{"id":12263,"date":"2012-02-17T16:31:15","date_gmt":"2012-02-17T15:31:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12263"},"modified":"2019-07-05T11:17:40","modified_gmt":"2019-07-05T09:17:40","slug":"griechenland-gleicht-einem-labyrinth-bei-dem-alle-ausgange-blockiert-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12263","title":{"rendered":"Griechenland gleicht einem Labyrinth, bei dem alle Ausg\u00e4nge blockiert sind"},"content":{"rendered":"<p>So sieht und f&uuml;hlt es Maria Margaronis, die in ihrem lesenswerten Text &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.thenation.com\/blog\/166215\/athens-burning\">Athens Burning<\/a>&ldquo; die Stimmung in der griechischen Hauptstadt beschreibt (<a href=\"\/?p=12221#h01\">Nachdenkseiten vom 15. Februar<\/a>). Nachdem das griechische Parlament am Sonntagabend die n&auml;chste Stufe des &bdquo;Sparprogramms&ldquo; verabschiedet hat, ist der Begriff &bdquo;Sackgasse&ldquo; zu einem Euphemismus geworden, der viel zu gem&uuml;tlich klingt. In einer Sackgasse kann man sich immerhin eine Zeitlang aufhalten und &uuml;ber einen Auswege nachdenken. Davon kann in Griechenland keine Rede sein. Das Land steht st&auml;ndig unter dem Druck alter &bdquo;deadlines&ldquo; &ndash; was w&ouml;rtlich &bdquo;Todesfristen&ldquo; bedeutet &ndash; und neuer Ultimaten. Und dieser Druck hat sich noch einmal erheblich versch&auml;rft, seitdem die M&ouml;glichkeit eines &bdquo;ungeordneten&ldquo; Bankrotts und des Herausfallens aus der Eurozone von einer abstrakten Drohung zu einer sehr konkreten Planung geworden ist, die in wichtigen Entscheidungszentren als &bdquo;Plan B&ldquo; vorangetrieben wird. Von <strong>Niels Kadritzke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie atemlose Folge horizontaler Einschnitte in die Masseneinkommen bei wachsender Steuerbelastung, steigenden Preisen und dramatisch zunehmender Arbeitslosigkeit trifft eine Gesellschaft, die akute Zersetzungserscheinungen zeigt. Es ist ja nicht nur so, dass es mit jeder neuen Versch&auml;rfung des verfehlten und kontraproduktiven Sparprogramms, das die Troika seit 2010 als Rettungsprogramm ausgibt, den meisten Menschen schlechter geht. Es geht ihnen schlechter, als sie es sich je vorstellen konnten (was noch einmal einen gro&szlig;en Unterschied ausmacht). Und am schlimmsten ist dabei das Gef&uuml;hl, dass der Alptraum nie zu Ende geht.<\/p><p>Das neue &bdquo;Memorandum&ldquo; der Troika, das die Regierung Papadimos abzeichnen und das Parlament verabschieden musste, dreht jene &ouml;konomische Todesspirale weiter, die ma&szlig;geblich zu der seit 2009 andauernden Rezession beigetragen hat. Die Drosselung der Masseneinkommen schl&auml;gt sich in einem &bdquo;Minuswachstum&ldquo; nieder, das die schlimmsten Erwartungen noch &uuml;bertrifft. 