{"id":123405,"date":"2024-10-21T10:00:01","date_gmt":"2024-10-21T08:00:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123405"},"modified":"2025-08-05T11:23:13","modified_gmt":"2025-08-05T09:23:13","slug":"von-panzern-zu-tweets-wie-wir-in-den-informationskrieg-gerieten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123405","title":{"rendered":"\u201eVon Panzern zu Tweets\u201c \u2013 Wie wir in den Informationskrieg gerieten"},"content":{"rendered":"<p>Das Thema der russischen Desinformation ist gerade wieder sehr aktuell. Nicht nur <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=120692\">warf Wirtschaftsminister Habeck<\/a> in einer Wahlkampfveranstaltung der AfD und dem BSW vor, von Moskau und Peking finanziell unterst&uuml;tzt zu werden und sich f&uuml;r ihre Meinung zur Ukraine bezahlen zu lassen sowie Trollarmeen aufzubauen. Auch der bayerische Landesverfassungsschutz beobachtet(e?) unter dem Vorwurf &bdquo;der Unterst&uuml;tzung russischer Narrative&ldquo; die <em>Berliner Zeitung<\/em> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121174\">auch die <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a>. Und die Diskussion um die sogenannten &bdquo;Trusted Flagger&ldquo; &ndash; private Hinweisgeber, die im Zusammenspiel mit gro&szlig;en Medienunternehmen die staatliche Aufgabe der Zensur &uuml;bernehmen &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=122750\">erhitzt aktuell die Gem&uuml;ter<\/a>. Aber wie sind wir eigentlich in eine politische Kultur geraten, in der Kritik an innen- oder au&szlig;enpolitischen Entscheidungen inzwischen schon reflexhaft als &bdquo;prorussische Propaganda&ldquo; tituliert wird, nicht mehr auf die Inhalte eingegangen oder auf Sachebene diskutiert wird? War das eine organische Entwicklung oder wurde sie aktiv vorangetrieben? Eine Spurensuche von <strong>Maike Gosch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6359\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-123405-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=123405-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241021-Von-Panzern-zu-Tweets-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116908\">Artikel auf den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> im Juni dieses Jahres (&bdquo;Wie aus &sbquo;Zensur&lsquo; der &sbquo;Kampf gegen Desinformation&lsquo; wurde&ldquo;) schrieb ich:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Fr&uuml;her nannte man es &bdquo;Zensur&ldquo;, wenn staatliche Stellen unliebsame und abweichende Meinungen einschr&auml;nkten, kontrollierten oder verboten. Seit einiger Zeit ist dieser Begriff fast aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs verschwunden und damit gef&uuml;hlt auch das gesamte politische, juristische und kulturelle Erbe, welches mit der Auseinandersetzung um Zensur und der Erk&auml;mpfung von Meinungsfreiheit einherging. Daf&uuml;r ist jetzt der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; als Konzept und Aktivit&auml;t omnipr&auml;sent geworden. Wie ist es zu dieser Diskursverschiebung gekommen, <strong>welche Interessen und Akteure stehen dahinter<\/strong> und welche Krisen haben die Zwischenschritte dieser Entwicklung beg&uuml;nstigt?<\/p><\/blockquote><p>Zu Recht wurde von einigen Lesern moniert, dass ich in dem Artikel nicht wirklich auf die Interessen und Akteure eingegangen bin, die diese Entwicklung im Hintergrund vorbereitet und beg&uuml;nstigt haben. Es ist ein kompliziertes Feld mit unglaublich vielen Akteuren und Organisationen, und je mehr ich dazu recherchiere, desto mehr wird mir klar, wie viele Aktivit&auml;ten, Konferenzen, Planspiele, Fortbildungen es zur Vorbereitung der &bdquo;Desinformations&ldquo;-Narrative oder -Problematik (je nachdem, wie skeptisch man dem gegen&uuml;bersteht) gegeben hat und wie viele NGOs (Nichtregierungsorganisationen), Institute, milit&auml;rische und geheimdienstliche Organisationen und Aktivit&auml;ten es in diesem Bereich gibt; und auch, wie lange man zur&uuml;ckgehen muss, um die Anf&auml;nge zu erhaschen.<\/p><p>Einige Elemente habe ich schon in meinen Artikeln &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117818\">Erkenntnisse aus den Twitter-Files und den &bdquo;Censorship Industrial Komplex&ldquo;<\/a> und &uuml;ber die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119356\">Methode des &bdquo;Pre-Bunking&ldquo; im Ukraine-Krieg und der Covid-Krise<\/a> versucht, darzulegen. Weitere Puzzlesteine m&ouml;chte ich in den folgenden Wochen liefern.