{"id":122697,"date":"2024-10-08T12:00:29","date_gmt":"2024-10-08T10:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122697"},"modified":"2024-10-08T12:18:14","modified_gmt":"2024-10-08T10:18:14","slug":"israel-und-iran-einst-eine-liebesbeziehung-ohne-heiratsurkunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122697","title":{"rendered":"Israel und Iran: Einst eine \u201eLiebesbeziehung ohne Heiratsurkunde\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Iran und Israel haben keine gemeinsame Grenze, bisher niemals direkt Krieg gegeneinander gef&uuml;hrt und keine gegenseitigen territorialen Anspr&uuml;che. Trotzdem haben sich seit der Revolution von 1979 die Beziehungen beider Staaten stetig verschlechtert &ndash; bis hin zu den iranischen Raketenangriffen auf Israel, denen israelische Schl&auml;ge gegen Verb&uuml;ndete, Vertreter und diplomatische Einrichtungen Irans, &uuml;berwiegend in Syrien und im Libanon, vorangingen. Von <strong>Ramon Schack<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Kriegsgefahr zwischen beiden Staaten ist real. Das war nicht immer so. Unter der Pahlavi-Herrschaft und besonders seit dem Beginn der Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts pflegten Israel und der Iran intensivste Beziehungen, welche seinerzeit mit Recht als eine Art strategische Allianz charakterisiert wurden. Obwohl zwischen beiden Staaten damals nur informelle Beziehungen bestanden, pflegte man auf dem internationalen diplomatischen Bankett das Bonmot von &bdquo;einer Liebesbeziehung ohne Heiratsurkunde&ldquo;. Iran ist ein schiitischer, nichtarabischer Staat in einer &uuml;berwiegend sunnitischen und arabischen Region, mit einer reichen Geschichte von Konflikten und Kriegen mit seinen arabischen und auch nichtarabischen muslimischen Nachbarn. Aufgrund dieser geografischen und ethnokulturellen Rahmenbedingungen, der permanenten Bedrohung seitens der fr&uuml;heren UdSSR und unter dem Aspekt der au&szlig;enpolitischen Westorientierung des Pahlavi-Regimes betrachtete man damals in Teheran Israel als einen nat&uuml;rlichen Verb&uuml;ndeten.<\/p><p><strong>Ben Gurions Theorie der &bdquo;peripheren Staaten&ldquo;<\/strong><\/p><p>Israel, welches in den Jahren nach der Staatsgr&uuml;ndung ums &Uuml;berleben k&auml;mpfte und sich um Anerkennung und Legitimit&auml;t in der islamischen Welt bem&uuml;hte, erkannte deshalb schon fr&uuml;h, dass der Iran einen idealen Alliierten darstellt. Der vom damaligen &auml;gyptischen Pr&auml;sidenten militant propagierte Panarabismus wurde nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in Teheran als ernst zu nehmende Herausforderung interpretiert. Das vom ersten israelischen Ministerpr&auml;sidenten David Ben Gurion entwickelte Konzept der &bdquo;peripheren Staaten&ldquo; wurde umgehend so etwas wie ein au&szlig;enpolitisches Credo Tel Avivs in den fr&uuml;hen Jahren des j&uuml;dischen Staates. Israel war damals von feindseligen arabischen Staaten umgeben, deshalb war es nach Auffassung Ben Gurions zwingend erforderlich, freundschaftliche Beziehungen zu den Nachbarn der Nachbarstaaten aufzubauen, um die geografische Isolation in der Region zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Zu diesen &bdquo;peripheren Staaten&ldquo; z&auml;hlten neben dem kaiserlichen Iran auch die T&uuml;rkei und &Auml;thiopien. Diesbez&uuml;glich spielte der Iran f&uuml;r Israel eine besondere Rolle, schon aufgrund der geografischen und demografischen Gr&ouml;&szlig;e, des &ouml;konomischen Potenzials und nat&uuml;rlich, weil es sich um einen islamischen, nichtarabischen Staat handelte, welcher keinen Grund f&uuml;r eine kriegerische Auseinandersetzung mit dem j&uuml;dischen Staat hatte. Die historische Erinnerung an den persischen Kaiser Kyros den Gro&szlig;en, der die babylonische Gefangenschaft der Juden beendete, spielte m&ouml;glicherweise in der an Geschichtsmythen reichen Region auch eine Rolle. Die engen Beziehungen beider Staaten wurden unmittelbar nach dem Sturz der Pahlavi-Dynastie beendet. Die Islamische Republik betrachtet Israel bis heute als Feindesland und als ein illegitimes Gebilde, dessen Existenz den nationalen Interessen wie auch der Verbreitung der islamischen Revolution fundamental gegen&uuml;bersteht.