{"id":123938,"date":"2024-10-30T11:39:43","date_gmt":"2024-10-30T10:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123938"},"modified":"2024-11-01T19:28:31","modified_gmt":"2024-11-01T18:28:31","slug":"general-a-d-harald-kujat-selenskyjs-drohung-haette-eine-harte-reaktion-des-westens-erfordert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123938","title":{"rendered":"General a. D. Harald Kujat: \u201eSelenskyjs Drohung h\u00e4tte eine harte Reaktion des Westens erfordert\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der &bdquo;Siegesplan&ldquo; des ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodymyr Selenskyj ist eher ein Plan f&uuml;r mehr Eskalation als f&uuml;r ein Ende des Krieges. Das erkl&auml;rt der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur und fr&uuml;here Vorsitzende des NATO-Milit&auml;rausschusses <strong>Harald Kujat<\/strong>. Er macht auf die m&ouml;glichen Konsequenzen ebenso aufmerksam wie auf die zur&uuml;ckhaltenden Reaktionen im Westen. Im Interview geht er auf Selenskyjs Drohung mit m&ouml;glichen ukrainischen Atomwaffen sowie auf die &Auml;nderungen der russischen Nukleardoktrin ein. Das Interview mit General a. D. Harald Kujat f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_718\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-123938-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=123938-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241030_General_a_D_Harald_Kujat_Selenskyjs_Drohung_haette_eine_harte_Reaktion_des_Westens_erfordert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>&Eacute;va P&eacute;li: Der ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj hat k&uuml;rzlich seinen &bdquo;Siegesplan&ldquo; &ouml;ffentlich gemacht. Wie beurteilen Sie diesen Plan?<\/strong><\/p><p><strong>Harald Kujat<\/strong>: Es kann nicht mehr l&auml;nger geleugnet werden, dass die Lage der Ukraine t&auml;glich schwieriger wird. Das politische Ziel der Ukraine, die territoriale Integrit&auml;t des Landes in den Grenzen von 1991 mit milit&auml;rischen Mitteln wiederherzustellen, ist unerreichbar. Die ukrainischen Streitkr&auml;fte befinden sich in einer kritischen Lage, die von Tag zu Tag unhaltbarer wird.<\/p><p>Die russischen Streitkr&auml;fte sind seit Monaten auf dem Vormarsch und dr&auml;ngen die ukrainischen Verteidiger langsam, aber unaufhaltsam zur&uuml;ck. Russland n&auml;hert sich zusehends seinem Ziel, die vier annektierten Regionen in ihren fr&uuml;heren Verwaltungsgrenzen vollst&auml;ndig zu erobern.<\/p><p>Die westlichen Unterst&uuml;tzer der Ukraine verf&uuml;gen &uuml;ber keine Strategie zur Beendigung des Krieges. Sie liefern weiter wie bisher Waffen und subventionieren die ukrainische Regierung, obwohl sich die Lage der Ukraine trotz dieser massiven Unterst&uuml;tzung seit Beginn des Krieges kontinuierlich verschlechtert hat.<\/p><p>Die milit&auml;rische Entwicklung setzt die ukrainische Regierung ebenso unter Zeitdruck wie das Risiko, dass die US-amerikanische Hilfe nach dem 5. November mit der Wahl Donald Trumps zum Pr&auml;sidenten beendet werden k&ouml;nnte. Zwar kann ein Gro&szlig;teil der Lasten auf die Europ&auml;er abgew&auml;lzt werden, aber vieles von dem, was die USA der Ukraine &uuml;ber Geld und Waffen hinaus f&uuml;r die Kriegf&uuml;hrung zur Verf&uuml;gung stellen, k&ouml;nnen die Europ&auml;er nicht leisten.