{"id":123338,"date":"2024-10-19T13:00:07","date_gmt":"2024-10-19T11:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123338"},"modified":"2024-10-18T20:46:53","modified_gmt":"2024-10-18T18:46:53","slug":"appell-zur-bewaeltigung-der-krise-in-ecuador","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123338","title":{"rendered":"Appell zur Bew\u00e4ltigung der Krise in Ecuador"},"content":{"rendered":"<p>Das politische Klima in Ecuador ist hei&szlig; wie die Sommersonne. Das Verbrechen w&uuml;tet im ganzen Land. Kriminelle Banden l&ouml;schen alles aus, was ihnen in die Quere kommt, und das Drogengesch&auml;ft ist ein st&auml;ndig umk&auml;mpftes Feld, das eine endlose Spur von Opfern hinterl&auml;sst. Die Logik der Kontrolle und der interne Krieg, der tagt&auml;glich um die Ausdehnung von Territorien gef&uuml;hrt wird, sind in Ecuador zu einem st&auml;ndigen Thema in den nationalen Nachrichten und zu einem der zentralen Themen des politischen Diskurses im Vorfeld der bevorstehenden Wahlen geworden. Von <strong>Rommel Aquieta N&uacute;&ntilde;ez<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nObwohl der offizielle Wahlkampf f&uuml;r die allgemeinen Wahlen 2025 noch nicht begonnen hat, nutzen die 17 Kandidaten, die an die Macht kommen wollen, die nationale Realit&auml;t, die Stra&szlig;en voller Toter, die Schie&szlig;ereien, die Erpressungen und die st&auml;ndige Angst, die die Gesellschaft erlebt, um ihre ersten Reden zu halten und ihre m&ouml;glichen Wahlkampfpl&auml;ne zu gestalten.<\/p><p>Inmitten des Kugelhagels und des Vakuums, das das nationale Sicherheits- und Regierungsprojekt des derzeitigen Pr&auml;sidenten Daniel Noboa hinterl&auml;sst, beginnt das Land, mit gr&ouml;&szlig;erem Interesse &uuml;ber die harte Realit&auml;t zu diskutieren, mit der es auf wirtschaftlicher, politischer und sozialer Ebene konfrontiert ist. Die Debatten in der Bev&ouml;lkerung nehmen Gestalt an. Von den allt&auml;glichsten Gespr&auml;chen unter den B&uuml;rgern bis hin zu intellektuellen Analysen werden die schwere Sicherheitskrise und das d&uuml;stere Wahlpanorama, vor dem die Ecuadorianer im Februar 2025 den k&uuml;nftigen Kurs dieser lateinamerikanischen Nation bestimmen werden, mit besonderem Nachdruck thematisiert.<\/p><p>Zwischen Januar und April 2024 wurden mehr als 1.800 gewaltsame Todesf&auml;lle im Land registriert. Im Juni desselben Jahres offenbarten die Daten des ecuadorianischen Innenministeriums den wahren Terror, in dem die Bev&ouml;lkerung des Landes lebt: Allein in diesem Monat gab es 592 Morde.<\/p><p>Nach den internen demokratischen Prozessen, die die politischen Organisationen bis zum 17. August durchf&uuml;hrten, verst&auml;rkten sich die Verzweiflung und die allgemeine pessimistische Stimmung, die die Gesellschaft bereits erfasst hatten. Das Wissen um die offiziellen Kandidaten, die sich um die Pr&auml;sidentschaft bewerben werden, war f&uuml;r die Gesellschaft ein deutliches Zeichen f&uuml;r die Br&uuml;che, das Fehlen von Allianzen und die parteipolitischen Ambitionen einiger politischer Akteure, die wenig oder gar nichts unternehmen, um das Land von dem neoliberalen Ansturm zu befreien.<\/p><p>Unter diesem neoliberalen Ansturm leidet die Bev&ouml;lkerung seit der Regierung von Len&iacute;n Moreno. Der Bankier Guillermo Lasso konsolidierte ihn, und der Erbe des gr&ouml;&szlig;ten Bananenimperiums auf regionaler Ebene Daniel Noboa verst&auml;rkt ihn noch weiter.<\/p><p>Insgesamt 17 Kandidaten, so viele und so unterschiedliche Kandidaten und politische Str&ouml;mungen wollen in den Pr&auml;sidentenpalast von Carondelet einziehen. Sie alle versprechen einen Wandel, um die grausame Realit&auml;t, in der Ecuador lebt, zu &uuml;berwinden. Und das, w&auml;hrend der derzeitige Pr&auml;sident und sein politisches Team offen f&uuml;r ihre Wiederwahl werben und jede am Mikrofon gebotene Gelegenheit nutzen, um ihren &auml;rgsten politischen Gegnern deutliche Botschaften zu &uuml;bermitteln.