{"id":12236,"date":"2012-02-15T15:27:26","date_gmt":"2012-02-15T14:27:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12236"},"modified":"2015-01-18T15:19:43","modified_gmt":"2015-01-18T14:19:43","slug":"fatale-weichenstellung-brussel-erklart-das-deutsche-modell-zum-vorbild-fur-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12236","title":{"rendered":"Fatale Weichenstellung \u2013 Br\u00fcssel erkl\u00e4rt das deutsche Modell zum Vorbild f\u00fcr Europa"},"content":{"rendered":"<p>Um &ouml;konomische Ungleichgewichte innerhalb der EU abzubauen, baut die EU-Kommission in diesem Jahr ihren Stabilit&auml;tspakt aus und erweitert dabei die Zahl der Indikatoren von zwei auf zehn. K&uuml;nftig spielen beispielsweise auch Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse eine Rolle bei der Bewertung, ob ein Land die &ouml;konomische Stabilit&auml;t der EU gef&auml;hrdet. Was sich in der Theorie urspr&uuml;nglich sehr gut anh&ouml;rte, ist jedoch dank der massiven Einflussnahme Deutschlands in der Praxis zu einer einzigen Farce geworden, wie der gestern ver&ouml;ffentlichte <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/economy_finance\/economic_governance\/documents\/alert_mechanism_report_2012_en.pdf\">&bdquo;Alarmbericht&ldquo; [PDF &ndash; 127 KB]<\/a> zeigt. Anstatt Ungleichgewichte abzubauen, nutzt die EU-Kommission die zehn Indikatoren dazu, die Mitgliedsstaaten anzuhalten, L&ouml;hne zu senken, den Arbeitsmarkt zu deregulieren und den Einfluss des Staates immer weiter zur&uuml;ckzufahren. Europa soll keine Ungleichgewichte abbauen, sondern deutscher werden. <strong>Von Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAuf den ersten Blick erscheint es so, als h&auml;tte es sich mittlerweile sogar bis zur Europ&auml;ischen Kommission herumgesprochen, dass die EU nur dann zu einem erfolgreichen und vor allem stabilen Wirtschaftsraum werden kann, wenn es der Politik gelingt, die wirtschaftlichen (makro&ouml;konomischen) Ungleichgewichte abzubauen. Der erste Blick t&auml;uscht jedoch. Wenn man sich die Grenzwerte der zehn Indikatoren des Fr&uuml;hwarnsystems der Kommission anschaut, kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass hier Ungleichgewichte sehr einseitig ausgelegt werden. So gilt beispielsweise ein Leistungsbilanzdefizit von mehr als vier Prozent des Bruttoinlandprodukts als problematisch, w&auml;hrend auf der anderen Seite ein Leistungsbilanz&uuml;berschuss erst ab sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts als Problem gesehen wird. Diese willk&uuml;rliche Aufstellung der Grenzwerte ist nat&uuml;rlich kein Zufall, Deutschland gilt mit seinen 5,9% dank des erh&ouml;hten Grenzwerts f&uuml;r &Uuml;berschussstaaten gerade noch als unproblematisch. Dass es &uuml;berhaupt zu einer derart grotesken Verschiebung der Grenzwerte kommen konnte, ist einzig und allein der massiven Einflussnahme Wolfgang Sch&auml;ubles zu verdanken, der der EU-Kommission bereits im letzten November die Pistole auf die Brust gesetzt hat.<\/p><p>Dazu: <a href=\"\/?p=11748\">Ungleichgewichte nach Lesart der EU<\/a><\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/1210215_europa_small.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/1210215_europa_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p><strong>Auf dem einen Auge blind<\/strong><\/p><p>So kam es denn auch, dass der erste Alarmbericht der EU-Kommission ganz nach dem Geschmack von Wolfgang Sch&auml;uble und Angela Merkel ausgefallen ist. Die deutschen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse wurden nicht angemahnt, daf&uuml;r m&uuml;ssen sich nun ganze neun Staaten[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] mit Leistungsbilanzdefiziten einer n&auml;heren Pr&uuml;fung durch die Kommission unterziehen. Dabei macht es f&uuml;r die Stabilit&auml;t der EU einen gewaltigen Unterschied, ob die mit Abstand gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft einen &Uuml;berschuss von fast sechs Prozent des Bruttoinlandproduktes erzielt, oder ob ein &ouml;konomischer Zwerg wie Malta ein Defizit von 5,4% hat &ndash; der deutsche &Uuml;berschuss ist in absoluten Zahlen mehr als vierhundertmal so hoch wie das maltesische Defizit. In Summe stehen die deutschen &Uuml;bersch&uuml;sse der H&auml;lfte aller Defizite der EU-Staaten gegen&uuml;ber und sind in absoluten Zahlen (rund 150 Milliarden Euro) exakt so hoch, wie die Defizite aller neun verwarnten Defizitstaaten zusammengenommen.