{"id":1224,"date":"2006-06-21T13:38:47","date_gmt":"2006-06-21T11:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1224"},"modified":"2016-02-05T11:52:21","modified_gmt":"2016-02-05T10:52:21","slug":"denkfehler-16-wir-sind-national-nicht-mehr-handlungsfahig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1224","title":{"rendered":"Denkfehler 16: \u00bbWir sind national nicht mehr handlungsf\u00e4hig.\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller, Auszug aus dem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; S. 207 ff.<br>\n<!--more--><br>\nVariation zum Thema:<\/p><ul>\n<li>&raquo;Entgrenzte Wirtschaft.&laquo;<\/li>\n<\/ul><p>Immer dann, wenn angesichts der hohen Arbeitslosigkeit verlangt wird, die Bundesregierung m&ouml;ge doch konjunkturpolitisch aktiv werden und versuchen, die lahmende Wirtschaft anzuschieben, dann kommt von einem gro&szlig;en Chor an Stimmen ein doppelter Einwand: Erstens lie&szlig;en die sogenannten Maastricht-Kriterien, die der Verschuldung der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten Grenzen setzen und so die Preis- und W&auml;hrungsstabilit&auml;t innerhalb der EU garantieren sollen, dies nicht zu. Und zweitens seien wir in die Weltwirtschaft eingebettet, weshalb Konjunkturprogramme und andere expansive Ma&szlig;nahmen nur dazu f&uuml;hren w&uuml;rden, dass dank unserer nationalen Aktivit&auml;ten Arbeitspl&auml;tze in Frankreich, in Amerika oder sonstwo in der Welt entst&uuml;nden. Kurzum: Die nationalen Ma&szlig;nahmen w&uuml;rden verpuffen, wir seien national nicht mehr handlungsf&auml;hig. Das ist ein eing&auml;ngiges Argument und dennoch ist es &ndash; um es salopp zu sagen &ndash; bis zu 70 Prozent eine billige Entschuldigung und zu 100 Prozent ein l&auml;hmendes Vorurteil.<\/p><p>Wie berechtigt es ist, den Bedenken gegen nationale Initiativen mit Skepsis zu begegnen, kann man postwendend dann feststellen, wenn nach einer Entschuldigung f&uuml;r den Niedergang der Besch&auml;ftigung und der Konjunktur bei uns gesucht wird. Dann wird n&auml;mlich &ndash; wie zum Beispiel in den Jahren 2002 und 2003 &ndash; gern gesagt, die wirtschaftliche Belebung sei bei uns leider abgebrochen, weil die Konjunktur in den USA eingebrochen sei. Der hiesige Konjunktureinbruch wird auf die schlechte Entwicklung in den USA und auf die dortigen Vers&auml;umnisse zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Und schon sind diese &raquo;Experten&laquo; flink mit der Forderung bei der Hand, die USA sollten bitte wieder die Konjunkturlokomotive spielen.<\/p><p>Da passt nichts zusammen: Man kann sich doch nicht einerseits beklagen, wir seien Opfer der schlechten Konjunktur in den USA, und andererseits behaupten, wir selbst h&auml;tten keinerlei Handlungsspielraum, um die Konjunktur und den Wirtschaftsablauf bei uns zu beeinflussen. Warum sollten die Vereinigten Staaten von Amerika die einzige Lokomotive sein? Warum nicht auch wir? Schlie&szlig;lich macht die Binnennachfrage allein rund 70 Prozent der Nachfrage nach hierzulande produzierten G&uuml;tern und Diensten aus. Warum nicht da ansetzen? Warum sollen wir nicht zusammen mit anderen L&auml;ndern in der Europ&auml;ischen Union die Lokomotive spielen? Nur 10,3 Prozent unserer Exporte gehen in die USA, das sind 10,3 Prozent von rund 30 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung, die im Falle Deutschlands in den Export gehen; und &uuml;ber diese &ndash; grob gesch&auml;tzt &ndash; 3 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts soll eine Konjunkturankurbelung m&ouml;glich sein, aber &uuml;ber die 70 Prozent Binnennachfrage f&uuml;r Konsum und Investitionen nicht?<\/p><p>Unbestritten sind wir heute eng verkn&uuml;pft mit anderen Volkswirtschaften. Tatsache ist auch, dass wir im Zuge der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion die Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Geldpolitik abgegeben haben. Aber wir haben weiterhin Einfluss darauf. Und nach wie vor liegt die Souver&auml;nit&auml;t &uuml;ber die Finanz- und Lohnpolitik sowie &uuml;ber die meisten Strukturpolitiken in deutscher Verantwortung.