{"id":12352,"date":"2012-02-27T11:27:12","date_gmt":"2012-02-27T10:27:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12352"},"modified":"2025-09-25T20:43:16","modified_gmt":"2025-09-25T18:43:16","slug":"aus-dem-leben-eines-taugenichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12352","title":{"rendered":"Aus dem Leben eines Taugenichts"},"content":{"rendered":"<p>Kurz nach seiner Geburt schw&auml;chelte BP10XH noch ein wenig, dann ging es steil bergauf. Am Ende kollabierte das innovative Produkt der BNP Paribas jedoch. Brauchen wir Finanzinnovationen wie BP10XH eigentlich? Von <strong>G&uuml;nter Wierichs<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Du Taugenichts! Da sonnst du dich schon wieder und dehnst und reckst dir die Knochen m&uuml;de und l&auml;sst mich alle Arbeit allein tun. Ich kann dich hier nicht l&auml;nger f&uuml;ttern. Der Fr&uuml;hling ist vor der T&uuml;r, gehe auch einmal hinaus in die Welt und erwirb dir selber dein Brot.&ldquo;<br>\nMit diesen Worten raunzt ein rechtschaffener M&uuml;ller in Josef von Eichendorffs Novelle &bdquo;Aus dem Leben eines Taugenichts&ldquo; seinen Sohn an, der &ndash; so wird gleich zu Beginn der Erz&auml;hlung deutlich &ndash; offenbar eine vollkommen andere Auffassung von Leben und Broterwerb hat als sein Erzeuger. Entsprechend deutlich f&auml;llt die Antwort des Filius aus: &bdquo;Nun &ndash; wenn ich ein Taugenichts bin, so ists gut, so will ich in die Welt gehen und mein Gl&uuml;ck machen.&ldquo;<\/p><p>Der &bdquo;Taugenichts&ldquo; bildet den Widerstreit zwischen harter, entbehrungsreicher Arbeit und Lebensgenuss ab. &bdquo;In die Welt hinausgehen&ldquo; &ndash; dies wird aus der Perspektive des M&uuml;llers mit dem Motiv des Broterwerbs verkn&uuml;pft; sein Sohn verbindet damit die Intention, sein &bdquo;Gl&uuml;ck zu machen&ldquo;. In einer modernen Variante steht der Vater f&uuml;r die Realwirtschaft und sein Sohn f&uuml;r eine Finanzindustrie, die keine G&uuml;ter herstellt, weiterverarbeitet oder verkauft, sondern mit Geldstr&ouml;men jongliert und dank hoher Ums&auml;tze und Transaktionsvolumina ihrer mathematisch geschickt austarierten Produkte das Geld geradezu im Schlaf verdient.<\/p><p>Eichendorffs Taugenichts findet nach vielen Abenteuern seinen Weg. Er wird nicht m&auml;rchenhaft reich, aber er kommt im Leben mit seiner Mentalit&auml;t sehr gut klar, und das Gl&uuml;ck bleibt ihm stets hold. Er setzt instinktiv immer auf das richtige Pferd. Das glaubten auch jene Anleger, die sich am 17. November 2011 f&uuml;r den Kauf von BP10XH zum Preis von 1,65 Euro je St&uuml;ck entschieden hatten. Zwischenzeitlich konnten sie jubeln, denn das Produkt stieg in der Spitze bis &uuml;ber 5 Euro. Das dicke Ende kam am F&auml;lligkeitstag. <\/p><p><strong>Herrschaftswissen<\/strong><\/p><p>BP10XH, am 17.11.2011 emittiert durch die franz&ouml;sische Gro&szlig;bank BNP Paribas, setzte als &bdquo;Classic KnockOut-Short-Hebelzertifikat mit Basispreis und Stop Loss 5.940 Punkte&ldquo; auf einen fallenden DAX. Allein diese Aneinanderreihung von Fachbegriffen macht deutlich, worum es in der