{"id":12301,"date":"2012-02-21T13:34:35","date_gmt":"2012-02-21T12:34:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12301"},"modified":"2015-02-03T10:38:51","modified_gmt":"2015-02-03T09:38:51","slug":"occupy-wdr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12301","title":{"rendered":"Occupy WDR"},"content":{"rendered":"<p>Im WDR g&auml;rt es, und zwar seit langem. Ob es um die schleichende Boulevardisierung des Fernseh-Nachrichtenmagazins Aktuelle Stunde geht oder den Abbau von lokaler Berichterstattung im H&ouml;rfunk: vor allem die Mitarbeiter des Senders, die ihre Aufgabe als kritische W&auml;chter in Nordrhein-Westfalen noch ernst nehmen wollen, fragen sich, ob sie den richtigen Beruf gew&auml;hlt haben. Die gr&ouml;&szlig;te ARD-Anstalt verliert unter der &Auml;gide ihrer Intendantin Monika Piel (Jahresgehalt 2009: 308.000 Euro) immer mehr an Anspruch und journalistischem Profil. Gleichzeitig scheint es, als r&auml;ume Monika Piel als derzeitige ARD-Vorsitzende auch noch bundesweit wichtige Bastionen des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks zugunsten der privaten Verleger. Von <strong>Erika Fuchs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Hans&ldquo;, geboren 1948, ist angestellter KFZ-Meister. &bdquo;Leicht &uuml;bergewichtig und mit hohem Blutdruck&ldquo; lebt er mit Hund (&bdquo;Molli&ldquo;) und Frau (&bdquo;Brigitte&ldquo;) in einem Reihenhaus in Hagen. Seinen Partykeller hat er schon lange nicht mehr benutzt. Allerdings f&auml;hrt er einen Opel Vectra (Stufenheck) und geht kegeln. In der Erotik mit seiner Frau Brigitte (die 57-J&auml;hrige ist im &Uuml;brigen &bdquo;topfit&ldquo;, hat aber &bdquo;gelegentlich Migr&auml;ne&ldquo;) ist er &bdquo;aufgeschlossen, aber diskret&ldquo;.  Hans und Brigitte gibt es nicht wirklich. Aber sie sind &ndash; kein Witz &ndash; die prototypischen H&ouml;rer der H&ouml;rfunkwelle WDR4. F&uuml;r diese Zielgruppe  gilt es Programm zu gestalten. Da hei&szlig;t es dann in einer senderinternen Anweisung an die Programmmacher: &bdquo;Wir wollen nicht zu viel voraussetzen und Fremdw&ouml;rter meiden.&ldquo; &Auml;hnlich geht der WDR auch mit seinem dritten Fernsehprogramm und den anderen H&ouml;rfunkwellen um. Sogar das Multikulti-Programm &bdquo;Funkhaus Europa&ldquo; hat seine Musterh&ouml;rer: &bdquo;Carla&ldquo; und &bdquo;Sami&ldquo;. Die beiden sind &bdquo;zielstrebige Trendsetter&ldquo; und &bdquo;moderne Kulturorientierte&ldquo;. Nicht mehr Bildung, Information und Unterhaltung (wie die BBC das definiert) f&uuml;r m&ouml;glichst viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ist der Auftrag, obwohl er so im Gesetz steht. Nicht mehr das, was die Redakteure und  Autoren f&uuml;r wichtig halten, hat im Quotendenken von Monika Piel eine Chance. Entscheidend sind Stromlinienf&ouml;rmigkeit, &bdquo;Durchh&ouml;rbarkeit&ldquo; und das Vermeiden von allem, was sperrig oder gar anspruchsvoll sein k&ouml;nnte. F&uuml;r Letzteres werden kleine (Programm-)Inseln geschaffen (&bdquo;Politikum&ldquo; auf WDR 5 beispielsweise), auf die die Hausspitze dann bei etwaiger Kritik als Alibi verweisen kann. <\/p><p>&bdquo;Der