{"id":12293,"date":"2012-02-21T08:58:53","date_gmt":"2012-02-21T07:58:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12293"},"modified":"2015-01-18T15:41:14","modified_gmt":"2015-01-18T14:41:14","slug":"die-piraten-richtige-fragen-unausgegorene-antworten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12293","title":{"rendered":"Die PIRATEN: Richtige Fragen, unausgegorene Antworten"},"content":{"rendered":"<p>Was will die Piratenpartei? Die Bewegung ist in Deutschland quasi aus dem Stand zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft geworden. Rund neun Prozent, so eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Bild am Sonntag, sagen, sie w&uuml;rden, wenn heute Bundestagswahl  w&auml;re, die PIRATEN w&auml;hlen. Doch wof&uuml;r steht diese Partei jenseits ihrer Forderungen nach einem m&ouml;glichst freien Internet und einem bedingungslosen Grundeinkommen? Einblick in die Gedankenwelt der Piraten gibt das Buch von W&auml;tzold Plaum, &bdquo;Die Wiki-Revolution. Absturz und Neustart der westlichen Demokratie&ldquo;, das in diesen Tagen im Rotbuch-Verlag erschienen ist. Doch auch wenn man jedem Beitrag zur Debatte &uuml;ber unser politisches System mit Sympathie begegnen sollte, so erstaunt doch die Naivit&auml;t, mit der versucht wird, Teilaspekte des Internet auf die gesamte Gesellschaft zu &uuml;bertragen. Von <strong>Erika Fuchs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Autor W&auml;tzold Plaum d&uuml;rfte aufgrund seiner Sozialisation ein typisches Mitglied der Piratenpartei sein. Der 1975 geborene promovierte Mathematiker und Doktorand der Philosophie arbeitet im Bereich Softwareentwicklung. In seinem Buch versucht er den gro&szlig;en Rundumschlag: von der Analyse der politischen Situation bis zur L&ouml;sung unserer &ouml;konomischen wie sozialen Probleme. <\/p><p>Die Ausgangspunkte seiner &Uuml;berlegungen: Wikileaks und Wikipedia. Die Internetplattform zur Ver&ouml;ffentlichung bislang geheimer Daten und das Internet-Lexikon, an dessen Herstellung sich jedermann beteiligen kann, sind f&uuml;r ihn die Kronzeugen f&uuml;r den angeblichen Wandel unserer Gesellschaft hin zu mehr Transparenz und Offenheit &ndash; zu einer &bdquo;freien&ldquo; Gesellschaft, die durch die Teilhabe aller via Internet lebt. Bedroht wird diese Weiterentwicklung durch die Kr&auml;fte der Beharrung in der von Plaum so genannten &bdquo;Konzernrepublik&ldquo;:<\/p><p>&bdquo;Der Parteienproporz repr&auml;sentiert schon lange nicht mehr das Meinungsbild der Bev&ouml;lkerung. Die etablierten Parteien sind von Teilhabern am politischen Meinungsbildungsprozess zu einem Kartell der erlaubten &Uuml;berzeugungen geworden.&ldquo;<\/p><p>Worth&uuml;lsen wie &bdquo;alternativlos&ldquo; und &bdquo;Sachzwang&ldquo; verschleierten den &bdquo;despotischen&ldquo; Charakter der &bdquo;Konzernrepublik&ldquo;, in der &bdquo;die Korruption unertr&auml;glich geworden&ldquo; sei. Die Politik befinde sich in der Abh&auml;ngigkeit der gro&szlig;en Konzerne und mehr noch: &bdquo;Die Konzernrepublik gleicht einem Kartell, in dem sich alle Beteiligten &ndash; etablierte Parteien, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft &ndash; gegenseitig die B&auml;lle zuspielen. Die allgemeine Erstarrung wird kaschiert mit gesteigertem Aktionismus.