<\/p><p>Au&szlig;erdem sind wir Deutschen in Europa nicht alleine, und vern&uuml;nftigerweise verlangt niemand, expansive Ma&szlig;nahmen ohne Abstimmung mit den europ&auml;ischen Partnern in Gang zu setzen. Der gro&szlig;e europ&auml;ische Binnenmarkt mit einem Bruttoinlandsprodukt von 9064 Milliarden Euro (bisherige 15 EU-L&auml;nder 2002; USA zum Vergleich: 10 998 Milliarden Euro) bietet die M&ouml;glichkeit zu einer weitgehenden eigenst&auml;ndigen Wirtschaftspolitik. Wir Europ&auml;er k&ouml;nnen wachstums-, konjunktur- und besch&auml;ftigungspolitisch handeln, ohne dass dies vom &raquo;Ausland&laquo; entscheidend konterkariert werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Einfach ist es nicht, um so mehr gilt: Man muss es wollen, wenn man etwas erreichen will. Man muss zum Beispiel in Europa mehr wollen als eine gemeinsame Politik f&uuml;r stabile Preise und einen stabilen Euro. Man muss zum Beispiel wollen, dass die Menschen aus der Arbeitslosigkeit erl&ouml;st werden. Man muss endlich wieder Vollbesch&auml;ftigung wollen und auch daf&uuml;r die M&ouml;glichkeit einer abgestimmten europ&auml;ischen Politik einsetzen. Und man muss initiativ werden und darf das Schicksal von Millionen Menschen nicht einfach weiter schleifen lassen.<\/p><p><em>Tabelle 19: Ausfuhren Deutschlands in bestimmte L&auml;nder (in Mrd. Euro) und Anteil dieser L&auml;nder an den Gesamtexporten Deutschlands (in Prozent des Gesamtexportvolumens)<\/em><\/p><table>\n<tr>\n<th>&nbsp;<\/th>\n<th>2000<\/th>\n<th>2001<\/th>\n<th>2002<\/th>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Frankreich<\/td>\n<td>67,4 Mrd. Euro (11,3%)<\/td>\n<td>69,6 Mrd. Euro (10,9%)<\/td>\n<td>69,8 Mrd. Euro (10,8%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Niederlande<\/td>\n<td>39,0 Mrd. Euro (6,5%)<\/td>\n<td>40,0 Mrd. Euro (6,3%)<\/td>\n<td>39,5 Mrd. Euro (6,1%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>Belgien<\/td>\n<td>30,1 Mrd. Euro (5,0%)<\/td>\n<td>32,3 Mrd. Euro (5,1%)<\/td>\n<td>31,2 Mrd. Euro (4,8%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>Italien<\/td>\n<td>45,0 Mrd. Euro (7,5%)<\/td>\n<td>47,1 Mrd. Euro (7,4%)<\/td>\n<td>47,4 Mrd. Euro (7,3%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"even\">\n<td>EU15<\/td>\n<td>337,4 Mrd. Euro (56,5%)<\/td>\n<td>351,6 Mrd. Euro (55,1%)<\/td>\n<td>354,8 Mrd. Euro (54,7%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr class=\"odd\">\n<td>USA<\/td>\n<td>61,8 Mrd. Euro (10,3%)<\/td>\n<td>67,8 Mrd. Euro (10,6%)<\/td>\n<td>66,6 Mrd. Euro (10,3%)<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p class=\"reference\">Quelle: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Statistisches Jahrbuch f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland 2003, Wiesbaden 2003, S. 294\n<\/p><p>Wenn wir nur eine Koordination mit Frankreich, den Niederlanden, Belgien und Italien erreichen k&ouml;nnten, dann w&auml;ren schon fast 30 Prozent unserer Exporte abgedeckt (siehe Tabelle 19). Wenn diese L&auml;nder also bei expansiven Ma&szlig;nahmen mitz&ouml;gen, w&uuml;rden in einer Wechselwirkung auch wir mitgezogen, so wie wir diese L&auml;nder mitziehen. Und wenn die Koordination EU-15-weit [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] gel&auml;nge, dann w&auml;ren sogar 54,7 Prozent unseres Exports von diesen Ma&szlig;nahmen direkt beeinflusst, und die Verpuffung w&auml;re minimal. H&auml;ufig hatten in der Vergangenheit einige unserer Nachbarn in Europa eine bessere Koordination der Politik f&uuml;r mehr Besch&auml;ftigung gew&uuml;nscht, so zum Beispiel Frankreich und Italien. Auch die USA haben uns mehrmals aufgefordert, aktiv zu werden. Aber zumindest in der Zeit der Kanzlerschaft von Helmut Kohl war Deutschland oft der Spielverderber. Verst&auml;ndlich ist das nicht, schon gar nicht, wenn man sich gleichzeitig beklagt, man sei national nicht handlungsf&auml;hig.<\/p><p>Anders als gelegentlich unterstellt wird, sehen die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge die Kooperation auch mit dem Ziel einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik vor. Auf dem EU-Gipfel in K&ouml;ln im Jahr 1999 wurde der sogenannte Makro-Dialog des K&ouml;ln-Prozesses als dritte S&auml;ule der europ&auml;ischen Besch&auml;ftigungspolitik (neben den Prozessen von Luxemburg und Cardiff) installiert. Damit wurde offiziell anerkannt, dass positive gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen Voraussetzung daf&uuml;r sind, um Wirtschaftswachstum und Besch&auml;ftigung bei gleichzeitiger Preisstabilit&auml;t innerhalb der Europ&auml;ischen W&auml;hrungsunion nachhaltig zu verbessern. Deshalb wurde eine Koordinierung der Geld-, Finanz- und