Fisch stinkt vom Kopf her&ldquo;, sagt einer der WDR-Mitarbeiter, die &bdquo;auf gar keinen Fall&ldquo; namentlich zitiert werden m&ouml;chten. Die WDR-Chefin gilt als &auml;u&szlig;erst nachtragend, humorfrei und zutiefst intellektuellenfeindlich: &bdquo;Sie ist gegen alles, was sie einfach nicht versteht, und das ist viel&ldquo;. Die Stimmung im Haus, in dem Misstrauen  und Unsicherheit hierarchisch streng von oben nach unten durchgereicht werden, ist entsprechend angespannt. Statt den &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmauftrag ernst zu nehmen, reduzieren die Verantwortlichen die WDR-Programme auf ihren jeweiligen &bdquo;Markenkern&ldquo;. Die Entwicklung dieser verschiedenen Markenkerne wurde im &Uuml;brigen externen Marketingexperten &uuml;berlassen, denn der WDR als einer der gr&ouml;&szlig;ten &bdquo;Kulturanbieter&ldquo; Europas hatte offenbar  niemanden im eigenen Hause, dem man eine Weiterentwicklung des Programmprofils h&auml;tte zutrauen k&ouml;nnen. Es w&auml;re aber wohl auch niemand intern darauf gekommen, dass der WDR &bdquo;eine Marke wie Apple oder Coca Cola&ldquo; sein solle, eine &bdquo;Marke&ldquo; mit &bdquo;relevanten und glaubw&uuml;rdigen Botschaften&ldquo;. <\/p><p>Schon seit Jahren beklagen WDR-Autoren den Zwang, die Inhalte ihrer Beitr&auml;ge den schon vorab ge&auml;u&szlig;erten W&uuml;nschen der Redaktion anpassen zu m&uuml;ssen. &bdquo;Ergebnisoffene Recherche&ldquo; gilt in manchen WDR-Kreisen inzwischen als Fremdwort. Die Wirklichkeit hat sich den Vorstellungen von einzelnen Redakteuren anzupassen und nicht umgekehrt  &ndash; entsprechend m&uuml;ssen Beitr&auml;ge gesch&ouml;nt (&bdquo;Wo bleibt das Positive?&ldquo;) oder aber alarmistisch aufgeheizt werden. So manchem treibt es noch heute angesichts der Berichterstattung der &bdquo;Aktuellen Stunde&ldquo;  &uuml;ber den Mord an dem zehnj&auml;hrigen Mirco aus Grefrath die Schamesr&ouml;te ins Gesicht. Der &Uuml;berfall auf ihn wurde, samt schr&auml;g von unten gefilmtem Dunkelmann im Auto und rei&szlig;erischer Musik, in Spielfilmart nachgestellt. Der Erkenntnisgewinn war gleich null, aber beim Zuschauer wurden Emotionen angesprochen, und darauf kommt es inzwischen im WDR vor allem an. <\/p><p>Das betrifft auch die bislang qualitativ hochwertige Kulturberichterstattung im H&ouml;rfunk. Anstatt auf Kontinuit&auml;t und zeitgem&auml;&szlig;e  Anpassungen zu setzen, wird beispielsweise WDR 3 nun  einer Organisationsreform unterzogen, die eine weitere Gleichmacherei, oder im Marketing-Deutsch: &bdquo;Homogenisierung&ldquo; des Programmes zur Folge haben soll. Fachkompetenzen sind nicht mehr gefragt. WDR 3 hat durch mehrere Programmreformen viele seiner treuen H&ouml;rer, die sicherlich nur einer kleinen, aber immerhin relevanten Minderheit angeh&ouml;ren, an den Rand der Schmerzgrenze getrieben, da einzelne anspruchsvollere Sendungen entweder ganz eingestellt oder in andere Zeitschienen verlagert wurden, so dass sie kaum noch auffindbar waren. Der daraus folgende H&ouml;rerschwund wird nun als Begr&uuml;ndung daf&uuml;r herangezogen, dass weiter &bdquo;reformiert&ldquo; werden m&uuml;sse. <\/p><p>Auch