{"id":1238,"date":"2006-06-28T16:56:51","date_gmt":"2006-06-28T14:56:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1238"},"modified":"2019-03-02T13:49:17","modified_gmt":"2019-03-02T12:49:17","slug":"uber-keynes-hinaus-aber-wohin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1238","title":{"rendered":"&#8220;\u00dcber Keynes hinaus &#8211; aber wohin?&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Eine lesenswerte Antwort von Heiner Flassbeck in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 24.\/25.6 auf die <a href=\"?p=1223\">Buchbesprechung von Erhard Eppler<\/a>.<br>\n<!--more--><br>\nAu&szlig;enansicht<\/p><p><strong>&Uuml;ber Keynes hinaus &ndash; aber wohin?<\/strong><\/p><p>Die modernen Sozialdemokraten suchen seit mehr als zwanzig Jahren nach einem dritten Weg, den es nicht gibt<\/p><p>Von Heiner Flassbeck<\/p><p>Heiner Flassbeck ist Chef&ouml;konom der UNCTAD, der Welthandelskonferenz, in Genf. Unter Oskar Lafontaine war er von Oktober 1998 bis April 1999 Staatssekret&auml;r im Bundesfinanzministerium.<\/p><p>Es gibt politische Forderungen aus fernen Zeiten, die sind viel entlarvender als alles, was man aktuell zu einem Thema sagen k&ouml;nnte &ndash; weil sie gerade wegen ihrer zeitlichen Versetztheit zeigen, wie sinnlos die immer noch nicht eingel&ouml;ste Forderung schon damals gewesen ist. Ein eindrucksvolles Beispiel daf&uuml;r hat einer der Vordenker der modernen Sozialdemokratie, Erhard Eppler, gerade geboten. In einer vernichtenden Kritik des neuen Buches von Albrecht M&uuml;ller (&ldquo;Machtwahn&rdquo;) wirft er den aus seiner Sicht r&uuml;ckw&auml;rts gewandten Kr&auml;ften in der SPD vor, schon seit Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht begriffen zu haben, dass neue Zeiten angebrochen sind, dass man in der globalisierten Wirtschaft weniger Spielr&auml;ume f&uuml;r nationale Politik hat, und dass man neue Ph&auml;nomene wie &Ouml;lpreisexplosionen nicht mit alten Rezepten wie h&ouml;herer staatlicher Verschuldung bek&auml;mpfen kann.<\/p><p>Gen&uuml;sslich zitiert sich Eppler selbst, weil er schon Ende der siebziger Jahre den Sozialdemokraten ins Stammbuch geschrieben habe: &ldquo;Wenn wir nicht &uuml;ber Keynes hinauskommen, werden wir hinter Keynes zur&uuml;ckgepr&uuml;gelt&rdquo;, will hei&szlig;en, Energiepolitik war damals die richtige Antwort auf &Ouml;lpreissch&uuml;be, nicht aber staatliche Ankurbelung der Konjunktur, Umweltschutz ist modern, und der alte Keynes taugt prinzipiell nicht f&uuml;r die moderne Weltwirtschaft.<\/p><p>Da fragt man sich nat&uuml;rlich, was den modernen Sozialdemokraten denn in den vergangenen drei&szlig;ig Jahren eingefallen ist als Alternative zu Keynes. Wo ist der gro&szlig;e Entwurf f&uuml;r ein neues Konzept der Wirtschaftspolitik? Wo ist das Lehrbuch zur neuen Wirtschaftspolitik in den Zeiten der Globalisierung und der Alterung der Bev&ouml;lkerung? Wie bek&auml;mpft man heute globale Deflationsgefahren trotz neuem &Ouml;lpreisschub? Wie r&uuml;ckt man aktuell dem globalen Ungleichgewicht im internationalen Handel mit riesigen Defiziten der USA und gewaltigen &Uuml;bersch&uuml;ssen Japans, Deutschlands und Chinas zu Leibe? Wie beseitigt man den Verlust von Wettbewerbsf&auml;higkeit ganzer Regionen in W&auml;hrungsverb&uuml;nden wie in Ostdeutschland oder derzeit in Europa? Was tut der moderne Sozialdemokrat gegen platzende Spekulationsblasen an den Aktien- und Devisenm&auml;rkten? Wie &uuml;berwindet man eine von Lohndumping getriebene anhaltende Konsumflaute? Wie transportiert man Sparverm&ouml;gen in die Zukunft, um daraus im Jahr 2050 eine ausk&ouml;mmliche Rente zu zahlen?<\/p><p>Machen wir zur L&ouml;sung all dieser gewaltigen Probleme eine intelligente Umwelt- und Energiepolitik? Stricken wir ein paar warme Str&uuml;mpfe mehr, auf dass die Abh&auml;ngigkeit vom &Ouml;l noch schneller gesenkt werden kann? Man sieht, es war schon vor 30 Jahren leicht, eine Alternative zu Keynes zu fordern, einen dritten Weg also. Es ist bis heute aber leider niemandem eingefallen, wie diese Alternative aussehen k&ouml;nnte.