2011ist das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,8 Prozent geschrumpft. Das &bdquo;Minuswachstum&ldquo; seit Beginn der Krise summiert sich auf volle 16 Prozent. <\/p><p>Die Zahlen f&uuml;r 2011 bedeuten, dass die Prognosen auch f&uuml;r das laufende Jahr weiter nach unten korrigiert werden m&uuml;ssen. Bislang geht man in Br&uuml;ssel und Frankfurt noch von 2,5 Prozent &bdquo;Minuswachstum&ldquo; aus. Jetzt zeigt sich, dass die Rezession noch zulegt: im vierten Quartal 2011 lag das BIP um volle 7 Prozent unter dem des Vorjahrs. Deshalb ist heute ein Optimist, wer f&uuml;r 2012 ein &bdquo;Minuswachstum&ldquo; von 5 Prozent erwartet. Luka Katseli, die fr&uuml;here Wirtschaftsministerin der Papandreou-Regierung, rechnet mit minus 7 Prozent f&uuml;r 2012 und f&uuml;r 2013 (Ta Nea vom 16. Februar). Die neuen Sparziele, die eine weitere Reduzierung der Renten wie der Einkommen im privaten Sektor bedeuten, machen die von Regierungschef Papadimos ge&auml;u&szlig;erte Erwartung, das griechische BIP werde im zweiten Halbjahr 2013 wieder zulegen, zu einer tollk&uuml;hnen Illusion.<\/p><p>Die Sparbeschl&uuml;sse vom 11. Februar sind zum einen die sture Fortschreibung einer &bdquo;t&ouml;dlichen Therapie&ldquo;, die immer mehr &Ouml;konomen als solche identifiziert haben (zuletzt Peter Bofinger in seinem Gastkommentar in der SZ vom 15. Februar). Sie setzen dar&uuml;ber hinaus aber einen neuen Akzent, der den Abschwung weiter beschleunigt. Die fr&uuml;heren Sparprogramme zielten vorwiegend auf Einkommensk&uuml;rzungen f&uuml;r die Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Sektor, also in staatlichen &Auml;mtern und Beh&ouml;rden und bei den staatlichen oder halbstaatlichen Unternehmen. Das hatte insofern noch eine gewisse Logik, weil sich die K&uuml;rzungen in diesem Bereich als unmittelbare Einsparungen im Staatshaushalt niederschlugen. Die Besch&auml;ftigten im privaten Sektor waren zwar von erh&ouml;hten indirekten Steuern und Rentenk&uuml;rzungen betroffen, blieben aber als Lohnempf&auml;nger bewusst verschont, weil sie im Vergleich mit dem &ouml;ffentlichen Sektor ohnehin stark benachteiligt waren. Die Pasok-Regierung verfolgte damit auch ein taktisches Ziel, n&auml;mlich eine breitere Solidarisierung der Lohnempf&auml;nger des privaten Sektors mit den &bdquo;privilegierten&ldquo; Staatsbediensten zu verhindern.<\/p><p>Der von der Troika verlangte Angriff auf den allgemeinen Mindestlohn im privaten Sektor, der jetzt um 22 Prozent gek&uuml;rzt wurde, entzieht sich auf den ersten Blick jeder &bdquo;wirtschaftslogischen&ldquo; Erkl&auml;rung. Selbst der griechische Unternehmerverband hat in einer gemeinsamen Erkl&auml;rung mit den Gewerkschaften gefordert, dieses Symbol einer &bdquo;partnerschaftlichen&ldquo; Krisenstrategie nicht anzutasten. Das f&auml;llt der Kapitalseite auch deshalb leicht, weil in der aktuellen Konjunkturphase die Mindestl&ouml;hne nur eine periphere Rolle spielen. Die griechischen Unternehmen, die trotz Krise &uuml;berleben, bezahlen die Arbeitskraft ohnehin &uuml;ber dem Mindestlohn. Unternehmen dagegen, die in der Rezession um ihr &Uuml;berleben k&auml;mpfen, schieben die Gehaltszahlungen auf oder nehmen Abschl&auml;ge vor, die von den Belegschaften stumm geschluckt werden. Griechische Experten gehen davon aus, dass die H&auml;lfte aller Kleinbetriebe (und die meisten Freiberufler) ihren langj&auml;hrigen Angestellten monatelang das Gehalt schuldig bleiben. <\/p><p>Das gilt besonders f&uuml;r kleine Betriebe, in denen sich die Chefs mit den Angestellten zusammensetzen