{"id":12409,"date":"2012-03-05T09:29:11","date_gmt":"2012-03-05T08:29:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12409"},"modified":"2019-08-07T10:05:00","modified_gmt":"2019-08-07T08:05:00","slug":"aus-dem-zusammenhang-gerissen-ein-gerissenes-argument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12409","title":{"rendered":"\u201eAus dem Zusammenhang gerissen\u201c: ein gerissenes Argument"},"content":{"rendered":"<p>Wie man die Kritik an den Aussagen des Herrn Gauck wegzuargumentieren versucht und warum dieser Versuch den Gauck-Verteidigern permanent auf die eigenen F&uuml;&szlig;e f&auml;llt. Von Holdger Platta<br>\n<!--more--><br>\nWie oft haben wir Kritiker des Herrn Gauck in den letzten Tagen zu h&ouml;ren bekommen, wir &bdquo;rissen&ldquo; dessen Aussagen &bdquo;aus dem Zusammenhang&ldquo;. Gauck meine das genaue Gegenteil von dem, was wir ihm &bdquo;unterstellten&ldquo;, und in Wahrheit treibe uns doch nur eine einzige Absicht an: nachtr&auml;glich den ostdeutschen Kommunismus wiederhochleben zu lassen, und Gauck sei bei diesen unseren Versuchen lediglich ein m&auml;chtiger &ndash; nicht zuletzt wortm&auml;chtiger &ndash; Kontrahent. Wer gegen Gauck sei, der sei f&uuml;r die DDR. Und wer gegen die DDR sei, der sei f&uuml;r Herrn Gauck. Entweder &ndash; Oder! Achja, wenn die Welt so einfach zweifach w&auml;re&hellip;<\/p><p>Erstens: ob Friedrich Schorlemmer oder Ingo Schulze, ob Jutta Ditfurth oder Daniela Dahn &ndash; keine und keiner von uns &bdquo;will die alte DDR zur&uuml;ck&ldquo;. Und viele von uns &ndash; die soeben genannten: alle! &ndash; k&ouml;nnen belegen, da&szlig; sie sich vielfach gegen die alte DDR positioniert haben (was mich betrifft, so lese man im Internet meine &bdquo;Sieben Thesen zur Stille im Land&ldquo; nach, dort vor allem den siebenten Abschnitt!). Wir alle k&ouml;nnen leicht das Gegenteil beweisen und haben deswegen auch &bdquo;leicht&ldquo; reden. Was jedoch die Frage aufwirft, zweitens:<\/p><p>Gilt das auch f&uuml;r diejenigen, denen der Gegenbeweis nicht zur Verf&uuml;gung steht?  &ndash; Der fatale Effekt dieser Art von &sbquo;Argumentation&rsquo; &ndash; wir alle wollten insgeheim die DDR zur&uuml;ck &ndash; besteht darin, da&szlig; man mit dieser Unterstellung den Gauck-Kritikern deren Anfechtbarkeit ins Menscheninnere verlegt und diese Unterstellung damit unwiderlegbar macht. Nicht der Angreifer mu&szlig; seine Verleumdung belegen. Nein, wir m&uuml;ssen widerlegen, da&szlig; diese Verleumdung nicht stimmt. Aber wie macht man das: die Wahrheit des eigenen Inneren belegen, nachweisbar, &uuml;berpr&uuml;fbar?   Und deckt sich das mit den Grundregeln unseres Rechtsstaats? Mit der &bdquo;Unschuldsvermutung&ldquo;? Haben wir es hier mit klaren Beweisen unserer Kritiker zu tun und mit sauberer Argumentation? <\/p><p>Nichts von alledem: bei &ouml;ffentlichen Debatten im Rechtsstaat Bundesrepublik herrschen andere Gesetze als im anst&auml;ndigen Leben. Im Bereich der Politik, da zieht noch jede argument- und beweisfreie Denunziation, da d&uuml;rfen vor allem die machtgetreuen Verd&auml;chtiger Platz nehmen bei Illner, Plasberg sowie Will und ihren Unfug von sich geben. Nochmal:  ein Schorlemmer oder eine Dahn, ein Schulz oder eine Ditfurth, die h&auml;tten bei einer derartigen Talkshow nichts zu bef&uuml;rchten. Aber was w&auml;re mit jenen, die sich zum Thema DDR nicht ge&auml;u&szlig;ert haben, unter anderem deshalb, weil