{"id":1231,"date":"2006-04-27T16:01:37","date_gmt":"2006-04-27T14:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1231"},"modified":"2016-02-11T11:56:47","modified_gmt":"2016-02-11T10:56:47","slug":"allen-wohl-und-niemand-weh-kurt-becks-rede-uber-die-kraft-der-erneuerung-kraftlos-eine-rede-bei-der-man-in-jedem-satz-die-angst-spurt-irgendwo-anzuecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1231","title":{"rendered":"Allen wohl und niemand weh: Kurt Becks Rede \u00fcber die \u201eKraft der Erneuerung\u201c \u2013 Kraftlos, eine Rede bei der man in jedem Satz die Angst sp\u00fcrt, irgendwo anzuecken."},"content":{"rendered":"<p>Nach Lekt&uuml;re der Rede des designierten Parteivorsitzenden zur Er&ouml;ffnung der Diskussion um ein neues Grundsatzprogramm der SPD wollten wir diese nicht kommentieren. Denn da war nichts zu kommentieren, jedenfalls nichts Inhaltliches. Es w&auml;re leichter einen Pudding an die Wand zu nageln.<br>\n<!--more--><br>\nEinige unserer Leser haben angemahnt, dass wir Kurt Becks Rede nicht kommentiert haben, deshalb haben wir uns entschlossen Ihnen einfach ein paar einschl&auml;gige Passagen daraus zu dokumentieren und beschr&auml;nken uns auf einige kurze Anmerkungen.<\/p><p>Eine verschwurbelte Sprache, nahezu jeder Satz mit Interjektionen, Einschr&auml;nkungen oder Relativierungen. Fast jeder konkreteren Aussage wird gleich ihre R&uuml;cknahme hintangesetzt. Blo&szlig; nirgendwo hintreten, aus Sorge, er k&ouml;nnte ja irgendjemand auf das H&uuml;hnerauge treten. Wie beim Negativ eines Scherenschnittes bleiben die eigentlichen Motive ausgespart. Reflexartig weicht der Redner davor zur&uuml;ck, irgendwo Ansto&szlig; zu nehmen, weder ein weiterf&uuml;hrendes oder kritisches Wort zur Agenda-Politik, noch ein sozialdemokratischer Akzent zur Politik der gro&szlig;en Koalition, noch ein ausgreifender Vorschlag zu irgendeinem wichtigen Thema.<br>\n&bdquo;Allen wohl und niemand weh&ldquo;, dieses Motto des (ziemlich konservativen) Mainzer Carneval Clubs scheint der designierte SPD-Vorsitzenden zu seinem Leitmotto gemacht zu haben. <\/p><p>Kurt Becks Rede hatte ja wohl zweierlei Funktionen: Erstens sollte sie den Ansto&szlig; zur Debatte um das neue Grundsatzprogramm der SPD geben. Zweitens war sie so eine Art Kandidatenrede f&uuml;r die Wahl Becks zum SPD-Vorsitzenden.<br>\nBeides war f&uuml;r den Redner sicherlich eine gro&szlig;e Herausforderung, der sich allerdings Kurt Beck entweder nicht gewachsen zeigte oder aber vor der er auswich.<br>\nVielleicht wollte er es wie Matthias Platzeck bei seiner Antrittsrede zur Wahl im November machen und mit &bdquo;weichen Themen&ldquo;, denen jeder nur zustimmen kann, vor der n&uuml;chternen politischen Realit&auml;t ausweichen. W&auml;hrend Platzeck viel sagend, nichts sagend aber wenigstens &bdquo;die Seele&ldquo; der Partei ansprach, ist Kurt Beck noch nicht einmal das gelungen. Die einzige Leistung bestand wohl eher darin, dass jeder in diese Rede hineinlesen oder hineindenken konnte, was er wollte. Beck nahm nirgendwo Ansto&szlig; und deshalb nahm auch niemand Ansto&szlig; an seiner Rede.<\/p><p><strong>Lesen Sie doch einfach selbst, was ein so kr&auml;ftiger Mann wie Kurt Beck &uuml;ber &bdquo;Die Kraft der Erneuerung&ldquo; zu sagen hat:<\/strong><\/p><blockquote><p>Meine sehr geehrten Damen und Herren, Kraft der Erneuerung das ist zun&auml;chst einmal auch ein Anspruch an uns als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten selber, diese Kraft aufzubringen. Ich bin mir sehr sicher, dass wir sie aufbringen werden. Es ist aber auch ein Anspruch an unser Handeln, diese Kraft im Interesse unseres Vaterlandes, im Interesse eines geeinten Europas und im Interesse einer friedlichen Welt einzusetzen &ndash; einer Welt, in der wir f&uuml;r diejenigen, die in Afrika Hunger und Not leiden, uns genauso verantwortlich wissen, wie f&uuml;r die alte Dame, die neben uns wohnt und die niemanden mehr hat, der sich um sie k&uuml;mmert.