<\/p><p><strong>Beginne am Anfang<\/strong><\/p><p>Wie sind wir in eine politische Kultur geraten, in der Kritik an innenpolitischen oder au&szlig;enpolitischen Entscheidungen oder Berichterstattungen inzwischen fast schon reflexhaft als &bdquo;prorussische Propaganda&ldquo; tituliert wird und nicht mehr auf die Inhalte eingegangen oder auf Sachebene diskutiert wird?<\/p><p>Ich bin mir dabei der Ironie bewusst, die darin liegt, dass ich hier dar&uuml;ber schreibe, wie es zu der Paranoia und Verschw&ouml;rungstheorie der russischen Fernsteuerung des gesamten Dissenses in der westlichen Welt gekommen ist, und dabei selbst Verschw&ouml;rungen und massiv gesteuerte Anstrengungen durch westliche Geheimdienste, Milit&auml;r, Regierungsstellen und regierungsnahe NGOs behaupte und aufzudecken versuche. Es ist im Grunde eine Verschw&ouml;rungstheorie &uuml;ber die Entstehung einer Verschw&ouml;rungstheorie. Aber folgen Sie mir ein wenig weiter auf meinem Weg hinab in den Kaninchenbau.<\/p><p>Wie immer ist es schwer zu wissen, wo eine Entwicklung genau anf&auml;ngt. Ich habe mir mal ein Medienereignis aus dem Jahr 2013 herausgegriffen, wobei dies sicher nicht den Anfang dieser Entwicklung darstellte, aber vielleicht einen wichtigen Meilenstein oder Baustein der Erz&auml;hlung:<\/p><p><strong>Die Gerassimow-Doktrin<\/strong><\/p><p>Oder: Wie das &bdquo;Missverst&auml;ndnis&ldquo; einer Rede des Generalstabschefs der russischen Streitkr&auml;fte, Waleri Gerassimow, zur gr&ouml;&szlig;ten Zensuroffensive der NATO f&uuml;hrte:<\/p><p>Ende Januar 2013 hielt Waleri Gerassimow eine Rede vor der Jahresvollversammlung der Akademie der Milit&auml;rwissenschaften Russlands (AVN). Der Titel der Rede war &bdquo;Grundlegende Tendenzen der Entwicklung der Formen und Methoden des Einsatzes der Streitkr&auml;fte &ndash; Die aktuellen Aufgaben zur Verbesserung der Milit&auml;rwissenschaft&ldquo;. (<a href=\"https:\/\/archive.is\/gHt9q\">Valerij V. Gerassimov &bdquo;Cennost&rsquo; nauki v predvidenii&ldquo;<\/a>, abgedruckt in Voenno-Promy&scaron;lennyj Kur&rsquo;er, 27. Februar 2013)<\/p><p>In dieser Rede sagte er unter anderem folgende S&auml;tze:<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Im 21. Jahrhundert besteht die Tendenz, die Unterschiede zwischen Kriegs- und Friedenszustand zu verwischen. Kriege werden nicht mehr erkl&auml;rt, und wenn sie einmal beginnen, folgen sie nicht mehr dem gewohnten Muster.<\/p>\n<p>    Die Erfahrung milit&auml;rischer Konflikte, einschlie&szlig;lich solcher im Zusammenhang mit den sogenannten Farbrevolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten, best&auml;tigt, dass ein v&ouml;llig wohlhabender Staat innerhalb weniger Monate und sogar Tage zu einem Schauplatz erbitterter bewaffneter K&auml;mpfe werden und als Opfer einer ausl&auml;ndischen Intervention in den Abgrund von Chaos, humanit&auml;rer Katastrophe und B&uuml;rgerkrieg st&uuml;rzen kann.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Lehren aus dem Arabischen Fr&uuml;hling&ldquo; f&uuml;gte er dann hinzu:<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Am einfachsten l&auml;sst sich nat&uuml;rlich sagen, dass es sich bei den Ereignissen des &bdquo;Arabischen Fr&uuml;hlings&ldquo; nicht um einen Krieg handelt, sodass wir, das Milit&auml;r, dort nichts zu studieren haben. Oder sind diese Ereignisse im Gegenteil ein typischer Krieg des 21. Jahrhunderts?<\/p>\n<p>    Hinsichtlich des Ausma&szlig;es der Verluste und Zerst&ouml;rungen sowie der katastrophalen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen sind solche neuartigen Konflikte mit den Folgen eines echten Krieges selbst vergleichbar.<\/p>\n<p>    Und die &bdquo;Kriegsregeln&ldquo; selbst haben sich erheblich ge&auml;ndert. Die Rolle nichtmilit&auml;rischer Methoden zur Erreichung politischer und strategischer Ziele hat zugenommen, die in ihrer Wirksamkeit die Gewalt von Waffen teilweise deutlich &uuml;bertroffen haben.<\/p>\n<p>    Der Schwerpunkt der eingesetzten Konfrontationsmethoden verlagert sich auf den weit verbreiteten Einsatz politischer, wirtschaftlicher, informativer, humanit&auml;rer und anderer nichtmilit&auml;rischer Ma&szlig;nahmen, die unter Ausnutzung des Protestpotenzials der Bev&ouml;lkerung umgesetzt werden. All dies wird durch verdeckte milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen erg&auml;nzt, darunter die Umsetzung von Informationskriegsma&szlig;nahmen und die Aktionen von Spezialeinheiten. Auf den offenen Einsatz von Gewalt unter dem Deckmantel der Friedenssicherung und Krisenbew&auml;ltigung greifen sie oft erst irgendwann zur&uuml;ck, vor allem, um einen endg&uuml;ltigen Erfolg im Konflikt zu erreichen.