{"id":12251,"date":"2012-02-16T15:52:04","date_gmt":"2012-02-16T14:52:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12251"},"modified":"2015-01-18T15:28:28","modified_gmt":"2015-01-18T14:28:28","slug":"die-milliardenluge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12251","title":{"rendered":"Die Milliardenl\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>In steter Regelm&auml;&szlig;igkeit malen die Medien das Schreckensbild, dass der Steuerzahler f&uuml;r Verluste der EZB haften m&uuml;sste. Gerade im Zusammenhang mit einer immer wahrscheinlicher werdenden Umschuldung Griechenlands wird beim B&uuml;rger damit Angst gesch&uuml;rt und darauf hingewirkt, Angela Merkels Sparpolitik als alternativlos darzustellen. Doch eine L&uuml;ge wird nicht wahrer, wenn man sie st&auml;ndig wiederholt. Die EZB ist eine Zentralbank und keine &bdquo;Europ&auml;ische Sparkasse&ldquo;. Verluste der EZB m&uuml;ssen nicht zwingend durch den Steuerzahler beglichen werden &ndash; wer Gegenteiliges behauptet, kolportiert somit eine Milliardenl&uuml;ge. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn man in den letzten Wochen und Monaten die Zeitungen und Zeitschriften verfolgt hat, stie&szlig; man immer wieder auf Beitr&auml;ge wie beispielsweise den SPIEGEL-Online-Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,814477,00.html\">Was eine Griechen-Pleite jeden Bundesb&uuml;rger kosten w&uuml;rde<\/a>&ldquo;, in denen in d&uuml;stersten Farben die m&ouml;glichen finanziellen Belastungen einer Griechenland-Umschuldung ausgemalt werden. F&uuml;r SPIEGEL-Online-Redakteur Nicolai Kwasniewski steht fest, dass der Steuerzahler f&uuml;r m&ouml;gliche Verluste des EZB-Systems voll und ganz in die Haftung genommen wird[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. So berechnet er Lasten in H&ouml;he von bis zu 37 Milliarden Euro, die dem deutschen Steuerzahler ausschlie&szlig;lich aus einer &Uuml;bernahme der Griechenland-Abschreibungen durch die EZB entstehen w&uuml;rden. Kwasniewski ist kein Einzelfall. Allenthalben liest man heutzutage, dass die Verluste der EZB oder der Bundesbank vom Steuerzahler zu &uuml;bernehmen seien. Wie kommen die Autoren eigentlich zu diesem Urteil?<\/p><p>Ein Blick in die <a href=\"http:\/\/www.ecb.int\/ecb\/legal\/pdf\/de_statute_2.pdf\">Satzung der EZB [PDF &ndash; 258 KB]<\/a> verschafft hier Klarheit. Dort hei&szlig;t es in Artikel 33, Absatz 2:<\/p><blockquote><p><em>Falls die EZB einen Verlust erwirtschaftet, kann der Fehlbetrag aus dem allgemeinen Reservefonds der EZB und erforderlichenfalls nach einem entsprechenden Beschluss des EZB-Rates aus den monet&auml;ren Eink&uuml;nften des betreffenden Gesch&auml;ftsjahres im Verh&auml;ltnis und bis in H&ouml;he der Betr&auml;ge gezahlt werden, die nach Artikel 32.5 an die nationalen Zentralbanken verteilt werden.<\/em><\/p><\/blockquote><p>Man beachte hier die Formulierung &bdquo;kann&ldquo; &ndash; von einem &bdquo;muss&ldquo; ist wohlweislich nicht die Rede. Die Satzung beschr&auml;nkt die Verlustausgleichspflicht ferner auf die &bdquo;monet&auml;ren Eink&uuml;nfte&ldquo;. Eine dar&uuml;ber hinausgehende Plicht ist nicht vorgesehen. Anders als die EZB-Satzung sieht das <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/presse\/publikationen\/bbkgesetz.pdf\">Bundesbankgesetz [PDF &ndash; 109 KB]<\/a> keine Regelung &uuml;ber den Ausgleich von Verlusten vor. Der Frankfurter Professor f&uuml;r Geld-, W&auml;hrungs- und Notenbankrecht, Helmut Siekmann, <a href=\"http:\/\/www.ilf-frankfurt.de\/uploads\/media\/ILF_WP_038.pdf\">kommentiert [PDF &ndash; 267 KB]<\/a> die Regelung folglich:<\/p><blockquote><p><em>Im Bundesbankgesetz fehlt eine Regelung &uuml;ber den Ausgleich von Verlusten. Ohne gesetzliche Anordnung wird man aber eine allgemeine Pflicht des Tr&auml;gers einer Einrichtung &ouml;ffentlicher Verwaltung, namentlich auch einer Anstalt, zur &Uuml;bernahme von Verlusten dieser Einrichtung nicht bejahen k&ouml;nnen. Einen dahingehenden Satz des ungeschriebenen allgemeinen