{"id":122641,"date":"2024-10-09T09:00:08","date_gmt":"2024-10-09T07:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122641"},"modified":"2024-10-17T10:05:29","modified_gmt":"2024-10-17T08:05:29","slug":"emmanuel-todd-russlands-rolle-im-weltgeschehen-hat-mich-immer-erstaunt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122641","title":{"rendered":"Emmanuel Todd: \u201eRusslands Rolle im Weltgeschehen hat mich immer erstaunt\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Emmanuel Todd<\/strong> ist ein franz&ouml;sischer Historiker und Sozialanthropologe, der f&uuml;r seine unkonventionellen Ansichten bekannt ist und zahlreiche hochgelobte B&uuml;cher verfasst hat. Das j&uuml;ngste ist &bdquo;Der Westen im Niedergang&ldquo;, das dieses Jahr ver&ouml;ffentlicht wurde. <a href=\"https:\/\/globalaffairs.ru\/authors\/nataliya-rutkevich\/\"><strong>Natalia Rutkewich<\/strong><\/a> hat dem Wissenschaftler im Auftrag der russischen Online-Zeitschrift <em>Russia in Global Affairs<\/em> einige Fragen gestellt. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Natalia Rutkewich: Der Begriff der &bdquo;Werte&ldquo; ist in der &ouml;ffentlichen politischen Diskussion h&auml;ufig zu h&ouml;ren. Die liberale Welt behauptet deren Universalit&auml;t, w&auml;hrend die illiberale Welt von traditionellen und famili&auml;ren Werten spricht und auf deren Originalit&auml;t beharrt. Beides ist politische Rhetorik, eine H&uuml;lse, die aber angesichts des Informationscharakters der modernen Gesellschaft eine gro&szlig;e Rolle spielt. Kann man sagen, dass das oben beschriebene Zerw&uuml;rfnis die Art der weltweiten Konfrontation bestimmt?<\/strong><\/p><p><strong>Emmanuel Todd: <\/strong>Die Frage der Werte ist wirklich wichtig, aber sie ist nur ein Teil der Auseinandersetzungen und Streitigkeiten in der Welt. Wenn ich &uuml;ber die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen oder andere zwischenstaatliche Konflikte spreche, w&uuml;rde ich nicht mit den Werten beginnen, sondern mit der Analyse des Kr&auml;fteverh&auml;ltnisses.<\/p><p>Ich vertrete die Auffassung der Realisten im Sinne von John Mearsheimer, die der Meinung sind, dass die Schl&uuml;sselrolle in den Weltkonflikten von den Rivalit&auml;tsbeziehungen der Gro&szlig;m&auml;chte gespielt wird. In diesem Zusammenhang ist der Ausgangspunkt der Konfrontation zwischen Russland und den Vereinigten Staaten und ihren Vasallen (ich sehe die Japaner und die Europ&auml;er eher als Vasallen der Vereinigten Staaten denn als echte Verb&uuml;ndete) der Zusammenbruch der Sowjetmacht.<\/p><p>Das Verschwinden der Sowjetunion erweckte die Illusion eines Triumphs des Westens, obwohl sich der Westen zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der UdSSR bereits in einem Zustand des wirtschaftlichen und kulturellen Niedergangs befand, der Mitte der 1960er-Jahre begann. Die Globalisierung, die durch das Verschwinden des sowjetischen Rivalen beschleunigt wurde, f&uuml;hrte zu einer erheblichen Schw&auml;chung der US-amerikanischen Industrie sowie der Volkswirtschaften Gro&szlig;britanniens, Frankreichs, Deutschlands und in gewissem Ma&szlig;e auch Japans. Ich m&ouml;chte daher zun&auml;chst auf die tieferen Ursachen der Verschiebung des Kr&auml;fteverh&auml;ltnisses zuungunsten des Westens hinweisen, darunter den R&uuml;ckgang der Produktion, den Mangel an Ingenieuren und den allgemeinen Niedergang des Bildungssystems, der in den USA ab 1965 und in Frankreich ab 1995 einsetzte.<\/p><p><strong>Warum diese Daten?