Lohnpolitik als erstrebenswert erachtet, um gesamtwirtschaftlich positive Ergebnisse erzielen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Es hakt bisher allerdings an der praktischen Umsetzung. Sie scheitert immer wieder an einer restriktiven Auslegung des Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakts und daran, dass die Europ&auml;ische Zentralbank das Besch&auml;ftigungsziel als minderwichtig einstuft. So unterbleibt, was die Politiker fest verabredet haben: die gleichwertige Behandlung von Preisstabilit&auml;t einerseits und Vollbesch&auml;ftigungspolitik andererseits. Wir haben zwar ohne Zweifel eine besch&auml;ftigungspolitische Krise, aber die f&uuml;r eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik der EU notwendige Koordination wird nicht umgesetzt, die notwendigen Initiativen werden nicht angesto&szlig;en. Es gibt einen unsinnigen Streit zu der wichtigen Frage, ob und inwieweit unsere nationale Handlungsf&auml;higkeit und die der EU durch die sogenannten Maastricht-Kriterien, unter anderem also durch die Festlegung beschr&auml;nkt wird, dass ein EU-Staat im Rahmen der W&auml;hrungsunion seine j&auml;hrliche Kreditaufnahme auf maximal 3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts begrenzen soll. Dazu gibt es einen interessanten Offenen Brief des fr&uuml;heren Bundeskanzlers Helmut Schmidt vom 8. November 1996 an den damaligen Bundesbankpr&auml;sidenten Hans Tietmeyer. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Darin kritisiert Helmut Schmidt Hans Tietmeyer daf&uuml;r, dass dieser in seiner Funktion als Bundesbankpr&auml;sident auf strikte Einhaltung der im Maastrichter Vertrag festgelegten Regeln poche, w&auml;hrend der Europ&auml;ische Rat tats&auml;chlich einen beachtlichen Entscheidungsspielraum auch zugunsten einer aktiven Besch&auml;ftigungspolitik habe:<\/p><p>&raquo;Den durch den Maastrichter Vertrag neu in den EG-Vertrag eingef&uuml;gten Art. 104c und den darin enthaltenen weitgehenden Entscheidungsspielraum des Europ&auml;ischen Rates &ndash; jenseits aller Kriterien &ndash; verschweigen Sie dagegen regelm&auml;&szlig;ig. Vielmehr erwecken Sie penetrant den unzutreffenden Eindruck, als ob die in den Protokollen zum Maastrichter Vertrag enthaltenen Kriterien absolut bindend seien.&laquo;<\/p><p>Die Flexibilit&auml;t, auf deren Existenz der fr&uuml;here Bundeskanzler pocht, wird in der &ouml;ffentlichen Debatte bis heute meist verschwiegen, obwohl sie die nationale Handlungsf&auml;higkeit betr&auml;chtlich erweitert.<\/p><p>Helmut Schmidt weist in diesem Kontext &uuml;brigens auch darauf hin, dass f&uuml;r Deutschland noch immer das Stabilit&auml;ts- und Wachstumsgesetz gelte, in dessen Paragraph 1 &raquo;ein hoher Besch&auml;ftigungsstand&laquo; als gesetzliches Ziel jeder Bundesregierung festgelegt ist. Diese Verpflichtung m&uuml;sste dazu f&uuml;hren, den gegebenen Handlungsspielraum auch wirklich zu nutzen. Oder ihn notfalls, wenn man Helmut Schmidts Interpretation des Maastrichter Vertrags nicht folgen will, durch eine Anpassung des Stabilit&auml;ts- und Wachstumspakts zu erweitern.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Gemeint sind die 15 &raquo;alten&laquo; EU-Mitglieder vor Beitritt der neuen am 1.5.2004.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Helmut Schmidt: &raquo;Offener Brief an Bundesbankpr&auml;sident Hans Tietmeyer. Die Bundesbank &ndash; kein Staat im Staate&laquo;, in: Die Zeit, Nr. 46 vom 8. November 1996<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Albrecht M&uuml;ller, Auszug aus dem Buch &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; S. 207 ff.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[37,14,30],"tags":[300,1110],"class_list":["post-1224","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-globalisierung","category-veroffentlichungen-der-herausgeber","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1224","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1224"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1224\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30922,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1224\/revisions\/30922"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1224"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1224"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1224"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}