und sich eine &Uuml;berlebensstrategie ausdenken. Hier haben auch die Gewerkschaften keinerlei Verhandlungsmacht (zumal der Organisationsgrad im privaten Sektor bei etwa f&uuml;nf Prozent liegt). Die Bereitschaft der Lohnabh&auml;ngigen, in solchen Betrieben ein &bdquo;Rettungsopfer&ldquo; zu bringen, steigt nat&uuml;rlich in dem Ma&szlig;e, in dem die Hoffnung auf eine alternative Besch&auml;ftigung sinkt. Allein im letzten Jahr sind in Griechenland etwa 35 000 (vorwiegend kleine) Unternehmen Bankrott gegangen. Die Arbeitslosenrate ist offiziell auf 20,8 Prozent gestiegen (das ist die Zahl f&uuml;r November 2011), d&uuml;rfte aber nach diesem Winter 23 bis 24 Prozent erreichen.<\/p><p>All das wissen auch die Vertreter der Troika. Hat f&uuml;r sie der Mindestlohn also nur symbolische Bedeutung? Das hat er auch, vor allem als Signal an die anderen s&uuml;dlichen Defizitl&auml;nder. Aber nicht nur.  Denn die Senkung des Mindestlohns hat eine &bdquo;Nebenwirkung&ldquo;, die der eigentliche Zweck der &Uuml;bung ist: Auf Basis des Mindestlohns wird in Griechenland das Arbeitslosengeld berechnet. Die Leistungen f&uuml;r die Arbeitslosen sinken also ebenfalls um 22 Prozent. Konkret: Bislang bekam ein Arbeitsloser pro Monat 374 Euro (55 Prozent des Mindestlohns von 680 Euro). Bei einem auf 530 Euro reduzierten Mindestlohn sinkt diese Standard-Beihilfe (die anders als bei uns in Deutschland keinen Bezug zum individuellen Arbeitseinkommen hat) auf monatlich 291 Euro. Und gezahlt wird dieser Minibetrag f&uuml;r lediglich ein Jahr. <\/p><p>Warum hat die Troika auf diesem Punkt so unnachgiebig bestanden? Die Antwort liegt auf der Hand: Die steigende Arbeitslosigkeit belastet nat&uuml;rlich die Staatskasse; bei konstantem Arbeitslosengeld m&uuml;sste der Sozialetat kontinuierlich erh&ouml;ht werden; eine Gegenfinanzierung aber l&auml;sst der auferlegte Zwang zum Abbau des Haushaltsdefizits nicht zu. Da sich die Zahl der Arbeitslosen innerhalb der letzten zw&ouml;lf Monate um fast 50 Prozent erh&ouml;ht hat (von 14 auf fast 21 Prozent), bleibt f&uuml;r jeden der Betroffenen weniger &uuml;brig. Um auf keinen Fall den Sparzwang zu lockern, wird also auf Kosten der Schw&auml;chsten gespart. Und eine Erh&ouml;hung des Etats f&uuml;r die Arbeitslosen w&auml;re ja gleichbedeutend mit dem Eingest&auml;ndnis, dass die ganze Kalkulation, die dem Memorandum zugrunde liegt, aufgrund der ausgel&ouml;sten Rezession zur Makulatur geworden ist. <\/p><p>Regierungschef Papadimos hat vergeblich gehofft, die Troika mit dem Hinweis auf  diesen Zusammenhang zu einer Milderung der Sparvorgaben bewegen zu k&ouml;nnen. Als er Ende Januar zu Beratungen mit der EU-Kommission nach Br&uuml;ssel fuhr, schlug ihm jedoch ein eisiges Klima entgegen. Vorausgegangen war eine Salve &ouml;ffentlicher Kritik an der Athener Regierung, die auf den Vorwurf hinauslief, dass sie ihre &bdquo;Hausaufgaben&ldquo; nicht gemacht und damit die Voraussetzungen f&uuml;r die n&auml;chste Rettungstranche nicht erf&uuml;llt habe. Um diese Kritik zu entkr&auml;ften, legte Papadimos (nach einem Hintergrundsbericht der Zeitung Ta Nea  vom 4. Februar) seinen Kollegen der Eurozone folgende Statistiken vor, die ein neues Licht auf den bereits erzielten Schuldenabbau werfen.