{"id":124447,"date":"2024-11-08T13:30:04","date_gmt":"2024-11-08T12:30:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124447"},"modified":"2024-11-08T17:52:37","modified_gmt":"2024-11-08T16:52:37","slug":"and-the-winner-is-olaf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124447","title":{"rendered":"Und der Sieger hei\u00dft: Olaf!"},"content":{"rendered":"<p>Die vorherrschende Meinung ist die, Christian Lindner habe den Koalitionsbruch herbeigef&uuml;hrt. Das untersch&auml;tzt die F&auml;higkeiten des Kanzlers. Der wollte die Scheidung mindestens genauso sehr, nur noch schneller. Und hat den FDP-Chef in die Falle tappen lassen. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie dazu auch: Jens Berger &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124394\">Die drei Ebenen des inszenierten Ampelbruchs<\/a><\/em><\/p><p>Es wird nicht wenige unter den der SPD und Olaf Scholz sonst eher nicht zugeneigten Zeitgenossen geben, die es im Moment der Entscheidung mit dem Kanzler hielten und sich dachten: V&ouml;llig richtig so, den Kerl vor die T&uuml;r zu setzen. Schlie&szlig;lich hat dieser Kerl, Christian Lindner, &uuml;ber Wochen alles getan, sich und seine FDP unm&ouml;glich zu machen, hat gereizt, provoziert und intrigiert, nur f&uuml;r das eine Ziel, den Laden vor die Wand zu fahren. Nun hat er das, was er wollte: Die Regierung ist im Eimer, die Aufregung gro&szlig;, Neuwahlen im Anflug. Tabula rasa also. Soll er doch zufrieden sein.<\/p><p>Ist er aber nicht. Ganz im Gegenteil. Lindner ist angeschmiert, angefressen, richtig aus der Fassung. Seine <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten-sendungen\/video\/lindner-rede-entlassung-100.html\">Stellungnahme<\/a> am sp&auml;ten Mittwochabend spricht B&auml;nde. Von Genugtuung keine Spur, Souver&auml;nit&auml;t Fehlanzeige, stattdessen wirkt der FDP-Chef trotzig, wie &uuml;berrumpelt, nicht mehr Herr der Lage. Wie einer, dem gerade die Show gestohlen wurde. Seine Einlassungen sind kurz und hilflos, aber an zwei Stellen erhellend, da n&auml;mlich, wo er von einem &bdquo;genau vorbereiteten Statement des Bundeskanzlers&ldquo; und einem &bdquo;kalkulierten Bruch dieser Koalition&ldquo; spricht. Sagt er das nur, um seine Haut zu retten?<\/p><p><strong>Befreiungsschlag <\/strong><\/p><p>Tats&auml;chlich hatte der eigentlich so matte Scholz davor gegl&auml;nzt wie nie und seine bis dato vielleicht beste <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yKOJrD-72mg\">Rede<\/a> gehalten. Volle 14 Minuten lang, staatsm&auml;nnisch und klar, aber f&uuml;r seine Verh&auml;ltnisse mithin hochemotional tr&auml;gt er seine Argumente vor. Das hat gesessen, nicht nur beim geschassten Lindner, sondern vor allem in der Au&szlig;enwirkung. Denn sein forscher Auftritt sorgt f&uuml;r die nachher allgemein und auch von den meisten Kommentatoren geteilte Sichtweise, wonach der Kanzler gar nicht anders konnte, als die Partnerschaft mit den Liberalen aufzuk&uuml;ndigen. Wem die Pistole auf die Brust gesetzt wird &hellip;<\/p><p>Aber stimmt das auch? Nein. Scholz wollte den Bruch der Regierung mindestens genauso wie der FDP-Chef. Und: Er hat ihn noch fr&uuml;her herbeigef&uuml;hrt, als es der FDP lieb war. Deshalb auch ein so verdatterter Lindner. Es