{"id":1226,"date":"2006-06-21T13:53:56","date_gmt":"2006-06-21T11:53:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1226"},"modified":"2019-07-25T11:16:41","modified_gmt":"2019-07-25T09:16:41","slug":"fusball-wm-2006-erste-zwischenbilanz-eines-unzeitgemasen-beobachters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1226","title":{"rendered":"Fu\u00dfball-WM 2006 &#8211; Erste Zwischenbilanz eines unzeitgem\u00e4\u00dfen Beobachters \u2013"},"content":{"rendered":"<p>Sie werden es schon bemerkt haben, die Fu&szlig;ball-WM l&auml;sst auch uns nicht kalt. Jedenfalls nimmt sie uns Zeit und Energie f&uuml;r die NachDenkSeiten. Aber wo alle nur noch &uuml;ber Fu&szlig;ball reden, wollen wir eben auch da mitreden. Wir haben statt Netzer, Beckenbauer oder Beckmann einen wirklichen Fu&szlig;ballexperten, der f&uuml;r uns eine erste Zwischenbilanz der WM zieht. Lesen Sie einmal wirklich Interessantes und Analytisches von Joke Frerichs, dem stellvertretenden Vorsitzenden des F&ouml;rdervereins der NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\nNach 10 Tagen Fu&szlig;ball-WM und dem Abschluss des zweiten Gruppenspieltages ist die Zeit f&uuml;r eine erste Zwischenbilanz gekommen. Wohl noch nie war die Koinzidenz von Sport und Kommerz so offenkundig. Dass sportliche Gro&szlig;ereignisse mittlerweile zu milliardenschweren Unternehmungen globalen Ausma&szlig;es mutiert sind, hat sich herumgesprochen. Die Krake FIFA hat daf&uuml;r gesorgt, dass nahezu alle weltweit operierenden Konzerne mit ihren Logos in den Stadien pr&auml;sent sind. Sie schm&uuml;cken die Umrandungen der Spielfelder. Gut sichtbar. In pr&auml;zise geregelter Reihenfolge. In allen Stadien. Sie geh&ouml;ren zur stimmungsvollen Kulisse dazu. Kaum noch wegzudenken. Sie haben Zig-Millionen daf&uuml;r bezahlt. Ihre Werbungskosten werden sie an uns Verbraucher weiterreichen. Coca Cola und McDonald agieren als Hauptsponsoren. Hatten sie je etwas mit dem Fu&szlig;ball zu schaffen?<\/p><p>Die Werbung ist allgegenw&auml;rtig. Massiv in Szene gesetzt durch die Medien und das Heer von Moderatoren und Kommentatoren, die sich auch noch gern ein Zubrot verdienen. Die Kerners, Beckmanns, Jauchs &ndash; und wie sie alle hei&szlig;en: sie operieren gewisserma&szlig;en multifunktional. Als Werbetr&auml;ger und Vermittler von Informationen; als Stimmungsmacher und Interpreten; als Botschafter des neuen Optimismus und Einpeitscher. Aus ihrem &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo; wird so ganz unversehens ein &bdquo;W i r sind Deutschland&ldquo;. Wir sind diejenigen, die an der WM verdienen. Dazu kommen dann noch: aktuelle und ehemalige Bundestrainer, Alt-Internationale, Sportmanager, Spieler, ja ganze Teams &ndash; sie alle werben um die Wette, so dass einem ganz schwindlig dabei wird. Rastlos, bis zur Ersch&ouml;pfung. Ob Mercedes dadurch einen Wagen mehr verkauft?<br>\nUngez&auml;hlt die Auftritte Beckenbauers: Neben den M&auml;chtigen und Sch&ouml;nen dieser Welt; dann im Werbespot (Preisfrage: F&uuml;r wie viele Unternehmen und Produkte wirbt Beckenbauer?); dann als Kommentator und Experte in Talkshows und Sportstudios. Gefragt oder ungefragt: Beckenbauer &auml;u&szlig;ert sich zu jedem Thema, mischt sich &uuml;berall ein und ist ganz schlicht omnipr&auml;sent &ndash; wie sonst nur die Nervens&auml;ge Johannes B. Kerner. <\/p><p>Dagegen wirkt G&uuml;nther Netzer mittlerweile fast