<\/p><p><strong>Khomeinis Dogmen<\/strong><\/p><p>Die Wurzeln dieser feindseligen Haltung gegen&uuml;ber Israel liegen unter anderem in Khomeinis Dogmen begr&uuml;ndet. In seinem Buch &uuml;ber die &bdquo;Islamische Republik&ldquo; behauptete Ayatollah Khomeini, dass der Islam von Anfang an unter den Juden gelitten habe. Ferner thematisierte Khomeini die &bdquo;Zionistische Herrschaft &uuml;ber Jerusalem&ldquo; sowie die Tatsache, dass Israel als ein Br&uuml;ckenkopf des US-Imperialismus in der gesamten Region fungiere. Gegen&uuml;ber der j&uuml;dischen Minderheit im Lande wurden nach der Revolution allerdings tolerantere Positionen formuliert. Khomeini konnte und wollte weder die neu begr&uuml;ndete Loyalit&auml;t der j&uuml;dischen Minorit&auml;t ignorieren noch die im Koran definierte Verantwortung muslimischer Herrscher gegen&uuml;ber den Juden &uuml;bergehen. Am Vorabend der &bdquo;Islamischen Revolution&ldquo; von 1979 lebten sch&auml;tzungsweise 100.000 Juden im Iran.<\/p><p><strong>Die Islamische Revolution als Z&auml;sur<\/strong><\/p><p>Die Revolution und die Errichtung einer islamischen Theokratie waren eine tiefgreifende Z&auml;sur und ein Desaster f&uuml;r die j&uuml;dische Gemeinde im Iran. Zwar kam es im Iran nicht zu antij&uuml;dischen Ausschreitungen wie in vielen arabischen Staaten &ndash; die Verfassung definiert Juden als Dhimmis, als Schutzbefohlene, und man ist bislang eifrig darum bem&uuml;ht, die antizionistische Doktrin nicht auf die iranischen Juden zu &uuml;bertragen &ndash;, doch f&uuml;hrte die Etablierung der Islamischen Republik und die damit einhergehende Ernennung des schiitischen Islams zur Staatsreligion zu einer graduellen Verschlechterung der Situation religi&ouml;ser Minderheiten. Rund 75 Prozent der iranischen Juden haben seit der Revolution zusammen mit Millionen anderen Iranern das Land verlassen. Nach Ansicht von Prof. David Menashri, dem Vorsitzenden der Vereinigung der iranischen Juden in Israel, leben insgesamt eine Viertelmillion Juden iranischer Herkunft in Israel. Menashri bezeichnet die Einwanderung iranischer Juden nach Israel als eine Erfolgsgeschichte. Neben dem ehemaligen Pr&auml;sidenten Moshe Katzaw sei auch der ehemalige Verteidigungsminister Shaul Mofaz geb&uuml;rtiger Iraner sowie eine Reihe von bedeutenden Pers&ouml;nlichkeiten des &ouml;ffentlichen Lebens.<\/p><p>Menashri, der als einer der f&uuml;hrenden Iran-Experten weltweit gilt, weist darauf hin, dass die Mehrzahl der Juden, die den Iran verlassen haben, nicht nach Israel, sondern in die USA gezogen sind, und dort speziell nach Los Angeles, dem globalen Zentrum der iranischen Diaspora.<\/p><p>Vor dem Hintergrund dieser historischen Entwicklung sind die in den letzten Jahren von den iranischen Machthabern ge&auml;u&szlig;erten Tiraden gegen Israel und das institutionalisierte Geschichtsverst&auml;ndnis Europas als eine Konstante der iranischen Au&szlig;enpolitik zu erkl&auml;ren und stellen kein Novum dar. Dem amtierenden israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu sind die intimen Kenntnisse des Nahen und Mittleren Ostens sowie die geostrategische Ausgangslage der Region weit weniger bekannt als dem Staatsgr&uuml;nder David Ben Gurion.<\/p><p><strong>Israelischer Milit&auml;rhistoriker: &bdquo;Die Gefahr einer iranischen Atombombe wird permanent &uuml;bertrieben.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Benjamin Netanjahu hat von Anbeginn seiner Amtszeiten vor der &bdquo;iranischen Bombe&ldquo; gewarnt.