{"id":124430,"date":"2024-11-09T15:00:32","date_gmt":"2024-11-09T14:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124430"},"modified":"2024-11-10T09:18:27","modified_gmt":"2024-11-10T08:18:27","slug":"werden-kinder-in-den-usa-uebertherapiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124430","title":{"rendered":"Werden Kinder in den USA \u00fcbertherapiert?"},"content":{"rendered":"<p>Die US-amerikanische Journalistin <strong>Abigail Shrier<\/strong> setzt sich in ihrem Buch &bdquo;Bad Therapy. Why the Kids Aren&rsquo;t Growing up&ldquo; kritisch mit Psychotherapie, vor allem in Bezug auf Kinder, auseinander. Auch wenn das Buch offensichtliche methodische Schw&auml;chen hat, so k&ouml;nnte die Argumentation dennoch zu einer Debatte &uuml;ber eine kritischere Wahrnehmung von Psychotherapie beitragen. Eine Rezension von <strong>Tobias Reichardt<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4990\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-124430-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=124430-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241108-Kinder-in-USA-uebertherapiert-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Linke hatte oft ein kritisches Verh&auml;ltnis zu Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Sie argw&ouml;hnte, soziale und &ouml;konomische Probleme w&uuml;rden psychologisiert, also zu individuellen Problemen gemacht. Sie hat Unterscheidungen von &bdquo;krank&ldquo; und &bdquo;gesund&ldquo; infrage gestellt und behauptet, dass teilweise schlicht unangepasste Menschen zu Kranken erkl&auml;rt w&uuml;rden. Psychiatrische Anstalten wurden als Orte der Herrschaftsaus&uuml;bung kritisiert, die Missbrauch beg&uuml;nstigten. Eine pychiatriekritische Bewegung hat zu grundlegenden Reformen der Versorgung psychisch Kranker gef&uuml;hrt. Die Anzahl gro&szlig;er Anstalten ging zur&uuml;ck. Die Sozialpsychiatrie wurde geschaffen, die die Erkrankten in ihrer gewohnten Umgebung unterst&uuml;tzt und so eine Abschiebung in Kliniken nach M&ouml;glichkeit vermeidet. Wenn auch oft zugespitzt und &uuml;bertrieben, war diese linke Kritik an der Psychiatrie doch unter vielen Aspekten berechtigt. Sie hat zu gesellschaftlichen und medizinischen Fortschritten gef&uuml;hrt. <\/p><p>In den letzten Jahrzehnten haben sich gro&szlig;e Teile der Linken, wie vielfach beobachtet worden ist, bis zur Unkenntlichkeit ver&auml;ndert. Dies gilt auch f&uuml;r ihr Verh&auml;ltnis zur Psychologie, das nicht l&auml;nger kritisch ist. Die Linke hat ihre Skepsis gegen&uuml;ber Psychologie und Psychiatrie verloren. Wir erleben in den westlichen Gesellschaften einen Bedeutungsgewinn, ja einen Kult der Psychologie, der von der Linken eher bef&ouml;rdert als kritisiert wird. Kritik an dieser Entwicklung formulieren eher Liberale und Konservative. <\/p><p>So setzt sich die US-amerikanische Journalistin Abigail Shrier in ihrem 2023 erschienenen Buch &bdquo;Bad Therapy. Why the Kids Aren&rsquo;t Growing up&ldquo; kritisch mit der Psychotherapie, vor allem in Bezug auf Kinder, auseinander. Bekannt wurde Shrier mit ihrem Werk &bdquo;Irreversible Damage: The Transgender Craze Seducing Our Daughters&ldquo; (2020, deutsch 2023: &bdquo;Irreversibler Schaden: Wie der Transgenderwahn unsere T&ouml;chter verf&uuml;hrt&ldquo;). In der deutschsprachigen &Ouml;ffentlichkeit