langweilig. Seine Kommentare sind mittlerweile reichlich abgestanden. Immer nur Disziplin und Ordnung zu fordern erm&uuml;det. Ach ja &ndash; und Aggressivit&auml;t. Empfiehlt er doch in der Halbzeit des Spiels Argentinien gegen Serbien (6:0) den in jeder Hinsicht &uuml;berforderten Serben mehr Aggressivit&auml;t zu zeigen. Der Spieler Kezman hat den Rat befolgt und war dann auch nicht mehr sehr lange dabei. Im Ernst: Warum immer dieser Kriegsjargon? Wie w&auml;r`s mit Spielkategorien? Die Argentinier haben einfach besser gespielt. Sie haben die besseren Spieler, das bessere System, mehr Freude am Spiel. Das w&auml;r`s. Ist nat&uuml;rlich zugegebener ma&szlig;en ein bisschen wenig f&uuml;r einen hochbezahlten Experten. Aber mir w&uuml;rde es als Kommentar reichen. (Zu meiner Fu&szlig;ball-Philosophie ausf&uuml;hrlicher: Joke Frerichs, Zug&auml;nge. Wie man aufw&auml;chst, so denkt man; Norderstedt 2005, S. 105 ff.).<\/p><p>Die mediale Vermarktung und das Ereignis Fu&szlig;ball &ndash; sie sind auf untrennbare Weise verkn&uuml;pft. Oft auch personell. Eins geht ins andere &uuml;ber. Manchmal wei&szlig; man nicht mehr, ist jetzt schon Spiel oder wird noch geworben. Jubelt die Menge tats&auml;chlich oder nur virtuell. Alles verschwimmt in der Dauerberieselung zu einem Brei. Da hilft oft nur ein Bitburger, an das uns Oliver Bierhoff mindestens st&uuml;ndlich im Angesicht des Brandenburger Tores erinnert. Da hilft nur mitfeiern. Fehlt nur noch Kerner mit einem Bier auf der Siegess&auml;ule. <\/p><p>War da nicht mal was? Ach ja: &bdquo;Keine Macht den Drogen!&ldquo; (Waren das noch Zeiten, als der DFB angeekelt und emp&ouml;rt das Ansinnen der Braunschweiger Eintracht zur&uuml;ckwies, f&uuml;r einen Kr&auml;uterschnaps zu werben). Mittlerweile ist alles erlaubt. Dabei ist die Werbung &uuml;berwiegend plump. Vor allem die Bierwerbung: Eine tumbe Menge gr&ouml;lt im Chor. Ausdruck deutscher Fr&ouml;hlichkeit? Die Bilder zeigen mehr, als die Werbestrategen vielleicht intendieren. Der Verbraucher in der Rolle des jubelnden Konsum-Idioten. So h&auml;tten sie uns wohl gern. Die &bdquo;Gesellschaft f&uuml;r Konsumforschung&ldquo; meldet denn auch pflichtgem&auml;&szlig;: Die WM f&ouml;rdert den Optimismus in der Bev&ouml;lkerung. Von ihr geht die Botschaft aus: &bdquo;Wir k&ouml;nnen unsere Probleme l&ouml;sen.&ldquo; Na, dann. Bei der Gro&szlig;en Koalition scheint die Botschaft jedenfalls noch nicht angekommen zu sein. Kein Wunder. Fehlt doch immer ein Minister, weil er zu einem Spiel abkommandiert wurde. Zu jedem Spiel ein Vertreter der Regierung. Wenn das nicht volksverbunden ist. Mit von der Partie und das ist auch neu &ndash; die Frauen: Die Gesundheitsministerin, die Entwicklungsministerin, selbst die Kanzlerin. So viel Frau war nie beim Fu&szlig;ball. Macht sich doch sch&ouml;n, Frau Merkel einmal klatschen zu sehen. Un&uuml;bertroffen unser Herr Bundespr&auml;sident. Schon bei drei Spielen dabei. Hat wohl auch weniger zu tun. Was ihn jedoch nicht davon abh&auml;lt, ganz nebenbei wieder einmal ein schnelleres Reformtempo anzumahnen und den Sozialstaat zu relativieren. So funktioniert das in der virtuellen Volksgemeinschaft w&auml;hrend einer WM.