<\/strong><\/p><p>Das sind Meilensteine des Wandels in den Bildungssystemen. In den USA wurde 1965 ein Gesetz zur Entwicklung der Grundschul- und Sekundarschulbildung verabschiedet. Das sollte die richtige Ma&szlig;nahme sein, um den Zugang zum Lernen zu verbessern. Doch laut Leistungstests sind die Leistungen der Universit&auml;tskandidaten seit 1965 r&uuml;ckl&auml;ufig, sei es in Mathematik, Sprechen oder Schreiben.<\/p><p>In Frankreich stieg die Zahl der Sch&uuml;ler, die einen Sekundarschulabschluss erreichten, bis 1995 in allen sozialen Schichten an. Danach ging sie einige Jahre lang zur&uuml;ck und begann dann wieder zu steigen &ndash; aber nicht, weil das Wissensniveau gestiegen ist, sondern weil die Anforderungen an die Pr&uuml;fer gesunken sind.<\/p><p>Und diese Prozesse leiteten den Beginn der Restratifizierung ein <em>(Anm. Red.: von lateinisch stratum &bdquo;Decke&ldquo;: Schichtung)<\/em>, den Trend zur Vertiefung der Ungleichheit und zur Isolierung der Eliten. Waren fr&uuml;her alle Absolventen von Lyzeen (Gymnasien) relativ gleich, so wird jetzt bei der Zulassung zu einer Hochschule darauf geachtet, an welchem Lyzeum der Bewerber seinen Abschluss gemacht hat, um zu verstehen, ob die Note der Realit&auml;t entspricht.<\/p><p><strong>Liegt also das Problem im Bildungsbereich?<\/strong><\/p><p>Unter anderem, aber am Ende kommen wir zu dem, was ich f&uuml;r den Hauptgrund der Schw&auml;chung des Westens halte: das allm&auml;hliche Verschwinden der Grundlagen, die seine wahre St&auml;rke ausmachten. An erster Stelle steht die protestantische Ethik (die englische, deutsche, US-amerikanische, skandinavische und so weiter) und ihre Werte der Erziehung, Disziplin und Arbeit.<\/p><p>In meinem Buch &bdquo;Der Westen im Niedergang&ldquo; beschreibe ich den Westen als eine Zivilisation, die die Grenze ihrer eigenen F&auml;higkeit erreicht hat, den Rest der Welt auszubeuten. Der Westen lebt von der billigen Arbeit chinesischer Arbeiter, Kinder aus Bangladesch, ganz allgemein von der brutalen Ausbeutung anderer L&auml;nder. Er will seine privilegierte Stellung beibehalten, w&auml;hrend die anderen Weltakteure damit immer weniger zufrieden sind.<\/p><p>Ich sehe also die weltweite Konfrontation durch das Prisma der Macht- und Ausbeutungsverh&auml;ltnisse, aber ich stelle fest, dass die bestehenden Systeme die Werte aktiv als Instrument des Kampfes einsetzen.<\/p><p><strong>Inwieweit entsprechen Ihrer Meinung nach Slogans, die liberale oder konservative Werte preisen, der Realit&auml;t in den Gesellschaften, in denen sie verk&uuml;ndet werden?<\/strong><\/p><p>Der Diskurs &uuml;ber die liberale Demokratie, &uuml;ber &bdquo;westliche Werte&ldquo; ist ein unverzichtbares Element der offiziellen westlichen Rhetorik, aber er wird haupts&auml;chlich f&uuml;r die Au&szlig;enwelt verwendet, sozusagen f&uuml;r den Export. Im Inneren unserer Gesellschaften haben wir aber l&auml;ngst erkannt, dass unsere Demokratie in einer tiefen Krise steckt. Die Anzeichen daf&uuml;r sind offensichtlich: Trumps Aufstieg in den USA, die wachsende Popularit&auml;t der Partei Rassemblement Nationale in Frankreich, der Aufstieg der extremen Rechten in Deutschland zum Beispiel. Wir stellen fest, dass unsere Demokratien aus internen, endogenen Gr&uuml;nden geschw&auml;cht werden.