Finanzindustrie geht: Um Herrschaftswissen, mit dem diejenigen, die sich gut auskennen, prima umgehen k&ouml;nnen, das allerdings den Laien &ndash; mag er auch noch so gebildet sein &ndash; zun&auml;chst au&szlig;en vor l&auml;sst. Besitzen die Insider dar&uuml;ber hinaus noch einen Riecher f&uuml;r die kommende Entwicklung wirtschaftlicher Kerngr&ouml;&szlig;en, steht dem Taugenichts-Prinzip des Gl&uuml;ckmachens kaum noch etwas im Wege. <\/p><p>Dabei ist die Grundstruktur von  BP10XH im Grunde genommen recht simpel. Die kreativen Zertifikats-Konstrukteure haben noch viel komplexere Produkte im Angebot. Denn Zertifikate sollen in allen Lagen, ob die B&ouml;rsen rauf-, runter- oder &bdquo;seitw&auml;rts&ldquo; gehen, Gewinnm&ouml;glichkeiten entfalten. <\/p><p>Zertifikate fallen unter die Anlageklasse der Schuldverschreibungen. Das ist ziemlich komisch, denn mit einer herk&ouml;mmlichen Schuldverschreibung haben die meisten dieser Produkte ungef&auml;hr so viel gemeinsam wie ein Trabbi mit einem Porsche Cayenne. Bei einem Autovergleich kann man vielleicht die Eigenschaften &bdquo;vier Reifen&ldquo; und &bdquo;Motor&ldquo; als verbindende Merkmale identifizieren. In einer Gegen&uuml;berstellung von Zertifikaten und Schuldverschreibung k&ouml;nnte man hingegen lediglich das Kriterium &bdquo;Forderungsrecht&ldquo; als gemeinsame Eigenschaft nennen. Es handelt sich hierbei sogar um ein sehr wichtiges Kriterium, denn im Gegensatz zu Investmentfondsanlagen ist ein Anleger im Fall einer Pleite des Emittenten weniger gesch&uuml;tzt &ndash; eine bittere Erfahrung die Tausende K&auml;ufer von Lehman-Zertifikaten im Jahr 2008 machen mussten. (In der Finanzindustrie kommt es halt auf kleine Unterschiede in den Begrifflichkeiten an: Ein <strong>Investmentzertifikat<\/strong> unterscheidet sich, rechtlich gesehen, elementar von einem <strong>Zertifikat<\/strong>.) Weitere Gemeinsamkeiten zwischen Zertifikaten und Schuldverschreibungen gibt es nur punktuell, d.h. in einem Vergleich einzelner Unterarten. Allgemein k&ouml;nnte man sagen, dass bei beiden Formen ein R&uuml;ckzahlungs- sowie ein Ertragsrecht vorgesehen sind. F&uuml;r eine herk&ouml;mmliche Schuldverschreibung sind R&uuml;ckzahlung und Ertrag jedoch unabdingbar; sofern der Emittent nicht Pleite geht, wird die Anlagesumme zur&uuml;ckgew&auml;hrt, und dar&uuml;ber hinaus fallen regelm&auml;&szlig;ige Zinszahlungen an. Bei Zertifikaten werden beide Elemente demgegen&uuml;ber h&ouml;chst unterschiedlich geregelt. <\/p><p>Im Fall von BP10XH ist es jedoch recht einfach: als Bewertungstag wurde der 30.11.2011 angesetzt. Ma&szlig;geblich sollte dann der Stand des DAX sein, jenes deutschen B&ouml;rsenbarometers, das die Kursentwicklung der 30 gr&ouml;&szlig;ten deutschen Aktiengesellschaften abbildet. Gezahlt werden sollte ein Hundertstel der Differenz zwischen dem bereits erw&auml;hnten Basispreis von 5.940 Indexpunkten und dem Indexwert am 30.11.2011. W&auml;re der DAX dann beispielsweise bei 5.500 Punkten ermittelt worden, h&auml;tte der Anleger (5.940 &ndash; 5.500) * 0,01 = 4,40 Euro pro Zertifikat erhalten. Damit steht fest: Der Anleger spekulierte beim Kauf von BP10XH nicht nur auf einen sinkenden DAX, er h&auml;tte dar&uuml;ber hinaus, prozentual gesehen, einen au&szlig;erordentlich hohen Gewinn einfahren k&ouml;nnen, denn das Produkt kostete anfangs ja nur 1,65 Euro. <\/p><p>Mit geringem Kapitaleinsatz prozentual hohe Gewinne realisieren &ndash; dies ist das Hebel- oder Leverage-Prinzip. W&uuml;rde man den DAX f&uuml;r einen Euro je Indexpunkt selber handeln, liefen 440 Indexpunkte Differenz, bezogen auf einen Kapitaleinsatz von 5.500 Euro, auf eine Rendite von 8 Prozent hinaus. 4,40 Euro, bezogen auf einen Anlagebetrag von 1,65 Euro, ergeben demgegen&uuml;ber 266 Prozent. Anders gerechnet: F&uuml;r 5.500 Euro k&ouml;nnte man bei einem Ausgabepreis von 1,65 Euro je Zertifikat 3.333 Zertifikate kaufen. Diese w&uuml;rden im Falle eines Indexr&uuml;ckgangs um 440 Punkte dem Anleger einen Gewinn von mehr als 9.000 Euro bescheren.<\/p><p>Eine Finanzinnovation ohne Haken hat ihren Namen nicht verdient. Daher sind zwei wichtige Punkte zu bedenken. Erstens &ndash; der Basispreis ist gleichzeitig ein Stop-Loss-Wert. Dem Anleger musste beim Kauf klar sein: Wenn der DAX irgendwann innerhalb der knapp 14-t&auml;gigen Laufzeit des Zertifikats die Grenze von 5.940 erreicht oder &uuml;berschreitet, ist das Zertifikat &bdquo;ausgeknockt&ldquo;. Es verf&auml;llt; der Emittent w&auml;re dann so frei, dem Anleger noch einen Erinnerungswert von 0,1 Cent je Zertifikat gutzuschreiben. Der zweite Haken: Bei einem steigenden DAX sinkt das Zertifikat in seinem Wert bedeutend schneller als der Basisindex. <\/p><p>BP10XH ist formal zwar ein Zertifikat, im Grunde genommen handelt es sich hier jedoch um eine Kollektion von Optionsscheinen. Unter dem Zertifikatemantel hat BNP Paribas 5 Millionen dieser Scheine auf den Markt geworfen. Und dies ist das Prinzip bei allen Zertifikaten: Die Urform einer Schuldverschreibung wird ausgehebelt. Es geht nicht mehr um Forderungsrechte mit festen, kalkulierbaren Zinsertr&auml;gen, sondern um bedingte Anspr&uuml;che, die sich um irgendwelche Derivate ranken, welche sich in der Zertifikatestruktur mehr oder weniger kunstvoll verbergen. <\/p><p>Derivate sind Wetten. Zwei Handelspartner wetten auf den zuk&uuml;nftigen Preis eines Finanz-instrumentes, zum Beispiel einer Aktie oder eines B&ouml;rsenindexes. Einer gewinnt, einer verliert &ndash; wie bei jeder Wette. Derivate kommen in der Regel als Optionen oder Futures zum Einsatz. Bei einer Option behauptet der Optionsk&auml;ufer (Long-Partner), dass eine Aktie, ein Index oder irgendein anderes Finanzinstrument in der n&auml;chsten Zeit einen bestimmten Wert erreicht beziehungsweise &uuml;ber- oder auch unterschreitet. Er verg&uuml;tet seinem Kontrahenten (Short-Partner) einen Wetteinsatz, die Optionspr&auml;mie. Wenn es f&uuml;r Mr. Long gut l&auml;uft, &uuml;bt er die Option aus und kann dann seinem Mr. Short die Aktie etc. zu einem &uuml;berh&ouml;hten Preis andrehen (Put-Option) oder sie ihm zum Dumpingpreis abkaufen (Call-Option). Alternativ wird auch lediglich die Gewinndifferenz verrechnet. Liegt der Optionsk&auml;ufer mit seiner vorherigen Einsch&auml;tzung daneben, l&auml;sst er die Option verfallen. Der Kontrahent freut sich dann &uuml;ber die Optionspr&auml;mie als Zubrot. Bei einem Future gibt es im Gegensatz zur Option kein Wahlrecht des Long-Partners. Hier muss er zu seinem Wort stehen und den Vertrag erf&uuml;llen.