<\/p>\n<p>    Dies f&uuml;hrt zu logischen Fragen: Was ist moderner Krieg, worauf sollte die Armee vorbereitet sein, womit sollte sie bewaffnet sein? Nur durch die Beantwortung dieser Fragen k&ouml;nnen wir langfristig die Richtungen f&uuml;r den Aufbau und die Entwicklung der Streitkr&auml;fte festlegen. Dazu m&uuml;ssen wir klar verstehen, welche Formen und Methoden ihrer Anwendung wir verwenden werden.<\/p>\n<p>    (&hellip;) Asymmetrische Aktionen sind weit verbreitet und erm&ouml;glichen es, die &Uuml;berlegenheit des Feindes im bewaffneten Kampf zu neutralisieren. Dazu geh&ouml;ren der Einsatz von Spezialeinheiten und interner Opposition zur Schaffung einer dauerhaften Front auf dem gesamten Territorium des gegnerischen Staates sowie Informationsma&szlig;nahmen, deren Formen und Methoden st&auml;ndig verbessert werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Warum ist diese Rede des h&ouml;chsten russischen Milit&auml;rs von 2013 heute noch relevant? Weil ihre Rezeption und Interpretation durch westliche Kommentatoren eine sehr wichtige Rolle dabei spielten, die Bedrohung durch russische Desinformation als Form hybrider Kriegsf&uuml;hrung in der Wahrnehmung der westlichen &Ouml;ffentlichkeit aufzubauen. Damit lieferte sie eine der wichtigsten Rechtfertigungen daf&uuml;r, dass wir im Westen, also in den USA und in der EU, in einen &bdquo;Informationskrieg&ldquo; mit Russland und internen Oppositionskr&auml;ften eingetreten sind, in dem seitdem immer st&auml;rker hochger&uuml;stet wird.<\/p><p>Es wurde also die Geschichte erz&auml;hlt, es best&uuml;nde eine massive Bedrohung durch diese neue Strategie von Seiten Russlands, auf die wir uns im Westen vorbereiten m&uuml;ssen und der wir &ndash; defensiv &ndash; entgegentreten m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Paranoia und Panik oder Perfidie und Propaganda?<\/strong><\/p><p>Die Rede wurde im Westen zun&auml;chst nicht weiter beachtet, aber dann wurde sie von Robert Coalson, der f&uuml;r <em>Radio Free Europe\/Radio Liberty<\/em>, dem von der US-Regierung finanzierten Sender, arbeitete, an den britischen Au&szlig;enpolitik-Experten Mark Galeotti <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2018\/03\/05\/im-sorry-for-creating-the-gerasimov-doctrine\/#cookie_message_anchor\">weitergeleitet<\/a>. Galeotti ver&ouml;ffentlichte die Rede in seinem <a href=\"https:\/\/inmoscowsshadows.wordpress.com\/2014\/07\/06\/the-gerasimov-doctrine-and-russian-non-linear-war\/\">Blog &bdquo;In Moskow&rsquo;s Shadow&ldquo;<\/a> am 6. Juli 2014 und machte dazu einige Anmerkungen, die gro&szlig;e Wellen schlugen und die Rezeption im Westen ma&szlig;geblich bestimmten. Er &uuml;berschrieb zudem die Rede und den Blogbeitrag mit dem Titel &bdquo;Die Gerassimow-Doktrin&ldquo; und pr&auml;gte damit einen Begriff, der in der Folge von <a href=\"https:\/\/asia.nikkei.com\/Viewpoints\/James-D.J.-Brown\/Japan-woos-Russia-for-its-own-security\">Hunderten von Kommentatoren<\/a> <a href=\"https:\/\/www.politico.com\/magazine\/story\/2017\/09\/05\/gerasimov-doctrine-russia-foreign-policy-215538\">aufgegriffen wurde<\/a>.<\/p><p>Was war die Anmerkung, die &uuml;ber den Titel hinaus so pr&auml;gende Folgen auf die weiteren Entwicklungen hatte? Er zitiert den folgenden Ausschnitt der Rede (bereits oben zitiert):<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Im 21. Jahrhundert besteht die Tendenz, die Unterschiede zwischen Kriegs- und Friedenszustand zu verwischen. Kriege werden nicht mehr erkl&auml;rt, und wenn sie einmal beginnen, folgen sie nicht mehr dem gewohnten Muster.<\/p>\n<p>    Die Erfahrung milit&auml;rischer Konflikte, einschlie&szlig;lich solcher im Zusammenhang mit den sogenannten Farbrevolutionen in Nordafrika und im Nahen Osten, best&auml;tigt, dass<em> <\/em>ein v&ouml;llig wohlhabender Staat innerhalb weniger Monate und sogar Tage zu einem Schauplatz erbitterter bewaffneter K&auml;mpfe werden und als Opfer einer ausl&auml;ndischen Intervention in den Abgrund von Chaos, humanit&auml;rer Katastrophe und B&uuml;rgerkrieg st&uuml;rzen kann.