gab letztlich drei M&ouml;glichkeiten: SPD, Gr&uuml;ne und FDP h&auml;tten sich zusammenraufen und weiterwursteln k&ouml;nnen bis in den n&auml;chsten Herbst, um dann an der Wahlurne gnadenlos abgestraft zu werden. Die Ampel ist schon sehr lange hochgradig unbeliebt, sie steht f&uuml;r Rekordinflation, Energiepreisschock, Militarisierung, Bevormundung, dazu f&uuml;r Chaos, Versagen, Zerrissenheit. Die Wahrscheinlichkeit, all diese Makel in knapp einem Jahr auszuwetzen und einen irgendwie respektablen Abgang hinzulegen, ging gegen null. Der W&auml;hler wartet nur darauf, dieser Regierung einen Denkzettel zu verpassen und sowohl f&uuml;r die Sozial- als auch die Freidemokraten geht es ums nackte &Uuml;berleben. Die SPD d&uuml;mpelt in Umfragen in Regionen um 15 Prozent, die FDP droht gar, wie 2013, aus dem Bundestag auszuscheiden. Was also brauchte es in der Situation f&uuml;r beide, und zwar dringend? Einen Befreiungsschlag.<\/p><p><strong>Vergiftetes Angebot <\/strong><\/p><p>Weil ein &bdquo;Weiter so&ldquo; mit der Gefahr, bei der Bundestagswahl 2025 baden beziehungsweise unterzugehen, keine Option war, blieben blo&szlig; zwei Alternativen &uuml;brig: eine irgendwie geordnete Trennung oder ein Bruch mit Donnerwetter. Tats&auml;chlich besagt die &Uuml;berlieferung zu den Ereignissen vom Mittwoch, dass Lindner den Weg eines einvernehmlichen Auseinandergehens angeboten hatte, wie er es selbst auch vor der Kamera darstellte. Demnach h&auml;tte seine Fraktion gr&uuml;nes Licht f&uuml;r den Bundeshaushalt gegeben, sofern der Kanzler daf&uuml;r Neuwahlen ansetzen w&uuml;rde. Scholz kreidete ihm das sp&auml;ter als &bdquo;Vertrauensbruch&ldquo; an, als quasi finalen Beweis seiner Abtr&uuml;nnigkeit und seiner lang gehegten Absichten, die Koalition zum Bersten zu bringen.<\/p><p>Diese Sicht ist fraglos nicht falsch, nur hatte Lindner ein anderes Drehbuch. In dem war dem Kanzler die Rolle des Buhmanns zugedacht und nicht ihm selbst. Mit seinem &bdquo;Wirtschaftswende&ldquo;-Papier wollte er Scholz vorf&uuml;hren und diesen, falls der gar nichts davon umsetzen w&uuml;rde, als Blockierer von Modernisierung und Totengr&auml;ber der deutschen Industrie vorf&uuml;hren. Wie die <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/487401.regierung-am-ende-lindner-rutscht-aus.html\"><em>junge Welt<\/em><\/a> am heutigen Freitag schreibt, hatte er dabei auch einen konkreten Zeitplan im Sinn. Lindner habe es darauf abgesehen, &bdquo;die n&auml;chste Bundestagswahl mit seiner Partei noch &uuml;ber die Jahreswende hinweg in der Rolle einer regierenden Opposition vorzubereiten&ldquo; und weiter: &bdquo;Mit neoliberalem Tugendw&auml;chtertum &ndash; und vielleicht mit echten Einschnitten im Sozialbereich &ndash; und einer Pose als harter Interessenvertreter f&uuml;r die klassische FDP-Klientel wollte er die Partei, unterst&uuml;tzt vom erwartbaren Beifall eines gro&szlig;en Teils der deutschen Medien, &uuml;ber f&uuml;nf Prozent hieven.