<\/p><p><strong>Todessto&szlig; durch Positivmeldung<\/strong><\/p><p>Besonders interessant wird die Sache w&auml;hrend der Laufzeit des Derivategesch&auml;ftes. B&ouml;rsent&auml;glich stellt sich die Frage, ob die zugrunde liegende Wette im Trend liegt (also &bdquo;im Geld&ldquo; bzw. &bdquo;in the money&ldquo; ist) oder nicht. Die K&auml;ufer von BP10XH hatten einen denkbar guten Start. In den ersten Tagen nach dem 17. November 2011 war im Euroland besonders gro&szlig;er Pessimismus angesagt, was zu sinkenden Aktienkursen und damit zu einem R&uuml;ckgang beim DAX f&uuml;hrte. Folgerichtig nahm das Zertifikat, getrieben vom Hebel, stark an Wert zu. Wer zu 1,65 Euro eingestiegen war und eine Woche sp&auml;ter zu 4,84 Euro verkaufte, hatte innerhalb dieser kurzen Zeit 193 Prozent Gewinn eingefahren. Aufs Jahr gerechnet entspricht dies einer schier unfassbaren Rendite von mehr als 10.000 Prozent. Denjenigen, die noch eine Woche l&auml;nger ausharrten, muss man allerdings im Nachhinein zurufen: &bdquo;Dumm gelaufen!&ldquo; Am 30.11.2011, also buchst&auml;blich am letzten Tag der Laufzeit, ver&ouml;ffentlichte der Emittent einen Warnhinweis. &bdquo;Achtung: Der Basiswert hat am 30.11.2011 die Knock-Out Schwelle erreicht. Der Turbo Optionsschein verf&auml;llt damit wertlos und wird dem Anleger automatisch zu einem Betrag von 0,001 EUR zur&uuml;ckgezahlt.&ldquo; Bei einem DAX-Stand von 6.094 Punkten wurde die Rendite mit  &ndash; 99,94 % ermittelt. An jenem Tag hatte n&auml;mlich eine konzertierte Aktion der wichtigsten Zentralbanken &ndash; Bank of Canada, Bank of England, Bank of Japan, die EZB, Federal Reserve und Schweizerische Nationalbank &ndash; f&uuml;r eine &uuml;ppige Dollarausstattung des Bankensektors gesorgt. Der Liquidit&auml;tsschwall sorgte an den B&ouml;rsen f&uuml;r einen kr&auml;ftigen Optimismusschub, und der DAX stieg &uuml;ber die Knock-Out-Grenze von 5.940 Punkten. Dadurch hatte BP10XH zu guter Letzt nur noch einen Erinnerungswert von 0,1 Cent. <\/p><p><strong>Spekulationsgetriebene Finanzindustrie mit Nullsummeneffekt<\/strong><\/p><p>BP10XH ist Sinnbild einer Finanzwirtschaft, die sich von realwirtschaftlichen Vorg&auml;ngen weitgehend abgekoppelt hat. Diesen Abkoppelungsprozess kann man anhand einfacher Vergleichsrechnungen nachvollziehen. So haben sich zum Beispiel Bestand und Handel b&ouml;rsennotierter Finanzderivate von 2000 auf 2008 vervierfacht; das weltweite Bruttoinlandsprodukt stieg im gleichen Zeitraum lediglich um das 1,5-fache. Noch krasser ist die Kluft bei den au&szlig;erb&ouml;rslich gehandelten OTC(over the counter)-Derivaten. Deren Volumen wurde Ende 2011 auf &uuml;ber 700 Billionen US-Dollar gesch&auml;tzt &ndash; dies ist mehr als das Zehnfache des Welt-Brutto&shy;inlands&shy;produkts. <\/p><p>Geld- und G&uuml;termenge