<\/p><p>Ein gewisses Ma&szlig; an pers&ouml;nlicher Freiheit bleibt bestehen &ndash; ich kann zum Beispiel meine Meinung frei &auml;u&szlig;ern, ich werde nicht eingesperrt; obwohl man mich regelm&auml;&szlig;ig beschuldigt, ein Agent des Kremls zu sein. Aber ich ver&ouml;ffentliche in Frankreich B&uuml;cher, die sich sehr gut verkaufen. Das zeigt, dass unser Land immer noch pluralistisch ist und die Menschen sich nicht darauf beschr&auml;nken, die offiziellen Medien zu verfolgen.<\/p><p>Es gibt nach wie vor ein gewisses Spektrum anderer Meinungen, auch wenn ich, sagen wir, in den staatlichen Fernsehsendern eine Persona non grata bin, was f&uuml;r ein Land, das &bdquo;&uuml;ber die Meinungsfreiheit wacht&ldquo; und andere L&auml;nder &ndash; insbesondere Russland &ndash; belehrt, nat&uuml;rlich unglaublich ist.<\/p><p>Was die Werte des anderen Lagers angeht, so glaube ich nicht an die propagierte Auffassung von Russlands religi&ouml;sem Widerstand gegen den Westen, von einer Art orthodoxer Wiedergeburt. Der Kommunismus wurde in Russland durch den Niedergang der orthodoxen Kirche erm&ouml;glicht, der der Revolution von 1917 vorausging, so wie die Franz&ouml;sische Revolution von 1789 durch die Krise der katholischen Kirche zwischen 1730 und 1789 erm&ouml;glicht wurde. Ich bin nicht gegen den Versuch, ein konservatives religi&ouml;ses B&uuml;ndnis darzustellen, aber ich sehe den Kern der Konfrontation anders.<\/p><p>Die internationale Positionierung Russlands, dessen Staatsform ich als &bdquo;autorit&auml;re Demokratie&ldquo; bezeichne, spiegelt meiner Ansicht nach den Kernwert dieses Landes wider &ndash; das Ideal der nationalen Souver&auml;nit&auml;t. Die beiden Kernwerte, die heute aufeinanderprallen, sind also einerseits das Ideal der Globalisierung unter Kontrolle der USA und andererseits das Ideal der nationalen Souver&auml;nit&auml;t, das Russland verk&ouml;rpert.<\/p><p>Dies f&uuml;hrt zu interessanten Widerspr&uuml;chen. Als franz&ouml;sischer Staatsb&uuml;rger genie&szlig;e ich ein relativ hohes Ma&szlig; an Freiheit in einer Gesellschaft, die ihre Unabh&auml;ngigkeit weitgehend verloren hat und von au&szlig;en kontrolliert wird. Ein russischer B&uuml;rger hingegen hat sehr viel weniger Freiheiten, aber sein Land ist souver&auml;n. Wer ist also freier &ndash; ich oder ein B&uuml;rger der Russischen F&ouml;deration? Das ist eine wirklich wichtige und interessante Frage.<\/p><p><strong>In Russland ist der Begriff &bdquo;Weltmehrheit&ldquo; popul&auml;r geworden, mit dem wir uns auf die nichtwestliche Welt beziehen. Es ist klar, dass diese Welt riesig und &auml;u&szlig;erst heterogen ist und dass in ihr viele Konflikte schwelen oder schlummern. Ist es Ihrer Meinung nach dennoch m&ouml;glich, von einer Gemeinschaft au&szlig;erhalb des Westens zu sprechen, gibt es etwas Verbindendes? Und wie legitim ist es, von traditionellen Werten als etwas zu sprechen, das die Kulturen verbindet? Traditionen sind &uuml;berall unterschiedlich.<\/strong><\/p><p>In der Tat ist der Westen selbst alles andere als homogen. In meinem neuen Buch erkl&auml;re ich ausf&uuml;hrlich die Unterschiede in den historischen Familien- und Politikmodellen, die in den verschiedenen L&auml;ndern, die Teil des westlichen Blocks geworden sind, bestanden. Nehmen wir zum Beispiel Japan oder Deutschland. Die liberale Demokratie wurde ihnen mit US-amerikanischer Waffengewalt aufgezwungen; sie sind nicht auf nat&uuml;rliche Weise zu ihr gekommen. Das hei&szlig;t, der heutige Westen ist vor allem unter der F&uuml;hrung der Vereinigten Staaten geeint, dank ihrer milit&auml;rischen Kontrolle &uuml;ber den Block. Das zweite Element, das den westlichen Block zusammenh&auml;lt, besteht darin, den gr&ouml;&szlig;ten Nutzen aus der Globalisierung zu ziehen. Die Unterordnung unter die Vereinigten Staaten und die Ausbeutung des Rests der Welt sind die Merkmale, die es rechtfertigen, ihn als Teil des Westens zu bezeichnen.