<\/p><\/blockquote><p>Das ist wirklich alles, was dazu gesagt wird.<br>\nWas soll &bdquo;erneuert&ldquo; werden, wozu &bdquo;Erneuerung&ldquo;? Hauptsache &bdquo;neu&ldquo;!<br>\n&Uuml;berhaupt: Was soll dieses Motto sagen. Es ist wohl entlehnt von Matthias Platzecks Wahlslogan &bdquo;Erneuerung aus eigener Kraft&ldquo; aus dem Jahre 2004, also noch nicht einmal originell. &bdquo;Kraft der Erneuerung&ldquo; das kann alles sein, auch der liebe Gott. Und hat die SPD unter Schr&ouml;der nicht schon genug &bdquo;erneuert&ldquo;, hat sich etwas gebessert?<br>\nDie SPD will offenbar ihrem Motto treu bleiben: ich wei&szlig; nicht, ob sich etwas bessert, wenn wir etwas erneuern, aber es muss sich etwas erneuern. Das erinnert an die tiefe philosophische Einsicht (so Manni Breuckmann) des Profikickers Andreas M&ouml;ller: &bdquo;Egal, ob Mailand oder Madrid &ndash; Hauptsache Italien.&ldquo;<\/p><p><strong>Beck zur Frage der sozialen Gerechtigkeit:<\/strong><\/p><blockquote><p>Wir werden nicht zulassen &ndash; auch nicht in der innenpolitischen Debatte in Deutschland -, dass Freiheit und soziale Gerechtigkeit in falsche Bez&uuml;ge gesetzt werden. Es gibt nicht das eine oder das andere, es gibt nur ein Sowohl-als-Auch.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zur Europ&auml;ischen Einigung:<\/strong><\/p><blockquote><p>Wir haben eine weitere riesige Chance, n&auml;mlich ein Europa miteinander zu gestalten, das Frieden als etwas genauso Selbstverst&auml;ndliches versteht, wie wir gelernt haben, dass die angebliche Erbfeindschaft zwischen den Franzosen und den Deutschen ein Wahnsinn war. Eine solche Selbstverst&auml;ndlichkeit im Denken, im F&uuml;hlen m&uuml;ssen wir f&uuml;r ganz Europa miteinander hinbekommen. Deshalb geh&ouml;ren Ost- und Mittelosteuropa in unsere Betrachtung mit hinein. Ich bin mir sehr bewusst, dass sich damit so manche soziale Frage, etwa im Hinblick auf Verwerfungen am Arbeitsmarkt, verbindet. Und dennoch: Die Dimension dieser Chance, ein gemeinsames, auf Dauer friedlich zusammenlebendes Europa zu schaffen, ist unglaublich. Es ist eine gro&szlig;e Herausforderung, Europas Zukunft gemeinsam zu gestalten. Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen diese Herausforderung als Chance ergreifen, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zum Verh&auml;ltnis zu den USA und zur Welt:<\/strong><\/p><blockquote><p>In bleibender Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten wollen wir, was die Ver&auml;nderungen in der Welt angeht, dieses Europa st&auml;rken, damit es seinen Platz auf dieser Welt einnehmen kann nicht gegen andere Kontinente, sondern in dem Selbstbewusstsein, dass Europa einen eigenen Beitrag leisten muss zu einer verantwortlichen &ouml;konomischen, &ouml;kologischen und nicht zuletzt sozialen Kultur auf dieser Welt.