{"id":1227,"date":"2006-06-24T13:54:36","date_gmt":"2006-06-24T11:54:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1227"},"modified":"2019-07-25T18:45:54","modified_gmt":"2019-07-25T16:45:54","slug":"kopfpauschale-und-privatisierung-im-krankenversicherungswesen-fuhren-nicht-weiter-dafur-gibt-es-auch-keine-politische-mehrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1227","title":{"rendered":"Kopfpauschale und Privatisierung im Krankenversicherungswesen f\u00fchren nicht weiter, daf\u00fcr gibt es auch keine politische Mehrheit."},"content":{"rendered":"<p>Ein Kommentar zum Gesundheitsgutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Wirtschaftsministerium und zum Stand der Beratungen &uuml;ber die Reform der Krankenversicherung von der ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des DGB und Sozialpolitikerin, Ursula Engelen-Kefer.<br>\n<!--more--><br>\nKOMMENTAR ZUM GESUNDHEITSGUTACHTEN DES WIRTSCHAFTSMINISTERIUMS UND ZUM STAND DER BERATUNGEN &Uuml;BER DIE REFORM DER KRANKENVERSICHERUNG<\/p><p>GUTACHTERLICHE VERPACKUNG VON KOPFPAUSCHLE UND PRIVATISIERUNG F&Uuml;HREN NICHT WEITER<br>\nF&Uuml;R KOPFPAUSCHE UND PRIVATISIERUNG GIBT ES KEINE POLITISCHE MEHRHEIT<\/p><p>URSULA ENGELEN-KEFER<br>\nEhemalig Vize des DGB<\/p><p>Schuster bleib bei deinen Leisten! Das gilt auch f&uuml;r den Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium f&uuml;r Wirtschaft und Technologie.  Das sollte auch f&uuml;r den Bundeswirtschaftsminister Michael Glos gelten.<\/p><p>Unter dem Vorsitz von Professor Axel B&ouml;rsch-Supan hat der Beirat das Gutachten &bdquo;Mehr Wettbewerb im System der Gesetzlichen Krankenversichtung&ldquo; erarbeitet. Dieses wurde am 22. Juni 2006 von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos vorgestellt, der ganz auf der Linie des Wissenschaftlichen Beirats  der Kopfpauschale im derzeitigen Tauziehen um die  Reform der Krankenversicherung  eine Bresche lagen will.<\/p><p>Ich kenne Professor B&ouml;rsch-Supan aus der so genannten &bdquo;R&uuml;rup &ndash;Kommission&ldquo;. Dort sind wir wegen der Kopfpauschale in der Gesetzlichen Krankenversicherung bereits heftig aneinander geraten.<\/p><p>Nun ist zwar nichts gegen mehr Wettbewerb auch im Gesundheitswesen einzuwenden. Es muss jedoch zun&auml;chst immer gefragt werden: Wettbewerb wozu &ndash; und warum nur f&uuml;r die gesetzliche und nicht auch f&uuml;r die private Krankenversicherung?<\/p><p>Und deshalb m&uuml;ssen erhebliche Zweifel an der Aussagef&auml;higkeit dieses Gutachtens angemeldet werden. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Der gute Klang des Wettbewerbs muss her, um die wahren Absichten zu verpacken. Die einkommensabh&auml;ngigen Beitr&auml;ge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sollen durch eine einkommensunabh&auml;ngige Kopfpauschale ersetzt werden. Diese m&uuml;ssten dann nat&uuml;rlich von beiden Partnern einer Familie bezahlt werden. Die beitragsfreie Mitversicherung des nicht erwerbst&auml;tigen Partners w&auml;re damit beendet.