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Und f&uuml;gt dann folgende Anmerkung hinzu:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es gibt einen alten rhetorischen Trick aus der sowjetischen &Auml;ra, bei der eine &sbquo;Warnung&rsquo; oder eine &sbquo;Lehre&rsquo; aus einer anderen Situation verwendet wird, um eine eigene Absicht und einen eigenen Plan zu beschreiben. Die Art und Weise, wie das, was als nachtr&auml;gliche Analyse des Arabischen Fr&uuml;hlings dargestellt wird, so stark auf das &uuml;bertragen werden kann, was in der Ukraine getan wurde, ist bemerkenswert. Indem der Arabische Fr&uuml;hling f&auml;lschlicherweise als Ergebnis geheimer westlicher Operationen dargestellt wird, gibt Gerassimow sich die Freiheit, auch dar&uuml;ber zu sprechen, wor&uuml;ber er vielleicht wirklich sprechen m&ouml;chte: dar&uuml;ber, wie Russland Staaten untergraben und zerst&ouml;ren kann, ohne direkte, offene und gro&szlig; angelegte milit&auml;rische Intervention. Die Annahme jedoch, dass dies zun&auml;chst ein westlicher Schachzug ist, scheint er tats&auml;chlich selbst zu glauben.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Das kann man schon nicht mehr als &bdquo;weit hergeholt&ldquo; bezeichnen. Hier wird sogar das Ph&auml;nomen der &bdquo;Projektion&ldquo; auf den Gegner &bdquo;projiziert&ldquo;. Gerassimow spricht hier ziemlich offensichtlich von einer westlichen oder US-amerikanischen Taktik (&bdquo;Farbenrevolutionen&ldquo;, &bdquo;Arabischer Fr&uuml;hling&ldquo;) und deutet an, dass Russland sich darauf vorbereiten und daf&uuml;r wappnen muss, dass Kriege und Konflikte auch auf eine solche Art hybrid gef&uuml;hrt oder unterst&uuml;tzt werden. Man kann dar&uuml;ber streiten, ob es sich bei den &bdquo;Farbenrevolutionen&ldquo; und dem &bdquo;Arabischen Fr&uuml;hling&ldquo; um rein organische nationale Erhebungen und Proteste handelte oder ob diese von westlichen Geheimdiensten stark finanziell unterst&uuml;tzt, PR-m&auml;&szlig;ig begleitet und teilweise auch orchestriert wurden (wobei es meiner Ansicht nach genug Belege f&uuml;r Variante zwei gibt). Aber dass, wenn ein russischer Milit&auml;r &uuml;ber diese Ereignisse spricht, er damit eine russische Taktik beschreibt, ist offensichtlich abwegig. Galeottis Gedankenlesen und Unterstellungen finden meiner Ansicht nach daher keine St&uuml;tze in dem Text.<\/p><p>Zwar gab Mark Galeotti, der fr&uuml;her f&uuml;r das britische Au&szlig;enministerium arbeitete und als ein wichtiger NATO-Theoretiker gilt, sp&auml;ter selbst zu, dass sein Artikel urs&auml;chlich f&uuml;r die gewaltige T&auml;ter-Opfer-Umkehr durch Hunderte von Artikeln und Kommentatoren in der Folge war und dass die Bezeichnung &bdquo;Gerassimow-Doktrin&ldquo; einen falschen Eindruck erweckte, und <a href=\"https:\/\/foreignpolicy.com\/2018\/03\/05\/im-sorry-for-creating-the-gerasimov-doctrine\/#cookie_message_anchor\">kl&auml;rte &uuml;ber den tats&auml;chlichen Inhalt auf<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Gerassimow sprach tats&auml;chlich dar&uuml;ber, wie der Kreml versteht, was bei den Aufst&auml;nden des &bdquo;Arabischen Fr&uuml;hlings&ldquo;, den &bdquo;Farbrevolutionen&ldquo; gegen pro-Moskauer Regime in Russlands Nachbarschaft und schlie&szlig;lich beim &bdquo;Maidan&ldquo;-Aufstand in der Ukraine geschah. Die Russen glauben ehrlich &mdash; wenn auch falsch &mdash;, dass dies keine echten Proteste gegen brutale und korrupte Regierungen waren, sondern von Washington, genauer gesagt Langley inszenierte Regimewechsel. Das war keine &bdquo;Doktrin&ldquo;, wie es die Russen verstehen, f&uuml;r zuk&uuml;nftige Abenteuer im Ausland: Gerassimov versuchte herauszufinden, wie man solche Aufst&auml;nde zu Hause bek&auml;mpfen und nicht f&ouml;rdern k&ouml;nnte.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Er beschreibt es in seinem Artikel aber so, als w&auml;re er einfach missverstanden worden und dieses Missverst&auml;ndnis habe dann ein Eigenleben entwickelt. Wenn wir uns seine Formulierungen in der Anmerkung oben aber genau ansehen, dann f&auml;llt es mir schwer, hier nicht an eine propagandistische Absicht zu glauben. Zus&auml;tzlich erfolgte diese Richtigstellung auch erst im Jahr 2018, also vier Jahre nach dem urspr&uuml;nglichen Artikel, sodass der Schaden l&auml;ngst entstanden war und auch nicht mehr r&uuml;ckg&auml;ngig gemacht werden konnte. Das Kind war l&auml;ngst in den Brunnen gefallen und das Schreckgespenst eines Gro&szlig;angriffs durch russische hybride Kriegsf&uuml;hrung in der Welt.