-brave &sbquo;Rebellin&lsquo; der oberen Mittelschicht, die, wie ihre gesamte Bewegung, auf dem r&uuml;stungspolitischen Auge blind ist? Und ist es ein Zufall, dass der Film ausgerechnet Bez&uuml;ge zum wichtigsten Thema Kellys, &bdquo;das heute noch oder wieder hochaktuell ist&ldquo;, der neuen weltweiten atomaren Aufr&uuml;stung und der erneuten Stationierung von Mittelstreckenraketen und Marschflugk&ouml;rpern in Deutschland, geflissentlich ausblendet?<\/p><p>Die hier pr&auml;sentierte Petra Kelly ist eine den heute Herrschenden, den gewendeten woken olivgr&uuml;nen Kriegern, Genehme. Ihr politischer Nachlass wird von der Heinrich B&ouml;ll Stiftung verwaltet, die den Film wie folgt stolz <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/petra-kelly-act-now\">ank&uuml;ndigt<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gilt, mit PETRA KELLY &ndash; ACT NOW! eine politische Aktivistin wiederzuentdecken, die in ihrem Kampf f&uuml;r Frauenrechte und Klimaschutz und ihrer internationalen Ausrichtung und Vernetzung eine Ausnahmeerscheinung war. Ihrer Zeit weit voraus und heute ein Vorbild f&uuml;r viele junge Menschen, die zur Rettung unseres Planeten auch au&szlig;erhalb des Politikbetriebes ihr Recht auf b&uuml;rgerschaftliches Engagement in Anspruch nehmen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Petra Kelly des Filmes ist, kurz, der halbierte &Ouml;kopax. Dabei hatte sich niemand so vehement dem Prinzip der Gewaltfreiheit verschrieben, f&uuml;r ein atomwaffenfreies Europa, f&uuml;r die &Uuml;berwindung der Blockkonfrontation eingesetzt wie sie! Tote k&ouml;nnen sich nicht mehr wehren.<\/p><p><strong>Gegen den Strich geb&uuml;rstet<\/strong><\/p><p>Man kann sich den Film aber auch gegen den Strich geb&uuml;rstet ansehen. Letztlich kommt es ja nicht auf die Intention der Filmemacherin, sondern auf die Rezeptionshaltung der Zuschauer an. <\/p><p>Und das lohnt sich durchaus.<\/p><p>Denn so betrachtet, liefert der Film heute wieder h&ouml;chst sehenswertes Material einer Aufbruchszeit, die &uuml;ber vier Jahrzehnte her ist. Man staunt &uuml;ber eine &Ouml;ffentlichkeit, die verglichen mit der gegenw&auml;rtigen nicht nur &uuml;ber beneidenswertes Problembewusstsein und Allgemeinbildung in Sachen (atomarer) Aufr&uuml;stung und Antimilitarismus verf&uuml;gte, sondern auch bereit war, dagegen anzugehen und pers&ouml;nliche Risiken in Kauf zu nehmen. Pl&ouml;tzlich h&ouml;rt man wieder Wortfossilien wie &bdquo;R&uuml;stungswahnsinn&ldquo;, &bdquo;ziviler Ungehorsam&ldquo; oder &bdquo;gewaltfreier Widerstand&ldquo;, die seit Urzeiten nicht mehr zum aktiven Wortschatz geh&ouml;ren &ndash; Menschen der &bdquo;Generation 60 plus&ldquo; aber seltsam vertraut und angesichts der geplanten &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118445\">Nachr&uuml;stung 2.0<\/a>&ldquo; gespenstisch aktuell vorkommen. <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wenn wir mit unserem zivilen Ungehorsam Gesetze &uuml;berschreiten&ldquo;, so sehen wir Kelly 1983 vor dem Bundestag, &bdquo;dann ist es deswegen, weil wir mit einem h&ouml;heren Gesetz, dem Gesetz des Gewissens rechnen, und weil wir auch wissen, dass eine Macht des Staates nicht absolut ist und deswegen ist der zivile Ungehorsam unsere Antwort.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>S&auml;tze, die zum nostalgisch gr&uuml;nen Traditionsornament verharmlost auf der <a href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/petra-kelly-act-now\">Homepage der Heinrich B&ouml;ll-Stiftung<\/a> prangen. S&auml;tze, die aber auch heute schnell wieder ihre Brisanz entfalten w&uuml;rden, w&uuml;rde man sie wieder ernst nehmen und beispielsweise, wie weiland in Mutlangen, erneut damit beginnen, Sitzblockaden gegen die kommenden Marschflugk&ouml;rper und Hyperschallraketen zu organisieren. Diesmal allerdings in Opposition zu der von Petra Kelly mitgegr&uuml;ndeten einstigen &bdquo;Anti-Parteien-Partei&ldquo;, die jetzt die Au&szlig;enministerin &ndash; &bdquo;Waffen retten Menschenleben&ldquo; &ndash; und einen Vizekanzler stellt, der die abermalige Stationierung von Mittelstreckenraketen und Cruise Missiles auf deutschem Boden mit <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/pistorius-usa-raketen-stationierung-deutschland-100.html\">S&auml;tzen<\/a> wie &bdquo;Wir m&uuml;ssen die Wehrhaftigkeit steigern, weil wir in einer sehr bedrohlichen Zeit leben, die anders ist als in den 80er-Jahren. Deshalb verbietet sich Naivit&auml;t&ldquo; rechtfertigt. Fassungslos registriert man &ndash; auch das macht der Film unfreiwillig deutlich &ndash;, wie sternenweit sich die heutigen GR&Uuml;NEN an den Hebeln der Macht von ihren Urspr&uuml;ngen entfernt haben!<\/p><p>Und so fallen einem fast schmerzhaft die klassischen S&auml;tze aus dem &sbquo;<a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/ein-jahr-ukraine-krieg-kritik-an-gruenen-antje-vollmers-vermaechtnis-einer-pazifistin-was-ich-noch-zu-sagen-haette-li.320443\">politischen Testament<\/a>&lsquo; der mit Abstand kl&uuml;gsten gr&uuml;nen Politikerin und letzten Stachel im Fleische ihrer bis zur Unkenntlichkeit gewendeten Partei, der vor anderthalb Jahren verstorbenen Antje Vollmer wieder ein: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Meine ganz pers&ouml;nliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die GR&Uuml;NEN, meine Partei, hatte einmal alle Schl&uuml;ssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch gl&uuml;ckliche Umst&auml;nde dieser Botschaft viel n&auml;her als alle anderen Parteien.<\/p>\n<p>Wir hatten einen echten Schatz zu h&uuml;ten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleicherma&szlig;en gegen die Aufr&uuml;stung in Ost wie West, wir sahen die Gef&auml;hrdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes B&uuml;ndnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses Zukunftsb&uuml;ndnis greifbar in den H&auml;nden.<\/p>\n<p>Was hat die heutigen GR&Uuml;NEN verf&uuml;hrt, all das aufzugeben f&uuml;r das blo&szlig;e Ziel, mitzuspielen beim gro&szlig;en geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Pazifisten ver&auml;chtlich zu machen?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Preisfrage: In welcher Partei, in welcher Bewegung (und mit welchen Themenschwerpunkten) w&uuml;rde sich Petra Kelly wohl heute engagieren?<\/p><p><em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/zum-denkmal-degradiert-der-dokumentarfilm-petra-kelly-act-now\/\">bei Globalbridge erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: (C) Bildersturm Filmproduktion<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gerade angelaufener Film r&uuml;ckt die Mitgr&uuml;nderin der GR&Uuml;NEN, Petra Kelly, wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. 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