<\/p><p>Dabei ist sp&auml;testens seit den vorgezogenen Bundestagswahlen vom 17. September 2005 klar: F&uuml;r Kopfpauschalen zur Finanzierung der Gesetzlichen Krankenversicherung gibt es in Deutschland keine Mehrheit &ndash; warum auch? Dies w&auml;re eine Umverteilung der Kosten f&uuml;r die Gesetzliche Krankenversicherung von unten nach oben. Das wissen auch die Bef&uuml;rworter der Kopfpr&auml;mie. Deshalb schlagen sie einen sozialen Ausgleich &uuml;ber Steuern vor. Dieser w&uuml;rde zwischen 25 und 35 Mrd. Euro im Jahr kosten. Rund zwei Drittel der Bundesb&uuml;rger &ndash; etwa 70 Prozent der Bev&ouml;lkerung des Landes &ndash; w&auml;ren damit auf solche steuerliche Ausgleichsleistungen angewiesen.<br>\nAnhand des j&auml;hrlichen unw&uuml;rdigen &ouml;ffentlichen Schauspiels um die Bundeszusch&uuml;sse zur Bundesagentur f&uuml;r Arbeit &ndash; ganz aktuell zu Hartz IV &ndash; kann sich jeder ausmalen, welches Gerangel um k&uuml;nftige steuerlichen Zusch&uuml;sse zur gesetzlichen Krankenversicherung es Jahr f&uuml;r Jahr geben w&uuml;rde.<br>\nZudem zeigt das Beispiel der Schweiz, wo es diese Kopfpauschalen in der gesetzlichen Krankenversicherung bereits seit l&auml;ngerem gibt, dass ein solches System zu unbeherrschbaren Kostensteigerungen im Gesundheitswesen f&uuml;hrt. Die Folgen sind: st&auml;ndige Debatten um h&ouml;here finanzielle Belastungen der Versicherten und Patienten sowie weitere Leistungsausgrenzungen aus dem Katalog der Gesundheitsleistungen.<\/p><p>Angesichts solcher eklatanten M&auml;ngel waren solche Kopfpr&auml;mien-Vorschl&auml;ge schnell vom Reformtisch des Machbaren verschwunden. Doch gab dann allerdings die &ouml;ffentliche Pr&auml;sentation weiterer Rechenkunstst&uuml;cke, wie man diese Riesenbetr&auml;ge den Arbeitnehmern auch noch ganz oder zumindest teilweise aus der Tasche ziehen k&ouml;nnte. Beispielsweise in dem die Beitragsanteile der Arbeitgeber den Arbeitnehmern &uuml;bertragen w&uuml;rden und damit zus&auml;tzlich zu versteuern w&auml;ren. Gl&uuml;cklicherweise gab es dazu bisher keine politische R&uuml;ckendeckung.<\/p><p>Nach dem W&auml;hlervotum vom September 2005 sollten eigentlich auch die Bef&uuml;rworter von Kopfpauschalen begriffen haben, dass in der Grossen Koalition hierf&uuml;r die Mehrheit fehlt. Aber &Uuml;berzeugungst&auml;ter geben wohl nie auf.<\/p><p>Eingeschlichen haben sie sich auch in die derzeitigen fieberhaften Arbeiten der gro&szlig;en Koalition an der Gesundheitsreform. Deshalb ist Wachsamkeit geboten. Wenn es um die Zukunft der Gesundheitsversorgung geht, steht f&uuml;r die Menschen in diesem Lande zu viel auf dem Spiel.<\/p><p>Im &ouml;sterlichen Stern-Interview &uuml;berraschte uns der Fraktionsvorsitzende von CDU und CSU Volker Kauder mit einem Vorschlag zur Sanierung der gesetzlichen Krankenversicherung, n&auml;mlich mit einem Gesundheitsfonds und einer &bdquo;klitzekleinen Kopfpauschale&ldquo;. Obwohl die hierzu gebildete gemeinsame Expertengruppe aus Vertretern der beiden Koalitionspartner seit Wochen hart arbeitet, gibt es noch viel Nebel um die bis zum Ende des Monats angek&uuml;ndigten Eckpunkte f&uuml;r die Gesundheitsreform.<\/p><p>Die solidarische gesetzliche Krankenversicherung hat nur dann eine Zukunft, wenn der soziale Ausgleich &ndash; zwischen h&ouml;heren und niedrigeren Einkommen, jung und alt, gesund und krank, mit und ohne Familie &ndash; nach wie vor &uuml;ber einkommensbezogene Beitr&auml;ge erfolgt. Dies scheint sich bei beiden Koalition&auml;ren durchzusetzen. Wichtig und richtig ist die wachsende Erkenntnis, dass auch Arbeitnehmer mit Einkommen &uuml;ber der Versicherungspflichtgrenze (3.937,50 Euro.) und Einkommen &uuml;ber der Beitragsbemessungsgrenze (3.562,50 Euro) zur solidarischen Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung herangezogen werden sollen.