<\/p><p>Ach ja, Fu&szlig;ball gespielt wird auch. Noch nicht sehr innovativ, aber hin und wieder ganz ansehnlich. &Uuml;berzeugt haben mich bisher nur die Argentinier. Ihr temporeicher, voller Varianten steckender Kombinationsfu&szlig;ball ist bisher das Ma&szlig; aller Dinge. Ich prophezeie: Wer Weltmeister werden will muss Argentinien schlagen. Leider treffen wir voraussichtlich schon im Viertelfinale auf Argentinien und das war`s dann wohl. Wohin dann mit den aufgebauschten Emotionen? Dem neuen Nationalgef&uuml;hl. Hoffentlich gibt es kein b&ouml;ses Erwachen. T&auml;te dem Standort Deutschland nicht so gut. <\/p><p>&Uuml;berhaupt die Deutschen. Bisher wei&szlig; man noch immer nicht, wo die Mannschaft steht. Ein Spielsystem ist bisher kaum erkennbar. Viel guter Wille zwar. Und unb&auml;ndiger Kampfgeist. Aber auch wenig Klasse. So war es ja fast immer. Viele der Spieler k&ouml;nnen und m&uuml;ssen sich noch steigern. Schweinsteiger und Poldolski wollen meist des Guten zu viel. Schweinsteiger will st&auml;ndig zaubern und verheddert sich dabei. Ist nun mal kein Ronaldinho. Und Podolski hat bisher keine Bindung zur Mannschaft. Will zu schnell abschlie&szlig;en und &uuml;bersieht dabei die Mitspieler. &Uuml;berhaupt greifen die Mannschaftsteile nicht ineinander. Die Abwehr (obwohl gegen Polen schon stabiler) steht auf einer Linie, aber nicht eng genug an den Gegenspielern. Sie schaltet zu langsam um. Ebenso das Mittelfeld, das meist schlecht gestaffelt steht. Nur Philipp Lahm spielt bisher so, wie man sich das auch von den anderen w&uuml;nscht. Aber wie gesagt: Es ist an noch einiges m&ouml;glich und die Hoffnung stirbt zuletzt. Das Viertelfinale sollte es schon werden.<\/p><p>Die meisten anderen Mannschaft sind auch nicht das Gelbe vom Ei. Brasilien spielt bisher entt&auml;uschend &ndash; gemessen am Confed-Cup z.B. Der Generationswechsel scheint zu sp&auml;t zu kommen. Einige Spieler sind deutlich &uuml;ber den Zenit hinaus. Allen voran Ronaldo, der von den Kommentatoren schon daf&uuml;r ger&uuml;hmt wird, dass er sich bewegt. Emerson ist ebenso ein Schatten fr&uuml;herer Tage. Auch Cafu und Roberto Carlos haben die beste Zeit hinter sich. Brasilien verf&uuml;gt aber &uuml;ber personelle Alternativen: Juninho, Cicinho oder Robinho etwa. Mir fiel im letzten Spiel der Brasilianer gegen Australien auf, dass deren Spiel viel besser lief, als Ronaldo ausgewechselt worden war. Einige Spieler wirkten wie von einer Last befreit (Kaka; Ronaldinho). Kaka k&ouml;nnte &uuml;berhaupt einer der gro&szlig;en Spieler dieser WM werden. Ronaldinho wirkt noch etwas gehemmt. Hat vielleicht zu viel gefeiert mit dem FC Barcelona.<\/p><p>Gegen&uuml;ber Brasilien wirken die Argentinier und auch die Spanier wie Jungbrunnen. Vor allem Argentinien spielt einen Fu&szlig;ball vom anderen Stern. Spielen die Riquelme, Sorin, Ayala, Saviola und Crespo weiterhin auf diesem Niveau, sehe ich nicht, wer sie schlagen kann. Und dann haben sie noch einen gewissen Lionel Messi in petto, den ich gegenw&auml;rtig f&uuml;r das gr&ouml;&szlig;te Talent &uuml;berhaupt halte. Leider war er lange verletzt. Findet er jedoch noch in die Mannschaft, wird das Spiel der Argentinier noch unberechenbarer. Ich sehe nicht, wer sie in dieser Form schlagen k&ouml;nnte, zumal sie diesmal auch ihre disziplinarischen Probleme im Griff zu haben scheinen. Ein Erfolg des &uuml;beraus sympathischen Trainers Jos&egrave; Nestor Pekermann, der die meisten seiner Spieler schon als Jugendtrainer betreut hat.