driften bereits seit den 1980er-Jahren zusehends auseinander. Seit der Jahrtausendwende hat sich dieser Trend noch einmal versch&auml;rft. &bdquo;Billiges Geld&ldquo;, also die Ausstattung des Bankensektors mit &uuml;ppiger und zinsg&uuml;nstiger Liquidit&auml;t, wurde als Allheilmittel zur Ankurbelung der Realwirtschaft angesehen. Flankiert wurde diese Strategie vom Dogma freier M&auml;rkte, aus deren Treiben der Staat sich tunlichst herauszuhalten hatte. <\/p><p>Das viele regulationsfreie Geld floss weitgehend in ein sich selbst alimentierendes Finanzsystem, das in immer gr&ouml;&szlig;erem Ausma&szlig; vorgeblich innovative, in Wahrheit jedoch st&auml;rker risikobehaftete und schwankungsanf&auml;llige Anlageformen kreierte. Der erste R&uuml;ckschlag kam ab 2007 mit der Subprime-Krise. Man gew&auml;hrte Immobilienfinanzierungen an jedermann &ndash; mochte dieser Jedermann auch noch so verm&ouml;gens- und einkommensschwach sein. Hundert-Prozent-Hausfinanzierun&shy;gen? Kein Problem! Hundertdrei&szlig;ig-Prozent-Hausfinanzierungen? Auch kein Problem! Die zus&auml;tzlichen 30 Prozent Kredit konnten schlie&szlig;lich auch f&uuml;r konsumptive Zwecke verwendet werden. Denn die Immobilien, also die zu Grunde liegenden Kreditsicherheiten, w&uuml;rden im Wert weiter steigen; Bank und Kunde k&auml;men letztendlich also unbeschadet aus dem Engagement heraus. Die entsprechenden Kredite wurden dann noch &bdquo;verbrieft&ldquo; und als sch&ouml;n verpackte CDO-Finanzinnovationen weltweit den Anlegern feilgeboten. Und die waren begeistert; die Renditen waren hoch und Ausf&auml;lle anfangs noch rar. Besonders deutsche Kreditinstitute, deren Gesch&auml;ftsmodell nicht mehr so recht funktionierte (&bdquo;stupid german money&ldquo;), griffen beherzt zu. <\/p><p>Als der Subprime-Markt einbrach, mussten die Nationalstaaten ihre ehemaligen Bankchampions mit Milliardensummen st&uuml;tzen und retten. Zurzeit stehen viele Staaten selber am Abgrund. Ge&auml;ndert hat sich jedoch nichts; noch immer wird eine &uuml;ppige Geldalimentierung als Probleml&ouml;sung, ja sogar als Heilsbringer in wirtschaftlichen Krisensituationen angesehen. <\/p><p>Die Folgen dieser Geldalimentierung kann man an Produkten wie BP10XH ablesen. In einer spekulations- und renditegetriebenen Finanzindustrie geht es nicht mehr darum, &uuml;ber Geldanlagen in Aktien, Schuldverschreibungen oder Fonds an realwirtschaftlichen Wertentwicklungen zu partizipieren. Was z&auml;hlt, ist die Performance; hierzu m&uuml;ssen Anlagen permanent umgeschichtet werden; jede noch so winzige Kursdifferenz gilt es auszunutzen, und der permanente Nachschub an Produkten aus der Abteilung Innovation soll bewirken, dass auch dem letzten Kleinanleger der coole Reiz von Spekulationsgewinnen schmackhaft gemacht wird.