<\/p><ol>\n<li>Die Verschuldung des Prim&auml;rhaushalts (Saldo zwischen Einnahmen und Ausgaben ohne die Zinszahlungen f&uuml;r die Schuldenlast) ging von 10,6 Prozent des BIP f&uuml;r 2009 auf 2,4 Prozent f&uuml;r 2011 zur&uuml;ck. Diese Reduzierung des Prim&auml;rdefizits um 8,2 Prozentpunkte innerhalb von zwei Jahren ist f&uuml;r EU-Verh&auml;ltnisse einsamer Rekord.<\/li>\n<li>In der zweiten Statistik waren die Wirkungen des Konjunktureinbruchs herausgerechnet. Sie zeigt, dass ohne die Schrumpfung des griechischen BIP der Schuldenabbau noch radikaler gewesen w&auml;re: Das Haushaltsdefizit 2011 h&auml;tte dann nicht bei 9,2 Prozent des BIP (so die offizielle endg&uuml;ltige Zahl) sondern bei 5,3 Prozent des BIP gelegen; das w&auml;re gegen&uuml;ber 2009 ein Abbau um 10,5 Prozentpunkt gewesen (und damit um knapp 4 Prozentpunkte mehr als die real erzielten 6,6 Prozent).<\/li>\n<li>Mit einer dritten Statistik versuchte Papadimos zu belegen, dass die griechische Wirtschaft in den letzten beiden Jahren bereits erheblich &bdquo;konkurrenzf&auml;higer&ldquo; geworden ist. Ein wichtiger und von der Troika immer wieder angef&uuml;hrter Parameter sind die &bdquo;Arbeitskosten&ldquo;, die sich tats&auml;chlich zwischen 2000 und 2009 bezogen auf den Durchschnitt der 16 Eurozonen-Partner um 15 Prozent erh&ouml;ht haben (dass dies sehr viel mit den stagnierenden Arbeitskosten im &bdquo;powerhouse&ldquo; Deutschland zu tun hat, muss hier nicht noch einmal er&ouml;rtert werden). Diese Kennziffer ist aber in den letzten beiden Jahren wieder um 7,5 Prozentpunkte gefallen, anders formuliert: Die gemessen an den &bdquo;Arbeitskosten&ldquo; verlorene Konkurrenzf&auml;higkeit wurde also bereits zur H&auml;lfte wieder &bdquo;wettgemacht&ldquo;. Das versuchte Papadimos auch mit dem Hinweis auf die griechische Zahlungsbilanz zu untermauern: Das extrem hohe Defizit von fast 15 Prozent (2009) wurde innerhalb von zwei Jahren auf unter 10 Prozent, also um ein volles Drittel zur&uuml;ckgef&uuml;hrt (diese Entwicklung r&uuml;hrt allerdings st&auml;rker von der Drosselung der Importe als von der Ankurbelung der Exporte, die aber immerhin um zehn Prozent zugelegt haben).<\/li>\n<\/ol><p>Was Papadimos mit diesen Zahlen demonstrieren wollte, hat er am 5. Februar noch einmal vor dem griechischen Parlament erl&auml;utert: &bdquo;Es ist unbestreitbar, dass die Zumutungen f&uuml;r das griechische Volk ihre Grenzen erreicht haben. Die Bev&ouml;lkerung und die politischen Kr&auml;fte des Landes fragen sich, warum die gro&szlig;en Fortschritte bei der Stabilisierung der &ouml;ffentlichen Finanzen und hinsichtlich unserer wirtschaftlichen Konkurrenzf&auml;higkeit ebenso &uuml;bersehen, untersch&auml;tzt und nicht anerkannt werden wie die gewaltigen Opfer, die wir schon gebracht haben&hellip;. Trotz der Verz&ouml;gerungen bei der Umsetzung der Reformen haben wir bereits viel erreicht &ndash; und das mit gro&szlig;en &ouml;konomischen und sozialen Kosten, die sich in der anhaltenden Rezession und im Anstieg der Arbeitslosenrate auf &uuml;ber 20 Prozent niederschlagen. Dass unsere Bem&uuml;hungen, die bereits erzielten Fortschritte und die enormen sozio&ouml;konomischen Anpassungskosten nicht anerkannt werden, und dass wir zugleich von gewissen B&uuml;ndnispartnern st&auml;ndig kritisiert werden, all das macht das griechische Volk skeptisch und entt&auml;uscht; und es  schw&auml;cht die Bem&uuml;hungen, den Prozess der Reorganisierung unserer Wirtschaft zu vollenden.