{"id":12439,"date":"2012-03-07T08:51:55","date_gmt":"2012-03-07T07:51:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12439"},"modified":"2015-02-03T11:13:56","modified_gmt":"2015-02-03T10:13:56","slug":"abkehr-von-der-mutter-aller-reformen-das-kooperationsverbot-wird-abgeschafft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12439","title":{"rendered":"Abkehr von der \u201eMutter aller Reformen\u201c: Das \u201eKooperationsverbot\u201c wird abgeschafft"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen noch daran, als die Vorsitzenden der sog. F&ouml;deralismuskommission, Franz M&uuml;ntefering und Edmund Stoiber, die &bdquo;F&ouml;deralismusreform&ldquo; als die &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/foederalismus-die-mutter-aller-reformen-1.785750\">verk&uuml;ndeten<\/a>. Ein Kernelement des Mitte 2006 mit zweidrittel Mehrheit von Bundestag und Bundesrat im Grundgesetz verankerten Systemwechsels war die Abschaffung des &bdquo;kooperativen F&ouml;deralismus&ldquo; zugunsten eines Wettbewerbsf&ouml;deralismus. Unter anderem sollte durch die &Uuml;bertragung der nahezu ausschlie&szlig;lichen Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r das Hochschulwesen auf die Bundesl&auml;nder ein Wettlauf zwischen den L&auml;nderregierungen in der Hochschul-&bdquo;Reform&ldquo;-Politik ausgel&ouml;st werden. Der Bund sollte sich aus der Bildungspolitik komplett heraushalten. Dieses &bdquo;Kooperationsverbot&ldquo; zwischen Bund und L&auml;ndern soll nun zumindest in der Hochschulpolitik klammheimlich wieder abgeschafft werden. Von einem Scheitern der zugrundeliegenden Wettbewerbsideologie will allerdings niemand sprechen. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer am Sonntag tagende schwarz-gelbe Koalitionsausschuss hat so nebenbei eine &Auml;nderung des Artikels 91 b des Grundgesetzeses beschlossen. Damit soll die von der Gro&szlig;en Koalition 2006 durchgesetzte &bdquo;F&ouml;deralismusreform&ldquo; wenigstens in einer ihrer eklatantesten Unsinnigkeiten revidiert und das &bdquo;Kooperationsverbot&ldquo; zwischen Bund und L&auml;ndern wieder aufgelockert werden. K&uuml;nftig sollen also nicht mehr nur punktuelle &bdquo;Vorhaben&ldquo; sondern &ndash; dauerhaft &ndash; auch wieder &bdquo;Einrichtungen der Wissenschaft und Forschung an Hochschulen&ldquo; von Bund und L&auml;ndern <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/press\/3243.php\">gemeinsam gef&ouml;rdert werden d&uuml;rfen<\/a>.<\/p><p>Wir hatten schon vor sechs Jahren auf den NachDenkSeiten vor den verheerenden Folgen des Systemwechsels vom kooperativen zum Wettbewerbsf&ouml;deralismus <a href=\"\/?p=267\">eindringlich gewarnt<\/a>. Wenn wir jetzt darauf hinweisen, so nicht um rechthaberisch zu sein, sondern weil das belegt, dass man schon damals h&auml;tte besser wissen k&ouml;nnen, welches Unheil mit dieser &bdquo;Modernisierung&ldquo; im deutschen Bildungswesen angerichtet wurde. Die damalige &bdquo;Reform&ldquo; ist ein Musterbeispiel daf&uuml;r, wie eine bornierte Wettbewerbsideologie blind machte gegen&uuml;ber den sachlichen Notwendigkeiten zur Erhaltung einigerma&szlig;en einheitlicher Lebensverh&auml;ltnisse in Deutschland. <\/p><p>Bis heute dient &bdquo;Wettbewerb&ldquo; den Neoliberalen als Zauberwort, mit dem die angeblich verkrusteten Strukturen aufgebrochen und die als &uuml;berholt denunzierten Verh&auml;ltnisse zum Tanzen gebracht werden k&ouml;nnten. Als einer der entscheidenden Bremskl&ouml;tze gegen eine neoliberale &bdquo;Modernisierung&ldquo; wurde damals die f&ouml;derale Verfassungsstruktur ausgemacht. Durch eine strikte Abgrenzung der Gesetzgebungszust&auml;ndigkeiten von Bund und L&auml;ndern sollten einerseits mittels eines drastischen Zur&uuml;ckschneidens der L&auml;nderkompetenzen das &bdquo;Durchregieren&ldquo; (Merkel) von der Bundesebene erleichtert werden. Andererseits sollte z.B. durch die &Uuml;bertragung der nahezu ausschlie&szlig;lichen Zust&auml;ndigkeit der L&auml;nder im Hochschulwesen ein Rattenrennen um die Selbstzerst&ouml;rung der &uuml;berkommenen Hochschulstrukturen gestartet werden. Der ungehinderte