<\/p><p>In dieser Situation hat der ukrainische Pr&auml;sident f&uuml;r seinen &bdquo;Siegesplan&ldquo; geworben, dessen Ziel es nach seinen Worten ist, stark genug zu sein, um den Krieg zu beenden. Er hat in diesem Zusammenhang erkl&auml;rt, dass die NATO f&uuml;r das &Uuml;berleben der Ukraine entscheidend sei. Offenbar sieht Selenskyj das direkte milit&auml;rische Eingreifen der NATO in den Krieg als einzigen Ausweg aus der sich anbahnenden Katastrophe. Deshalb verlangt er die Lieferung und Freigabe weitreichender westlicher Waffensysteme f&uuml;r den Einsatz gegen Ziele in der Tiefe Russlands und eine bedingungslose NATO-Mitgliedschaft.<\/p><p>Der Bundeskanzler hat wohl verstanden, welche Konsequenzen es h&auml;tte, auf diese Forderungen einzugehen. Er &auml;u&szlig;erte nach dem Treffen mit Joseph Biden, Emmanuel Macron und Keir Starmer &ndash; die ebenfalls nicht bereit waren, Selenskyjs Forderungen zu unterst&uuml;tzen &ndash; die Sorge, <em>&bdquo;dass die NATO nicht zur Kriegspartei wird&ldquo;<\/em> und damit <em>&bdquo;dieser Krieg nicht in eine noch viel gr&ouml;&szlig;ere Katastrophe m&uuml;ndet&ldquo;.<\/em><\/p><p><strong>Was halten Sie von der von Selenskyj gew&uuml;nschten bedingungslosen Einladung in die NATO? Bisher ist die Mitgliedschaft in der NATO an Bedingungen gekn&uuml;pft, die die Kandidaten erf&uuml;llen m&uuml;ssen.<\/strong><\/p><p>Selenskyj fordert eine Einladung, der NATO noch vor Ende des Krieges beizutreten, was gleichbedeutend mit dem sofortigen milit&auml;rischen Eingreifen der NATO an der Seite der Ukraine in den Krieg gegen Russland w&auml;re. Sp&auml;ter relativierte er seine Forderung und verlangte zumindest eine f&ouml;rmliche Einladung zum Beitritt noch w&auml;hrend des Krieges.<\/p><p>Der NATO-Vertrag l&auml;sst jedoch weder zu, dass die Mitgliedstaaten den Angriff Russlands auf die Ukraine als Angriff auf alle Verb&uuml;ndeten betrachten, noch k&ouml;nnen die Verb&uuml;ndeten daran interessiert sein, den Ukraine-Krieg auf ganz Europa auszuweiten. Aber auch grunds&auml;tzlich ist eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine, jedenfalls f&uuml;r die vorhersehbare Zukunft, ausgeschlossen &ndash; vorausgesetzt, alle Verb&uuml;ndeten halten sich an den NATO-Vertrag.<\/p><p>Die Nordatlantische Allianz ist ein System gegenseitiger kollektiver Sicherheit. Deshalb muss jedes neue Mitglied einen Beitrag zur Sicherheit aller Mitgliedstaaten leisten. F&uuml;r die Ukraine gilt das Gegenteil, denn die Allianz w&uuml;rde das Risiko eingehen, einen Konflikt mit Russland zu importieren. Das ist w&auml;hrend des andauernden Krieges offensichtlich, gilt jedoch auch unabh&auml;ngig davon f&uuml;r die Zukunft.<\/p><p>Mitglied kann zudem nur ein Staat werden, der von allen Mitgliedstaaten im Konsens dazu eingeladen wird. Dieser Konsens besteht nicht, denn mehrere Staaten &ndash; darunter auch die USA &ndash; sind dazu nicht bereit. Pr&auml;sident Biden hat bereits am 4. Juni in einem Interview des <em>Time Magazine<\/em> erkl&auml;rt, dass die USA ihre Beziehungen zur Ukraine wie zu anderen Staaten gestalten werden, denen sie Waffen liefern, damit sie sich verteidigen k&ouml;nnen<em>, &bdquo;und dass ich nicht bereit bin, die Natoisierung der Ukraine zu unterst&uuml;tzen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Auf dem letzten NATO-Gipfel haben sich zwar alle Staats- und Regierungschefs f&uuml;r die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ausgesprochen. Aber statt der geforderten Einladung haben sie einen unmissverst&auml;ndlichen Vorbehalt ge&auml;u&szlig;ert, indem sie bekr&auml;ftigten, die Ukraine nur dann einzuladen, der Allianz beizutreten, <em>&bdquo;wenn die Verb&uuml;ndeten zustimmen und die Bedingungen erf&uuml;llt sind&ldquo;. <\/em>Den schwarzen Peter schob Selenskyj der Bundesregierung zu, die <em>&bdquo;einen NATO-Beitritt mit Skepsis sieht. Wir werden hart arbeiten m&uuml;ssen mit der deutschen Seite, aber die USA werden da Einfluss haben.