&ldquo;<\/p><p>Was Papadimos in klassischer Technokraten-Sprache dem eigenen Volk darlegte, wird er in &auml;hnlicher Form seinen Euro-Kollegen in Br&uuml;ssel nahegebracht haben. Dabei mag er gehofft haben, dass er als ein Nicht-Politiker, der vom griechischen Klientelsystem unbefleckt ist und in denselben Kategorien spricht und denkt wie seine Euroland-Kollegen, mehr Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Lage seines Volkes erwecken kann (die fand er nach griechischen Presseberichten nur beim Pr&auml;sidenten des Europ&auml;ischen Rats, Herman van Rompuy, der mit zweitem Vornamen &uuml;brigens Achilles hei&szlig;t). Dass sich Papadimos Hoffnungen als tr&uuml;gerisch erwiesen, besagt nicht, dass sie v&ouml;llig naiv waren. Immerhin haben sich in der &ouml;ffentlichen Debatte &ndash; und zumal unter realistischen &Ouml;konomen &ndash; die Bewertungen des griechischen &bdquo;Rettungsplans&ldquo; seit einiger Zeit deutlich verschoben (ein gutes Beispiel daf&uuml;r ist Peter Bofingers Analyse der &bdquo;T&ouml;dlichen Therapie&ldquo;, siehe oben). Auch unter den Politikern hat die Einsicht an Boden gewonnen, dass sich das Programm der Troika als kontraproduktiv erwiesen hat. Und selbst innerhalb der Troika zeigen sich in letzter Zeit einige Differenzen zwischen den Br&uuml;sseler Vertretern und dem IWF. So erkl&auml;rte der IWF-Unterh&auml;ndler in Athen, Poul Thomsen, gegen&uuml;ber der Athener Zeitung Kathimerini (vom 5. Februar) selbstkritisch, er sei f&uuml;r die sozialen Probleme anfangs nicht sensibel genug gewesen; doch immerhin habe seine Institution schon fr&uuml;h vor den &bdquo;Auswirkungen einer zu raschen Anpassung der &ouml;ffentlichen Finanzen&ldquo; gewarnt (was den IWF nat&uuml;rlich nicht von der Mitverantwortung f&uuml;r die Troika-Mission entbindet).<\/p><p>Die unerbittliche &bdquo;K&auml;lte&ldquo;, die der Athener Regierung seit einigen Wochen in Br&uuml;ssel, Berlin und anderswo entgegenschl&auml;gt und die &ouml;ffentliche Meinung Griechenlands mit einem Ultimatum nach dem anderen provoziert, zeigt vor allem eines: Die Bereitschaft der ma&szlig;geblichen Euro-L&auml;nder, einen (unkontrollierten) griechischen Staatsbankrott zu verhindern, hat dramatisch abgenommen. Das Ausscheiden Griechenland aus der Eurozone, das noch vor einem Jahr kein Thema war, ist heute &bdquo;far from unthinkable&ldquo;, wie es Martin Wolf in der FT vom 15. Februar formuliert. Wolf zitiert eine Studie des Chef&ouml;konomen der Citibank Group mit der Einsch&auml;tzung, &bdquo;dass die Wahrscheinlichkeit eines griechischen (Euro-)Austritts innerhalb der n&auml;chsten 18 Monate heute bei 50 Prozent liegt&ldquo;.