wird &bdquo;Bad Therapy&ldquo; bisher nicht beachtet. Im angels&auml;chsischen Bereich wurde das Buch vor allem von Rechten, Konservativen und Nonkonformisten positiv rezipiert. So konnte Shrier ihre Thesen etwa in den Podcasts von Jordan Peterson, Joe Rogan, Ben Shapiro, Coleman Hughes, Bill Maher und bei &bdquo;Unherd&ldquo; pr&auml;sentieren. <\/p><p>Shrier ist keine Psychologin. Sie st&uuml;tzt ihre Erkenntnisse nicht auf eigene Studien oder ein profundes Studium und Durchdenken der einschl&auml;gigen Literatur, sondern vor allem auf eine Vielzahl von Interviews, die die Autorin mit Experten, Jugendlichen und Eltern gef&uuml;hrt hat. Shrier leugnet keineswegs die Existenz und Behandlungsbed&uuml;rftigkeit psychischer Krankheiten. Sie ist jedoch der Auffassung, dass es eine gro&szlig;e Gruppe von Personen gebe, die nicht wirklich krank sind, sondern unsicher, &auml;ngstlich, einsam oder traurig. Um diese Gruppe, denen Shrier zufolge Psychotherapien nicht helfen, sondern eher schaden, gehe es in ihrem Buch. <\/p><p>&bdquo;Bad Therapy&ldquo; besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil (Kapitel 1 bis 3) legt die Autorin die Begriffe &bdquo;Iatrogenesis&ldquo; und &bdquo;Bad Therapy&ldquo; dar. Die Autorin erkl&auml;rt, inwiefern Therapie denn &uuml;berhaupt schaden k&ouml;nne. Der Begriff der Iatrogenese (griech. etwa: &bdquo;Erzeugung durch den Arzt&ldquo;) meint, dass eine Krankheit durch die Therapie erst hervorgerufen oder eine bestehende Krankheit verschlimmert wird, was grunds&auml;tzlich aus verschiedenen Gr&uuml;nden denkbar ist. So kann es etwa zu Behandlungsirrt&uuml;mern oder zu Infektionen w&auml;hrend eines Krankenhausaufenthalts kommen. Meistens, vor allem bei k&ouml;rperlichen Krankheiten, gebe es aber einen handfesten Behandlungsgrund, der dieses Risiko rechtfertige. In Psychotherapien sei nun aber gerade dies oft nicht der Fall. <\/p><p>Manche Menschen lie&szlig;en sich therapieren, ohne einen wichtigen Grund zu haben. Doch auch die Psychotherapie berge Risiken. So k&ouml;nne eine Therapie dazu f&uuml;hren, dass ein Patient sich als krank wahrnehme, ohne dies wirklich zu sein. Ein seelisches Leiden k&ouml;nne &uuml;ber Geb&uuml;hr an Aufmerksamkeit und Gewicht gewinnen. Therapie k&ouml;nne auch dazu f&uuml;hren, dass Konflikte mit Familienmitgliedern noch verst&auml;rkt werden, wenn auf diese Konflikte etwa in den therapeutischen Gespr&auml;chen die Aufmerksamkeit gelenkt werde. Eine Therapie k&ouml;nne schlie&szlig;lich zu einer Abh&auml;ngigkeit des Patienten von der Therapie f&uuml;hren. Shrier weist darauf hin, dass der Mensch auch andere Methoden habe, mit psychischen Problemen umzugehen, als sich in Therapie zu begeben &ndash; wie das Gespr&auml;ch mit Freunden, die Besch&auml;ftigung mit einer als sinnvoll empfundenen T&auml;tigkeit, Humor oder Sport. Diese Selbstheilungsprozesse k&ouml;nnten durch eine Therapie gest&ouml;rt werden. Shrier weist darauf hin, dass psychische Krankheiten unter amerikanischen Jugendlichen zu einer Mode, einem Trend, manche w&uuml;rden sagen: einer Hysterie geworden sind. Jugendliche, die keine Diagnose vorzuweisen haben, f&uuml;hlten sich unter ihren Altersgenossen zur&uuml;ckgesetzt. <\/p><p>Obwohl sie immer mehr Aufmerksamkeit und Behandlung finde und immer mehr Geld f&uuml;r sie ausgegeben werde, werde die psychische