&ldquo;<\/em> Es ist nicht bekannt, wie die Bundesregierung darauf reagiert hat.<\/p><p><strong>Wie bewerten Sie es, dass Selenskyj entweder eine NATO-Mitgliedschaft fordert oder eigene Atomwaffen?<\/strong><\/p><p>Selenskyj hat diese Forderung auf dem EU-Gipfel sp&auml;ter etwas relativiert. Er hat jedoch bereits am 19. Februar 2022 auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz Andeutungen in diesem Sinne gemacht, indem er ank&uuml;ndigte, dass die Ukraine m&ouml;glicherweise das Budapester Memorandum von 1994 infrage stellen k&ouml;nnte, falls sie keinen effektiven Schutz vor einer russischen Aggression erh&auml;lt. In Wahrheit kann die Ukraine allenfalls ihren Beitritt zum Nichtverbreitungsvertrag und zum Teststopp-Vertrag in Frage stellen, der in diesem Zusammenhang erfolgte, jedoch nicht die einseitigen Willenserkl&auml;rungen der Nuklearm&auml;chte.<\/p><p>Bei allem Verst&auml;ndnis f&uuml;r die verzweifelte Lage der Ukraine ist das eine Drohung, die eine harte Reaktion des Westens erfordert h&auml;tte. Sie wirft ein Licht auf die Unberechenbarkeit des ukrainischen Pr&auml;sidenten und die politischen Beschr&auml;nkungen, die sich der Westen mit seiner So-lange-wie-n&ouml;tig-Politik auferlegt hat.<\/p><p>&Uuml;brigens erw&auml;hnte Selenskyj wieder den angeblichen Verzicht der Ukraine auf Nuklearwaffen im Zusammenhang mit dem Budapester Memorandum, indem er behauptete: <em>&bdquo;Wir haben unsere Nuklearwaffen abgegeben, aber daf&uuml;r keinen NATO-Beitritt bekommen.&ldquo; <\/em>Die auch im Westen immer wieder gef&uuml;hrte Diskussion &uuml;ber die nuklearen Kapazit&auml;ten, &uuml;ber die die Ukraine verf&uuml;gen k&ouml;nnte, h&auml;tte sie nicht darauf verzichtet, ist eine unhaltbare Spekulation. Nach der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion befand sich zwar noch eine erhebliche Zahl ihrer Nuklearwaffen auf ukrainischem Territorium, aber die Ukraine hatte keine Verf&uuml;gungsgewalt &uuml;ber diese Systeme. Die nuklearen Gefechtsk&ouml;pfe und Tr&auml;gersysteme blieben unter der operativen Kontrolle Russlands. Russland verf&uuml;gte nach wie vor &uuml;ber die f&uuml;r den Einsatz erforderlichen Kommandostrukturen, Einsatzverfahren und technischen Mittel wie beispielsweise die PAL-Codes (Permissive Action Links), ohne deren Kenntnis die Waffensysteme deaktiviert und funktionsunf&auml;hig bleiben.<\/p><p>In dieser Umbruchphase war die Sorge gro&szlig;, Nuklearwaffen oder entsprechende Technologien k&ouml;nnten in falsche H&auml;nde geraten. Dies zu verhindern, war das eigentliche Ziel des Budapester Memorandums, das den Beitritt der Ukraine zum Nichtverbreitungsvertrag und zum Teststopp-Vertrag voraussetzte.<\/p><p>Wir haben in dieser Zeit mit der russischen Regierung Gespr&auml;che &uuml;ber die Sicherheit der Kernwaffen gef&uuml;hrt, in deren Folge die Bundesregierung erhebliche Mittel daf&uuml;r bereitstellte. Im &Uuml;brigen h&auml;tte die Ukraine den gewaltigen finanziellen Aufwand und die speziellen technischen Kapazit&auml;ten f&uuml;r den Unterhalt des Nuklearpotenzials und der Tr&auml;gersysteme gar nicht leisten k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie ist die von Selenskyj gew&uuml;nschte Ausweitung des Krieges auf das russische Gebiet zu bewerten?<\/strong><\/p><p>Der britische Premierminister Keir Starmer hat diese Frage zu seinem Hauptanliegen bei seinem Antrittsbesuch am 13. September in Washington gemacht. Gro&szlig;britannien war dazu bereit, Frankreich unter bestimmten Auflagen. Starmer wollte jedoch ausdr&uuml;cklich Bidens Zustimmung einholen, um eine gemeinsame Strategie der USA, Gro&szlig;britanniens und Frankreichs in dieser Frage zu schmieden. Pr&auml;sident Biden war dazu bisher nicht bereit, um, wie er mehrfach sagte, einen &bdquo;dritten Weltkrieg zu vermeiden&ldquo;.