Durchgriff der Zentralregierung (etwa auf dem Feld der Sozial-&bdquo;Reformen&ldquo;) auf der einen Seite und die &Uuml;bertragung der Wettbewerbsideologie auf L&auml;nderebene (etwa auf dem Feld der Bildungs-&bdquo;Reformen&ldquo;) auf der anderen, das waren die tragenden Motive f&uuml;r die F&ouml;deralismusreform der damaligen Gro&szlig;en Koalition. <\/p><p>Diese F&ouml;deralismusreform steht f&uuml;r sechs verlorene Jahre auf dem Feld der deutschen Hochschulpolitik. Die Landesregierungen konnten sich wie Duodezf&uuml;rsten aufspielen und das f&uuml;hrte im v&ouml;lligen Widerspruch zu den angestrebten supranationalen Einigungsprozessen im &bdquo;europ&auml;ischen Hochschulraum&ldquo;  zu mehr und mehr Provinzialit&auml;t. Das Recht des St&auml;rkeren zwischen den L&auml;ndern wurde zum herrschenden Prinzip und das f&uuml;hrte zum Verlust einer der international anerkannten Vorteile des deutschen Hochschulwesens, n&auml;mlich einem qualitativ einigerma&szlig;en gleichwertigen Leistungsstandard aller Hochschulen quer durch das Land. &bdquo;Ungleichheit ist zu einem bewusst herbeigef&uuml;hrten Element des Bundesstaates geworden&ldquo; (<a href=\"\/?p=1962\">Jutta Roitsch<\/a>) Der Wettbewerbsf&ouml;deralismus lieferte den akademischen Nachwuchs dem Markt aus, der notwendig Ungleichheiten mit sich bringt. <\/p><p>Von nun an sollte es keine gemeinsame Hochschulrahmenplanung mehr geben, die Bund-L&auml;nder-Kommission f&uuml;r Bildungsplanung (BLK) wurde abgeschafft. Die gemeinschaftliche und koordinierte Finanzierung von Forschungsgro&szlig;ger&auml;ten an den Hochschulen und die gemeinsame Finanzierung des Hochschulbaus zwischen Bund und L&auml;ndern wurden weitgehend beseitigt. Das f&uuml;hrte z.B. zu dem absurden Ergebnis, dass Mittel aus den vom Bund aufgelegten Konjunkturpaketen nicht etwa zur dringend notwendigen Sanierung von Hochschulgeb&auml;uden oder zu Investitionen in neue Hochschulbauten benutzt werden durften, sondern als W&auml;rmed&auml;mmungsma&szlig;nahmen getarnt werden mussten. <\/p><p>Der Hochschulzugang wurde dezentralisiert und die effiziente Verteilung der knappen Studienpl&auml;tze &uuml;ber die ZVS wurde blockiert, was zu einem totalen Chaos bei der <a href=\"\/?p=3804\">Hochschulzulassung f&uuml;hren musste<\/a>, bei dem trotz extremer Studienplatzknappheit tausende von Studienpl&auml;tze unbesetzt blieben und zahllose junge Leute auf ihren Studienwunsch verzichten mussten. Mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichts wurde die rahmenrechtlich geregelte Studiengeb&uuml;hrenfreiheit kassiert und von da an konnte jedes Land Studiengeb&uuml;hren erheben, wie es wollte. Es gab keine einheitlichen Personalstrukturen und keine einheitliche Hochschullehrerbesoldung mehr; die Besoldung zwischen den einzelnen L&auml;ndern wich allm&auml;hlich so weit voneinander ab, dass unl&auml;ngst sogar das <a href=\"http:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/pressemitteilungen\/bvg12-008.html\">Bundesverfassungsgericht einschreiten musste<\/a>. Die Qualit&auml;tsstandards an den Hochschulen orientierten sich mehr und mehr an der Kassenlage der L&auml;nder &ndash; und die war eben v&ouml;llig unterschiedlich.<\/p><p>Man k&ouml;nnte noch zahllose weitere Beispiele f&uuml;r das aufgekommene f&ouml;derale Absurdistan in der &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; auff&uuml;hren.<\/p><p>Die v&ouml;llige Dezentralisierung der Hochschulpolitik erwies sich von Anfang an als Missgeburt. Schon bald stellte sich heraus, dass die L&auml;nder bei der notwendigen Ausweitung der Studienplatzkapazit&auml;ten f&uuml;r die nachdr&auml;ngende Babyboomer-Generation finanziell &uuml;berfordert waren. Einige L&auml;nder lebten auch nur allzu gerne auf Kosten anderer. Der numerus clausus ist so in den meisten Studieng&auml;ngen und an fast allen Hochschulen zum Alltag geworden. Um das schlimmste zu verhindern folgte ein &bdquo;Hochschulpakt&ldquo; dem anderen. Das absurde daran war, dass diese &bdquo;Pakte&ldquo; als zeitlich befristete &bdquo;Vorhaben&ldquo;-Finanzierung ausgestaltet werden mussten und nicht als ein