{"id":12338,"date":"2012-02-24T16:10:18","date_gmt":"2012-02-24T15:10:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12338"},"modified":"2020-02-25T15:36:19","modified_gmt":"2020-02-25T14:36:19","slug":"jbs-wochenruckblick-kampf-um-die-deutungshoheit-der-gauck-zitate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12338","title":{"rendered":"JBs Wochenr\u00fcckblick &#8211; Kampf um die Deutungshoheit der Gauck-Zitate"},"content":{"rendered":"<p>Zumindest in einem Punkt weist der Pastor Joachim Gauck bereits jetzt eine erstaunliche Parallele zu den Evangelisten auf &ndash; um die Exegese seiner Worte ist ein hei&szlig;er Streit entbrannt. Nachdem <a href=\"http:\/\/blog.karlshochschule.de\/2012\/02\/20\/gauck-in-der-filterbubble-oder-wie-wir-lernten-den-kontext-zu-ignorieren\/\">Patrick Breitenbach<\/a> am Montag die Metaebene betrat und sich eifrig ins Zeug legte, Gaucks Zitate in den rechten Kontext zu r&uuml;cken, griff auch SPIEGEL-Online-Kolumnist <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/0,1518,816601,00.html\">Sascha Lobo<\/a> die Kritik an der Kritik Gaucks am Dienstag auf. Die beiden Artikel hinterlie&szlig;en zwar einen virtuellen Scherbenhaufen, schrammten jedoch mit Bravour am vorgegebenen Ziel vorbei. Die umstrittenen Zitate des designierten Bundespr&auml;sidenten sind auch im jeweiligen Kontext zu kritisieren. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWas will uns eigentlich der bloggende <a href=\"http:\/\/www.xing.com\/profile\/Patrick_Breitenbach\">Medienunternehmer<\/a> Patrick Breitenbach mit seinem stellenweise pomp&ouml;s anmutenden <a href=\"http:\/\/blog.karlshochschule.de\/2012\/02\/20\/gauck-in-der-filterbubble-oder-wie-wir-lernten-den-kontext-zu-ignorieren\/\">Artikel<\/a> zur &bdquo;Filterbubble&ldquo; bei den Gauck-Zitaten sagen? Subtrahiert man die &ndash; oft gestelzt wirkende &ndash; medientheoretische Rahmenbetrachtung und die unverhohlene Bewunderung f&uuml;r den Kandidaten Gauck, erh&auml;lt man die Kernaussage, dass Joachim Gauck ein Rhetoriker der alten Schule sei, der klare Aussagen meide. Stattdessen trage er in seinen Reden, Interviews und Aufs&auml;tzen Abw&auml;gungen vor, mit denen er sich dialektisch zu seiner intellektuellen Synthese vorarbeite. In seinem &ndash; nicht weniger pomp&ouml;s anmutenden &ndash; <a href=\"http:\/\/blog.karlshochschule.de\/2012\/02\/23\/die-debatte-gauck-anlass-zu-einer-medienreflektion\/\">Folgebeitrag<\/a> &uuml;bersetzt Breitenbach dies mit der griffigeren Vokabel &bdquo;verschwurbelt&ldquo;. Die vor allem im Netz kolportierten Zitate seien demnach nur Abw&auml;gungen, die keinesfalls Gaucks Meinung widerg&auml;ben, die sich nur im gesamten Kontext erschlie&szlig;en lie&szlig;e. Ist Gauck also ein modernes Orakel von Delphi? Nein, denn Breitenbachs Metaanalyse ist selbst &bdquo;verschwurbelt&ldquo; und scheitert am eigenen Anspruch. <\/p><p>Wer Breitenbachs Artikel aufmerksam liest, kommt nicht um den Eindruck herum, hier ein au&szlig;ergew&ouml;hnliches Beispiel von fortgeschrittener Rabulistik vorliegen zu haben. Er wirft den Gauck-Kritikern vor, die Methoden der BILD anzuwenden, verk&uuml;rzt alle Argumente, die gegen Gauck sprechen, aber ebenfalls in boulevardesker Manier. Den Kritikern wirft er vor, mit ihren Zitaten den Kontext zu vernachl&auml;ssigen und legt ihnen dabei indirekt &Auml;u&szlig;erungen in den Mund, die so nie gemacht wurden. Ein Beispiel gef&auml;llig? Breitenbach schreibt, die &bdquo;unterschwellige Botschaft&ldquo; der Gauck-Kritiker beinhalte, dieser sei ein ausgemachter Rassist. Um seinen Vorwurf zu belegen, f&uuml;hrt er Gaucks Kritik an den &bdquo;biologischen Ans&auml;tzen&ldquo; Sarrazins ins Feld, um zum Ergebnis zu kommen, dass Gauck kein &bdquo;ausgemachter Rassist&ldquo; sein k&ouml;nne. Das mag formal richtig sein, aber was hat das mit Gaucks Lob f&uuml;r Sarrazins Mut zu tun? Gar nichts. Breitenbach verwendet vielmehr den ersten Kunstgriff der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eristische_Dialektik#Kunstgriffe_1.E2.80.933\">eristischen Dialektik von Schopenhauer<\/a>, die als klassische Einf&uuml;hrung in die Rabulistik gilt. <\/p><p>Auch bei den anderen Kritikpunkten an den Gauck-Zitaten (Hartz IV, Occupy-Bewegung, Vorratsdatenspeicherung etc. pp.) meidet es Breitenbach, den Kontext unvoreingenommen zu erschlie&szlig;en und versucht stattdessen lieber, mittels Rabulistik den Spie&szlig; umzudrehen und den Gauck-Kritikern Zitierfehler vorzuwerfen. Wenn man die Zitate in ihren Kontext setzt, kommt man jedoch zu einem g&auml;nzlich anderem Ergebnis, wie der Blogger Anatol Stefanowitsch in einem ausf&uuml;hrlichen Artikel <a href=\"http:\/\/www.scilogs.de\/wblogs\/blog\/sprachlog\/kultur\/2012-02-21\/der-boese-gauck-und-das-netz\">eindrucksvoll belegt<\/a>.