<\/p><p>In der Tat k&ouml;nnten erneute Angriffe mit leistungsf&auml;higen westlichen Systemen auf das nuklearstrategische Fr&uuml;hwarnsystem oder Flugpl&auml;tze der strategischen Bomberkr&auml;fte Russlands &ndash; mit Drohnen hat die Ukraine derartige Angriffe bereits durchgef&uuml;hrt &ndash; zu einer Eskalation des Krieges auf die Ebene der beiden nuklearen Superm&auml;chte und zu einer direkten milit&auml;rischen Konfrontation f&uuml;hren. Pr&auml;sident Biden will dieses Risiko offenbar auch in Zukunft vermeiden. Deshalb erbrachte das Gespr&auml;ch kein Einvernehmen, und der britische Premierminister erkl&auml;rte danach lapidar: &bdquo;Wir hatten eine umfassende Diskussion &uuml;ber Strategie.&ldquo;<\/p><p>Genau das ist des Pudels Kern: Es geht nicht um eine v&ouml;lkerrechtliche, sondern eine entscheidende strategische Frage. Denn v&ouml;lkerrechtlich ist ein Angriff der Ukraine auf das Gebiet des Angreifers selbstverst&auml;ndlich erlaubt. Die Ukraine ist jedoch f&uuml;r die Einsatz- und Zielplanung von Angriffen mit westlichen weitreichenden Waffensystemen auf strategische Ziele im russischen Hinterland v&ouml;llig auf die Unterst&uuml;tzung westlicher Spezialisten angewiesen. Wer diese Unterst&uuml;tzung personell und materiell leistet, macht einen gro&szlig;en Schritt in Richtung direkter Kriegsbeteiligung.<\/p><p>Die US-amerikanische Regierung f&uuml;rchtet offenbar, dass Russland dann mit gleicher M&uuml;nze zur&uuml;ckzahlen und beispielsweise den Iran in die Lage versetzen k&ouml;nnte, US-amerikanische St&uuml;tzpunkte und milit&auml;rische Kr&auml;fte im Mittleren Osten anzugreifen, oder dass es sogar zu einer direkten milit&auml;rischen Konfrontation, einem Krieg zwischen Russland und der NATO kommt.<\/p><p>Eine rationale strategische Bewertung der Zweck-Mittel-Relation zeigt &uuml;brigens, dass der Einsatz weitreichender westlicher Waffensysteme weder geeignet ist, die Bedrohung durch russische Gleitbomben-Angriffe abzuwenden, noch eine &Auml;nderung der strategischen Lage zugunsten der Ukraine herbeizuf&uuml;hren.<\/p><p><strong>Was halten Sie davon, wenn die Ukraine nach dem Krieg, wie von Selenskyj vorgeschlagen, als Europ&auml;ische Sicherheitsmacht auftritt?<\/strong><\/p><p>Welchen Platz die Ukraine in einer k&uuml;nftigen europ&auml;ischen Sicherheits- und Friedensordnung einnehmen wird, h&auml;ngt davon ab, wie der Ukraine-Krieg endet. Zun&auml;chst geht es darum, dass die Ukraine als unabh&auml;ngiger Staat &uuml;berlebt und &ndash; wie Henry Kissinger einmal schrieb &ndash; nicht als Vorposten der einen oder anderen Seite dient, sondern als Br&uuml;cke beide verbindet. Im &Uuml;brigen kann die Ukraine nicht einmal sich selbst sch&uuml;tzen und wird auch in Zukunft auf Sicherheitsgarantien anderer Staaten angewiesen sein.<\/p><p><strong>Welche Aussichten f&uuml;r ein Kriegsende durch Verhandlungen sehen Sie angesichts der von Selenskyj geforderten weiteren Eskalation? Gibt es derzeit noch welche?<\/strong><\/p><p>Der Bundeskanzler hat am 8. September in einem Interview erkl&auml;rt<em>: &bdquo;Ich glaube, das ist jetzt der Moment, in dem man auch dar&uuml;ber diskutieren muss, wie wir aus dieser Kriegssituation doch z&uuml;giger zu einem Frieden kommen, als das gegenw&auml;rtig den Eindruck macht.&ldquo;<\/em> Damit l&auml;sst er erkennen, dass Selenskyj ihn in einem zuvor gef&uuml;hrten Vier-Augen-Gespr&auml;ch &uuml;ber den Ernst der Lage informiert hat und dieser nach einem Ausweg aus der kritischen milit&auml;rischen Lage sucht. &bdquo;Jetzt&ldquo; bedeutet, dass es gilt, keine Zeit zu verlieren.