Verwaltungsrechts gibt es nicht. Entsprechendes gilt f&uuml;r das Staatsorganisationsrecht, auch wenn es durchaus Einstandsrechte und &ndash;pflichten in extremen Haushaltsnotlagen der f&ouml;derativen Partner geben mag. [&hellip;] Die Bundesbank ist eine Anstalt ohne Haftung ihres Tr&auml;gers. [&hellip;] Die Anordnung einer Verlust&uuml;bernahmepflicht k&ouml;nnte in Konflikt mit den Aufgaben einer W&auml;hrungs- und Notenbank geraten. Sie ist aber auch nicht erforderlich. F&auml;llige Forderungen gegen eine Notenbank stehen rechtlich und &ouml;konomisch der Innehabung von Zentralbankgeld gleich, da eine Notenbank immer liquide ist. Sie kann und darf als einziger Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen die Zahlungsmittel selbst schaffen, mit denen gegen sie gerichtete Forderungen zu begleichen sind. <\/em><\/p><\/blockquote><p>Zentralbanken sind keine Finanzinstitute, f&uuml;r die das Kreditwesengesetz (KWG) gelten w&uuml;rde. Sie erf&uuml;llen eine hoheitliche Aufgabe und sind Anstalten des &ouml;ffentlichen Rechts. Die Gewinn- und Verlustrechnung einer Zentralbank ist daher auch grunds&auml;tzlich von den Bilanzen der Gesch&auml;ftsbanken zu unterscheiden. Bei den geldpolitischen Ma&szlig;nahmen einer Zentralbank, wie beispielsweise der Liquidit&auml;tsversorgung der Gesch&auml;ftsbanken, f&auml;llt immer Gewinn an &ndash; dies ist unumg&auml;nglich. Freilich kann eine Zentralbank auch Verluste machen, wenn sie beispielsweise ihre Aktiva neu bewerten muss. So machte die Bundesbank in den 1960ern und 1970ern regelm&auml;&szlig;ig Verluste, da sie durch die st&auml;ndigen Aufwertungen der D-Mark ihre Dollar-Devisenreserven niedriger bewerten musste. <\/p><p>Im Falle einer Griechenland-Umschuldung wird es jedoch noch etwas komplexer. Die EZB hat Griechenlandanleihen im Nennwert von rund 50 Milliarden Euro in ihren Bilanzen. Diese Papiere stellen eine Forderung des EZB-Systems an den griechischen Staat dar. W&uuml;rde sie diese Forderungen abschreiben, h&auml;tte sie einen Verlust zu verbuchen. Anders als eine Gesch&auml;ftsbank muss sie diesen Verlust jedoch nicht ausgleichen. Sie k&ouml;nnte den Verlust bis zum Sankt Nimmerleinstag in den B&uuml;chern behalten; sie k&ouml;nnte ihn durch einen Sonderposten ausgleichen (schlie&szlig;lich darf eine Zentralbank Geld schaffen); sie k&ouml;nnte ihn aber auch langfristig mit ihren &Uuml;bersch&uuml;ssen abbauen. Letzteres hat die Bundesbank in den 1960ern und 1970ern in steter Regelm&auml;&szlig;igkeit getan. Zwischen 1961 und 1979 konnte die Bundesbank insgesamt nur in vier Jahren Geld an den Bund &uuml;berweisen[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], da sie in den &uuml;brigen Jahren entweder Verluste machte oder die Verlustvortr&auml;ge mit &Uuml;bersch&uuml;ssen abbaute.  Selbstverst&auml;ndlich musste damals der Bund nicht ein einziges Mal f&uuml;r die Verluste der Bundesbank haften, indem er Steuergelder an die Bundesbank &uuml;berwies.<\/p><p>In den 1980ern &auml;nderte sich dies. Die Aufwertung der D-Mark kam langsam zum Stillstand, und das hohe Zinsniveau sorgte daf&uuml;r, dass die Gewinne der Bundesbank, die laut Bundesbankgesetz zum Teil an den Staat ausgesch&uuml;ttet werden m&uuml;ssen, fortan sprudelten. Dies veranlasste konservative &Ouml;konomen zu harscher Kritik, sahen sie in der Gewinnabf&uuml;hrung doch ein Inflationsrisiko. Ottmar Issing schrieb3  im Jahre 1985: &bdquo;Jede Gewinnabf&uuml;hrung der Bundesbank an die &ouml;ffentliche Hand stellt prinzipiell einen Akt der Zentralbanksch&ouml;pfung dar.&ldquo; Wenn eine Gewinnabf&uuml;hrung einen Akt der Geldsch&ouml;pfung darstellt, so w&uuml;rde eine Verlustabf&uuml;hrung analog dazu einen Akt der Geldvernichtung darstellen. Wertet man die Abf&uuml;hrung von Gewinnen und Verlusten der Zentralbank als geldpolitisches Instrument, so kann auch eine unabh&auml;ngige Zentralbank ohne weiteres auf dieses Instrument verzichten und die Verluste nach dem Schema, wie Helmut Siekmann es im oben angef&uuml;hrten Zitat anf&uuml;hrt, ausgleichen, indem sie das daf&uuml;r n&ouml;tige Geld selbst sch&ouml;pft. Auch die typisch deutsche Angst vor Inflation w&auml;re in diesem Falle unberechtigt, da kein einziger Cent frischen Geldes gesch&ouml;pft w&uuml;rde, da die Bilanzkorrekturen sich au&szlig;erhalb der kursierenden Geldmenge abspielen w&uuml;rden.