{"id":12280,"date":"2012-02-20T08:43:31","date_gmt":"2012-02-20T07:43:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12280"},"modified":"2019-02-15T12:32:26","modified_gmt":"2019-02-15T11:32:26","slug":"die-neue-wohnungsnot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12280","title":{"rendered":"Die neue Wohnungsnot"},"content":{"rendered":"<p>&Uuml;ber 600 K&auml;ltetote in Ost- bzw. Ostmitteleuropa erregten zuletzt gro&szlig;es Aufsehen. Gleichzeitig explodiert die Zahl der Obdachlosen in Griechenland, das von der EU und dem IWF &bdquo;kaputtsaniert&ldquo; wird, geradezu. Dort ist es zwar w&auml;rmer als im Osten des Kontinents, ein Leben auf der Stra&szlig;e aber nicht minder besch&auml;mend, besonders f&uuml;r jene &bdquo;Neuarmen&ldquo;, die als unmittelbare Opfer der rigiden &bdquo;Sparauflagen&ldquo; des Finanzimperialismus vom sozialen Absturz betroffen sind. Auch hierzulande sind erfrorene und an offenen Feuern verbrannte Obdachlose zu beklagen, ohne dass sich Politik und &Ouml;ffentlichkeit bisher ernsthaft mit dem Problem besch&auml;ftigt h&auml;tten. Dabei geh&ouml;rt eine warme Wohnung aufgrund der klimatischen Gegebenheiten bei uns zur verfassungsrechtlich gesch&uuml;tzten Menschenw&uuml;rde. Sein Obdach etwa im Falle der &Uuml;berschuldung durch eine Zwangsr&auml;umung zu verlieren bedeutet einen Schritt in die absolute, extreme oder existenzielle Armut. Von Christoph Butterwegge.<br>\n<!--more--><br>\nW&auml;hrend die Statistiker beispielsweise genau erfassen, wie viele Rammler es gibt, fehlen offizielle Zahlen dar&uuml;ber, wie viele Menschen ohne Wohnung dastehen. Umso notwendiger ist die Forderung an den Bund, f&uuml;r eine solide Datengrundlage zu sorgen, die es bisher nur in wenigen Bundesl&auml;ndern gibt. Nach einem deutlichen R&uuml;ckgang w&auml;hrend der 1990er-Jahre existieren Sch&auml;tzungen der BAG Wohnungslosenhilfe zufolge in der Bundesrepublik heute wieder fast 250.000 Wohnungslose, von denen ca. 22.000 auf der Stra&szlig;e leben. Darunter befinden sich immer weniger Berber oder Trebeg&auml;nger, wie die &bdquo;klassischen&ldquo; Obdachlosen genannt wurden. Stattdessen steigt die Zahl der Mittelschichtangeh&ouml;rigen, von Selbstst&auml;ndigen, Freiberuflern und akademisch Gebildeten, die gewisserma&szlig;en &bdquo;in die Gosse&ldquo; abrutschen.<\/p><p>Was man als Hauptmann-von-K&ouml;penick-Paradox bezeichnen kann, dringt langsam vom Rand ins Zentrum der Gesellschaft vor: Wer keine Arbeit hat, bekommt keine Wohnung, und wer keine Wohnung hat, bekommt keine Arbeit. Aus diesem Grund besetzte der straf- entlassene Schuster Friedrich Wilhelm Voigt, als kaiserlicher Offizier verkleidet, in Carl Zuckmayers ber&uuml;hmter Tragikom&ouml;die von 1930 mit unterwegs seinem Kommando unterstellten kaiserlichen Gardesoldaten das Rathaus einer nahe Berlin gelegenen Stadt, konnte sich dort aber nicht den ersehnten Pass besorgen, weil die daf&uuml;r zust&auml;ndige Amtsstelle wider Erwarten fehlte.<\/p><p>Zwar spricht alle Welt von &bdquo;Hartz IV&ldquo; und der &bdquo;Bildungsarmut&ldquo; bei Kindern mit Migrationshintergrund, aber (fast) niemand &uuml;ber Wohnungsnot, die vielen Menschen droht, wenn man dieser Gefahr nicht entschlossener als bisher entgegenwirkt. Die &uuml;berraschende Schlie&szlig;ung ihres Betriebes, die K&uuml;ndigung des eigenen Arbeitsverh&auml;ltnisses sowie Ehekonflikte und Suchterkrankungen sind zwar Ausl&ouml;ser, nicht jedoch Ursachen der zunehmenden Wohnungslosigkeit, die in den bestehenden Gesellschaftsstrukturen, den herrschenden Eigentumsverh&auml;ltnissen und sich h&auml;ufenden sozio&ouml;konomischen Krisenerscheinungen gesucht werden m&uuml;ssen.<\/p><p>Wenn die Wohnungen ebenso wie Waschmaschinen, Weinregale und W&uuml;rstchen als Waren be- und gehandelt werden, k&ouml;nnen Menschen ohne bzw. mit geringem Einkommen auf dem entsprechenden Markt nicht mithalten. Seit geraumer Zeit wird Arbeit (f&uuml;r die Unternehmer) immer billiger, Wohnraum (f&uuml;r die Niedrigl&ouml;hner) immer teurer. W&auml;hrend die Reall&ouml;hne sinken, steigen die Mieten &ndash; jedenfalls in den Ballungszentren und Boomtowns der Bundesrepublik. Die sich zuspitzenden Probleme auf manchen lokalen Wohnungsm&auml;rkten erwachsen aus dem heutigen Finanzmarktkapitalismus, dessen Hauptakteure das Immobiliengesch&auml;ft erobern, wenn man st&auml;dtische Wohnungsbaugesellschaften privatisiert, Private-Equity-Firmen (&bdquo;Heuschrecken&ldquo;) wie Blackstone, Cerberus oder Fortress massenhaft kommunale Wohnungsbest&auml;nde aufkaufen, die