&ldquo;<\/p><p><strong>Schlimme Aussichten <\/strong><\/p><p>Allerdings haben die SPD-Strategen das Kalk&uuml;l durchschaut, den Spie&szlig; einfach umgedreht und den FDP-Chef mit einer ausgebufften &bdquo;Entlassungsinszenierung&ldquo; (O-Ton Lindner) als vermeintlich alleinschuldigen Ampel-Chrasher auffliegen lassen. Nat&uuml;rlich m&ouml;gen manche seiner neoliberalen &bdquo;Wende&ldquo;-Rezepte f&uuml;r SPD und Gr&uuml;ne unzumutbar sein. Aber nicht hinnehmbar war umgekehrt f&uuml;r Lindner die, wie er sagte, &bdquo;ultimative&ldquo; Forderung, die Schuldenbremse f&uuml;r ein ganzes Haushaltsjahr auszusetzen, um so Milliardenl&ouml;cher im Bundeshaushalt zu stopfen. Das k&auml;me zwar keinem Verfassungsbruch gleich, wie er beklagte. Durch Feststellung einer au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Notlage l&auml;sst sich von der Bestimmung abweichen. Aber nat&uuml;rlich wei&szlig; Scholz, wie die FDP die Schuldenbremse wie einen Fetisch h&auml;tschelt, um ja kein Einfallstor f&uuml;r irgendwelche sozialen oder &ouml;kologischen &bdquo;Dummheiten&ldquo; aufzumachen. W&auml;re Lindner an dieser Stelle eingeknickt, h&auml;tte er es sich mit seiner Partei und seiner Klientel verscherzt. Das wusste Scholz. Wer hat also wem die Pistole auf die Brust gedr&uuml;ckt?<\/p><p>Der Kanzler hat vorerst das Maximum f&uuml;r sich herausgeholt. Mit seiner Volte will er vor allem Zeit gewinnen. Zeit, um beim W&auml;hler die Ampel m&ouml;glichst vergessen zu machen. Zeit, um mal wieder und wie immer im Vorfeld bundesweiter Wahlg&auml;nge das &bdquo;soziale Profil&ldquo; seiner Partei zu sch&auml;rfen &ndash; das er h&ouml;chstselbst auf Bundesebene in bald sieben Jahren Regierungsverantwortung bis zur Unkenntlichkeit geschliffen hat. Und so ergriff er bei seiner Rede am Mittwoch auch gleich Gelegenheit, das schale Narrativ von der unbeugsamen Sozialdemokratie zu beschw&ouml;ren, die die einfachen Menschen vor den neoliberalen Gierz&auml;hnen in Schutz nimmt. Zitat: &bdquo;Milliardenschwere Steuersenkungen f&uuml;r wenige Spitzenverdiener und zugleich Rentenk&uuml;rzung f&uuml;r alle Rentnerinnen und Rentner. Das ist nicht anst&auml;ndig, das ist nicht gerecht.&ldquo; So etwas sagt ein Rentenk&uuml;rzer, in dessen &Auml;gide deutsche Kapitalisten riesige Reicht&uuml;mer aufget&uuml;rmt haben.<\/p><p>Ganz egal, der Zweck heiligt die Mittel. Nach neuesten <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/ampel-aus-mehrheit-deutschland-fdp-schuld-koalition-spd-gruene-umfragen-zr-93400160.html\">Erhebungen<\/a> sieht die Mehrheit der Befragten die Schuld am Ampel-Aus bei der FDP, die wenigsten bei der SPD. CDU-Chef Friedrich Merz wei&szlig; freilich, was der Kanzler vorhat, und wettert lauthals gegen dessen Schachzug, den Wahlgang bis ins Fr&uuml;hjahr zu verschleppen. Nicht dass die W&auml;hler am Ende noch begreifen, dass er es auch nicht gut mit ihnen meint. Am Ende k&ouml;nnte es ausgehen wie gehabt. Man rauft sich zusammen, in Gro&szlig;er Koalition. Der 6. November hat wom&ouml;glich den Weg dazu bereitet.<\/p><p><small>Titelbild: Juergen Nowak\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/8d16381a9c584b8aaa27181adbeaa3fd\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vorherrschende Meinung ist die, Christian Lindner habe den Koalitionsbruch herbeigef&uuml;hrt. Das untersch&auml;tzt die F&auml;higkeiten des Kanzlers. Der wollte die Scheidung mindestens genauso sehr, nur noch schneller. Und hat den FDP-Chef in die Falle tappen lassen. 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