<\/p><p>Gesamtwirtschaftlich gesehen sind &Uuml;bersch&uuml;sse und Defizite zwei Seiten ein und derselben Medaille. Will ein Staat seine Defizite abbauen, muss zwingend immer auch ein anderer Staat seine &Uuml;bersch&uuml;sse abbauen. Von daher macht es auch gar keinen Sinn, einseitig die Defizits&uuml;nder ins Gebet zu nehmen und die &Uuml;berschusss&uuml;nder ungeschoren zu lassen. Diese Einseitigkeit ist jedoch im Alarmbericht Methode. Auch die anderen Indikatoren weisen eine sehr einseitige Sicht auf das Problem der Ungleichgewichte auf. Warum stellt beispielsweise laut EU-Kommission ein negatives Nettoauslandsverm&ouml;gen von mehr als 35% des BIP ein Ungleichgewicht dar, w&auml;hrend es f&uuml;r positive Nettoauslandsverm&ouml;gen &uuml;berhaupt keinen Grenzwert gibt? Neben Belgien und dem kleinen &bdquo;Bankenstaat&ldquo; Luxemburg weist nur Deutschland ein positives Nettoauslandsverm&ouml;gen von mehr als 35% des BIP auf. Wie schon bei der Leistungsbilanz kann es jedoch auch beim Auslandsverm&ouml;gen nur dann (zu hohe) Defizite geben, wenn es auf der anderen Seite (zu hohe) &Uuml;bersch&uuml;sse gibt. Staaten wie Deutschland sind mit ihren hohen positiven Auslandspositionen zweifelsohne massiv von der wirtschaftlichen Entwicklung in den L&auml;ndern mit negativen Auslandspositionen abh&auml;ngig. Kracht es dort, k&ouml;nnen die Deutschen einen Teil ihrer Forderungen und Verm&ouml;genswerte im Ausland abschreiben, was nat&uuml;rlich auch negative Folgen f&uuml;r die heimische Volkswirtschaft h&auml;tte. Es ist daher auch nicht ersichtlich, warum der Indikator Auslandsverm&ouml;gen nur einen einseitigen Grenzwert aufweist.<\/p><p><strong>Sinkende Exportanteile &ndash; wie ein Paradoxon zur Groteske wird<\/strong><\/p><p>Analog verh&auml;lt es sich beim Indikator Exportanteile. Dort gilt lediglich ein R&uuml;ckgang von mehr als sechs Prozent (innerhalb von f&uuml;nf Jahren) als Problem, w&auml;hrend ein Anstieg gleich welcher Gr&ouml;&szlig;e als unproblematisch gilt. Dieser Indikator ist jedoch nicht nur wegen seiner Einseitigkeit ein Problem, sondern auch deshalb, weil er nur relative &Auml;nderungen beobachtet, die Basis aber au&szlig;er Acht l&auml;sst. Nicht nur innerhalb der EU gibt es riesige Unterschiede bei der &ouml;konomischen Basis. Will man die wirtschaftlichen Verh&auml;ltnisse und damit die Lebensqualit&auml;t in Europa angleichen, m&uuml;ssen &auml;rmere Volkswirtschaften, wie die baltischen Staaten oder die neuen Mitgliedsstaaten auf dem Balkan, wesentlich h&ouml;here Wachstumsraten aufweisen als die reichen Volkswirtschaften im Zentrum Europas. Wenn diese Staaten mit Hilfe des Exports aufholen wollen, ist es vollkommen normal, dass sie auch einen gr&ouml;&szlig;eren Anteil an den Exporten aufweisen. Wenn sie einen gr&ouml;&szlig;eren Anteil an den Exporten aufweisen, m&uuml;ssen andere Staaten jedoch zwingend auch einen kleineren Anteil aufweisen. Die Gr&ouml;&szlig;e eines Tortenst&uuml;cks kann man nun einmal nicht nur ausschlie&szlig;lich an seinem Winkel bemessen &ndash; auch der Radius der Torte muss beachtet werden. Wenn Deutschland nun Exportanteile verliert, ist dies per se erst einmal ein positives Zeichen, da andere Volkswirtschaften nur so ihren relativen R&uuml;ckstand abbauen k&ouml;nnen. Wenn die Torte als Ganzes w&auml;chst, kann auch ein Tortenst&uuml;ck, das nun einen kleineren Winkel aufweist, gr&ouml;&szlig;er sein als zuvor. Genau dies ist bei den deutschen Exporten der Fall. Im letzten Jahr haben sie erstmals die Billionenmarke <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/rekordergebnis-trotz-finanzkrise-deutschland-exportiert-so-viel-wie-noch-nie-1.1278286\">&uuml;berschritten<\/a> &ndash; dennoch ist Deutschlands relativer Anteil an den Exporten in den letzten f&uuml;nf Jahren um 8,3% zur&uuml;ckgegangen. <\/p><p>Somit stellen die Exportanteile neben der Staatsverschuldung den einzigen Indikator dar, bei dem Deutschland die Grenzwerte der EU-Kommission &uuml;berschreitet. Es ist schon mehr als paradox, dass ausgerechnet