<\/p><p>Der Rest der Welt, der sogenannte &bdquo;Nicht-Westen&ldquo;, stellt eine gro&szlig;e Vielfalt dar. Russland und China, die L&auml;nder, die oft miteinander verglichen werden, sind zwei v&ouml;llig unterschiedliche und meiner Meinung nach unvergleichbare Systeme &ndash; das erste ist dem autorit&auml;ren Modell n&auml;her, das zweite dem totalit&auml;ren. Die arabische Welt ist gespalten. Indien, das eine Demokratie ist, ist eine einzigartige Kombination aus einer hinduistischen Mehrheit, einer gro&szlig;en sunnitischen Mehrheit und einer kleinen christlichen Minderheit. Afrika ist eine ganz eigene, riesige Welt. Brasilien schlie&szlig;lich, das durch seine Mitgliedschaft in den BRICS ein strategischer Partner Russlands und Chinas ist, steht dem Westen im Geiste immer noch recht nahe.<\/p><p>Das Einzige, was diese gro&szlig;e, zersplitterte Welt, die Sie als &bdquo;Weltmehrheit&ldquo; bezeichnen, eint, ist der Wunsch, sich von der westlichen Ausbeutung zu befreien.<\/p><p>Diese Weltmehrheit entstand als Reaktion auf die letzten Bem&uuml;hungen eines Imperiums, das in der Illusion seiner fr&uuml;heren Macht lebte und seine Vorherrschaft in der Welt aufrechterhalten wollte. Die Weltmehrheit entstand, als Russland beschloss, die Vereinigten Staaten herauszufordern und die &bdquo;Herren der Welt&ldquo; von ihrem Sockel zu st&uuml;rzen. Niemand glaubte, dass so etwas m&ouml;glich sei, niemand wagte einen solchen Schritt. Doch allm&auml;hlich beginnen immer mehr Menschen, sich als Teil ebendieser weltweiten Mehrheit zu begreifen, die sich weigert, den US-Amerikanern zu gehorchen. Es ist &auml;u&szlig;erst interessant, diesen Prozess zu beobachten. Die Geschichte ist wieder in Bewegung!<\/p><p>Generell hat mich die Rolle Russlands im Weltgeschehen immer wieder erstaunt. W&auml;hrend der kommunistischen &Auml;ra war Russland der Motor der Weltgeschichte, und jetzt nimmt es diese Rolle wieder auf und zeigt eine erstaunliche Entschlossenheit bei der Verteidigung der Souver&auml;nit&auml;t der gro&szlig;en Nationen (nicht aller, aber der gro&szlig;en). Dar&uuml;ber hinaus ist Russland zu einer Art Anziehungspunkt f&uuml;r diejenigen geworden, die die westliche LGBT-Ideologie nicht akzeptieren (und hier kommen wir wieder auf die Frage der Werte zur&uuml;ck). Es ist erw&auml;hnenswert, dass die LGBT-Frage weit &uuml;ber die Ordnungen der liberalen Demokratie hinausgeht und in den Mittelpunkt der internationalen Beziehungen r&uuml;ckt.<\/p><p><strong>Was meinen Sie damit?<\/strong><\/p><p>Als ich in meinem vorherigen Buch &uuml;ber Feminismus die Entwicklung der Rechte sexueller Minderheiten untersuchte, wurde mir klar, dass diese Fragen f&uuml;r die Geopolitik von zentraler Bedeutung sind, weshalb ich beschloss, mein n&auml;chstes Werk geopolitischen Themen zu widmen. Der Westen war bemerkenswert naiv, weil er nicht erkannte, dass seine LGBT-Ideologie vom Rest der Welt nicht so angenommen wird, wie er es erwartet hatte. Dieser offensichtliche Mangel an Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Welt um ihn herum hat Russland eine riesige Chance er&ouml;ffnet, sich als konservative Macht auf der Weltb&uuml;hne zu positionieren, denn der Widerstand gegen die westliche LGBT-Ideologie ist viel st&auml;rker, als der Westen zu denken gewohnt ist. Es geht um etwas anderes als nur um die Verteidigung der