{"id":124453,"date":"2024-11-09T17:00:45","date_gmt":"2024-11-09T16:00:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124453"},"modified":"2024-11-11T17:28:04","modified_gmt":"2024-11-11T16:28:04","slug":"warum-russische-strategen-den-westen-einschuechtern-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124453","title":{"rendered":"Warum russische Strategen den Westen einsch\u00fcchtern wollen"},"content":{"rendered":"<p>Das k&uuml;rzlich in Moskau erschienene Buch &bdquo;Von der Abschreckung bis zur Einsch&uuml;chterung&ldquo; zeigt, wie russische Sicherheitsstrategen die weitere Entwicklung der nuklearen Abschreckung einsch&auml;tzen und welche Vorschl&auml;ge sie aus russischer Perspektive daf&uuml;r machen. Die Autoren des Buches, die renommierten Politikwissenschaftler Dmitri Trenin und Sergej Karaganow sowie der Milit&auml;rexperte Admiral Sergej Awakjants, haben es Ende Oktober in Moskau vorgestellt. Es wurde auf der Grundlage eines Berichts an die russische F&uuml;hrung geschrieben. Ein Beitrag von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Ukraine-Krise hat &bdquo;das zentrale Problem der russischen Sicherheit deutlich gemacht: Die nukleare Abschreckung sch&uuml;tzt das Land nicht vor einer geopolitischen Aggression durch einen Feind, der eine existenzielle Bedrohung f&uuml;r die Russische F&ouml;deration darstellen kann.&ldquo; Zu diesem Schluss sind die Autoren des Buches &bdquo;Von der Abschreckung bis zur Einsch&uuml;chterung&ldquo; gekommen. Das sind neben Dmitri Trenin, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts f&uuml;r Weltmilit&auml;r&ouml;konomie und -strategie sowie Mitglied des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik, der russische Politikwissenschaftler Sergej Karaganow, ehemaliger Leiter, heute Ehrenmitglied des Rats f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik, und Admiral Sergej Awakjants, ehemaliger Kommandeur der russischen Pazifikflotte, Mitglied des Pr&auml;sidiums des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik.<\/p><p>Anders als im Kalten Krieg sei ein Krieg gegen die Atommacht Russland m&ouml;glich geworden. Um diesen Trend zu stoppen, sei es n&ouml;tig, &bdquo;die rettende Angst vor Atomwaffen wiederzubeleben&ldquo;, sagte Trenin der russischen Nachrichtenagentur <a href=\"https:\/\/www.interfax.ru\/russia\/989287\"><em>Interfax<\/em><\/a> bei der Buchvorstellung am 28. Oktober in Moskau. Bei dem Buch handelt es sich um eine &uuml;berarbeitete Fassung des Berichts, der der F&uuml;hrung der Russischen F&ouml;deration im Zusammenhang mit der &uuml;berarbeiteten Nuklearstrategie vorgelegt wurde.<\/p><p><strong>Entschlossenheit zum Einsatz von Atomwaffen<\/strong><\/p><p>Die tektonischen Verschiebungen im System der internationalen Beziehungen erfordern eine aktive Politik, um eine neue Welle von Konflikten und deren Eskalation zu einem weiteren (und wahrscheinlich dem f&uuml;r die Menschheit letzten) Weltkrieg zu verhindern, hei&szlig;t es im Buch. Aus Sicht der Autoren braucht Russland deshalb eine neue Strategie der Abschreckung: Angesichts des kombinierten milit&auml;rischen, milit&auml;risch-wirtschaftlichen und demografischen Potenzials der derzeitigen Hauptgegner Russlands &ndash; der Vereinigten Staaten und ihrer NATO-Verb&uuml;ndeten &ndash; sollte Russland anders als die Sowjetunion keine milit&auml;rische Parit&auml;t mit ihnen anstreben.<\/p><p>Stattdessen schlagen die Autoren eine aktive nukleare Abschreckung vor, das hei&szlig;t &bdquo;die F&auml;higkeit und Entschlossenheit zum Einsatz von Atomwaffen in F&auml;llen, in denen die grundlegenden Interessen Russlands betroffen sind&ldquo;. Sie benutzen deshalb den Begriff &bdquo;nukleare Einsch&uuml;chterung&ldquo;, und im Bereich der Information wollen sie den jeweiligen Gegner &bdquo;ern&uuml;chtern&ldquo;.<\/p><p>Die Experten betrachten laut der russischen Online-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/7265631\"><em>Kommersant<\/em><\/a> die j&uuml;ngste <a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/7182597\">Ank&uuml;ndigung<\/a> des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin, die derzeitige Nukleardoktrin des Landes zu &auml;ndern, als &bdquo;einen Schritt in die richtige Richtung&ldquo;, auch wenn es aus Sicht von Karaganow mit gro&szlig;er Verz&ouml;gerung geschehen ist. Sie hoffen aber, dass es die russische F&uuml;hrung nicht dabei bewenden l&auml;sst.<\/p><p><strong>Verschiebungen in der Politik des Westens<\/strong><\/p><p>&bdquo;Unsere Doktrin war ungeheuerlich veraltet und angesichts der drohenden Gefahr eines dritten Weltkriegs sogar leichtsinnig&ldquo;, sagte Karaganow der Nachrichtenagentur <em>Interfax<\/em> anl&auml;sslich der Buchvorstellung. Er verwies auf die gezielte Diskussion, die er und seine Mitstreiter deshalb vor anderthalb Jahren angesto&szlig;en hatten. Diese habe zu interessanten Verschiebungen in der westlichen Politik gef&uuml;hrt.