<\/p><p>Darin spiegelt sich nicht nur das gestiegene &bdquo;Misstrauen&ldquo; gegen&uuml;ber Athen, das inzwischen auch fr&uuml;here (relative) Griechenland-Freunde wie Eurozonen-Chef Jean-Claude Juncker und Finanzminister Wolfgang Sch&auml;uble fast t&auml;glich artikulieren. Gestiegen ist auch das Vertrauen in die Wirksamkeit der &bdquo;Firewall&ldquo;, die den Rest der Eurozone vor den Folgen eines griechischen Bankrotts sch&uuml;tzen soll. &bdquo;Die Kosten eines griechischen Ausscheidens f&uuml;r den Rest der Eurozone sind geringer geworden&ldquo;, stellt Martin Wolf fest, &bdquo;entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass &hellip; man diesen Fall eintreten l&auml;sst.&ldquo;<\/p><p>Einen noch weitergehenden Paradigma-Wechsel in der Wahrnehmung der Krise hat Stathis Kalyvas, ein an der Yale University lehrender &Ouml;konom, schon Ende Januar in der Kathimerini beschrieben: &bdquo;Neuerdings beginnt die Meinung an Boden zu gewinnen, wonach Europa nicht nur einen griechischen Bankrott &uuml;berstehen kann, sondern dar&uuml;ber hinaus: dass der Untergang unseres Landes die Voraussetzung f&uuml;r die L&ouml;sung der Krise ist. Dieser Auffassung zufolge ist Griechenland nicht das erste Glied einer Kette von Staatspleiten, die zum Einst&uuml;tz der gesamten europ&auml;ischen Konstruktion f&uuml;hren, wie es bislang die herrschende Meinung war. Im Gegenteil: Jetzt wird Griechenland als ein vollkommen einmaliger Fall gesehen, ein Krebsgeschw&uuml;r, dessen Entfernung unabdingbare Voraussetzung daf&uuml;r ist, damit Europa erfolgreich gesch&uuml;tzt werden kann.&ldquo; Kalyvas geht davon aus, dass die Protagnisten der beschriebenen Auffassung die Trennlinie zwischen moribunden und therapief&auml;higen Euro-L&auml;ndern des S&uuml;dens zwischen Griechenland und Portugal ziehen. Eine Bef&uuml;rchtung, die aus griechischer Sicht inzwischen durch Wolfgang Sch&auml;uble best&auml;tigt wurde: Am selben Tag, an dem die EU-Finanzminister ihren Kollegen Venizelos mit scharfen R&uuml;gen beladen nach Athen zur&uuml;ckschickten, versicherte er seinem portugiesischen Kollegen in einem zuf&auml;llig belauschten Gespr&auml;ch, dass man sich mit Lissabon &uuml;ber eine Milderung des Sparprogramms unterhalten k&ouml;nne (Bericht der Agentur Bloomberg vom 13. Februar).<\/p><p>Solche Details werden heute in Griechenland h&ouml;chst sensibel registriert. So beschreibt der Publizist Pavlos Tsimas in seiner Ta Nea-Kolumne vom 11. Februar eine Episode, die er Zeit seines Lebens nicht vergessen werde. Was seinem Land noch bevorsteht, sei ihm erst bei der Pressekonferenz des EZB-Pr&auml;sidenten Mario Draghi am 9. Februar vollends klargeworden: &bdquo;Der erkl&auml;rte in mokantem Tonfall: &sbquo;Griechenland ist ein Sonderfall &ndash; in jeder Hinsicht&rsquo;, was rundum ein h&ouml;hnisches Gel&auml;chter ausl&ouml;ste.&ldquo; Das habe ihn an eine andere Szene erinnert: wie Merkel und Sarkozy auf eine Frage nach Griechenland auf &auml;hnlich ironische Weise reagierten, wie Monate zuvor auf eine Frage &uuml;ber Berlusconi. &bdquo;Aber der l&auml;cherliche Cavalliere ist nur eine Einzelperson, Griechenland dagegen ist ein ganzes Volk, das es nicht verdient hat, zum Gesp&ouml;tt der M&auml;chtigen gemacht zu werden.