<\/p><p>Nicht minder pomp&ouml;s, daf&uuml;r rhetorisch und intellektuell zur&uuml;ckhaltender, &auml;u&szlig;erte sich der SPD-nahe Medienberater und Kolumnist Sascha Lobo einen Tag sp&auml;ter auf SPIEGEL Online. Lobo hatte Breitenbachs Artikel gelesen und offensichtlich f&uuml;r kontrovers genug gefunden, um die Thesen noch weiter <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/0,1518,816601,00.html\">zuzuspitzen<\/a> und mit allerlei wohlfeilen Social-Media-Weisheiten zu erg&auml;nzen. F&uuml;r Lobo steht fest, dass von den &bdquo;aggressiven Vorw&uuml;rfen&ldquo; gegen&uuml;ber Gauck bei der Betrachtung des Kontexts &bdquo;wenig &uuml;brig bleibt&ldquo;. Auch wenn Lobo viel &uuml;ber den Kontext schreibt, ignoriert er ihn jedoch selbst g&auml;nzlich und macht sich noch nicht einmal die M&uuml;he, seine steilen Thesen anhand von Beispielen zu belegen. Mit direkter und indirekter Kritik an den Kritikern geht er jedoch nicht so sparsam um, wie mit dem Beleg seiner eigenen Thesen. Die Aufmerksamkeit &bdquo;des Netzes&ldquo; ist ihm aufgrund dieser provokanten Zuspitzung sicher &ndash; und dies ist ja zumindest etwas. Inhaltlich bleibt Lobo jedoch &ndash; wie schon zuvor Breitenbach &ndash; auf ganzer Linie hinter den eigenen Anspr&uuml;chen zur&uuml;ck und wird nun bereits von seinem SPIEGEL-Online-Kollegen <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/0,1518,817275,00.html\">Christoph Twickel<\/a> in Sachen Zitat und Kontext belehrt.<\/p><p>Eigentlich k&ouml;nnte man diese beiden Artikel getrost ignorieren, h&auml;tten sie nicht &uuml;ber den Umweg der medialen Sch&uuml;tzenhilfe bereits Einzug ins Meinungsbild vieler Leser gefunden. Selbst an den &ndash; ansonsten sehr kritischen &ndash; Lesern der NachDenkSeiten ist die Pro-Gauck-Propaganda nicht spurlos vor&uuml;bergegangen, wie uns einige Zuschriften zeigen. Schon beinahe perfide ist dabei das Muster der Meinungsmache. Man stellt die Behauptung auf, die strittigen Gauck-Zitate seien bei Betrachtung des Kontexts verzerrt, ohne dabei selbst objektiv auf den Kontext einzugehen. Anstatt diese These anhand des Kontexts zu &uuml;berpr&uuml;fen, neigen viele Leser jedoch dazu, dieser Interpretation Recht zu geben. Damit machen sich Breitenbach und Lobo exakt der Verfehlung schuldig, die sie den Gauck-Kritikern anlasten. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, wessen Interessen und wessen Meinung die beiden Medienunternehmer eigentlich publizieren? Schon bei der ersten Gauck-Kandidatur wurde der Kandidat im Netz von Werbeagenturen und parteinahen Personen massiv <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/2930\/gauck-hype-welcher-gauck-hype\">promotet<\/a>. <\/p><p>Es entbehrt freilich nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet ein designierter Bundespr&auml;sident offenbar die Unterst&uuml;tzung durch eine rabulistische Diskursanalyse ben&ouml;tigt. Man sollte gerade von einem Bundespr&auml;sidenten schon erwarten, dass er zumindest halbwegs unfallfrei auf dem rhetorischen Parkett unterwegs ist. Wer sich einmal den vollen Kontext des <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/2.220\/interview-mit-joachim-gauck-warum-ueberlassen-wir-den-stolz-den-bekloppten-1.1006716\">Interviews<\/a> anschaut, in dem Gauck Sarrazin Mut attestierte, wird sich jedoch eher fragen, ob Gauck hier nicht mit voller Absicht einer klaren Aussage aus dem Weg ging und somit jedweder Interpretation T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet. Insofern ist es &ndash; vollkommen unabh&auml;ngig vom Kontext &ndash; auch t&ouml;richt, Gauck zu einem Opfer von Zitatfehldeutern aus dem Netz zu stilisieren. Wir haben es hier nicht mit einem medienunerfahrenen J&uuml;ngling zu tun, der f&uuml;r seine Mannschaft ein wichtiges Tor geschossen hat und beim anschlie&szlig;enden Interview von den Journalisten in die Mangel genommen wird. Joachim Gauck ist ein Mann des Wortes. Und einem Mann des Wortes ist es durchaus zuzutrauen, sich &ndash; allen Abw&auml;gungen zum Trotz &ndash; unzweideutig auszudr&uuml;cken. Wenn er dies nicht tut, liegt hier der Verdacht nahe, dass er es darauf anlegt, zweideutig verstanden zu werden und mit dem vermeintlichen Tabubruch zu spielen. F&uuml;r einen Bundespr&auml;sidenten ist dies keine gute Voraussetzung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zumindest in einem Punkt weist der Pastor Joachim Gauck bereits jetzt eine erstaunliche Parallele zu den Evangelisten auf &ndash; um die Exegese seiner Worte ist ein hei&szlig;er Streit entbrannt. 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