<\/p><p>&bdquo;Belohnen Sie nicht diejenigen mit Ihrer Stimme, die in der Regel Gesetze zugunsten der Kriminellen und gegen die guten B&uuml;rger erlassen haben&rdquo;, sagt etwa der Verteidigungsminister der aktuellen Regierung, bevor er die Pr&auml;sentation seines Berichts &uuml;ber den &bdquo;internen bewaffneten Konflikt&rdquo; abschlie&szlig;t, in dem der sogenannte &bdquo;Sicherheitsblock&rdquo; seine operativen Aktivit&auml;ten zusammenfasst.<\/p><p>Seine Erkl&auml;rungen sowie die der Innenministerin bekr&auml;ftigen die klaren Absichten der politischen und medialen Positionierung im Hinblick auf die Wahlen 2025. All dies findet in Manta statt. Die Pressekonferenz l&auml;uft, w&auml;hrend zur gleichen Zeit in einer bekannten Herberge in derselben Stadt ein Mann erschossen wird. Manta ist der Ort mit der h&ouml;chsten Gewaltrate in der Provinz Manab&iacute; (68 Prozent der im Jahr 2024 registrierten gewaltsamen Todesf&auml;lle und Verbrechen konzentrieren sich auf Manta und Portoviejo).<\/p><p>Angesichts dieser Aussagen muss man sich fragen, wer die &bdquo;guten B&uuml;rger&rdquo; sind, auf die sich der Minister bezieht, denn angesichts der brutalen Realit&auml;t ist nicht ganz klar, ob die gro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung zu der Gruppe geh&ouml;rt oder jemals geh&ouml;ren wird, die der &bdquo;Sicherheitsblock&rdquo; der nationalen Regierung vergeblich vor krimineller Gewalt zu sch&uuml;tzen versucht.<\/p><p>Offensichtlich ist in diesem Zusammenhang, dass Noboa und seine politischen Emiss&auml;re in ihrer Wahlkampagne mit allen Regierungsmitteln und der Demagogie direkt angreifen. Die durch die Gewaltwelle geschaffene Atmosph&auml;re dient der nationalen Rechten dazu, R&auml;ume zu kreieren, in die ihre Diskurse eindringen k&ouml;nnen. Ihre Botschaften werden bis zum &Auml;u&szlig;ersten ausgereizt und treffen auf geschw&auml;chte Linke, die die Suche nach einem Wahlb&uuml;ndnis bei den im letzten Monat durchgef&uuml;hrten Dialogtischen nicht bew&auml;ltigt hat &ndash; Dialogtische, bei denen noch keine eindeutigen und realisierbaren Ergebnisse erzielt wurden.<\/p><p>In seinem j&uuml;ngsten Buch &bdquo;Was ist Lateinamerika heute? Politische Chroniken&rdquo; r&auml;umt der Soziologe und internationale Analyst Marco Teruggi ein, dass &bdquo;Ecuador ein Pulverfass ist&rdquo; &ndash; ein Pulverfass, in dem Munition und Sprengstoff schnell und t&ouml;dlich explodieren k&ouml;nnen, wenn der politische Kurs des Landes nicht ge&auml;ndert wird.<\/p><p>In diesem Kontext ist es klar, dass die Strategien und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit sich vereinen m&uuml;ssen. Die linke Agenda muss ihre Basislinien st&auml;rken und breite R&auml;ume schaffen, in denen neue F&uuml;hrungskr&auml;fte beginnen, frische Ideen der Transformation, reflektiertere und selbstkritischere Gedanken und eine aktive und konsequente Partizipation vorzuschlagen. Sie muss in der Lage sein, die lange und l&auml;hmende Debatte zwischen Pro- und Anti-Correismus\/Progressismus[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]&nbsp;zu &uuml;berwinden.<\/p><p>Ecuador und seine Institutionen (Streitkr&auml;fte, Polizei, Justiz und verschiedene andere staatliche Einrichtungen) sind vom Drogenhandel und der organisierten Kriminalit&auml;t kooptiert. Woche f&uuml;r Woche kommen Skandale und Enth&uuml;llungen ans Licht. Das Projekt der Rechten, ihre Ideen und ihr konservativer Kurs schlagen keine Wurzeln in der nationalen Realit&auml;t. In diesem und anderen lateinamerikanischen L&auml;ndern, so analysiert Teruggi, &bdquo;gibt es nur wenige Kr&auml;fte mit Stabilit&auml;t und Hegemonie, sowohl auf der Rechten als auch auf der Linken: zerbrechliche Zeiten der Siege, die sich schnell in Krisen und Kopfschmerzen f&uuml;r denjenigen verwandeln, der an der Regierung ist. Wahlen zu gewinnen ist oft so, als ob man ein riesiges Problem erbt, ohne zu wissen, wie man es l&ouml;sen soll.