&ldquo;<\/p><p>Was Tsimas hier &uuml;ber sein Empfinden schreibt, ist von gro&szlig;er Bedeutung. Wenn ein polyglotter Publizist, der selbst ein scharfsinniger Kritiker der griechischen Verh&auml;ltnisse ist, sich von der Arroganz der &bdquo;m&auml;chtigen Freunde&ldquo; verletzt f&uuml;hlt, wie sehen dann die Reaktionen der &bdquo;einfachen Griechen&ldquo; aus? Der Kleingewerbetreibenden, der Lohnabh&auml;ngigen, der Rentner und der Arbeitslosen, die alle paar Wochen nicht nur immer neue Eingriffe in ihre Lebensverh&auml;ltnisse, sondern auch immer neue Dem&uuml;tigungen erleben. Man k&ouml;nnte den Eindruck gewinnen, als gebe es irgendwo in Br&uuml;ssel oder in Berlin eine Art politischen Generalstab, der sich vorgenommen hat, die &ouml;ffentliche Meinung in Griechenland so zu provozieren, dass dieses unerw&uuml;nschte V&ouml;lkchen sich von selbst aus Europa verabschiedet. Als sehe man in diesen Kreisen das Haupthindernis f&uuml;r das &bdquo;griechische Problem&ldquo; darin, dass immer noch 70 Prozent der Bev&ouml;lkerung so realistisch sind, die R&uuml;ckkehr zur Drachme als die &ouml;konomische und soziale Katastrophe wahrzunehmen. Als wolle man diese unerfreulich &bdquo;rationalen&ldquo; Griechen bei ihrer &bdquo;Schw&auml;che&ldquo;, n&auml;mlich ihrer W&uuml;rde und ihrem verletzten Nationalstolz packen. Durch die Drohung mit einem europ&auml;ischen Hochkommissar f&uuml;r Griechenland; durch den Vorschlag, die griechischen Steuereinnahmen auf ein Sperrkonto einzuzahlen; durch die Idee, dass alle politischen Parteien Griechenlands einen Treueid auf die Sparziele des Memorandums zu leisten h&auml;tten. Fehlt nur noch, dass man von jedem griechischen B&uuml;rger einen schriftlichen Demonstrationsverzicht verlangt. Dann w&uuml;rden die Griechen endlich so irrational reagieren, wie man sie sich immer vorgestellt hat.<\/p><p>Die Idee ist in den Augen der Hauptgl&auml;ubiger offenbar gar nicht so absurd. Die Athener Kathimerini vom 17. Februar berichtet, w&auml;hrend der Telefonkonferenz der Eurogroup vom 15. Februar h&auml;tten Finanzminister von L&auml;ndern, die noch &uuml;ber ein AAA-Rating verf&uuml;gen, von ihrem Kollegen Venizelos gefordert, dass die Verpflichtungen der griechischen Regierung auch von der griechischen Presse unterst&uuml;tzt werden. Ob das so stimmt, ist nicht zu verifizieren. Aber die Forderung passt ganz zu den &ouml;ffentlichen &Auml;u&szlig;erungen, die der deutsche Finanzminister inzwischen gemacht hat. Wer den von den Griechen f&uuml;r Ende April geplanten Termin f&uuml;r Parlamentswahlen f&uuml;r &bdquo;sehr bedenklich&ldquo; erkl&auml;rt, w&uuml;rde offenbar am liebsten nicht nur die demokratischen Verfahren, sondern auch die Souver&auml;nit&auml;t eines ganzen Volkes suspendieren.  <\/p><p>Nach dem zitierten Katimerini-Bericht hat Regierungschef Papadimos die Einsch&auml;tzung ge&auml;u&szlig;ert, dass &bdquo;eine Gruppe &ouml;konomisch starker L&auml;nder der Eurozone die Entwicklung auf die Spitze treibt, indem sie st&auml;ndig neue Forderungen und neue Themen auf den Tisch bringen&ldquo;. Dass diese Gruppe inzwischen den deutschen Finanzminister einschlie&szlig;t (der vor einigen Wochen in Athen noch als zug&auml;nglicher F&uuml;rsprecher Griechenlands galt), wird durch die Einsch&auml;tzung der heutigen FAZ best&auml;tigt: &bdquo;Offenbar ist Sch&auml;uble mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem er bereit w&auml;re, die Zahlungsunf&auml;higkeit Athens zu riskieren&hellip; Die Folgewirkungen eines Ausfalls Griechenlands scheint er mittlerweile f&uuml;r beherrschbar zu halten.