Gesundheit in den USA und anderen westlichen L&auml;ndern immer schlechter. Zwischen 1990 und 2007 sei die Anzahl der psychisch kranken Kinder um das 35fache gestiegen. Die Autorin wendet sich dagegen, solche Zahlen damit abzutun, dass einfach nur mehr Kinder, vielleicht voreilig, diagnostiziert w&uuml;rden: Sie seien zu einem gro&szlig;en Teil offenbar wirklich krank: Auch die Zahl der Suizide von Jugendlichen sei erheblich gestiegen. <\/p><p>Nach Shrier geht die Zunahme psychischer Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen auf eine Wertever&auml;nderung und damit auch eine Ver&auml;nderung in der Erziehung zur&uuml;ck. Das Ergebnis dieser Ver&auml;nderung sei, dass die Generation Z die &auml;ngstlichste Generation der Geschichte sei. Junge Menschen glaubten nicht mehr daran, dass sie in der Welt zurechtk&auml;men, geschweige dass sie sie positiv ver&auml;ndern k&ouml;nnten. Selbst f&uuml;r normale Herausforderungen, die mit dem Auszug aus dem Elternhaus verbunden sind, br&auml;uchten die Jugendlichen heute die Vorbereitung durch einen Therapeuten. Solche Therapeuten seien jedoch oft nicht hilfreich: Die &bdquo;Methoden und Behandlungen, die Experten f&uuml;r psychische Gesundheit (mental health experts) bef&uuml;rworten und anwenden, machen junge Menschen schon jetzt kr&auml;nker, trauriger und vergr&ouml;&szlig;ern ihre Angst vor dem Erwachsenwerden&ldquo; (S. 38, &Uuml;bersetzung hier und im Folgenden TR). Shriers Kritik gilt vor allem der Therapie bei Kindern, die keine M&ouml;glichkeit haben, eigenst&auml;ndig Entscheidungen &uuml;ber Behandlungen zu treffen. Therapie bei Kindern sei oft ein fragw&uuml;rdiges Mittel. Die Probleme und auch die M&ouml;glichkeiten zu ihrer L&ouml;sung seien in der Regel eher bei den Erwachsenen, bei den Eltern zu suchen. <\/p><p>Shrier kritisiert die mit Therapien h&auml;ufig einhergehende Konzentration auf die eigenen Emotionen des therapierten Individuums. Hierin komme eine extrem individualistische Gesellschaft zum Ausdruck. Negative Emotionen wie &Auml;ngste w&uuml;rden hierdurch hervorgerufen oder verst&auml;rkt. Das Sprechen &uuml;ber Probleme helfe nicht immer. Manche k&auml;men besser alleine mit ihren Problemen zurecht. Kleinere Probleme und Leiden k&ouml;nne man auch bew&auml;ltigen, indem man sie ignoriert oder unterdr&uuml;ckt. Diagnosen k&ouml;nnten demoralisierend und stigmatisierend wirken, obwohl Shrier auch die positiven Potenziale von Diagnosen nicht leugnet. Dazu kommen die enormen Risiken, die mit einer medikament&ouml;sen Behandlung verbunden sind. <\/p><p>Der zweite Teil (Kapitel 4 bis 10) stellt den inhaltlichen und quantitativen Hauptteil des Buches dar. &bdquo;Bad Therapy&ldquo; wird laut Shrier heute nicht nur von Therapeuten, sondern auch von anderen Berufsgruppen, vor allem in Schulen, ausge&uuml;bt. Hierzu z&auml;hlen neben Lehrern auch Schulpsychologen, Sozialarbeiter und sogenannte &bdquo;school counselors&ldquo;, die erhebliche, von Eltern nicht kontrollierte Macht &uuml;ber Kinder aus&uuml;ben. Diese Personengruppen seien daran beteiligt, an amerikanischen Schulen auffallend viele angeblich therapiebed&uuml;rftige Beschwerden zu identifizieren, so z.B. die &bdquo;Angst&ldquo; (anxiety) davor, den Schulbus zu verpassen. <\/p><p>Shrier kritisiert die an US-amerikanischen Schulen praktizierte Methode des &bdquo;social-emotional learning&ldquo;. Diese werde von der Vorstellung geleitet, dass nahezu alle Kinder traumatisiert seien und schwere emotionale Probleme aufwiesen, bei denen sie Hilfe ben&ouml;tigten. Shrier sieht darin jedoch die Gefahr einer Verst&auml;rkung der Probleme. Leiden k&ouml;nne durch &uuml;bertriebene Aufmerksamkeit verstetigt und vermehrt werden, Schulen &uuml;bertrieben die negativen Erlebnisse und Befindlichkeiten von Sch&uuml;lern und verwiesen diese in Therapien. &bdquo;Sie ermutigen jedes Kind, permanent &uuml;ber sich selbst und seine Schwierigkeiten nachzudenken.&ldquo; (S. 152) Dieses exzessive Reflektieren &uuml;ber sich selbst helfe jedoch nicht, sondern schaffe eher Probleme oder vergr&ouml;&szlig;ere sie. Die Autorin stellt eine ma&szlig;lose Ausweitung des Begriffs &bdquo;Traumatisierung&ldquo; fest: Traumata w&uuml;rden durch ausufernde Interpretationen &uuml;berall gesehen. Sie sind nach manchen renommierten Fachleuten sogar im K&ouml;rper von Individuen gespeichert (selbst wenn diese davon gar nichts wissen). Traumata k&ouml;nnten auch an die Kinder vererbt werden. Auch wenn man also selbst &uuml;berhaupt nichts Belastendes erlebt hat, k&ouml;nne man auf diese Weise angeblich durch das Ungl&uuml;ck eines Vorfahren &bdquo;traumatisiert&ldquo; sein. Shrier sieht darin &bdquo;einen weiteren Versuch der Experten f&uuml;r psychische Gesundheit, <em>jeden<\/em> zu pathologisieren&rdquo; (S. 135). <\/p><p>Nat&uuml;rlich leugnet Shrier nicht, dass es Kinder gibt, die schwierige Startbedingungen haben und tats&auml;chlich besonderer Hilfe bed&uuml;rfen. Sie ist jedoch dagegen, solche Kinder in Watte zu packen. Stattdessen betont sie hier die Rolle hoher Erwartungen. Man solle seine Erwartungen nicht reduzieren, sondern im Gegenteil auch Kinder, die es schwerer haben, durch hohe Ziele und Vertrauen auf ihre F&auml;higkeiten anspornen, statt sie durch die Kultivierung des Opferstatus zu hemmen. Shrier kritisiert in diesem Sinne auch die Opferkultur, die den Opferstatus einer Person hervorhebt und ihre Aktivit&auml;t, Subjektivit&auml;t, ihre F&auml;higkeiten, auch Schwierigkeiten zu bew&auml;ltigen, tendenziell untersch&auml;tzt. Diese Kritik der Opferkultur ist im Rahmen der Kritik an der &bdquo;woken&ldquo; Ideologie auch von zahlreichen anderen Autoren des englischen wie des deutschen Sprachraums bekannt, etwa von Jonathan Haidt oder John McWhorter. Vielfach wurde und wird (auch im Zusammenhang mit ethnischer Diskriminierung) darauf hingewiesen, dass eine Opfermentalit&auml;t die Lage der vermeintlich oder auch wirklich Diskriminierten nicht verbessert (z.B. von Ahmad Mansour). <\/p><p>Menschen als Opfer zu sehen, erscheint auf den ersten Blick als empathisch. Empathie sei jedoch zwiesp&auml;ltigen Charakters: Sie k&ouml;nne sehr selektiv sein. Wenn sie nicht rational reflektiert wird, fragt sie nicht danach, was etwa dem &bdquo;Opfer&ldquo; wirklich hilft und ob der Opferstatus tats&auml;chlich nicht &uuml;berwindbar ist. Auf der anderen Seite wird auch der T&auml;ter-Status nicht hinterfragt, sondern wie ein Stempel verwendet. Als Negativbeispiele daf&uuml;r, wie Empathie in Aggression umschl&auml;gt, f&uuml;hrt Shrier die offenbar an manchen amerikanischen Schulen herrschende Denunziationskultur an, in der Sch&uuml;ler sich gegenseitig tyrannisieren, indem sie