f&uuml;r sie attraktive Spekulationsobjekte darstellen, und ganze Stadtviertel einem Prozess der Gentrifizierung unterworfen werden. Vormals preisg&uuml;nstige Mietwohnungen werden teilweise systematisch heruntergewirtschaftet, saniert und zu teuren Eigentumswohnungen gemacht. Au&szlig;erdem wird &bdquo;Betongold&ldquo; im Gefolge der Finanz-, Wirtschafts- und W&auml;hrungskrise immer beliebter, weil die Anleger weitere Bankpleiten und B&ouml;rsenzusammenbr&uuml;che f&uuml;rchten. Dadurch steigen in bevorzugten Stadtlagen fast automatisch die Immobilienpreise und in deren Gefolge die Mieten. Eine &uuml;berbordende Nachfrage bedeutet letztlich Mietmonopoly, also Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt.<\/p><p>Die durch zahlreiche Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenreformen verschiedener Bundesregierungen vorangetriebene US-Amerikanisierung des Sozialstaates f&uuml;hrt zwangsl&auml;ufig zu einer US-Amerikanisierung der Sozialstruktur (Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich), einer US-Amerikanisierung der Stadtentwicklung (Spaltung der Gro&szlig;st&auml;dte in Luxusquartiere, sog. Gated Communities, und Armengettos oder &bdquo;Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf&ldquo;, wie sie besch&ouml;nigend genannt werden) und nicht zuletzt einer US-Amerikanisierung des sozialen Klimas (Reichtum gilt als Belohnung f&uuml;r &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo;, Armut als gerechte Strafe f&uuml;r &bdquo;Leistungsverweigerer&ldquo;).<\/p><p>Mittlerweile ist der Wohlfahrtsstaat hierzulande so weit demontiert, dass er selbst Wohnungslosigkeit produziert. Genannt seien im Rahmen von Hartz IV das Aus- und Umzugsverbot f&uuml;r Unter-25-J&auml;hrige, die rigide Sanktionspraxis f&uuml;r diese Personengruppe (v&ouml;llige Streichung des Arbeitslosengeldes II einschlie&szlig;lich der Aufwendungen f&uuml;r Unterkunft und Heizung nach der zweiten Pflichtverletzung) sowie die im Fr&uuml;hjahr 2011 neu geschaffene M&ouml;glichkeit zur Erm&auml;chtigung der Kommunen durch das jeweilige Bundesland, eine Mietobergrenze oder eine Wohnpauschale festzusetzen. Dies w&uuml;rde einer Gettoisierung bzw. einer sozialr&auml;umlichen Segregation der Armutspopulation, die sich in deutschen Gro&szlig;st&auml;dten bereits erkennen l&auml;sst, Vorschub leisten, denn zahlreiche Hartz-IV-Empf&auml;nger\/innen w&auml;ren gezwungen, ihre bisher vom zust&auml;ndigen Grundsicherungstr&auml;ger bezahlte Wohnung in einem gutb&uuml;rgerlichen Stadtviertel aufzugeben und in eine Hochhaussiedlung am Stadtrand zu ziehen, wo die Mieten niedriger sind.<\/p><p>Statt der Wohnungslosigkeit bek&auml;mpft das Establishment lieber die davon Betroffenen. Obdachlose sind die marktfernsten Mitglieder der Gesellschaft, denen aus diesem Grund im Zeichen der neoliberalen Globalisierung bzw. Modernisierung nur sehr geringe Ressourcen und wenige Unterst&uuml;tzungsma&szlig;nahmen wie Notunterk&uuml;nfte, Nachtasyle und K&auml;ltebusse zur Verf&uuml;gung stehen. F&uuml;r auf der Stra&szlig;e lebende Menschen gilt zudem ein besonders rigides Armutsregime: Polizeirazzien, Platzverweise, Aufenthaltsverbote und Schikanen privater Sicherheitsdienste sind typisch daf&uuml;r.<\/p><p>N&ouml;tig w&auml;ren stattdessen eine Umverteilung des privaten Reichtums, die Wiedererhebung der Verm&ouml;gensteuer und die Wiederbelebung des Sozialen Wohnungsbaus. Ohne einen grundlegenden Kurswechsel in der Stadtentwicklungs- und Wohnungspolitik l&auml;sst sich die Wiederkehr massenhafter Obdachlosigkeit nie ausschlie&szlig;en. Auch ein fl&auml;chendeckender gesetzlicher Mindestlohn, der dazu beitragen k&ouml;nnte, den ausufernden Niedriglohnsektor einzud&auml;mmen, sowie eine bedarfsgerechte, armutsfeste und repressionsfreie Grundsicherung, die ohne Pauschalierung der Wohn- und Heizkosten auskommt, geh&ouml;ren zu den erforderlichen Gegenma&szlig;nahmen. <\/p><p>Dies m&ouml;chte ich skandalisieren und daran die Forderung kn&uuml;pfen, baldm&ouml;glichst wenigstens eine verl&auml;ssliche Datengrundlage zu schaffen.<\/p><p><em><strong>P.S.:<\/strong> Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. K&uuml;rzlich ist sein Buch &bdquo;Armut in einem reichen Land&ldquo;, um die j&uuml;ngsten Hartz-IV-Neuregelungen aktualisiert, im Campus Verlag (Frankfurt am Main\/New York 2012) erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&Uuml;ber 600 K&auml;ltetote in Ost- bzw. Ostmitteleuropa erregten zuletzt gro&szlig;es Aufsehen. 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