der Exportweltmeister daf&uuml;r ermahnt wird, dass seine Exportanteile r&uuml;ckl&auml;ufig sind. Nun hat es die deutsche Regierung schwarz auf wei&szlig; &ndash; nicht etwa die Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse, sondern der r&uuml;ckl&auml;ufige deutsche Exportanteil stellt ein Problem f&uuml;r die Stabilit&auml;t Europas dar. Dies wird man in Berlin gerne h&ouml;ren, ist diese Sichtweise doch derart grotesk, dass sie wunderbar zur grotesken deutschen Position passt und sich sogar als &bdquo;Argument&ldquo; ins Feld f&uuml;hren l&auml;sst, die Binnennachfrage weiterhin zu ignorieren. <\/p><p><strong>Der Alarmbericht als Blaupause f&uuml;r neoliberale Reformen<\/strong><\/p><p>Der Alarmbericht l&auml;sst bereits durch seine Wortwahl keinen Zweifel daran, was er eigentlich bezwecken will. Wenn die EU-Kommission steigende L&ouml;hne und eine Verschiebung der Au&szlig;enhandelsbilanz zugunsten der Importe kommentiert, spricht sie von einer Verschlechterung der Wettbewerbsf&auml;higkeit und von steigenden Lohnst&uuml;ckkosten. Sinken die L&ouml;hne und verschiebt sich die Au&szlig;enhandelsbilanz zugunsten der Exporte, ist dies nach Sprachregelung der Kommission etwas Positives und geht mit einer steigenden Wettbewerbsf&auml;higkeit und sinkenden Lohnst&uuml;ckkosten einher. Zwischen den Zeilen kritisiert man sogar die Lohnsteigerungen im bitterarmen Bulgarien und bezeichnet sie als mittel- bis langfristiges Hemmnis f&uuml;r den &bdquo;Aufholprozess&ldquo;. Nat&uuml;rlich muss an dieser Stelle die Frage gestattet sein, auf welcher Ebene die Bulgaren denn &uuml;berhaupt aufholen sollen? Wenn dieser Prozess nicht mit einer Steigerung der L&ouml;hne, die ja gemeinhin auch eine Steigerung der Lebensqualit&auml;t mit sich bringt, einhergehen soll, scheint er ziemlich sinnlos zu sein. <\/p><p>W&auml;hrend Griechenland, Irland, Portugal und Rum&auml;nien ohnehin bereits im &bdquo;Rettungsmechanismus&ldquo; der EU verankert sind und sich den Vorgaben aus Br&uuml;ssel beugen m&uuml;ssen, stehen nun als Ergebnis des Alarmberichts auch Belgien, Bulgarien, D&auml;nemark, Spanien, Frankreich, Italien, Zypern, Ungarn, Slowenien, Finnland, Schweden und Gro&szlig;britannien auf der Beobachtungsliste der EU-Kommission. All diesen L&auml;ndern wird im Bericht empfohlen, ihre Verschuldung (&uuml;ber alle Sektoren) zur&uuml;ckzufahren und ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit zu verbessern, um die &bdquo;Export-Performance&ldquo; zu steigern. Europa soll deutscher werden. Aber wer soll eigentlich noch die deutschen Exporte kaufen, wenn Europa deutscher wird und seine Bev&ouml;lkerung immer weniger Geld in der Tasche hat?<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/012a545fe6a743d7b5b094525cd27c75\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Bulgarien, Griechenland, Spanien, Zypern, Malta, Polen, Portugal, Rum&auml;nien, Slowakei<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um &ouml;konomische Ungleichgewichte innerhalb der EU abzubauen, baut die EU-Kommission in diesem Jahr ihren Stabilit&auml;tspakt aus und erweitert dabei die Zahl der Indikatoren von zwei auf zehn. K&uuml;nftig spielen beispielsweise auch Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse eine Rolle bei der Bewertung, ob ein Land die &ouml;konomische Stabilit&auml;t der EU gef&auml;hrdet. Was sich in der Theorie urspr&uuml;nglich sehr gut anh&ouml;rte,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12236\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,157,30],"tags":[423,615,499,440],"class_list":["post-12236","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-eu-kommission","tag-handelsbilanz","tag-schaeuble-wolfgang"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12236","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12236"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12236\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12238,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12236\/revisions\/12238"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12236"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12236"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12236"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}