einander vorwerfen, etwas &bdquo;Verletzendes&ldquo; oder Diskriminierendes gesagt oder getan zu haben. Shrier macht die Prinzipien von Vernunft und Gerechtigkeit gegen&uuml;ber der blo&szlig;en Empathie stark. <\/p><p>Anstatt Kinder prim&auml;r als zu sch&uuml;tzende Opfer zu sehen, pl&auml;diert die Autorin f&uuml;r eine Erziehung, die Kindern auch bei psychischen Leiden, bei Entt&auml;uschungen, Niederlagen und Kummer, Handlungs- und Entwicklungsf&auml;higkeit zutraut und sie auffordert, nach vorne zu schauen, anstatt sich &uuml;berm&auml;&szlig;ig auf die eigenen verletzten Gef&uuml;hle zu konzentrieren. Shrier spricht davon, dass Eltern Angst vor den eigenen Kindern h&auml;tten, keine Autorit&auml;t mehr f&uuml;r diese darstellten, Kinder kein &bdquo;Nein&ldquo;, keine Grenzen mehr erf&uuml;hren. Hierdurch werde ihnen eine &uuml;berm&auml;&szlig;ige Verantwortung auferlegt. Die westliche Kultur unterminiere die elterliche Autorit&auml;t, welche an Psycho-Experten ausgelagert werde. Dabei pl&auml;diert Shrier keineswegs reaktion&auml;r f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr in veraltete, autorit&auml;re Erziehungsmodelle. Sie hebt aber Irrwege des westlichen Individualismus in der Erziehung hervor und pl&auml;diert f&uuml;r einen Mittelweg zwischen modernen und traditionellen Elementen in der Erziehung. <\/p><p>Die individualistische, inklusive P&auml;dagogik, die sich h&ouml;chst tolerant gibt und deren Vertreter viele warme Worte f&uuml;r &bdquo;Vielfalt&ldquo; haben, ist keineswegs immer so harmlos, wie sie scheint. Wenn das Kind von den Normen abweicht und Konflikte entstehen, wird dies nicht unbedingt mehr geduldet als bei traditionellen, autorit&auml;ren Ans&auml;tzen. Kinder werden jedoch in solchen F&auml;llen nicht erzogen, sondern mit Medikamenten oder Therapien traktiert. &bdquo;Jahrelang haben Experten versucht, die Konflikte (idiosyncrasies) der Eltern-Kind-Interaktion auszub&uuml;geln &ndash; und in den letzten zwei Jahrzehnten waren sie fast erfolgreich. Sie injizierten Ideologie und falschen Perfektionismus in die Eltern-Kind-Beziehung und unterwarfen jeden Aspekt ihrer Pr&uuml;fung und Beurteilung&rdquo; (215 f.). Shrier wendet sich dagegen, negative Gef&uuml;hle wie Trauer oder Wut stets als pathologisch zu betrachten. Vielmehr seien sie normale Bestandteile des Lebens und speziell der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Man habe sich erzieherisch mit ihnen auseinandersetzen, in der Regel aber nicht therapeutisch.<\/p><p>Der Schlussteil des Buches (Kapitel 11 und 12) enth&auml;lt vor allem erzieherische Ratschl&auml;ge, die freilich in den vorherigen Teilen bereits angedeutet wurden. Shriers Vorstellungen &uuml;ber Erziehung sind keineswegs extrem, ausgefallen oder reaktion&auml;r. Ihre Schl&uuml;sse sind nicht durch politische Ideologie gepr&auml;gt, sondern folgen dem gesunden Menschenverstand und wissenschaftlichen Erkenntnissen: &bdquo;Kinder brauchen Freiraum von der Aufsicht durch Erwachsene. Sie entwickeln sich, indem man ihnen Unabh&auml;ngigkeit zugesteht, ein gewisses Ma&szlig; an Verantwortung, Autonomie und, ja: auch Fehler. Sie lernen nicht, etwas selbst zu tun, wenn wir es f&uuml;r sie tun.