sie bislang niemand gefragt hat? Die w&auml;ren  bei diesen Fernsehdisputen mit &bdquo;Staatsanw&auml;lten&ldquo; konfrontiert, die gleichzeitig auf &bdquo;Scharfrichter&ldquo; machen. Und ein &bdquo;Verteidiger&ldquo; w&auml;re weit und breit nicht in Sicht. Was auch f&uuml;r die sogenannten &bdquo;ModeratorInnen&ldquo; gilt. <\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum &sbquo;Argument&rsquo;, wir h&auml;tten mit unserer Kritik an den &Auml;u&szlig;erungen des Herrn Gauck schon deswegen Unrecht, weil alle diese &Auml;u&szlig;erungen &bdquo;aus ihrem Zusammenhang gerissen worden&ldquo; seien. Nun, ich lasse hier einmal beiseite, da&szlig; es &Auml;u&szlig;erungen gibt, die auch ein Zusammenhang nicht zu retten vermag. Gaucks Verdikt zum Beispiel &uuml;ber die weltweite &bdquo;Occupy&ldquo;-Bewegung: die Aussage, diese sei &bdquo;uns&auml;glich albern&ldquo;, war laut SPIEGEL vom 16. Oktober 2010 lediglich mit der Zusatzbehauptung versehen, da&szlig; es, Gauck zufolge, eine &bdquo;romantische Vorstellung&ldquo; sei, von einer Welt zu &bdquo;tr&auml;umen, in der man sich der Bindung von M&auml;rkten entledigen k&ouml;nne&ldquo;. Tja, stellt das ein Argument und eine Begr&uuml;ndung dar, gar einen Gegenbeweis? Darf man das den &bdquo;rettenden Zusammenhang&ldquo; nennen? Oder ist das dieselbe Behauptung &ndash; &bdquo;uns&auml;glich albern&ldquo; -, lediglich mit einem anderen Herablassungsakzent?  Doch bevor die Gauckler in Atemnot geraten:<\/p><p> Ich schenke unseren Kritikern diesen Punkt! Ich schenke ihnen diesen Punkt und behaupte wie sie: jawohl,  in Wahrheit hat Gauck mit seinen zitierten Aussagen jedesmal etwas ganz anderes gemeint, als wir aus diesen Zitaten &ndash; jawohl, jawohl &ndash; &bdquo;herausgelesen&ldquo; haben, und wom&ouml;glich hat Gauck sogar &ndash; jawohl, jawohl, jawohl &ndash;  in allen F&auml;llen das genaue Gegenteil gemeint. Hei&szlig;t: f&uuml;r Gauck ist die &bdquo;Occupy&ldquo;-Bewegung eigentlich eine ganz prima Sache! Hartz-IV ist f&uuml;r diesen Seelenhirten durch und durch schlecht. Und wir alle &ndash; &bdquo;uns&auml;glich albern&ldquo; &ndash; haben ihn fortw&auml;hrend  nur mi&szlig;verstanden. O.K., aber was bedeutet dann dieses? <\/p><p>Wir sind damit beim dritten Punkt: Gauck formulierte demzufolge &ndash; schaut man die Kehrseite der Kritik an, die unsere Kritiker an uns Kritikern &uuml;ben, &ndash; seine Ansichten ungeheuer oft so, da&szlig; ungeheuer viele Mitmenschen ihn ungeheuer oft mi&szlig;verstehen. Der angeblich so hochbegabte Redner Gauck g&auml;be in ungez&auml;hlter H&auml;ufigkeit S&auml;tze von sich, die mi&szlig;verst&auml;ndlich seien, S&auml;tze, die erst des gesamten &bdquo;Zusammenhanges&ldquo; bed&uuml;rften (aus dem sie &bdquo;gerissen worden&ldquo; seien), um unmi&szlig;verst&auml;ndlich zu sein und Gauck vor unberechtigter Kritik zu bewahren. Tja, das bei einer Person, deren einzig nennenswerte Funktion in der &Ouml;ffentlichkeit als Bundespr&auml;sident darin bestehen sollte, menschenfreundlichen Klartext reden zu k&ouml;nnen!