<br>\nUnverzichtbar ist ebenfalls eine st&auml;rkere Einbeziehung von Kapitalertr&auml;gen, deren Bedeutung am Wohlstandszuwachs gegen&uuml;ber Einkommen aus abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung zunimmt. Es ist auch durchaus &uuml;berlegenswert, dass in der Regierungskoalition ernsthaft dar&uuml;ber nachgedacht wird, bei bestimmten Leistungen allm&auml;hlich eine Verlagerung der finanziellen Belastung von den Beitr&auml;gen aus abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung auf Steuern vorzunehmen. Entscheidend f&uuml;r eine gerechte Umfinanzierung ist allerdings, dass eine derartige Finanzierung &uuml;ber Steuern nicht wieder untere und mittlere Einkommen trifft, sondern auch hohe Einkommen, Unternehmensgewinne und hohe Kapitalertr&auml;ge einbezieht.<\/p><p>Deshalb muss die anstehende Gesundheitsreform auch in einem engen Zusammenhang mit der ebenfalls geplanten Reform der Unternehmensbesteuerung gestaltet werden. Eine weitere Entlastung der Besteuerung von K&ouml;rperschaften w&auml;re der falsche Weg.<\/p><p>Weniger Zuversicht ist bei der Frage angebracht: Wie h&auml;lt man es mit den Arbeitgeberbeitr&auml;gen. Die Vorschl&auml;ge reichen von der vollst&auml;ndigen Entkoppelung der Beitr&auml;ge von den L&ouml;hnen und Geh&auml;ltern, vom Einfrieren bei 6 oder 6,5 Prozent bis zum Auszahlen an die Arbeitnehmer. Danach wollen und sollen die Arbeitgeber von der finanziellen Verantwortung f&uuml;r die &ldquo;Ausgabendynamik&rdquo; im Gesundheitswesen entbunden werden.<\/p><p>Diejenigen, die dies am lautst&auml;rksten propagieren, reden am h&auml;ufigsten vom &ldquo;Wachstumsmarkt&rdquo; Gesundheitswesen &ndash; offensichtlich in der Erwartung, dass die finanziellen Belastungen allein von den Arbeitnehmern getragen werden sollen, die Vorteile jedoch den Unternehmen zugute kommen sollen.<\/p><p>Bleibt nur zu hoffen, dass eine derartige Schieflage bei den anstehenden Reformen in der Verteilung von Chancen und Lasten verhindert werden kann.<\/p><p>Die Gutachter haben Recht, wenn sie einen Risikostrukturausgleich zwischen den Krankenkassen fordern, der die Krankheitsrisiken ber&uuml;cksichtigt. Der derzeitige Ausgleich auf der Grundlage vor allem des Lebensalters und der Einkommensh&ouml;he reicht keinesfalls aus. Ein derartiger morbidit&auml;tsorientierter Risikostrukturausgleich ist unerl&auml;sslich, wenn endlich der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen nicht mehr um die g&uuml;nstigsten Krankheitsrisiken, sondern um die Qualit&auml;t der Gesundheitsleistungen erfolgen soll. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Koalition&auml;re dieser Erkenntnis anschlie&szlig;en und dabei nicht auf halber Strecke stecken bleiben.<\/p><p>Bliebe noch die gro&szlig;e Unbekannte: Wie h&auml;lt man es mit der privaten Krankenversicherung. Die dort angewandte Rosinenpickerei der g&uuml;nstigsten Risiken und die praktische Zwei-Klassenmedizin in Arztpraxen und Krankenh&auml;usern gibt es nur in Deutschland. Es ist h&ouml;chste Zeit, die private Krankenversicherung in die Solidarit&auml;t f&uuml;r die Gesundheitsversorgung einzubeziehen.