<\/p><p>Seit Beginn des Krieges hat der &bdquo;kollektive Westen&ldquo; die ukrainischen Streitkr&auml;fte mit immer leistungsf&auml;higeren Waffen beliefert, sie systematisch ausgebildet und im weitesten Sinne unterst&uuml;tzt. Trotzdem ist die Lage kontinuierlich schlechter geworden, und die Fortsetzung dieses Weges k&ouml;nnte f&uuml;r die Ukraine in einer milit&auml;rischen Niederlage enden.<\/p><p>Allerdings setzt der Bundeskanzler darauf, der sogenannte Selenskyj-Friedensplan k&ouml;nnte Erfolg haben, wenn Russland zu der n&auml;chsten Gipfelkonferenz eingeladen wird. Wer sich n&auml;her mit diesem Plan besch&auml;ftigt, wird jedoch feststellen, dass er eine Sackgasse ist, was bereits die letzte Konferenz in der Schweiz f&uuml;r jedermann erkennbar gezeigt hat. Und zu ernsthaften bilateralen Verhandlungen ist Selenskyj offenbar nicht bereit. Zumindest ist das Dekret des ukrainischen Pr&auml;sidenten vom 4. Oktober 2022, das Verhandlungen mit Russland, zumindest mit Putin, untersagt, bisher nicht aufgehoben worden.<\/p><p>Dem Bundeskanzler ist allerdings zuzustimmen, dass die Zeit dr&auml;ngt. Die Annahme, die ukrainischen Streitkr&auml;fte k&ouml;nnten die Oberhand gewinnen und damit die ukrainische Ausgangslage f&uuml;r Verhandlungen mit Russland verbessern, wenn der Krieg wie bisher mit oder ohne US-amerikanische Unterst&uuml;tzung fortgesetzt wird, ist unseri&ouml;s. Nur ein baldiger Waffenstillstand und Friedensverhandlungen k&ouml;nnten eine milit&auml;rische Niederlage verhindern.<\/p><p>Ich bin der festen &Uuml;berzeugung, dass der chinesische Vorschlag, der den Vorteil hat, dass beide Seiten ihre Vorbedingungen f&uuml;r die Aufnahme von Verhandlungen zur&uuml;ckstellen und Verhandlungen wieder aufnehmen, wo sie im April 2022 abgebrochen wurden, der gegenw&auml;rtig einzige realistische Ansatz ist. Putin hat den chinesischen Vorschlag mehrfach akzeptiert und die Wiederaufnahme der Istanbuler Verhandlungen angeboten.<\/p><p><strong>Russland hat seine Nukleardoktrin modifiziert. Wie bewerten Sie das? Erh&ouml;ht das die Gefahr eines Atomkrieges?<\/strong><\/p><p>Mein Eindruck ist, dass der ukrainische &bdquo;Siegesplan&ldquo; f&uuml;r Russland &ndash; insbesondere der geforderte NATO-Beitritt und die m&ouml;gliche Lieferung und Freigabe des Einsatzes westlicher weitreichender Waffensysteme gegen strategische Ziele in der Tiefe Russlands &ndash; der Anlass ist, &ouml;ffentlich eine &Auml;nderung der Nukleardoktrin anzuk&uuml;ndigen. Die &Auml;nderung besteht in der Erweiterung des Spektrums milit&auml;rischer Bedrohungen, gegen die Nuklearwaffen abschrecken sollen.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich bleibt es jedoch dabei, dass der Einsatz von Nuklearwaffen, <em>&bdquo;die &auml;u&szlig;erste Ma&szlig;nahme zum Schutz der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t&ldquo;<\/em>, nur als Reaktion auf einen Angriff mit Nuklearwaffen und im Falle einer existenziellen Bedrohung durch einen konventionellen Angriff erwogen wird. Putin nannte beispielsweise massive Luftangriffe mit Kampfflugzeugen sowie Angriffe mit Marschflugk&ouml;rpern, Hyperschallwaffen und Drohnen.<\/p><p>Russland und die USA wollen einen Krieg zwischen den beiden Nuklearm&auml;chten, also auch einen Krieg zwischen Russland und der NATO, vermeiden. Beide wissen, was ein Nuklearkrieg bedeutet. Die angek&uuml;ndigte &Auml;nderung der russischen Nukleardoktrin dient deshalb der Abschreckung und ist in diesem Zusammenhang zu sehen.