<\/p><p>Dr. Mark Galeotti war es &uuml;brigens auch, der im Jahr 2017 (zusammen mit vielen) dann die aufsteigende <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/docu\/review\/articles\/2017\/01\/06\/will-the-populist-wave-wash-away-nato-and-the-european-union\/index.html\">Gefahr des &bdquo;Populismus&ldquo;<\/a> beschwor.<\/p><p>Ich erinnere mich noch daran, wie dieser Begriff (Populisten) im deutschen politischen Diskurs auftauchte. Vorher waren zum Beispiel &bdquo;rechte&ldquo; oder &bdquo;rechtsextreme&ldquo; Parteien oder Organisationen nie als &bdquo;populistisch&ldquo; bezeichnet worden. Das w&auml;re allen auch viel zu positiv vorgekommen. Der Begriff fiel h&ouml;chstens einmal in Bezug auf &bdquo;Bierzeltreden&ldquo; der CSU oder &Auml;hnliches. Auch dieser Begriff und das Gedankengeb&auml;ude darum herum tauchten erst um das Jahr 2016 herum bzw. nahmen eine negative F&auml;rbung auf und wurden in meinen Augen massiv propagandistisch instrumentalisiert.<\/p><p><strong>Jetzt wird zur&uuml;ckmanipuliert<\/strong><\/p><p>Bereits im September 2014, also wenige Monate, nachdem die &bdquo;Gerassimow-Doktrin&ldquo; durch die Medienwelt und die Welt der Milit&auml;rexperten geisterte, beschloss die NATO in ihrer <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/official_texts_112964.htm\">Abschlusserkl&auml;rung ihres Gipfeltreffens in Wales<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir werden sicherstellen, dass die NATO in der Lage ist, effektiv den besonderen Herausforderungen einer Bedrohung durch einen Hybridkrieg zu begegnen, bei dem eine gro&szlig;e Bandbreite an offenen und verdeckten milit&auml;rischen, paramilit&auml;rischen und zivilen Ma&szlig;nahmen auf hochabgestimmte Weise eingesetzt wird.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die NATO hat also aus ihrer Sicht ihre Strategie angepasst, um besser auf Cyberangriffe, Informationskriege und andere hybride Bedrohungen reagieren zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich nicht, dass diese &Auml;nderung und Neuausrichtung der NATO-Strategie allein auf dem &bdquo;Missverst&auml;ndnis&ldquo; in Galeottis Blog beruhte: Eine der wichtigsten Ursachen war nat&uuml;rlich die Situation rund um den Machtwechsel (Putsch\/Revolution) in der Ukraine im Februar 2014 und das darauf folgende Gef&uuml;hl der westlichen (insbesondere anglo-amerikanischen) M&auml;chte des Verlustes der narrativen Kontrolle nach der Annexion\/Abspaltung der Krim-Halbinsel, welches sich im Ergebnis des umstrittenen Referendums im M&auml;rz 2014 &uuml;ber den Status der Insel zeigte. Die westlichen M&auml;chte deuteten diese Niederlage als Zeichen daf&uuml;r, dass russische Desinformation die Bev&ouml;lkerung in die Irre gef&uuml;hrt hatte. Andere Deutungen sind sicher m&ouml;glich.<\/p><p>In dieser <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/official_texts_112964.htm\">Abschlusserkl&auml;rung<\/a> wurde auch die Einrichtung des NATO-verbundenen &bdquo;Strategic Communications Centre of Excellence&ldquo; (NATO STRATCOM COE) in Riga\/Lettland begr&uuml;&szlig;t.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Es ist von entscheidender Bedeutung, dass das B&uuml;ndnis &uuml;ber die notwendigen Instrumente und Verfahren verf&uuml;gt, die f&uuml;r eine wirksame Abschreckung und Reaktion auf Bedrohungen durch hybride Kriegf&uuml;hrung erforderlich sind, sowie &uuml;ber die F&auml;higkeiten zur Verst&auml;rkung der nationalen Streitkr&auml;fte. Dazu geh&ouml;ren auch die Verbesserung der strategischen Kommunikation, die Entwicklung von &Uuml;bungsszenarien im Hinblick auf hybride Bedrohungen und die St&auml;rkung der Koordinierung zwischen der NATO und anderen Organisationen im Einklang mit den einschl&auml;gigen Beschl&uuml;ssen, um den Informationsaustausch, die politischen Konsultationen und die Koordinierung zwischen den Mitarbeitern zu verbessern. Wir begr&uuml;&szlig;en die Einrichtung des von der NATO akkreditierten Exzellenzzentrums f&uuml;r strategische Kommunikation in Lettland als einen bedeutenden Beitrag zu den Bem&uuml;hungen der NATO in diesem Bereich. Wir haben den Auftrag erteilt, die Arbeiten zur hybriden Kriegsf&uuml;hrung parallel zur Umsetzung des Readiness-Aktionsplans zu &uuml;berpr&uuml;fen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Entsprechend wurde auf dem Treffen des Nordatlantikrats in Warschau im Juni 2016 die <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/official_texts_112964.htm\">NATO-Charta<\/a> ver&auml;ndert, um die sogenannte hybride Kriegsf&uuml;hrung (&bdquo;hybrid warfare&ldquo;) zuzulassen:<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;37. Mit