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zum Terrorismus:<\/strong><\/p><blockquote><p>Konflikte stellen sich &ndash; ich erinnere an ein Wort von Erhard Eppler &ndash; heute in vielfacher Weise nicht mehr nur als nationale und ethnische dar, sondern sind in vielf&auml;ltiger Weise gestaffelt und k&ouml;nnen ihren Ausdruck in Formen des Terrorismus finden, die wir in der Vergangenheit kaum f&uuml;r m&ouml;glich gehalten h&auml;tten. Auch das ist eine Realit&auml;t unserer Zeit. Keine Frage, jedes Volk der Welt &ndash; auch wir! &ndash; hat das Recht und die Pflicht, seine B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu sch&uuml;tzen. Aber es ist zu wenig, wenn wir nur daran denken, uns mit den M&ouml;glichkeiten der Geheimdienste und sonstigen Sicherheitsma&szlig;nahmen zur Wehr zu setzen.<br>\nVielmehr m&uuml;ssen wir versuchen, an die Wurzeln dessen heranzukommen, was letztlich die Ursache daf&uuml;r ist, dass Familienv&auml;ter und -m&uuml;tter dazu aufgehetzt werden k&ouml;nnen, ihren Kindern Sprengg&uuml;rtel um den Bauch zu binden und sie bei Demonstrationen &ouml;ffentlich vorzuf&uuml;hren. Die dahinter stehende Verunsicherung und Spaltung der Welt muss &uuml;berwunden werden! Das wird nicht einfach sein, aber wir m&uuml;ssen daran arbeiten, andere Menschen, andere Kulturen, andere Religionen ernst zu nehmen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zur Gestaltung der Globalisierung:<\/strong><\/p><blockquote><p>Auf der gerade stattfindenden Hannover-Messe ist Indien unser zentraler Partner. Ich bin sehr daf&uuml;r, dass wir mit Indien enge Beziehungen kn&uuml;pfen. Aber es darf niemand &uuml;bersehen, dass vieles, was dort geschieht, nicht mit unseren ethischen Grunds&auml;tzen vereinbar ist. Wir k&ouml;nnen es nicht einfach als gottgegeben hinnehmen, dass es dort ein Kastenwesen gibt. Wir wollen nicht akzeptieren, dass Kinderarbeit scheinbar nicht abzuschaffen ist. Das muss hinzugef&uuml;gt werden, damit die wirtschaftliche Globalisierung, die uns positiv in einer offenen und freien Welt begleiten soll, ihre ethische und moralische Begleitung erf&auml;hrt.<\/p><\/blockquote><p>Und:<\/p><blockquote><p>Es kann nicht sein, dass Demokratie ihr Ende dort hat, wo &ouml;konomische Interessen ihren Anfang haben. Und wir m&uuml;ssen uns in internationalen Verhandlungen um Regelungen bem&uuml;hen, die dazu beitragen, die Ungleichheiten zwischen Oben und Unten auf dieser Welt nicht wie gottgegeben hinzunehmen.<\/p><\/blockquote><p><strong>&Uuml;ber Solidarit&auml;t:<\/strong><\/p><blockquote><p>Genauso klar muss aber auch sein, dass wir von denen, die Solidarit&auml;t ben&ouml;tigen, auch einfordern, dass sie den Beitrag, den sie selber zu leisten verm&ouml;gen, auch erbringen. Denn ansonsten wird dies eine schiefe Art der Solidarit&auml;t. Diese k&ouml;nnen und d&uuml;rfen wir nicht wollen, weil sie gegen&uuml;ber der Mehrheit der Menschen, die sich abm&uuml;hen, um f&uuml;r sich selber und ihre Familien aufzukommen und gerade zu stehen, ungerecht w&auml;re.<br>\nDeshalb: Hilfe zur Selbsthilfe ist ein wichtiger Grundsatz, zu dem wir stehen. F&ouml;rdern und Fordern ist eine wichtige Herausforderung, von der nicht ein Teil abgeschnitten werden darf.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zur demografischen Entwicklung und ihre Auswirkung auf die sozialen Sicherungssysteme:<\/strong><\/p><blockquote><p>Es ist nat&uuml;rlich auch wahr, dass wir nicht allein bei den aktuellen Fragen, sondern insbesondere auf der Zeitschiene, wenn wir die Ver&auml;nderung in der Alterszusammensetzung der Gesellschaft betrachten, immer wieder &uuml;berpr&uuml;fen m&uuml;ssen, wo Sozialversicherungsbeitr&auml;ge noch die richtige Antwort sind und wo eher Steuern ein geeigneter Ansatz sind, um die soziale Absicherung der Menschen auch in Zukunft zu gew&auml;hrleisten. Es kann doch keine Tods&uuml;nde sein, dar&uuml;ber nachzudenken. Es ist eine Notwendigkeit, zu der ich ausdr&uuml;cklich stehe.