{"id":123244,"date":"2024-10-17T10:07:51","date_gmt":"2024-10-17T08:07:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123244"},"modified":"2024-10-17T15:12:06","modified_gmt":"2024-10-17T13:12:06","slug":"emmanuel-todd-der-westen-im-niedergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123244","title":{"rendered":"Emmanuel Todd: Der Westen im Niedergang"},"content":{"rendered":"<p>Der prominente franz&ouml;sische Historiker <strong>Emmanuel Todd<\/strong> sagte bereits 1976 das Ende der Sowjetunion voraus. In seinem neuen Buch <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/der-westen-im-niedergang.html?listtype=search&amp;searchparam=todd\">&bdquo;Der Westen im Niedergang. &Ouml;konomie, Kultur und Religion im freien Fall&ldquo;<\/a> wagt er wieder den Blick in die Zukunft: Er prognostiziert den endg&uuml;ltigen Niedergang der westlichen Welt. Es sei unvermeidlich, dass es zu einem Einfrieren des Konfliktes zwischen der Europ&auml;ischen Union und Russland komme. Ein Europa befreit von US-amerikanischem Einfluss k&ouml;nnte das Ergebnis sein. Deutschland komme dabei eine Schl&uuml;sselrolle zu, und diese Rolle sollte es selbstbewusst einnehmen &ndash; das ist Todds Appell in diesem Buch. Hier folgt ein Auszug. Von <strong>Redaktion<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8839\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-123244-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=123244-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241017-Buchtipp-Emmanuel-Todd-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dieses Buch wurde in den Monaten Juli, August und September 2023 geschrieben, dem Sommer der ukrainischen Gegenoffensive. Es handelte sich damals um ein in die Zukunft blickendes Buch. Der Fall der Ukraine ist heute offensichtlich und das Buch ist also de facto zu einer eher klassischen historischen Erkl&auml;rung geworden. Zugegeben, die im Vergleich zu Russland geringe Gr&ouml;&szlig;e der Ukraine und die milit&auml;risch-industrielle Unzul&auml;nglichkeit der USA machten die Vorhersage leicht. Man musste nur verstehen, dass die Langsamkeit des russischen Vorgehens nicht auf eine besondere Unf&auml;higkeit zur&uuml;ckzuf&uuml;hren war, sondern auf den Willen, Menschen zu sparen, ganz im Gegensatz zu dem, was uns die westlichen Medien unerm&uuml;dlich erz&auml;hlten. Presse und Fernsehen schilderten uns Tag f&uuml;r Tag eine russische Strategie, die wie zu Stalins Zeiten auf den massiven Einsatz von Kanonenfutter setzte. W&auml;hrend ich diese Zeilen schreibe, Anfang Juli 2024, ist das Gegenteil der Fall und die Analyse in diesem Buch bleibt g&uuml;ltig: Die russische Armee r&uuml;ckt entlang der gesamten Front vor, langsam, aber mit einer ganz allm&auml;hlichen Beschleunigung. Ihr unmittelbares Ziel ist nicht die Eroberung von Territorien, sondern die materielle und menschliche Zerst&ouml;rung der ukrainischen Armee, die ihrerseits zu wenige Soldaten hat und von der NATO nicht ausreichend mit Waffen versorgt wird. Da sie das russische Spiel mitspielt, opfert die weitgehend vom Pentagon gesteuerte ukrainische Armee bei ihren Verteidigungsanstrengungen frisch rekrutierte und schlecht ausgebildete Wehrpflichtige. Eines Tages, so das russische Kalk&uuml;l, wird sie zusammenbrechen und mit ihr das Regime in Kiew.<\/p><p>All dies ist nicht schwer zu verstehen. Die Hypothese eines milit&auml;risch-industriellen Neustarts der USA ist aufgrund ihrer Armut an Ingenieuren und ihrer un&uuml;berwindbaren Vorliebe f&uuml;r die Produktion von Geld statt von Maschinen ausgeschlossen. Selbst wenn sich ein leichter Fortschritt bei der Waffenproduktion abzeichnete, w&uuml;rde sich dann nat&uuml;rlich China, das immer noch die offizielle Zielscheibe der USA ist, industriell an der Seite Russlands engagieren, um die westlichen Bem&uuml;hungen zunichtezumachen. Aber auf eine allgemeinere Art und Weise sorgen der moralische und soziale Zusammenbruch, der aus dem Nullzustand des Protestantismus resultiert&nbsp;&ndash; welcher den theoretischen Kern dieses Essays ausmacht&nbsp;&ndash; daf&uuml;r, dass der amerikanische Niedergang unumkehrbar ist. Dieses Buch wurde von einem Leser von Marx und Weber geschrieben, nicht von Clausewitz oder Sun Tzu.