&ldquo;  <\/p><p>PR, politischer Konformismus, Glaube an Einheitsl&ouml;sungen, Sicherheitswahn, Niedergang des Journalismus, eine undemokratische EU, Aufl&ouml;sung der Mittelschicht, ein heruntergewirtschaftetes Bildungswesen, &bdquo;Diskriminierung des Faktors Arbeit&ldquo; &ndash; die Analyse der derzeitigen politischen Zust&auml;nde und Probleme ist nicht grunds&auml;tzlich falsch. Und doch bekommt selbst der geneigte Leser relativ schnell Bauchschmerzen. <\/p><p>Das liegt zum einen an der angeblichen Unausweichlichkeit der zuk&uuml;nftigen Entwicklungen, mit der der Autor argumentiert. Ein Beispiel: &bdquo;Es wird der Tag kommen, an dem die bisherige Finanzwirtschaft derart heftig ersch&uuml;ttert wird, dass sie unm&ouml;glich unver&auml;ndert weiter funktionieren kann. Das ist eine zwingende mathematische Konsequenz unserer auf Zins und Verschuldung basierenden Geldordnung.&ldquo; Mit Verlaub: das sind eher die Konsequenzen aus den verschwurbelten Ideen des emeritierten Volkswirtes und Freizeitesoterikers Bernd Senf. Plaum &uuml;bersieht in seinen seitenlangen &bdquo;Analysen&ldquo; zur Wirtschaftspolitik, die schon in sich fragw&uuml;rdig bis unsinnig sind, v&ouml;llig, dass die &bdquo;Krise des Kapitalismus&ldquo;, die er konstatiert, von Menschen gemacht wurde und nicht urs&auml;chlich die zwingende Folge eines (Geld-)Systemfehlers ist.<\/p><p>Zum anderen erscheint es mehr als fraglich, dass nun das Internet die allein-seligmachende Quelle zum  Aufbau einer neuen Welt sein soll. Plaum leitet aus der Tatsache, dass es gelungen ist auf freiwilliger Basis ein nichtkommerzielles Betriebssystem wie Linux zu entwickeln, gro&szlig;e gesellschaftliche Umw&auml;lzungen ab: <\/p><p>&bdquo;Das Besondere der Bewegung der freien Software besteht (&hellip;) darin, dass es in einer Kultur der Freiwilligkeit tats&auml;chlich m&ouml;glich ist, Produkte hervorzubringen, die denen kommerzieller Anbieter in nichts nachstehen. Das ist so unglaublich wie herausfordernd. W&auml;re es nicht ein Gl&uuml;ck, wenn dies auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen m&ouml;glich w&auml;re?&ldquo; <\/p><p>Plaums Folgerungen f&uuml;r unser politisches System: eine Mischung von direkter und indirekter Demokratie. Eine Vorwahl der Abgeordneten, Stimmrecht des B&uuml;rgers in den Aussch&uuml;ssen, die Bestimmung der politischen Agenda durch Meinungsumfragen, die M&ouml;glichkeit f&uuml;r den B&uuml;rger, seine Wahlstimme nach Sachgebieten zu splitten &ndash; Plaum glaubt, dass direkter Parlamentarismus ein &bdquo;wirksames Mittel gegen den &uuml;berhand nehmenden Lobbyismus&ldquo; sei. Gerade so, als ob Lobbyismus und PR sich nur auf die Hinterzimmer der Macht beschr&auml;nken w&uuml;rde und nicht die Mittel h&auml;tte sich auch im Netz breit zu machen! Und als ob Populismus keine Gefahr f&uuml;r die Demokratie w&auml;re! Genauso fragw&uuml;rdig und nicht zu Ende gedacht: Einerseits sollen sich Abgeordnete permanent &ouml;ffentlich f&uuml;r ihr Abstimmungsverhalten gegen&uuml;ber dem B&uuml;rger rechtfertigen, gleichzeitig sollen sie &bdquo;dem Gewissen verpflichtet&ldquo; bleiben. Mit den Parteien alten Stils und mit Gro&szlig;ideologien sei es vorbei, meint Plaum &ndash; und ersetzt dies alles mit der Ideologie des Internet: &bdquo;Warum sollte nicht wenigstens einmal versucht werden, einen Gesetzesentwurf nach dem Wikipedia-Prinzip zu verfassen?