<\/p><p>Was viele der Rufer nach einem dritten Weg in der Sozialdemokratie nicht verstehen: Der Name Keynes steht f&uuml;r eine Revolution im &Ouml;konomischen Denken, die tats&auml;chlich eine Alternative geschaffen hat zu dem, was auch heute wieder herrschende Lehre ist. Die Unsicherheit ist das zentrale Moment dieser Lehre, nicht staatliche Verschuldung. Unsicherheit unterscheidet, Keynes&rsquo; &Ouml;konomie von der klassischen &Ouml;konomie. In der nach Keynes entstandenen &Ouml;konomischen Theorie ist es durchaus m&ouml;glich, dass die Arbeiter weniger Geld als vorher erhalten &ndash; daraufhin fragen sie aber auch weniger G&uuml;ter nach und bekommen schlie&szlig;lich noch weniger Arbeit, weil sie selbst weniger G&uuml;ter nachgefragt haben. In der alten, heute gleichwohl wieder herrschenden Lehre ist das unm&ouml;glich, weil die von dieser traditionellen &Ouml;konomie getroffenen Annahmen eine solche Konstellation von vorneherein verbieten. Wenn dort die Arbeiter weniger vom gesamten Kuchen erhalten, m&uuml;ssen die Unternehmen unmittelbar mehr erhalten, weil das gesamte Einkommen der Volkswirtschaft von tiefer liegenden Faktoren bestimmt wird, die sich kurzfristig nicht &auml;ndern. Man mag zu der neuen keynesianischen &Ouml;konomie stehen, wie man will; es ist aber dummes Zeug zu sagen, die deutschen Sozialdemokraten h&auml;tten sich mal etwas ausdenken sollen, was sie &uuml;ber diese Alternative hinausgef&uuml;hrt h&auml;tte. Tertium non datur, es gab und es gibt kein Drittes. Es gab nach Keynes in der Sozialdemokratie und anderswo nur einen alternativen Weg, und das war der Weg zur&uuml;ck in die Lehre, die schon in der Weimarer Republik und davor die &Ouml;konomie beherrscht hatte. Folglich sind die &ldquo;modernen&rdquo; Sozialdemokraten genau den Weg in die alte Denkwelt gegangen, ohne dass sie jemand daf&uuml;r h&auml;tte pr&uuml;geln m&uuml;ssen. Da stehen sie nun und wissen nicht weiter. Vorw&auml;rts geht es nicht, weil da ja schon die konservativen und liberalen Parteien sind und die eigene Klientel ihnen nicht weiter folgen will. R&uuml;ckw&auml;rts geht es auch nicht, weil da ja die unmodernen Keynesianer sind, die sich inzwischen in der alternativen Linken sammeln.<\/p><p>Noch stammeln die verbliebenen F&uuml;hrer der Sozialdemokraten etwas von &ldquo;Globalisierung&rdquo; und neuen Zeiten, an die man sich doch anpassen m&uuml;sse. Warum sie aber glauben, die uralte Lehre biete die besseren Rezepte f&uuml;r die modernen Zeiten der Globalisierung, bleibt ihr Geheimnis. Warum sollte eine &ouml;konomische Theorie, die keine Monopolgewinne kennt, keine Investitionsdynamik, keine Spr&uuml;nge in der Technologie der Entwicklungsl&auml;nder, keine Ver&auml;nderung der Wettbewerbsf&auml;higkeit ganzer Volkswirtschaften, keine &Ouml;lpreisexplosionen, keine falsche Wirtschaftspolitik und keine soziale Absicherung, besser als die mit dem Namen von Keynes verbundene Lehre geeignet sein, den Sozialdemokraten den Weg in die Zukunft zu weisen. W&uuml;rden sich die Sozialdemokraten umschauen, w&uuml;rden sie erkennen, dass &uuml;berall auf der Welt, wo, wie derzeit in Lateinamerika, wieder nach Alternativen zu dem herrschenden Denken gesucht wird, die Intellektuellen und die Politik selbstverst&auml;ndlich auf Keynes zur&uuml;ckgreifen, weil es keinen gangbaren dritten Weg gibt. Es scheint allerdings so zu sein, dass die f&uuml;hrenden K&ouml;pfe der deutschen Sozialdemokratie so lange stehen bleiben, bis sich auch der letzte getreue Anh&auml;nger in die B&uuml;sche geschlagen hat. Eppler fordert sie heute, 30 Jahre nach seinem ersten fruchtlosen Appell erneut auf, nach Alternativen zu suchen. Er schl&auml;gt ihnen einen Diskurs vor, &ldquo;der die beh&auml;bige Hegemonie marktradikaler Ideologie abl&ouml;st. . . und nach einleuchtenden Alternativen fragt&rdquo;. Na dann vorw&auml;rts Genossen, ihr m&uuml;sst zur&uuml;ck!<\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em>\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine lesenswerte Antwort von Heiner Flassbeck in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 24.\/25.6 auf die <a href=\"?p=1223\">Buchbesprechung von Erhard Eppler<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[30],"tags":[1654,477,1695],"class_list":["post-1238","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-eppler-erhard","tag-keynesianismus","tag-machtwahn"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1238"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49754,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238\/revisions\/49754"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}