den l&auml;ngerfristigen Anpassungsma&szlig;nahmen des Aktionsplans zur Reaktionsf&auml;higkeit haben wir (&hellip;)<\/p>\n<ol type=\"i\">\n<li>eine Strategie zur Rolle der NATO bei der Verteidigung gegen die hybride Kriegsf&uuml;hrung vereinbart, die derzeit in Abstimmung mit der EU umgesetzt wird,&ldquo;<\/li>\n<\/ol>\n<\/blockquote><p>Was genau ist damit gemeint? Hybride Kriegsf&uuml;hrung ist eine Strategie, die konventionelle milit&auml;rische Mittel (wie Panzer und Soldaten) mit unkonventionellen Methoden (wie Cyberangriffe, Desinformation, wirtschaftlicher Druck oder Einflussnahme durch soziale Medien) kombiniert. Das Ziel ist es, den Gegner auf verschiedenen Ebenen zu destabilisieren und seine Handlungsf&auml;higkeit einzuschr&auml;nken, ohne unbedingt einen offenen Krieg zu f&uuml;hren. Die NATO erkl&auml;rt ihre Neuausrichtung also damit, dass Bedrohungen sich nicht mehr nur auf klassische milit&auml;rische Auseinandersetzungen beschr&auml;nken, sondern dass moderne Konflikte auch auf digitaler Ebene und in den Medien stattfinden.<\/p><p>Dies wurde auch als &Auml;nderung der Strategie &bdquo;From Tanks to Tweets&ldquo; (von Panzern zu Kurznachrichten auf <em>Twitter\/X<\/em>) bezeichnet. W&auml;hrend Panzer (klassische milit&auml;rische Macht) weiterhin wichtig sind, m&uuml;ssen auch neue Werkzeuge (wie soziale Medien und Cyberf&auml;higkeiten) in der Verteidigungsstrategie ber&uuml;cksichtigt werden.<\/p><p><strong>Die Rolle der &bdquo;Centres of Excellence&rdquo;<\/strong><\/p><p>Nach dieser &Auml;nderung der Strategie wurde mit der Einrichtung von sogenannten &bdquo;Centres of Excellence&ldquo; begonnen. Siehe hierzu den folgenden <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/topics_156338.htm\">Text auf der NATO-Website<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Im Rahmen ihrer zunehmend engeren Zusammenarbeit haben die NATO und die EU ihre Kooperation bei der Bew&auml;ltigung hybrider Bedrohungen intensiviert, wobei der Schwerpunkt auf Cyberverteidigung, erh&ouml;hter Widerstandsf&auml;higkeit, strategischer Kommunikation, verbessertem Situationsbewusstsein und &Uuml;bungen liegt. Die NATO arbeitet auch mit Partnern in der indo-pazifischen Region zusammen, um Erfahrungen mit nationalen Ans&auml;tzen zur Bek&auml;mpfung hybrider Bedrohungen, wie z.B. der zunehmenden Verbreitung von Desinformation und Cyberangriffen, auszutauschen. Dies war im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie besonders wertvoll.<\/p>\n<p>    Die NATO hat auch mit der Ukraine zusammengearbeitet, um hybride Bedrohungen zu bek&auml;mpfen, und zwar sowohl vor dem Einmarsch Russlands als auch danach. Die NATO-Ukraine-Plattform zur Bek&auml;mpfung hybrider Kriegf&uuml;hrung wurde auf dem NATO-Gipfel in Warschau im Juli 2016 eingerichtet. Sie bietet einen Mechanismus zur besseren Identifizierung hybrider Bedrohungen und zum Aufbau von Kapazit&auml;ten zur Minderung von Schwachstellen und zur St&auml;rkung der Widerstandsf&auml;higkeit von Staat und Gesellschaft. Die Plattform hat Forschung, Ausbildung und Expertenkonsultationen unterst&uuml;tzt, wobei der Schwerpunkt auf den Lehren aus der Vergangenheit, der Bek&auml;mpfung von Desinformation und der St&auml;rkung der Widerstandsf&auml;higkeit lag.<\/p>\n<p>    Neben der Zusammenarbeit mit bestimmten Partnern arbeiten auch <strong>Exzellenzzentren mit der Allianz zusammen und bringen Wissen und Fachkenntnisse in die Allianz ein. Dabei handelt es sich um internationale Forschungszentren, die auf nationaler oder multinationaler Ebene finanziert und personell ausgestattet werden. <\/strong>(Hervorhebung M.G.)<\/p>\n<p>    Das Europ&auml;ische Exzellenzzentrum f&uuml;r die Bek&auml;mpfung hybrider Bedrohungen mit Sitz in Helsinki\/Finnland dient als Kompetenzzentrum und unterst&uuml;tzt die teilnehmenden L&auml;nder bei der Verbesserung ihrer zivil-milit&auml;rischen F&auml;higkeiten, ihrer Widerstandsf&auml;higkeit und ihrer Bereitschaft zur Bek&auml;mpfung hybrider Bedrohungen. Es wurde im Oktober 2017 von NATO-Generalsekret&auml;r Jens Stoltenberg gemeinsam mit der Hohen Vertreterin der EU f&uuml;r Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik\/Vizepr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, Federica Mogherini, eingeweiht. Das Zentrum ist eine Initiative der finnischen Regierung, die von 32 anderen L&auml;ndern sowie von der NATO und der EU unterst&uuml;tzt wird.