<\/p><p>Was die Gefahr eines iranischen Atomprogramms angeht, so hat ihm eine Reihe von profilierten Experten im eigenen Land schon &ouml;fter widersprochen. So stellte der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan vor einigen Jahren fest, als Netanjahu eine milit&auml;rische Option gegen Teheran thematisierte, dass ein israelischer Angriff auf iranische Anlagen die Atombombe nicht aufhalten w&uuml;rde. Der damalige Chef des Inlandsgeheimdienstes Juval Diskins verdammte die Iran-Politik Netanjahus sogar in Bausch und Bogen. Ferner &auml;u&szlig;erte der israelische Milit&auml;rhistoriker Martin van Creveld: &bdquo;Die Gefahr einer iranischen Atombombe wird permanent &uuml;bertrieben.&ldquo;<\/p><p>Laut der iranischen Nachrichtenagentur <em>Fars<\/em> erkl&auml;rte das Korps der Iranischen Revolutionsgarden (IRGC), dass der Raketenangriff als eine Reaktion auf die Ermordung des Hamas-F&uuml;hrers Ismail Haniyya, des Hisbollah-Generalsekret&auml;rs Hassan Nasrallah und des IRGC-Kommandeurs Abbas Nilforushan im Libanon zu bewerten sei. Teheran warnte diesbez&uuml;glich:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Wenn Israel darauf reagiert, wird es einen vernichtenden Schlag erleiden.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Wie weit die israelische Seite darauf zu reagieren gedenkt, ist bisher unbekannt. Es steht aber zu bef&uuml;rchten, dass die Gefahr einer massiven milit&auml;rischen Auseinandersetzung steigt.<\/p><p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/TJEHz-DMBnY?si=iJEjNgCfoPptmXgP\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Josh Namdar<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113973\">Irans Milit&auml;roperation gegen Israel &ndash; Vergeltung, Warnung oder Lehre?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122083\">Bundesregierung zu Gaza und Libanon: Russland greift gezielt zivile Infrastruktur an &ndash; Israel tut das nicht<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122510\">Bundesregierung und ihre eklatante Doppelmoral: Gute israelische Bomben, b&ouml;se iranische Raketen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113580\">Die iranische Strategie in der Nahmittelost-Region oder das Boiling-Frog-Syndrom<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Iran und Israel haben keine gemeinsame Grenze, bisher niemals direkt Krieg gegeneinander gef&uuml;hrt und keine gegenseitigen territorialen Anspr&uuml;che. Trotzdem haben sich seit der Revolution von 1979 die Beziehungen beider Staaten stetig verschlechtert &ndash; bis hin zu den iranischen Raketenangriffen auf Israel, denen israelische Schl&auml;ge gegen Verb&uuml;ndete, Vertreter und diplomatische Einrichtungen Irans, &uuml;berwiegend in Syrien<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122697\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":122698,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,171],"tags":[1519,3293,3260,951,1557,2301,1926,2283,1281],"class_list":["post-122697","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-atomwaffen","tag-bellizismus","tag-feindbild","tag-iran","tag-israel","tag-konfrontationspolitik","tag-netanjahu-benjamin","tag-revolution","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/shutterstock_2482523061.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=122697"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":122712,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122697\/revisions\/122712"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/122698"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=122697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=122697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=122697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}