Rechte sexueller Minderheiten. Diese Minderheiten hat es schon immer gegeben, und ihr Recht auf eine w&uuml;rdige und friedliche Existenz scheint mir selbstverst&auml;ndlich zu sein. Das &bdquo;T&ldquo; in LGBT ist jedoch von ganz anderer Art. Transgeschlechtlichkeit ist im Wesentlichen eine Leugnung der biologischen Realit&auml;t. Ich spreche als anthropologischer Wissenschaftler: Die Behauptung, ein Mensch k&ouml;nne sein Geschlecht &auml;ndern, ist eine Form von Nihilismus, eine Flucht vor der Realit&auml;t. Der moderne Westen ist von diesem Nihilismus ergriffen, und die LGBT-Ideologie wird zu seinem zentralen Symbol.<\/p><p>Entgegen den Erwartungen des Westens wird diese Ideologie jedoch fast &uuml;berall abgelehnt und hat Allianzen in Gesellschaften geschaffen, die sich vor ihrer Radikalit&auml;t f&uuml;rchten und nicht bereit sind, dem Westen zu folgen.<\/p><p>Russland spielt eine Schl&uuml;sselrolle als Anziehungspunkt f&uuml;r all jene, die sich der Verzerrung der Realit&auml;t widersetzen und mit dem nihilistischen Kurs des Westens nicht einverstanden sind.<\/p><p><strong>Sie haben den Zusammenbruch der UdSSR auf der Grundlage von demografischen Indikatoren und Daten zur Arbeitsproduktivit&auml;t erwartet. Wenn Sie dieselbe Methodik auf das heutige Russland und andere gro&szlig;e L&auml;nder anwenden, was w&uuml;rden Sie dann erhalten?<\/strong><\/p><p>Der Indikator, der mir den Mut gab, den Zusammenbruch der UdSSR vorherzusagen, war der Anstieg der S&auml;uglingssterblichkeit zwischen 1970 und 1974, gefolgt von der Einstellung der Datenver&ouml;ffentlichung. Die S&auml;uglingssterblichkeit ist einer der wichtigsten Indikatoren, der nicht nur den Zustand des Gesundheitswesens, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden der Gesellschaft widerspiegelt. Im Jahr 2020 lag die S&auml;uglingssterblichkeit in Russland bei 4,4 pro 1.000 Lebendgeburten, w&auml;hrend sie in den Vereinigten Staaten mit 5,4 h&ouml;her war. In meinem Buch f&uuml;hre ich verschiedene demografische und wirtschaftliche Indikatoren an, aber der Schl&uuml;sselindikator ist die Kindersterblichkeit. Im Jahr 2023 begann die Kindersterblichkeitsrate in den USA wieder zu steigen.<\/p><p><strong>Die Demokratie ver&auml;ndert ihr Wesen. Sie wandelt sich von einem Instrument zur Gew&auml;hrleistung der Legitimit&auml;t durch die Meinung der B&uuml;rger und einem Mittel f&uuml;r legitime Ver&auml;nderungen zu einem Mittel zur Aufrechterhaltung des Status quo und zur Vermeidung von Ver&auml;nderungen, die diesen in Frage stellen k&ouml;nnten. Regulatorische und informatorische Manipulation ist in jedem Land ein fester Bestandteil von Wahlen. Wie geht es weiter?<\/strong><\/p><p>F&uuml;r mich ist klar, dass wir nicht mehr in einer Demokratie leben. Im Jahr 2008 habe ich ein Buch mit dem Titel &bdquo;Apr&egrave;s la d&eacute;mocratie&ldquo; (Nach der Demokratie) ver&ouml;ffentlicht. 2005 stimmte das franz&ouml;sische Volk in einem Referendum gegen die Verfassung der Europ&auml;ischen Union, aber es wurde beschlossen, diese Entscheidung zu ignorieren und den Vertrag von Lissabon anzunehmen. Damit wurde deutlich gezeigt, dass es keine Demokratie mehr gibt. Und was sich in den letzten Monaten in Frankreich abgespielt hat, als das Land in einer akuten politischen Krise ganz normal ohne Regierung existierte, best&auml;tigt diese Tatsache nur.<\/p><p>Das Leben geht nach der Demokratie weiter. Wenn man das Konzept der liberalen Oligarchie akzeptiert, was unsere derzeitige Regierungsform ist, wird klar, dass es sich um ein ganz anderes System handelt.