<\/p><p>Dazu geh&ouml;rt genauso die Beteiligung an einem morbidit&auml;tsorientierten Risikostrukturausgleich wie gleiche Bedingungen bei Gesundheitsleistungen und Geb&uuml;hrens&auml;tzen f&uuml;r gesetzliche und private Krankenversicherungen. Nur dann kann es &uuml;berhaupt einen echten Wettbewerb um die beste Qualit&auml;t zu beherrschbaren Kosten geben. Indem sie in ihrem Gutachten die private Krankenversicherung nicht einbezogen, haben die Gutachter des Bundeswirtschaftsministers diese Konsequenz nicht gezogen.<\/p><p>Nat&uuml;rlich haben die Gutachter Recht, dass mehr Vertragsfreiheit zwischen Krankenversicherungen und Leistungserbringern, die Abschaffung des &bdquo;Zwangsvertragsmonopols&ldquo; der Kassen&auml;rztlichen Vereinigungen sowie Kontrahierungszwang und Preisdiskriminierungsverbot bei den Krankenversicherungen unerl&auml;sslich ist, wenn die &bdquo;Effizienzreserven&ldquo; im Gesundheitswesen genutzt werden sollen.<\/p><p>Es w&auml;re zu empfehlen, dass sie mithelfen, die diesbez&uuml;glichen Vorschl&auml;ge der Koalitionsarbeitsgruppe auch in die politische Entscheidungsfindung und dann vor allem in die Praxis umzusetzen.<\/p><p>Die bisherigen Bem&uuml;hungen der amtierenden Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ihres langj&auml;hrigen Vorg&auml;ngers &ndash; Horst Seehofer &ndash; waren richtig, aber erfolglos. Bleibt nur zu hoffen, dass den wochenlangen, tagelangen und n&auml;chtelangen Sitzungen der Koalitionsarbeitsgruppe nicht ein &auml;hnliches Schicksal beschieden sein wird.<\/p><p>Es wird &ndash; selbst wenn diese Vorschl&auml;ge in Gesetzesform gegossen w&uuml;rden &ndash; lange Zeit brauchen, bis sie zu der dringend notwendigen Verbesserung der Qualit&auml;t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen f&uuml;hren. Dass sie dazu beitragen k&ouml;nnen, die L&uuml;cke von 9 Mrd. Euro bis zum Jahre 2008 zu schlie&szlig;en &ndash; dieser Illusion k&ouml;nnen sich auch unverbesserliche Optimisten nicht hingeben.<\/p><p>Die Menschen in Deutschland erwarten zu Recht L&ouml;sungen in diesen f&uuml;r sie lebenswichtigen Fragen zur Zukunft der solidarischen gesetzlichen Krankenversicherung. Wenig hilfreich sind gutachterliche Verpackungen von Kopfpauschale und Privatisierung.<\/p><p>Die Menschen brauchen mehr als nebul&ouml;se Darstellungen eines wie auch immer gearteten Gesundheitsfonds. Sie werden beide Koalitionsparteien an der Stichhaltigkeit ihrer Antworten messen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentar zum Gesundheitsgutachten des Wissenschaftlichen Beirats beim Wirtschaftsministerium und zum Stand der Beratungen &uuml;ber die Reform der Krankenversicherung von der ehemaligen stellvertretenden Vorsitzenden des DGB und Sozialpolitikerin, Ursula Engelen-Kefer.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149],"tags":[579,704,768,769,485],"class_list":["post-1227","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gesundheitspolitik","tag-boersch-supan-axel","tag-gesundheitsreform","tag-gkv","tag-kopfpauschale","tag-pkv"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1227"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53723,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1227\/revisions\/53723"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}