&rdquo; (S. 216) Eltern sollen ihre Erziehungsverantwortung wahrnehmen und sie weder an Therapeuten noch an ihre Kinder abgeben: &bdquo;Wenn Ihr Teenager sich herausfordernd benimmt, behalten Sie einen k&uuml;hlen Kopf. Bleiben Sie dabei, dass Sie die Verantwortung haben. Geben Sie Ihr Kind nicht sofort an einen Experten f&uuml;r psychische Gesundheit ab.&rdquo; (S. 218) <\/p><p>Shrier unterstreicht die Gesellschaftlichkeit des Menschen und der Erziehung, was geschichtlich einmal ein Anliegen der Linken war, aber heute nach rechts gewandert zu sein scheint. Bereits zuvor wurde auf ein Interview mit dem prominenten konservativen Psychologen und Intellektuellen Jordan Peterson verwiesen, in dem dieser betont, dass der Mensch nur in Gesellschaft psychisch gesund ist. Die gegenw&auml;rtige Psychologie dagegen versuche, den Menschen zu isolieren und auf seine individuellen Gef&uuml;hle zu reduzieren. Shrier betont &ndash; und dies ist zweifellos ein Punkt, an dem ihre Positionen f&uuml;r den Konservatismus anschlussf&auml;hig sind &ndash; die Bedeutung von Familie und Tradition f&uuml;r die gesunde Entwicklung des Individuums. Smartphones will sie m&ouml;glichst aus Schulen und Kinderzimmern verbannen. Sie wendet sich dagegen, sich auf Diagnosen zu fixieren. Psychotherapien seien nur etwas f&uuml;r F&auml;lle, in denen andere Mittel wirkungslos sind: &bdquo;Bringen Sie Ihr Kind erst dann zu einem Therapeuten, wenn Sie alle anderen Optionen ausgesch&ouml;pft haben.&ldquo; (S. 246) <\/p><p>Die Grenzen des Buches sind unverkennbar: Die wissenschaftliche Tiefe ist gering. Psychologische Theorien und Fachdiskussionen kennt die Autorin offenbar in erster Linie aus den Interviews, die sie mit Experten gef&uuml;hrt hat. Sie stellt keine Bez&uuml;ge zur Geschichte der P&auml;dagogik, der Psychologie und der Psychiatriekritik her, die sie m&ouml;glicherweise kaum kennt. Das Buch beschr&auml;nkt sich weitgehend auf die Verh&auml;ltnisse in den USA, die der Autorin aus eigener Anschauung vertraut sind. Nach welchen Kriterien die Interviewpartner ausgesucht wurden und wie die Auswertung erfolgte, dar&uuml;ber erf&auml;hrt man wenig. Ob die Auswahl ausgewogen oder eher einseitig war, bleibt somit ungewiss. Anekdoten aus ihrer eigenen Familiengeschichte sind ansprechend, haben aber wenig Beweiskraft. <\/p><p>Nichtsdestoweniger &uuml;berzeugt das Buch in seiner Intention und Argumentation und wird hoffentlich zu einer kritischeren Wahrnehmung von Psychologie und Psychotherapie beitragen. Die westliche Welt befindet sich offenbar in einer psychologischen Krise. <\/p><p>Bei allen Unterschieden zu den USA lassen sich so manche Ph&auml;nomene, die Shrier kritisiert, auch in Deutschland wiederfinden. Auch in Deutschland wird die psychische Gesundheit von Jugendlichen mit Sorge betrachtet. Das Bundesfamilienministerium f&ouml;rdert in einem Modellprojekt &bdquo;Mental Health Coaches&ldquo; an Schulen. Die Zahl von Fehltagen aufgrund psychischer Krankheit hat signifikant zugenommen. Dabei sind insbesondere junge Menschen betroffen. Unl&auml;ngst hat eine Studie (Trendstudie &bdquo;Jugend in Deutschland 2024&ldquo;) gezeigt, dass ein gro&szlig;er Teil der Jugend in Deutschland anscheinend ver&auml;ngstigt und sorgenvoll in die Zukunft blickt &ndash; was offenbar auch zu Sympathie f&uuml;r die AfD f&uuml;hrt. Wenig selbstbewusste, ver&auml;ngstigte Menschen suchen Schutz bei populistischen &bdquo;F&uuml;hrern&ldquo;. In den sozialen Medien prahlen