<\/p><p>Der &raquo;Rest der Welt&laquo; zieht Russland vor, das wird immer deutlicher. Seine Gleichg&uuml;ltigkeit gegen&uuml;ber den Anliegen des Westens hat dazu gef&uuml;hrt, dass die russische Wirtschaft dem Schock der Wirtschaftssanktionen standhalten konnte. In j&uuml;ngster Zeit hat die Unmoral des Westens in Bezug auf das Pal&auml;stinenserproblem diesen Rest der Welt in seiner Feindseligkeit nur noch best&auml;rkt. Die blutige Strafexpedition des Staates Israel in Gaza, die von Europa und den USA akzeptiert und vor allem mit amerikanischen Waffen durchgef&uuml;hrt wurde, hat die gesamte muslimische Welt auf die Seite Russlands getrieben. Die milit&auml;rische Schw&auml;che der arabischen Welt und die pathologische Feindseligkeit der USA gegen&uuml;ber dem Iran haben dazu beigetragen, dass sich Russland in der Praxis ohne besondere diplomatische Bem&uuml;hungen zu einer Art Schutzschild des Islams entwickeln konnte. <\/p><p>Russland wurde keineswegs an den Rand gedr&auml;ngt, sondern ist wieder zu einem zentralen Akteur in der Welt geworden.<\/p><p>Die Ukraine konnte also ihr Ziel, alle ihre Gebiete zur&uuml;ckerobern (unter der technischen Leitung des Pentagons), einschlie&szlig;lich der Bev&ouml;lkerung auf der Krim und im Donbass, die nicht nur russischsprachig ist, sondern sich auch als russisch betrachtet, nicht erreichen. Die Historiker der Zukunft werden dieses Projekt der Unterwerfung russischer Bev&ouml;lkerungsgruppen durch das Kiewer Regime als Marker f&uuml;r einen westlichen Angriffskrieg in Erinnerung behalten. All diese Elemente wurden in diesem Buch, das in gewissem Sinne bereits ein Geschichtsbuch ist, eingehend analysiert.<\/p><p>In diesem Postskriptum m&ouml;chte ich jedoch eine neue, zukunftsgerichtete Frage stellen: Warum akzeptiert der Westen seine Niederlage nicht? Warum scheint er, w&auml;hrend ich dies schreibe, bereit zu sein, auch den letzten Ukrainer zu opfern und vor allem durch seine Pl&auml;ne, mit Langstreckenraketen russisches Territorium anzugreifen, das Risiko eines thermonuklearen Schlagabtauschs mit Russland einzugehen? <\/p><p>Die russische Milit&auml;rdoktrin ist explizit geboren aus der massiven demografischen &Uuml;berlegenheit des Westens seit dem Zerfall der UdSSR: Im Falle einer Bedrohung f&uuml;r Nation und Staat wird sich Russland taktische Nuklearschl&auml;ge, das hei&szlig;t auf dem Schlachtfeld, erlauben. Mein Eindruck ist, dass dieses doktrin&auml;re Element in erster Linie auf die Polen abzielt, die an der russischen Grenze traditionell sehr unruhig sind. Die Leichtfertigkeit, mit der westliche Politiker und Journalisten mit dieser Doktrin umgehen, macht mir Angst.<\/p><p>Die Blindheit gegen&uuml;ber dem nuklearen Risiko ist nicht die einzige. Es gibt noch eine andere, die im Grunde noch seltsamer ist und die nihilistische Komponente der westlichen Haltung noch mehr offenbart. Diese zweite und erstaunliche Blindheit kann man so formulieren: Die M&ouml;glichkeit des Friedens wird von unseren Politikern verneint, als ob er, mehr noch als ein thermonuklearer Austausch, eine Bedrohung w&auml;re. Die Russen wiederholen n&auml;mlich immer wieder, dass sie nicht die Absicht haben, ihre Armee &uuml;ber die Ukraine hinaus zu f&uuml;hren. F&uuml;r einen Historiker oder Demografen ist das eine Tatsache. Ich hatte &uuml;brigens die Gelegenheit, in einem franz&ouml;sischen Fernsehsender europ&auml;ische Politiker, Journalisten und Akademiker als geistig &raquo;gest&ouml;rt&laquo; zu beschreiben, die glauben, dass Russland mit seiner schrumpfenden Bev&ouml;lkerung von 144&nbsp;Millionen Menschen, das M&uuml;he hat, seine 17&nbsp;Millionen Quadratkilometer zu besetzen, sich nach Westen ausdehnen will. Dieselben Eliten, die gestern nicht in der Lage waren, vorherzusehen, dass Russland Krieg f&uuml;hren w&uuml;rde (Moskau hatte immerhin angek&uuml;ndigt, dass es die Aufnahme der Ukraine in die NATO nicht akzeptiert werden w&uuml;rde), sind heute nicht f&auml;hig, sich vorzustellen, dass Russland danach Frieden will, nicht aus Gutm&uuml;tigkeit, sondern weil es in seinem Interesse liegt. <\/p><p>Russland wird in der Ukraine nicht nachgeben. Europa ist in keiner Weise bedroht. Frieden sollte m&ouml;glich sein.<\/p><p><em>Buchtipp: Emmanuel Todd: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/der-westen-im-niedergang.html?listtype=search&amp;searchparam=todd\">&bdquo;Der Westen im Niedergang. &Ouml;konomie, Kultur und Religion im freien Fall&ldquo;<\/a>, aus dem Franz&ouml;sischen von Tabea A. Rotter, 350 Seiten, Westend Verlag<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Oestani, CC BY-SA 4.0 <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0<\/a>, via Wikimedia Commons<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der prominente franz&ouml;sische Historiker <strong>Emmanuel Todd<\/strong> sagte bereits 1976 das Ende der Sowjetunion voraus. 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