<\/p><p>Im Endeffekt spalten solche Produkte die Anleger-Spekulanten in zwei Gruppen: Gewinner und Verlierer. Die eingesetzten Gelder sind nicht &bdquo;weg&ldquo;, Gewinn- und Verlustbetr&auml;ge gleichen sich aus. Das Ganze ist ein Nullsummenspiel. Bei BP10XH zahlen die Zertifikatsk&auml;ufer f&uuml;r 5 Mio. Zertifikate (Optionen) 5 Mio. * 1,65 EUR = 8,25 Mio. EUR an BNP Paribas. Sie haben damit einen &bdquo;long put&ldquo; erworben, also das Recht, ihren Wettpartnern (also BNP Paribas und\/oder Dritten) den DAX f&uuml;r 5.940 (EUR) anzudrehen, falls der DAX auch sch&ouml;n sinkt. Die Wettpartner kassieren jetzt schon mal 8,25 Mio. EUR, gehen dann nat&uuml;rlich ein fast unbegrenztes Risiko ein, denn w&uuml;rde z.B. der DAX auf 4.000 EUR sinken, m&uuml;ssten die Wettpartner (5.940 &ndash; 4.000) * 0,01 = 19,40 EUR je Zertifikat, also insgesamt 19,40 * 5 Mio. = 97 Mio. EUR Verlust tragen. Gegen&uuml;ber der vorher kassierten Pr&auml;mie von 8,25 Mio. EUR ist dies eine Menge Geld. Was bei den Wettpartnern an Verlust anf&auml;llt, entspricht dem Gewinn, den die Zertifikatsk&auml;ufer erhalten. Umgekehrt, wenn also der DAX steigt bzw. irgendwann einmal die magische Grenze von 5.940 touchiert, verf&auml;llt die Option; dann tragen die Zertifikatsk&auml;ufer einen Verlust von 8,25 Mio. EUR und die Wettpartner sind die Gl&uuml;cklichen, die 8,25 Mio. EUR verdient haben. <\/p><p>Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Wettpartner, wenn sie echte Profis, also Investmentbanken sind, ihr Risiko wiederum absichern. Da sie in unserem Beispiel Verluste im Falle eines sinkenden DAX machen, zeichnen sie zur Absicherung ein Derivat, das ihnen bei sinkendem DAX Gewinne beschert (z.B. indem sie eine andere Verkaufsoption auf den DAX erwerben). Damit wird das Risiko weitergereicht nach dem Motto: Die Letzten bei&szlig;en die Hunde. Im Prinzip handelt es sich bei den Letzten um weniger professionelle und weniger gut informierte Marktteilnehmer. <\/p><p>Die Finanzindustrie lebt insgesamt sehr gut von dem faulen Zauber mit &bdquo;innovativen&ldquo; Produkten wie BP10XH. Dessen 5 Millionen Zertifikate beispielsweise zirkulierten bis zum Todestag munter hin und her. Dieses Zirkulieren bringt Umsatz und damit Provisionen, zus&auml;tzlich k&ouml;nnen die Investmentbanker sich selbst am Spekulationsreigen beteiligen. Per Oktober 2011 wurden allein an den B&ouml;rsen Stuttgart und Frankfurt fast 700.000 Knock-Out-Produkte gelistet. Etwa 300.000 Kundenorders mit einem Handelsvolumen von 1,4 Milliarden Euro wurden in jenem Monat erfasst. <\/p><p>So beeindruckend diese Zahlen auch sein m&ouml;gen &ndash; in ihrer Begrenztheit auf zwei B&ouml;rsenpl&auml;tze und einen einzigen Produkttyp repr&auml;sentieren sie lediglich einen winzigen Teil des weltweiten Derivatevolumens. Dies alles l&auml;sst erahnen, in welches Fahrwasser das System spekulationsbasierter Geldanlageformen geraten ist. Dieses System kann uns schneller um die Ohren fliegen, als uns lieb ist. So ist es denn auch sehr unwahrscheinlich, dass unsere Reise in die Produktwelt von BP10XH und Co. so enden wird wie die Geschichte des Eichendorff&acute;schen Taugenichts. Dort hei&szlig;t es zum Schluss n&auml;mlich: &bdquo;Und es war alles, alles gut.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz nach seiner Geburt schw&auml;chelte BP10XH noch ein wenig, dann ging es steil bergauf. 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