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Was passierte jetzt genau in diesen <a href=\"https:\/\/www.nato.int\/cps\/en\/natohq\/topics_156338.htm\">Centres of Excellence (CoE)<\/a>, die in Helsinki\/Finnland und in Riga\/Lettland eingerichtet wurden, au&szlig;erdem Einrichtungen wie das Exzellenzzentrum f&uuml;r kooperative Cyberverteidigung in Tallinn\/Estland und das Exzellenzzentrum f&uuml;r Energiesicherheit in Vilnius\/Litauen?<\/p><p>Ein <a href=\"https:\/\/left.eu\/issues\/rhetoric-and-reality-of-disinformation-in-the-european-union\/\">Bericht<\/a> f&uuml;r die Fraktion Die Linke\/The Left des Europ&auml;ischen Parlaments vom Juli 2021 beschrieb sie folgenderma&szlig;en (S. 23):<\/p><p>&bdquo;Ein Netzwerk von mit der NATO verbundenen Denkfabriken in Ost- und Mitteleuropa, darunter die Exzellenzzentren und separat das slowakische GLOBSEC, sind ein Bestandteil dieser Bem&uuml;hungen. Diese Organisationen befassen sich mit digitaler Kriegsf&uuml;hrung und Cyberkrieg, &Ouml;ffentlichkeitsarbeit und der Konsolidierung der Zivilgesellschaft hinter den Priorit&auml;ten der NATO an ihrer Ostflanke. Durch ihre Aktivit&auml;ten zielen sie darauf ab, die &ouml;ffentliche Meinung direkt durch sogenannte strategische Kommunikation und indirekt durch Milit&auml;r&uuml;bungen und Konferenzen zu beeinflussen.&rdquo;<\/p><p>In dem Bericht finden sich auch noch sehr viele weitere wichtige Informationen und Details &ndash; es lohnt sich, einmal reinzulesen.<\/p><p>Hier noch ein Detail, das aber &ndash; ebenso wie die Geschichte um die angebliche &bdquo;Gerassimow-Doktrin&ldquo; &ndash; paradigmatisch f&uuml;r die Vorgehensweise dieser Zentren ist: Im Jahr 2021 ver&ouml;ffentlichte eines dieser &bdquo;Centres of Excellence&ldquo; (in Riga\/Lettland) den <a href=\"https:\/\/stratcomcoe.org\/cuploads\/pfiles\/Nato-Cyber-Report_11-06-2021-4f4ce.pdf\">&bdquo;NATO Cyber Report&ldquo;<\/a>. Dieser Bericht beginnt mit den folgenden einleitenden Worten:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Schlagzeilen, die Russland mit dem vagen Begriff &sbquo;Cyber&rsquo; in Verbindung bringen, sind f&uuml;r die westliche &Ouml;ffentlichkeit und die Entscheidungstr&auml;ger gleicherma&szlig;en zum t&auml;glichen Brot geworden. Von den Sch&auml;den, die NotPetya (Anm. M.G.: Ein massiver Cyberangriff in der Ukraine, der Russland zur Last gelegt wurde, den es aber bestritten hat) angerichtet hat, &uuml;ber die Angriffe auf die Ukraine und Georgien bis hin zu Russlands Hacking- und Leak-Operationen bei den Wahlen in den USA und Europa &ndash; Russlands offensive Operationen sind eine st&auml;ndige Bedrohung.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Hacking- und Leak-Operationen, von denen hier die Rede ist, beziehen sich wohl auf die &bdquo;Russiagate&ldquo;-Vorw&uuml;rfe aus den USA, die aber bereits im Jahr 2019 im Rahmen der Mueller-Anh&ouml;rungen als weitgehend substanzlos enttarnt worden waren. Da aber die Vorw&uuml;rfe &uuml;ber Jahre durch die Presse konstant wiederholt wurden, w&auml;hrend &uuml;ber die Entkr&auml;ftung der Vorw&uuml;rfe nicht ann&auml;hernd im gleichen Ma&szlig;e berichtet wurde, werden diese Falschinformationen hier (und sehr h&auml;ufig in diesem Zusammenhang) einfach weiterverbreitet.<\/p><p>Und jetzt achte man genau auf die <a href=\"https:\/\/stratcomcoe.org\/cuploads\/pfiles\/Nato-Cyber-Report_11-06-2021-4f4ce.pdf\">folgende Textstelle<\/a> (S. 5), in der es generell um die russische Strategie in Bezug auf &bdquo;Cyber-Kriegsf&uuml;hrung&ldquo; geht:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das russische Verteidigungsministerium beschreibt die Informationskonfrontation als den Konflikt nationaler Interessen und Ideen, bei dem eine &Uuml;berlegenheit angestrebt wird, indem man die Informationsinfrastruktur des Gegners ins Visier nimmt und gleichzeitig seine eigenen Objekte vor &auml;hnlichen Einfl&uuml;ssen sch&uuml;tzt. Die &Uuml;bersetzung des Begriffs &sbquo;informatsionnoe protivoborstvo&lsquo; ins Englische hat sich als schwierig erwiesen und wurde oft f&auml;lschlicherweise mit &sbquo;information warfare&lsquo; (&sbquo;informacionnaja vojna&lsquo;) &uuml;bersetzt, obwohl protivoborstvo eher &sbquo;Kampf gegen etwas&rsquo;, &sbquo;Gegenma&szlig;nahme&rsquo; oder &sbquo;Reaktion&rsquo; als &sbquo;Kriegsf&uuml;hrung&rsquo; bedeutet. In diesem Papier wird der Begriff &sbquo;information confrontation&rsquo; verwendet, da er sich in Diskussionen &uuml;ber feindliche russische Informationsaktivit&auml;ten etabliert hat.