<\/p><p>Mir scheint, dieses &bdquo;Argument&ldquo; unserer Gegner &ndash; wir &bdquo;rissen&ldquo; permanent Zitate von Gauck &ldquo;aus deren Zusammenhang&ldquo; und wir Kleingeister verst&uuml;nden deswegen den Gro&szlig;redner permanent falsch &ndash;, dieser Vorwurf fiele unseren Gegnern selber auf die F&uuml;&szlig;e zur&uuml;ck. Einverstanden: damit w&auml;re Gauck &bdquo;eigentlich&ldquo; ein guter Kerl, er w&auml;re &uuml;berhaupt nicht so b&ouml;s&rsquo;, wie wir  seinen S&auml;tzen zu entnehmen glaubten. Aber er w&auml;re damit ein guter Kerl, der sich permanent nur falsch zu &auml;u&szlig;ern vermag! Einverstanden, ich sage es nochmal. Doch gleichwohl nachgefragt: das sollte dann besser f&uuml;r uns sein? Ein neuer Bundespr&auml;sident, der unabl&auml;ssig eines Dolmetschers bed&uuml;rfte, um zutreffend und zweifelsfrei verstanden zu werden, ein Bundespr&auml;sidenten, der quasi noch einen zweiten Bundespr&auml;sidenten ben&ouml;tigte, damit all diese Mi&szlig;verst&auml;ndnispannen nicht passieren? Mag sein, Gauck eroberte damit zu Recht den Anspruch zur&uuml;ck, ein &bdquo;Kandidat der Herzen&ldquo; zu sein. Eines w&auml;re er dann aber auch: ein Kandidat der permanenten Mi&szlig;verstehbarkeiten. <\/p><p>Mit anderen Worten: wir bek&auml;men mit Gauck einen Munkel-Mann zum Pr&auml;sidenten, einen Schwammigkeits-Redner, einen Unklarheits-Apostel, einen Nebeldampfplauderer und Mi&szlig;verst&auml;ndnis-Produzenten ohne Unterla&szlig;. Der aus dem Zusammenhang gerissene Gauck ist nichts anderes als die Variante einer gerissenen Talmi-Argumentation.<\/p><p>Mein Vorschlag deshalb, wir sollten lieber bei der Wahrheit bleiben: Gauck meint genau das, was er sagt, und wir verstehen genau das, was er meint. Da bedarf es auch irgendwelcher &bdquo;Zusammenh&auml;nge&ldquo; nicht. Ein Pr&auml;sidentschaftskandidat, der f&uuml;r den Zusammenhalt der Gesellschaft eintritt und nicht Stimmung macht gegen ganze Bev&ouml;lkerungsgruppen &ndash; insbesondere gegen jene &sbquo;ganz unten&rsquo; -, ein solcher Pr&auml;sidentschaftskandidat darf nicht unaufh&ouml;rlich angewiesen sein auf &bdquo;rettende Zusammenh&auml;nge&ldquo;. Und er darf auch nicht angewiesen sein auf einen fortw&auml;hrend im Einsatz befindlichen &ndash; m&ouml;glichst klon-identischen &ndash; Zweit-Pr&auml;sidenten, der ab Amtsbeginn f&uuml;r&rsquo;s Klardeutsch des Erst-Pr&auml;sidenten zust&auml;ndig w&auml;re.<\/p><p>Und damit, zum Abschlu&szlig;, noch ein kleines Apropos &ndash; viertens denn also:<\/p><p>In den letzten Wochen wurde gleich mehrfach bei den Talkshows von &bdquo;Exegese&ldquo; gesprochen, wenn es um die &bdquo;richtige&ldquo; Auslegung der Gauck-Aussagen ging. Das ist hochinteressant! Nat&uuml;rlich, unter &bdquo;Exegese&ldquo; verstand man  anno dunnemals nichts anderes als &ndash; ganz allgemein &ndash; die &bdquo;Wissenschaft der Erkl&auml;rung und Auslegung eines Textes&ldquo; (so unter anderem mein Fremdw&ouml;rter-DUDEN). Doch wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert inzwischen, und seit langem wird dieser Begriff nur noch f&uuml;r die Auslegung der Bibel benutzt. Entsprechend mein Fremdw&ouml;rter-DUDEN: &bdquo;Exegese&ldquo;, das meine vor allem Bibelinterpretation, ein &bdquo;Exeget&ldquo; sei ein Fachmann f&uuml;r die Auslegung der &bdquo;Heiligen Schrift&ldquo;, &bdquo;Exegetik&ldquo; ein &bdquo;Teilgebiet der Theologie&ldquo;.<\/p><p>Hei&szlig;t das, wir haben es bei den Aussagen von Herrn Gauck mit Gottes Wort zu tun?<\/p><p>Ich frage ja nur. <\/p><p>Amen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie man die Kritik an den Aussagen des Herrn Gauck wegzuargumentieren versucht und warum dieser Versuch den Gauck-Verteidigern permanent auf die eigenen F&uuml;&szlig;e f&auml;llt. 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