<\/p><p>F&uuml;r mich ist das eigentliche Problem der Niedergang all dessen, was den Westen erfolgreich gemacht hat, insbesondere des Protestantismus (ich glaube, die modernen Evangelikalen sind etwas ganz anderes). Der Protestantismus brachte eine universelle Bildung, eine kollektive Regierung und eine starke individuelle Moral. Dann brachen die Religionen zwar zusammen, wurden aber durch das ersetzt, was ich &bdquo;Zombie-Formen der Religiosit&auml;t&ldquo; nenne &ndash; s&auml;kulare b&uuml;rgerliche &Uuml;berzeugungen. Aber jetzt sind wir in eine Phase der &bdquo;Null-Religion&ldquo; eingetreten, in der es keine kollektiven &Uuml;berzeugungen mehr gibt.<\/p><p>Ich sehe den Westen als eine Zivilisation, die ihr moralisches und soziales Kapital ersch&ouml;pft hat. Viele Menschen sorgen sich heute um die Ersch&ouml;pfung der Energieressourcen, aber ich sorge mich um die Ersch&ouml;pfung der sozialen und moralischen Ressourcen, die wir von unserer religi&ouml;sen Basis geerbt haben. Das religi&ouml;se Erbe, das auf das Mittelalter zur&uuml;ckgeht, war eine Art Treibstoffreserve, die den Aufstieg des Westens befeuerte. Doch diese Ressource ist nun ersch&ouml;pft. Die Atomisierung unserer Gesellschaften, die &Uuml;beralterung der Bev&ouml;lkerung, die Fruchtbarkeitsprobleme, die Deindustrialisierung und die Unf&auml;higkeit zu kollektivem Handeln, die die religi&ouml;se Krise mit sich gebracht hat, machen mich besorgt und traurig, da ich selbst aus dem Westen stamme. England, Frankreich, die USA &ndash; meine Familiengeschichte ist mit all diesen L&auml;ndern verbunden, und es f&auml;llt mir schwer, ihren Niedergang zu beobachten.<\/p><p>Dennoch denke ich, dass Europa fr&uuml;her oder sp&auml;ter sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss, es wird nicht f&uuml;r immer unter der Obhut der Vereinigten Staaten bleiben. Die europ&auml;ischen L&auml;nder haben aus Freiheit und Verantwortung gelernt, dass es nicht leicht ist, frei zu sein. Heute f&auml;llt es schwer, dies zu glauben, aber langfristig sehe ich die Wiederherstellung der Autonomie des europ&auml;ischen Kontinents dank der Ann&auml;herung zwischen Russland und Deutschland voraus &ndash; zwei L&auml;nder, die den Totalitarismus &uuml;berlebt haben und die f&uuml;r Europa immer eine besondere Bedeutung hatten. Ich hoffe auch auf die Wiederbelebung des urspr&uuml;nglichen europ&auml;ischen Trios &ndash; Deutschland, Italien und Frankreich &ndash;, die gemeinsam Europa der Kontrolle der USA entziehen k&ouml;nnten, die derzeit um eine Achse organisiert ist, die Gro&szlig;britannien, Skandinavien, Polen und die Kiewer Ukraine umfasst.<\/p><p><em>Der Beitrag ist urspr&uuml;nglich im russischen Original <a href=\"https:\/\/globalaffairs.ru\/articles\/rol-rossii-todd\/\">hier erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Oestani, CC BY-SA 4.0 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0<\/a>, via Wikimedia Commons<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=92632\">Emmanuel Todd: &bdquo;Der 3. 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Das j&uuml;ngste ist &bdquo;Der Westen im Niedergang&ldquo;, das dieses Jahr ver&ouml;ffentlicht wurde. <a href=\"https:\/\/globalaffairs.ru\/authors\/nataliya-rutkevich\/\"><strong>Natalia Rutkewich<\/strong><\/a> hat dem Wissenschaftler im Auftrag der russischen Online-Zeitschrift <em>Russia in Global Affairs<\/em> einige Fragen gestellt. 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