<\/p><p><strong>Der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz fordert, Marschflugk&ouml;rper &bdquo;Taurus&ldquo; einzusetzen, wenn Russland nicht aufh&ouml;rt, zivile Objekte in der Ukraine zu beschie&szlig;en. Was halten Sie davon?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte diese Aussage nicht kommentieren, sondern eine grunds&auml;tzliche Anmerkung machen. Jeder Leutnant wei&szlig;, dass eine Lagebeurteilung ohne Emotionen, rational und vorurteilsfrei erfolgen und die Optionen beziehungsweise Reaktionen des Gegners, seine F&auml;higkeiten und Absichten in die eigenen Handlungsoptionen einbezogen und bei den Entscheidungen ber&uuml;cksichtigt werden m&uuml;ssen. Das haben die USA getan und sich entschieden, weder Waffensysteme mit einer gr&ouml;&szlig;eren Reichweite zu liefern noch die Reichweitenbeschr&auml;nkungen f&uuml;r die bereits der Ukraine zur Verf&uuml;gung gestellten Waffen aufzuheben. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der Einsatz weitreichender Waffen keine &Auml;nderung der strategischen Lage zugunsten der Ukraine bewirken w&uuml;rde, jedoch das Risiko einer Ausweitung des Krieges gro&szlig; ist.<\/p><p>Ich denke, die &Auml;u&szlig;erungen des Bundeskanzlers zu dieser Frage zeigen, dass die Bundesregierung mit ihrer Lagebeurteilung zum gleichen Ergebnis gekommen ist. Deshalb hat der Bundeskanzler eine rationale, strategisch richtige Entscheidung getroffen und abgelehnt, der Ukraine Taurus-Marschflugk&ouml;rper f&uuml;r Angriffe gegen strategische Ziele auf russischem Territorium zu liefern. Offenbar ist auf dem k&uuml;rzlichen Vierertreffen mit den Pr&auml;sidenten Biden und Macron sowie dem britischen Premierminister Starmer ein Einvernehmen erzielt worden, Selenskyjs Forderung abzulehnen.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot WDR Panorama<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/7b1e71eac8394d1a9032f22ba628a8d5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der &bdquo;Siegesplan&ldquo; des ukrainischen Pr&auml;sidenten Wolodymyr Selenskyj ist eher ein Plan f&uuml;r mehr Eskalation als f&uuml;r ein Ende des Krieges. Das erkl&auml;rt der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur und fr&uuml;here Vorsitzende des NATO-Milit&auml;rausschusses <strong>Harald Kujat<\/strong>. Er macht auf die m&ouml;glichen Konsequenzen ebenso aufmerksam wie auf die zur&uuml;ckhaltenden Reaktionen im Westen. Im Interview geht er auf Selenskyjs Drohung mit<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123938\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":123939,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,209,171],"tags":[1519,1460,3240,1043,469,2591,466,259,2620,2873,260,1556,2377],"class_list":["post-123938","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-atomwaffen","tag-biden-joe","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-frankreich","tag-grossbritannien","tag-kujat-harald","tag-nato","tag-russland","tag-selenskyj-wolodymyr","tag-starmer-keir","tag-ukraine","tag-usa","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/241030-Siegesplan-titel.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123938","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=123938"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123938\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":124136,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/123938\/revisions\/124136"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/123939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=123938"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=123938"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=123938"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}