&ldquo;<\/p><p>Mit dem letzten Satz benennt die FAZ den Hauptgrund f&uuml;r Sch&auml;ubles Sinneswandel. Damit best&auml;tigt sich die oben zitierte Einsch&auml;tzung des FT-Kolumnisten Martin Wolf &uuml;ber die Bereitschaft der &bdquo;Kerneurop&auml;er&ldquo;, Griechenland in der Eurozone zu halten: &bdquo;Die Kosten eines griechischen Ausscheidens f&uuml;r den Rest der Eurozone sind geringer geworden; entsprechend ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass &hellip; man diesen Fall eintreten l&auml;sst.&ldquo;<\/p><p>Die gro&szlig;e Frage ist allerdings: Und wenn es sich nur um einen Bluff handelt? Dieser Ansicht h&auml;ngen in Griechenland immer noch viele B&uuml;rger und auch etliche Politiker an. Zum Beispiel Giorgos Karatsaferis, der Chef der rechtsradikalen Laos. Der ist aus der Regierung Papadimos ausgeschieden, weil er den neuesten Sparauflagen aus Br&uuml;ssel nicht zustimmen wollte. Seine Begr&uuml;ndung: Die bluffen nur, und wenn wir nicht mitmachen, werden sie einknicken, denn sie haben immer noch Angst, dass die ganze EU explodiert. <\/p><p>Wie weit diese Meinung in Griechenland verbreitet ist, wie die &uuml;brigen politischen Parteien auf die aktuelle Krisensituation reagieren, und wie die politische Landschaft nach den f&uuml;r April geplanten Wahlen aussehen k&ouml;nnte, wird in einem weiteren Beitrag zu untersuchen sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sieht und f&uuml;hlt es Maria Margaronis, die in ihrem lesenswerten Text &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.thenation.com\/blog\/166215\/athens-burning\">Athens Burning<\/a>&ldquo; die Stimmung in der griechischen Hauptstadt beschreibt (<a href=\"\/?p=12221#h01\">Nachdenkseiten vom 15. Februar<\/a>). Nachdem das griechische Parlament am Sonntagabend die n&auml;chste Stufe des &bdquo;Sparprogramms&ldquo; verabschiedet hat, ist der Begriff &bdquo;Sackgasse&ldquo; zu einem Euphemismus geworden, der viel zu gem&uuml;tlich klingt. In einer<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12263\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,173,156],"tags":[423,1045,653,654],"class_list":["post-12263","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-griechenland","category-schulden-sparen","tag-austeritaetspolitik","tag-grexit","tag-pasok","tag-troika"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12263","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12263"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12263\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53125,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12263\/revisions\/53125"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12263"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12263"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12263"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}