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Hier sehen wir also, wie eine russische Strategie, die nach dem russischen Begriff die Verteidigung gegen Ma&szlig;nahmen eines Gegners im Informationskrieg zum Inhalt hat, einfach mal umgedeutet und den Lesern als Strategie eines Angriffs untergeschoben und in der Form dann auch von allen Journalisten, Berichterstattern etc. aufgegriffen wird, obwohl man hier und an anderer Stelle in dem Report offen zugegeben hat, dass es sich (zumindest aus Russlands Sicht) um defensive Ma&szlig;nahmen handelt:<\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;Was aus ihrer (also russischer) Sicht wichtig ist, ist, dass Russland sein eigenes Handeln als defensiv empfindet und es das Ziel hat, potenzielle Konflikte und Vergeltungsma&szlig;nahmen zu verhindern und ihre Eskalation zu kontrollieren, indem man unterhalb der Schwelle des Westens f&uuml;r bewaffnete Konflikte bleibt.&ldquo;<br>\n    (Quelle: <a href=\"https:\/\/stratcomcoe.org\/cuploads\/pfiles\/Nato-Cyber-Report_11-06-2021-4f4ce.pdf\">stratcomcoe.org &ndash; Nato-Cyber-Report 11.06.2021.pdf<\/a>, S. 9)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wir beobachten zur&uuml;ck<\/strong><\/p><p>Worauf will ich mit diesem Artikel hinaus? Es geht nicht darum, zu sagen, dass Russland nicht auch aktiv hybride Kriegsf&uuml;hrung betreibt. Und sicher werden wir &ndash; wie bei einem Sandkastenstreit &ndash; nie kl&auml;ren k&ouml;nnen, wer damit &bdquo;angefangen hat&ldquo;. Es ist aber meiner Ansicht nach sehr wichtig zu verstehen, wie die aktuelle Struktur des &ouml;ffentlichen Diskurses entstanden ist (oder wie sie geschaffen wurde), die dazu gef&uuml;hrt hat, dass das tats&auml;chliche oder vorgeschobene Gef&uuml;hl der Bedrohung durch &bdquo;russische Desinformation&ldquo; die mediale und politische Debatte um geopolitische Themen derart dominiert, dass damit jede sachliche oder faktenbasierte Auseinandersetzung und Kl&auml;rung niedergeschlagen wird. <\/p><p>Und das erinnert mich stark an das &ndash; meiner Meinung nach &ndash; vorbereitete und quasi vorstrukturierte Kommunikationsumfeld zu Zeiten der Coronakrise. Hier wie dort scheinen mir die vorbereitenden Planspiele eine gro&szlig;e Rolle gespielt zu haben, ebenso wie der Aufbau von Bedrohungsszenarien durch bewusste und b&ouml;sartige Desinformation eines geopolitischen oder inneren Gegners. Diese f&uuml;hrt dazu, dass dann, wenn Dissens innerhalb der Bev&ouml;lkerung oder in der politischen Auseinandersatzung auftritt, dieser nicht mehr als das gesehen wird, was er vorher meist war: eine andere Meinung, eine andere Einsch&auml;tzung der Situation etc. Letztere werden so in einen feindlichen kriegerischen Angriff umgedeutet, den es abzuwehren gilt.<\/p><p>Das ganze System dieser kommunikativen Vorbereitung ist viel zu gro&szlig; und umfangreich, um es in diesem Artikel darzulegen. Aber hiermit ist ein Anfang gemacht, und ich hoffe, es ermuntert viele politisch interessierte Leser und Leserinnen, sich mit den NATO-Aktivit&auml;ten und den vielen Aktivit&auml;ten und Organisationen in diesem Feld vertrauter zu machen. Denn die hybride Kriegsf&uuml;hrung richtet sich leider nicht nur gegen unsere &bdquo;Feinde&ldquo;, sondern sie schafft auch Feinde und sie richtet sich gegen uns, die eigene Bev&ouml;lkerung &ndash; und das mit unseren Steuergeldern und in unserem Namen. Auch hier, wie in so vielen anderen Bereichen, wird es Zeit, als B&uuml;rger wacher zu werden und aufmerksamer hinzuschauen &ndash; auch darauf, was unser Milit&auml;r und unsere Milit&auml;rb&uuml;ndnisse, die eigentlich f&uuml;r unsere Sicherheit sorgen sollen, genau tun.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ New Africa<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116908\">Wie aus &bdquo;Zensur&ldquo; der &bdquo;Kampf gegen Desinformation&ldquo; wurde: Eine deutsche Geschichte in sechs Schritten<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=119356\">Stolz auf das Vorurteil &ndash; Die Manipulation der Wahrnehmung durch &bdquo;Pre-Bunking&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=118392\">Die Demokratie und ihre Feinde<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117043\">Propaganda-Taktiken: Der Primacy-Effekt &ndash; oder die Macht des ersten Eindrucks<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Thema der russischen Desinformation ist gerade wieder sehr aktuell. 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