abgestimmtes Programm zum Ausbau von Hochschulkapazit&auml;ten zur Bew&auml;ltigung der &Uuml;berlast. Ganz &auml;hnlich liegt das auch bei der &bdquo;Exzellenz-Initiative&ldquo;, wo der Bund im Rahmen einer &bdquo;Projektfinanzierung&ldquo; mit dem goldenen Z&uuml;gel des Geldes die einzelnen Hochschulen zur Teilnahme an einem Wettlauf um &uuml;ber die L&auml;nderfinanzierung hinausgehende Geldmittel anreizen musste. Dabei hat sich einmal mehr gezeigt, dass die Hochschulen in den L&auml;ndern, die in der Lage waren, ihre Hochschulen finanziell am besten auszustatten, den &uuml;brigen das Wasser abgraben konnten. Die ohnehin Starken setzten sich zu Lasten der Finanzschw&auml;cheren durch. <\/p><p>Jeder der nicht an Ged&auml;chtnisschwund leidet, m&uuml;sste sich erinnern, wie einst diese &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo; gefeiert wurde. Von daher wirkt es geradezu l&auml;cherlich, wenn nun die Bundesregierung den Eindruck erwecken will, es handle sich bei der geplanten erneuten Grundgesetz&auml;nderung nicht um eine l&auml;ngst &uuml;berf&auml;lligen Korrektur der fr&uuml;heren Politik oder um eine Revision der Fehler, die mit der F&ouml;deralismusreform gemacht wurden. <\/p><p>Auch die SPD und die Gr&uuml;nen, die nun auf den Zug aufspringen und das bisherige Kooperationsverbot &uuml;ber die Hochschulen hinaus auch f&uuml;r die <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/politik\/finanzierung-der-hochschulen-der-bund-will-bei-uni-finanzierung-wieder-mitreden,1472596,11769622.html\">Schulpolitik revidieren wollen<\/a>, tun so, als tr&uuml;gen sie keine Schuld daran, dass das Kind erst in den Brunnen gefallen ist.<\/p><p>Die etablierten Parteien haben offenbar eine panische Angst davor, die Fehler ihrer &bdquo;Reformpolitik&ldquo; der zur&uuml;ckliegenden Jahre einzugestehen, k&ouml;nnte doch aus einem solchen Eingest&auml;ndnis pl&ouml;tzlich beim breiten Publikum auch f&uuml;r viele andere Politikfeldern die Erkenntnis aufkommen, dass die Wettbewerbs- und Dezentralisierungsideologie ein Holzweg ist, auf dem man schnellstm&ouml;glich umkehren m&uuml;sste, damit man sich nicht noch weiter im Dickicht verirrt. Zum Leidwesen der Eltern ist in der Schulpolitik nach wie vor kein Licht im Unterholz erkennbar. Mit einer schlichten &Auml;nderung des Art. 91 b GG, die die bisherige Zustimmungspflicht aller L&auml;nder f&uuml;r die gemeinsame F&ouml;rderung von Vorhaben der Wissenschaft und Forschung an Hochschulen lockert, ist es l&auml;ngst noch nicht getan, um die von der &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo; verursachten Sch&auml;den wieder gut zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht erinnern sich manche von Ihnen noch daran, als die Vorsitzenden der sog. F&ouml;deralismuskommission, Franz M&uuml;ntefering und Edmund Stoiber, die &bdquo;F&ouml;deralismusreform&ldquo; als die &bdquo;Mutter aller Reformen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/foederalismus-die-mutter-aller-reformen-1.785750\">verk&uuml;ndeten<\/a>. Ein Kernelement des Mitte 2006 mit zweidrittel Mehrheit von Bundestag und Bundesrat im Grundgesetz verankerten Systemwechsels war die Abschaffung des &bdquo;kooperativen F&ouml;deralismus&ldquo; zugunsten eines Wettbewerbsf&ouml;deralismus. Unter anderem<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12439\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17],"tags":[395,251,983,234],"class_list":["post-12439","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","tag-foederalismus","tag-muentefering-franz","tag-stoiber-edmund","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12439","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12439"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12439\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24856,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12439\/revisions\/24856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12439"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12439"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12439"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}