in der Lokalberichterstattung, die eigentlich eine St&auml;rke und die urspr&uuml;ngliche Daseinsbegr&uuml;ndung eines &bdquo;Landes&ldquo;-Senders sein m&uuml;sste, wird immer mehr abgebaut. Es werden lieber menschelnde &bdquo;Geschichten&ldquo; erz&auml;hlt als Hintergrundberichte gesendet. Vereinzelt soll es deshalb schon zu Beschwerden von Lokalpolitikern gekommen sein, die sich wunderten, dass der WDR noch nicht einmal mehr einen Mitarbeiter zu Pressekonferenzen schickt. Diesem Abbau an (lokalem und regionalbezogenem)  journalistischem Engagement entspricht aber auch die Au&szlig;enpolitik des Senders. Unter Federf&uuml;hrung von Monika Piel versucht die ARD anscheinend zurzeit den Schulterschluss mit ihrer (publizistischen) Konkurrenz, den Verlegern. Ohne Not wollen  sich nun die &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender selbst im (freien) Internet beschneiden und sich den kommerziellen Interessen von WAZ, DuMont und Co. unterordnen. Der Journalist und Blogger Stefan Niggemeier nennt das zu Recht <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/vorauseilende-selbstverstuemmelung\/\">Vorauseilende Selbstverst&uuml;mmelung<\/a>. Obwohl es im ganzen Land NRW aufgrund von Pressekonzentration und mangelndem Investitionswillen der Verleger schon l&auml;ngst kaum mehr Meinungsvielfalt und hochwertigen Lokaljournalismus gibt, es also gerade an Konkurrenz f&uuml;r die privaten Medien mangelt, entm&uuml;ndigt sich der WDR freiwillig selbst. Dabei sollte er doch im Interesse der Informationsfreiheit und Informationsvielfalt seiner Geb&uuml;hrenzahler handeln, schlie&szlig;lich bezahlen diese doch den Sender gerade auch daf&uuml;r. Insofern w&auml;re es h&ouml;chste Zeit, wenn die B&uuml;rger, denen der WDR schlie&szlig;lich geh&ouml;rt,  ihren Sender endlich selbst darauf sto&szlig;en w&uuml;rden, in wessen Auftrag er eigentlich seine journalistischen Aufgaben wahrnehmen sollte: Occupy WDR!<\/p><p>P.S. (WL): Wie aktuell und dringend die Sorge unserer Autorin ist belegt auch ein Symposion des <a href=\"http:\/\/www.ioer.org\/index.htm?\/08aktuelles.htm\">&bdquo;Initiativkreises &Ouml;ffentlicher Rundfunk&ldquo; (I&Ouml;R)<\/a>, ein Kreis von Menschen, die sich f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk engagieren. Die Fragestellung der Tagung lautet &bdquo;Public Value. Was soll der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk f&uuml;r die Gesellschaft leisten?&ldquo;. Die Veranstaltung findet am <a href=\"http:\/\/www.ioer.org\/Programm%20Public%20Value.pdf\">Freitag, den 9. M&auml;rz an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln statt [PDF &ndash; 291 KB]<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im WDR g&auml;rt es, und zwar seit langem. Ob es um die schleichende Boulevardisierung des Fernseh-Nachrichtenmagazins Aktuelle Stunde geht oder den Abbau von lokaler Berichterstattung im H&ouml;rfunk: vor allem die Mitarbeiter des Senders, die ihre Aufgabe als kritische W&auml;chter in Nordrhein-Westfalen noch ernst nehmen wollen, fragen sich, ob sie den richtigen Beruf gew&auml;hlt haben. 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