&ldquo; Gerade so, als ob das &bdquo;Gro&szlig;e Geld&ldquo; sich nicht auch des Internet bem&auml;chtigen k&ouml;nnte.<\/p><p>Dies alles w&auml;re vielleicht nicht der Rede wert, wenn es nicht so viele Anh&auml;nger einer neuen, freien, sch&ouml;nen Internet-basierten Welt g&auml;be, in der Mehrzahl junge, gut ausgebildete (m&auml;nnliche) Akademiker, die ihre Hoffnungen auf solch ein, sorry, verschwurbeltes Weltbild setzen. Als w&auml;re nicht l&auml;ngst offenbar geworden, dass beispielsweise Wikileaks durch das Machtstreben und die Egozentrik seines Gr&uuml;nders Assange beinahe ruiniert ist. Nat&uuml;rlich kann man fragen: &bdquo;Gibt es andere Formen der Demokratie als die durch Parteien konstruierte?&ldquo; Nat&uuml;rlich l&auml;sst sich nicht leugnen, dass die politische Meinungsbildung oder auch die Teilhabe an der Politik eines grundlegenden Wandels bedarf. Aber zu glauben, dass die Welt nun eine bessere werde, weil es theoretisch nun m&ouml;glich ist, dass jeder zu allem seinen Senf geben kann, das ist doch ziemlich naiv. Noch naiver der Glaube, ein H&ouml;chstma&szlig; an Transparenz allein werde Machtstreben verhindern und letztlich zu einer gerechteren Welt f&uuml;hren. Einer der Hauptwiderspr&uuml;che der Piratenpartei liegt ja schon darin, dass einerseits der &bdquo;gl&auml;serne Staat&ldquo; gefordert wird, zum anderen aber der Einzelne das Recht auf Verschl&uuml;sselung seiner Daten haben m&uuml;sse gegen den Zugriff des Staates. Dahinter steckt die Ideologie, dass alles, was nicht &ouml;ffentlich ist, potentiell gef&auml;hrlich ist. Wo da die Grenze zwischen &bdquo;dem Einzelnen&ldquo; und dem Funktionstr&auml;ger oder dem (privaten) Interessentr&auml;ger beispielsweise gezogen werden soll, ist unklar.<\/p><p>Zudem: wer glaubt, das Internet werde die &Ouml;ffentlichkeit politisieren und zu mehr Teilhabe bewegen, zeigt nur, dass er nur den Ausschnitt der Realit&auml;t wahrnimmt, die im Netz stattfindet.<\/p><p>&bdquo;Die Blogosph&auml;re ist in ihrer Gesamtheit l&auml;ngst wichtiger f&uuml;r die politische Meinungsbildung als die &bdquo;Tagesschau&ldquo;, schreibt Plaum. Das d&uuml;rfte f&uuml;r die Anh&auml;nger der Piratenpartei der Fall sein, nicht aber jedoch f&uuml;r den &uuml;berwiegenden Teil der Bev&ouml;lkerung. Eine wirkliche Gegen&ouml;ffentlichkeit jenseits der Mainstreammedien, wer w&uuml;sste das besser als die Macher der Nachdenkseiten, ist immer noch ein sch&ouml;ner Traum. Aber vielleicht ist es ja immerhin schon ein Fortschritt, wenn jemand &uuml;ber den Aufbau einer demokratischeren &Ouml;ffentlichkeit nachdenkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was will die Piratenpartei? Die Bewegung ist in Deutschland quasi aus dem Stand zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft geworden. Rund neun Prozent, so eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Bild am Sonntag, sagen, sie w&uuml;rden, wenn heute Bundestagswahl w&auml;re, die PIRATEN w&auml;hlen. 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