&rdquo;<\/p><p>Die Wahrheit ist, dass, w&auml;hrend die ersten strategischen Z&uuml;ge auf dem politischen Schachbrett der Wahlen gemacht werden, die Gesellschaft als Ganzes die Militarisierung der Stra&szlig;en und Alleen erlebt. Der Drogenhandel dringt in ihr t&auml;gliches Leben ein. Die Arbeitslosigkeit und der Mangel an Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten nehmen zu. Und die allt&auml;gliche Realit&auml;t im Landesinneren wird zum besten N&auml;hrboden f&uuml;r das organisierte Verbrechen, das von Stadt zu Stadt wandert, seine Vorgehensweisen ver&auml;ndert und seine Expansionsstrategien perfektioniert.<\/p><p>Ecuador befindet sich zweifellos in einer Krise, vielleicht in einer der gr&ouml;&szlig;ten der letzten Jahre. Die gesamte Bev&ouml;lkerung muss sich nach einer Ver&auml;nderung umsehen. Die neoliberale Politik ist keine Option mehr, ihre Ideen und Projekte k&ouml;nnen nicht die Alternative sein, die sich viele erhoffen, wenn sie den Figuren und<em>&nbsp;Influencern&nbsp;<\/em>des Augenblicks ihre Stimme geben.<\/p><p>Die Linke hat heute die Pflicht, ein f&uuml;r alle Mal zu verstehen, dass es nicht mehr ausreicht, die Regierung zu &uuml;bernehmen, dass es nicht ausreicht, Wahlen zu gewinnen. Um den Kurs und die Realit&auml;t zu &auml;ndern, muss man die Ma&szlig;nahmen radikalisieren, den Dialog und die Begegnung suchen, aber auch die Bem&uuml;hungen um das Gemeinwohl mit Nachdruck vertiefen.<\/p><p><em><strong>Rommel Aquieta N&uacute;&ntilde;ez<\/strong> aus Ecuador ist Aktivist, Journalist und unabh&auml;ngiger Forscher zu Fragen der politischen Erinnerung. Er arbeitet mit dem Institut f&uuml;r Demokratie Eloy Alfaro (<a href=\"https:\/\/institutoideal.la\/\">Ideal<\/a>) zusammen<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/271579\/ecuador-appell-bewaeltigung-krise\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika 21.<\/a><\/p><p><small>Titelbild: Schutterstock \/ Dancing_Man<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112154\">Wie wurde Ecuador von einer &bdquo;Insel des Friedens&rdquo; zum &bdquo;failed state&rdquo;?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113751\">Ecuador nach &Uuml;berfall auf die Botschaft Mexikos in Lateinamerika isoliert<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99302\">Ecuador zwischen Hoffnung, Gewalt und Verfassungskrise<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=71520\">Pr&auml;sidentschaftswahlen in S&uuml;damerika &ndash; Ecuador w&auml;hlt einen der Korruption verd&auml;chtigen Bankier, in Peru f&uuml;hrt ein Kommunist die erste Wahlrunde an<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Als Correismus wird das fortschrittliche politische Lager rund um die Partei B&uuml;rgerrevolution bezeichnet, das von Ex-Pr&auml;sident Rafael Correa stark gepr&auml;gt wurde. In Lateinamerika wird Progressismus (progresismo) als ein historisches Ph&auml;nomen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.scielo.br\/j\/ccrh\/a\/k9Q36Q8fpSWz5bvyNVmns8y\/?format=pdf&amp;lang=es\">definiert<\/a>, &bdquo;das dem kapitalistischen Transformationsprozess der nordamerikanischen Hegemonie und des neoliberalen Regimes entspricht, bei dem die Vorherrschaft des Finanz- und Unternehmenskapitals geschw&auml;cht wird und die Macht der USA und der multilateralen Organisationen &uuml;ber die L&auml;nder Lateinamerikas schwindet. Dies erm&ouml;glicht den Aufstieg b&uuml;ndnisfreier Regierungen, die von den Volksmassen getragen werden und Prozesse der Verstaatlichung der nat&uuml;rlichen Ressourcen sowie eine Umverteilungspolitik der &ouml;ffentlichen Ausgaben mit einer antiimperialistischen Vision bef&ouml;rdern.&rdquo;<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/3cd56534cca147fc958242eb439b3f70\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das politische Klima in Ecuador ist hei&szlig; wie die Sommersonne. Das Verbrechen w&uuml;tet im ganzen Land. Kriminelle Banden l&ouml;schen alles aus, was ihnen in die Quere kommt, und das Drogengesch&auml;ft ist ein st&auml;ndig umk&auml;mpftes Feld, das eine endlose Spur von Opfern hinterl&auml;sst. 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