<\/p><p>&Auml;hnliche Probleme wie Brasilien hat auch Frankreich. Frankreich sehen, hei&szlig;t daher vor allem: von Zidane Abschied nehmen. Wenn man sieht, wie Zidane sich &uuml;ber den Platz qu&auml;lt, tut einem das schon sehr weh. Er h&auml;tte nicht zur&uuml;ckkehren sollen. Er wird uns als einer der gr&ouml;&szlig;ten Spieler der letzten zehn Jahre in Erinnerung bleiben.<\/p><p>Dann sind da nat&uuml;rlich noch die Holl&auml;nder, Engl&auml;nder und Italiener. Alle haben &auml;hnliche Probleme wie die Deutschen. Noch nicht so recht in Schwung. Die Engl&auml;nder wirken sogar ein wenig lustlos. Die Holl&auml;nder h&ouml;ren nach einer F&uuml;hrung auf zu spielen. Und die Italiener: Auch noch kein harmonierendes Team. Und immer in Gefahr, &uuml;bermotiviert zur Sache zu gehen. Sich durch Platzverweise selbst zu schlagen.<br>\nMan wird sehen m&uuml;ssen, wie die traditionellen Tourniermannschaften sich entwickeln. Vieles ist m&ouml;glich &ndash; was auch von den weiteren Paarungen in den Achtel-, Viertel- und Halbfinals abh&auml;ngt. <\/p><p>Was f&auml;llt sonst noch auf? Da sind zun&auml;chst die Regelauslegungen. Gut, dass endlich das Trikotzupfen, die Schwalben und der Ellbogencheck geahndet werden. War schon lange &uuml;berf&auml;llig. F&uuml;r derartige Reformen ist eine WM immer gut. Dagegen wird es wohl noch Jahrzehnte dauern, bis die unsinnig komplizierte Abseitsregelung vereinfacht wird. Das sog. Abseits auf gleicher H&ouml;he ist schon von der Logik der Wahrnehmung her ein glatter Unsinn. Zielfotos zeigen immer wieder, dass es eine &bdquo;gleiche H&ouml;he&ldquo; nur in absoluten Grenzf&auml;llen gibt. Fast noch absurder ist das &bdquo;Abseits im Moment der Ballabgabe&ldquo;. Kein Linienrichter der Welt kann gleichzeitig den abgespielten Ball und den angespielten Spieler im Auge haben. Die Folge sind Fehlentscheidungen am laufenden Band in nahezu jedem Spiel.<br>\nIm Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit auch noch f&uuml;r alle Welt sichtbar. Da die FIFA den Schiedsrichtern technische Hilfsmittel verbietet, k&auml;me nur eine Regel&auml;nderung in Frage. Aber wie die Dinge liegen, wird das dauern. Die alten Herren der FIFA brauchen halt ihre Zeit.<br>\nTrotz der genannten Einschr&auml;nkungen pfeifen die Schiedsrichter bisher recht gut. Sind halt auch nur Menschen.<\/p><p>Unfassbar dagegen ist f&uuml;r mich, dass es in den wundersch&ouml;nen Stadien keinen vern&uuml;nftigen Rasen gibt. Da gibt man Hunderte von Millionen f&uuml;r D&auml;cher und VIP-Logen aus und schafft es nicht, einen Rasen bereit zu stellen, der h&ouml;chsten Anspr&uuml;chen gen&uuml;gt. Mal rutschen die Spieler aus, mal scheinen sie stecken zu bleiben. Ob zu glatt oder zu stumpf &ndash; man wei&szlig; es nicht und kann es eh nicht mehr &auml;ndern. Gott sei dank sind die Holl&auml;nder schuld an der Misere, die den Rasen gelegt haben. Ein Grund weniger, uns die Schuld zu geben, wenn Holland nicht Weltmeister wird.<\/p><p>Harren wir also der Dinge, die da kommen werden. Etwas mehr Spielfreude k&ouml;nnen wir noch verkraften. Und vor allem nie vergessen: Das Wichtigste am Fu&szlig;ball ist, dass er nicht das Wichtigste ist. Oder so &auml;hnlich.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie werden es schon bemerkt haben, die Fu&szlig;ball-WM l&auml;sst auch uns nicht kalt. Jedenfalls nimmt sie uns Zeit und Energie f&uuml;r die NachDenkSeiten. Aber wo alle nur noch &uuml;ber Fu&szlig;ball reden, wollen wir eben auch da mitreden. 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