<\/p><\/blockquote><p><strong>Zu Finanzen und Steuern:<\/strong><\/p><blockquote><p>Wir k&ouml;nnen doch bei einer solchen Debatte, in der wir 30 Jahre in die Zukunft blicken wollen, nicht au&szlig;er Acht lassen, dass es kaum jemanden gibt &ndash; nur ganz wenige Kommunen, kein Land und auch nicht der Bund -, dessen Finanzsituation so einfach fortgeschrieben werden kann. Ich will nicht missverstanden werden: Wir m&uuml;ssen weiter hart sparen. Doch es ist auch richtig: Wenn wir elementare Anspr&uuml;che der Zukunftsf&auml;higkeit nicht aufgeben wollen, k&ouml;nnen wir diese Aufgaben mit der Steuerlastquote, wie wir sie bisher haben, schlicht und einfach in den kommenden Jahrzehnten nicht erf&uuml;llen. Dabei bleibe ich ausdr&uuml;cklich.<\/p><\/blockquote><p>Wobei Kurt Beck schon am gleichen Abend in den Tagesthemen &bdquo;klargestellt&ldquo; hat, dass er mit der Erh&ouml;hung der Steuerlastquote nat&uuml;rlich nicht an Steuererh&ouml;hungen gedacht habe. Die BILD-Zeitung h&auml;tte ja sonst weiter daran Ansto&szlig; nehmen k&ouml;nnen.<\/p><p>Kurt Beck wird nachgesagt, dass er mit Programmen und Theorien nicht viel anfangen k&ouml;nne, dass er aber daf&uuml;r &bdquo;bodenst&auml;ndig&ldquo; sei. Dagegen w&auml;re noch nicht einmal viel einzuwenden, wenn man wenigstens erfahren h&auml;tte, auf welchem Boden er denn nun steht. <\/p><p>Diese Rede wollen wir nicht im einzelnen kommentieren, solche Sprachbl&uuml;ten und solche sprachlichen Wattb&auml;uschchen lassen sich nicht kommentieren. Es hie&szlig;e einen Pudding an die Wand nageln. (Siehe unsere Auswahl) Aber wir appellieren an die SPD Beck einen neuen Redenschreiber zu finanzieren.<\/p><p><strong>Und ernsthaft:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Becks Rede zeigt zum einen, dass es auch bei ihm &auml;hnlich wie bei Platzeck, dessen Karlsruher Rede wir wegen ihrer Inhaltslosigkeit analysiert und kritisiert haben, angebracht ist, nicht zu viel zu erwarten.<\/li>\n<li>Seine Rede zeigt zum zweiten, dass die SPD gut daran t&auml;te, zu &uuml;berlegen, ob es &uuml;berhaupt einen Sinn macht, ein neues Grundsatzprogramm zu schreiben. Wenn man als politische Organisation inhaltlich so beliebig ist, wie diese Rede zeigt, dann sollte man keine grunds&auml;tzlichen Debatten f&uuml;hren und auch keine grunds&auml;tzlichen Texte schreiben. Es beginnt schon bei der &Uuml;berschrift: &ldquo;Kraft der Erneuerung&rdquo;. Genauso k&ouml;nnte man schreiben: &ldquo;Kraft unserer guten Traditionen.&rdquo; Wenn man an die Gef&auml;hrdung der Demokratie durch die Konzentration und Manipulation der Medien und an die Gef&auml;hrdung unseres Grundgesetzversprechens Sozialstaatlichkeit durch die Politik von Kohl und Schr&ouml;der bis zur gro&szlig;en Koalition denkt, dann w&auml;re ein solches Bekenntnis zu den wichtigen Errungenschaften Demokratie und Sozialstaatlichkeit mindestens so aktuell wie der Dauerlutscher &ldquo;Erneuerung&rdquo;. Die Erneuerungen von Kohl bis Schr&ouml;der und M&uuml;ntefering sind schlie&szlig;lich alle gescheitert. Was soll ihre Fortsetzung?<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Lekt&uuml;re der Rede des designierten Parteivorsitzenden zur Er&ouml;ffnung der Diskussion um ein neues Grundsatzprogramm der SPD wollten wir diese nicht kommentieren. Denn da war nichts zu kommentieren, jedenfalls nichts Inhaltliches. 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