Jugendliche mit ihren angeblichen psychischen Krankheiten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, psychische Krankheiten weiter zu &bdquo;entstigmatisieren&ldquo;, d.h. zu normalisieren. <\/p><p>Zweifellos ist Kranken zu helfen. Wenn man Shrier folgt, so ist diese &bdquo;Entstigmatisierung&ldquo; jedoch ihrerseits zu hinterfragen. Die westliche individualistische Kultur, spezifische Erziehungsstile und ein unkritisches Verh&auml;ltnis zur Psychologie scheinen teilweise psychische Labilit&auml;ten und Krankheiten noch zu verst&auml;rken. Psychologisierung und Therapeutisierung passen zur Opferkultur der Woken. Die politischen und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sind jedoch mit einer immer st&auml;rkeren Konzentration auf subjektive Befindlichkeiten und mit Therapien nicht zu bew&auml;ltigen. Shriers Buch ist ein Aufruf, den Menschen nicht nur als leidendes und zu sch&uuml;tzendes Individuum, sondern im Geiste der Aufkl&auml;rung als zumindest potenziell unabh&auml;ngiges und rationales Wesen zu betrachten. Gerade die Linke sollte es aufmerksam lesen. <\/p><p><em>Abigail Shrier: Bad Therapy. Why the kids aren&rsquo;t growing up. Sentinel (Penguin Group), New York City 2024, 320 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN 979-8217097425, 24,58 Euro<\/em><\/p><p><em>&Uuml;ber den Autor: <strong>Tobias Reichardt<\/strong> ist Professor f&uuml;r Soziale Arbeit am Hamburger Standort einer privaten Hochschule. Urspr&uuml;nglich hat er Philosophie und Geschichte studiert und umfangreich zu philosophischen, historischen, gesellschaftstheoretischen Themen und zum Sozialwesen publiziert.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: missSIRI \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die US-amerikanische Journalistin <strong>Abigail Shrier<\/strong> setzt sich in ihrem Buch &bdquo;Bad Therapy. Why the Kids Aren&rsquo;t Growing up&ldquo; kritisch mit Psychotherapie, vor allem in Bezug auf Kinder, auseinander. Auch wenn das Buch offensichtliche methodische Schw&auml;chen hat, so k&ouml;nnte die Argumentation dennoch zu einer Debatte &uuml;ber eine kritischere Wahrnehmung von Psychotherapie beitragen. Eine Rezension von <strong>Tobias<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124430\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":124434,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,208,161],"tags":[2824,1095,2826,3493,929,1241,1556],"class_list":["post-124430","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-individualismus","tag-kinderbetreuung","tag-kindeserziehung","tag-kindeswohl","tag-krankheiten","tag-psychiatrisierung","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/shutterstock_2326669427.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124430","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=124430"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124430\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":124571,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124430\/revisions\/124571"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/124434"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=124430"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=124430"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=124430"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}