<\/p><p>Wie hier ausgef&uuml;hrt, existiert der h&auml;ufig erw&auml;hnte Ausgleich der Zentralbankverluste durch den Steuerzahler allenfalls in den K&ouml;pfen der schreibenden Zunft. An dieser Stelle muss nat&uuml;rlich die Frage gestattet sein, ob die Journalisten und Kommentatoren es nicht besser wissen oder vors&auml;tzlich L&uuml;gen streuen. Wenn Letzteres bei einigen Journalisten der Fall sein sollte, muss man nat&uuml;rlich auch nach dem Cui bono fragen &ndash; wem n&uuml;tzt es? Die Antwort d&uuml;rfte nicht schwerfallen. Es gibt zahlreiche M&ouml;glichkeiten, die Eurokrise (und hier vor allem die Griechenlandkrise) mittels progressiver Zentralbankpolitik zu entsch&auml;rfen. Ohne Griechenland- und Eurokrise h&auml;tte die Bundesregierung jedoch keinen Hebel mehr, anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern ihre neoliberale Politik aufzuzwingen. Nicht nur die Politik, auch Teile der Medien haben anscheinend gar kein Interesse daran, dass Griechenland m&ouml;glichst schnell wieder auf die F&uuml;&szlig;e kommt. Wann immer diese Medien Krokodilstr&auml;nen &uuml;ber die Zust&auml;nde in Griechenland vergie&szlig;en, so ist dies nur noch blanker Zynismus, f&uuml;gen sie sich durch ihre Meinungsmache doch nahtlos in die Reihe derer ein, die f&uuml;r die Zust&auml;nde verantwortlich zeichnen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/b6e323068dec44c3a8cb297bea4c544e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>]  Kwasniewski rechnet auch die &bdquo;Forderungen&ldquo; aus dem Target-2-System zu den Lasten, die der Steuerzahler schlussendlich zu begleichen h&auml;tte. Diese Argumentation, die auf Hans Werner Sinns Thesen fu&szlig;t, ist von vorne bis hinten unsinnig. Da die Thematik jedoch sehr komplex ist und sich nicht ohne einen sehr tiefgreifenden Ausflug in das Rechnungswesen der Zentralbanken vermitteln l&auml;sst, verweise ich an dieser Stelle auf die engagierten <a href=\"http:\/\/blog.handelsblatt.com\/handelsblog\/tag\/target2\/\">Artikel des &Ouml;konomen Olaf Storbeck<\/a> , der sich ausf&uuml;hrlich mit Target 2 besch&auml;ftigt hat.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>]  Issing, Ottmar, &Ouml;ffentliche Finanzen, Kredit und Kapital: Festschrift f&uuml;r Werner Ehrlicher zur Vollendung des 65. Lebensjahres, Duncker &amp; Humblot, 1985, S. 173ff ebd.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In steter Regelm&auml;&szlig;igkeit malen die Medien das Schreckensbild, dass der Steuerzahler f&uuml;r Verluste der EZB haften m&uuml;sste. Gerade im Zusammenhang mit einer immer wahrscheinlicher werdenden Umschuldung Griechenlands wird beim B&uuml;rger damit Angst gesch&uuml;rt und darauf hingewirkt, Angela Merkels Sparpolitik als alternativlos darzustellen. Doch eine L&uuml;ge wird nicht wahrer, wenn man sie st&auml;ndig wiederholt. Die EZB<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12251\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,12,183],"tags":[507,1555,420,325],"class_list":["post-12251","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-manipulation-des-monats","category-medienkritik","tag-ezb","tag-griechenland","tag-spiegel","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12251","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12251"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12251\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24634,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12251\/revisions\/24634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12251"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12251"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12251"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}