<\/p><p>&bdquo;Zun&auml;chst hie&szlig; es, dass Russland niemals Atomwaffen einsetzen w&uuml;rde und man daher intensive Milit&auml;raktionen gegen Russland durchf&uuml;hren k&ouml;nne, ohne eine nukleare Antwort bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen.&ldquo; Karaganow erinnerte an einen seiner Artikel, in dem vor einer Reaktion Russlands gewarnt wurde. Das f&uuml;hrte laut dem Politologen dazu, dass die westlichen Politiker begannen, zur Vermeidung einer Eskalation aufzurufen. &bdquo;Das hat funktioniert!&ldquo;<\/p><p>Die Experten schreiben im Buch, dass die nukleare Abschreckung ein wesentlicher, aber nicht der einzige Bestandteil der Abschreckung eines potenziellen Gegners durch milit&auml;rische Gewalt sei. Dar&uuml;ber hinaus m&uuml;sse das moderne Russland ein System der geopolitischen Abschreckung entlang seiner Grenzen neu aufbauen und flexible Koalitionen mit interessierten L&auml;ndern und anderen Akteuren bilden, um seine Interessen auf der Weltb&uuml;hne zu sch&uuml;tzen und zu f&ouml;rdern.<\/p><p><strong>Enttabuisierung der atomaren Abschreckung<\/strong><\/p><p>Nach dem Ende des Kalten Krieges sei ein grundlegender Wandel eingetreten und so etwas wie ein inoffizielles Atom-Tabu entstanden, bei dem Atomwaffen an den Rand des internationalen Sicherheitsdiskurses gedr&auml;ngt wurden, erkl&auml;rte Trenin, ehemaliger Leiter des Carnegie Moscow Center, im Gespr&auml;ch mit <em>Interfax<\/em>. Infolgedessen ist laut dem Politologen nicht nur die nukleare, sondern die strategische Abschreckung im Allgemeinen abgesunken, die w&auml;hrend des Kalten Krieges urspr&uuml;nglich auf Gleichgewicht und Furcht beruhte.<\/p><p>Es entstand &bdquo;eine unversch&auml;mte Welt&ldquo;, angef&uuml;hrt von den Vereinigten Staaten von Amerika, so der Stratege. Doch als diese Welt unweigerlich zu br&ouml;ckeln begann und von anderen Gro&szlig;m&auml;chten in Frage gestellt wurde, sei es zu der strategischen Instabilit&auml;t gekommen, die wir heute erleben. Unter diesen Bedingungen sind Kriege zwischen Atomm&auml;chten m&ouml;glich geworden, wie er sagte. &bdquo;Bisher in einer indirekten Version, aber mit der Aussicht auf eine Eskalation zu einem direkten Zusammensto&szlig;, der wiederum mit der Aussicht auf einen Atomkrieg und als Grenze &ndash; die garantierte Vernichtung der Menschheit &ndash; verbunden ist.&ldquo; Die Autoren des Buches schlagen vor, &bdquo;die rettende Angst vor Atomwaffen wiederzubeleben&ldquo;, um diesen Trend zu stoppen.<\/p><p>Trenin bedauerte gegen&uuml;ber <em>Interfax<\/em>, dass das Versagen der geopolitischen Abschreckung zum Krieg in der Ukraine gef&uuml;hrt habe. &bdquo;Es ist nicht gelungen, die unerbittliche Expansion der NATO einzud&auml;mmen.&ldquo; Er erinnerte daran, dass es neben der Ukraine noch andere Fronten gebe, &bdquo;die wir unbedingt eind&auml;mmen m&uuml;ssen&ldquo;, und nannte als Beispiel die Arktis.<\/p><p><strong>Fehlende russische Geopolitik<\/strong><\/p><p>Ein wichtiges Problem des modernen russischen strategischen Denkens stellt nach Ansicht der Autoren die Identifizierung der strategischen Abschreckung mit nur einem ihrer Elemente dar &ndash; der nuklearen Abschreckung. Neben der Abschreckung eines potenziellen Gegners durch milit&auml;rische Gewalt beinhalte die strategische Abschreckung eine ebenso wichtige r&auml;umliche (geopolitische) Komponente.<\/p><p>Diese sei in der Au&szlig;enstrategie Russlands seit dem Ende des Kalten Krieges praktisch nicht mehr vorhanden. Die zeitgen&ouml;ssische russische Politik habe &ndash; anders als die sowjetische Nachkriegspolitik &ndash; weder die Grenzen der geopolitischen Abschreckung definiert noch die sich daraus ergebenden Aufgaben formuliert; infolgedessen sei die Politik reaktiv geblieben.<\/p><p>Es ist aus Sicht der drei Sicherheitsexperten dringend notwendig, dies zu korrigieren, und zwar in alle strategischen Richtungen. Russland m&uuml;sse wieder ein System der Sicherheit entlang seiner gesamten Grenze, vor allem zu den L&auml;ndern der Gemeinschaft Unabh&auml;ngiger Staaten (GUS) aufbauen, um feindliche Pr&auml;senzen zu verhindern.<\/p><p><strong>Sicherheitsg&uuml;rtel entlang der russischen Grenzen<\/strong><\/p><p>Geopolitische Abschreckung werde durch politische, wirtschaftliche, informationelle und andere nichtmilit&auml;rische Mittel, jedoch in enger Verbindung mit milit&auml;rischer Abschreckung realisiert &ndash; sowohl nuklear als auch nichtnuklear. Das Ziel der geopolitischen Abschreckung ist aus Sicht der Autoren die Aufrechterhaltung oder Schaffung eines &bdquo;Sicherheitsg&uuml;rtels&ldquo; entlang der Grenzen der Russischen F&ouml;deration, vor allem zu den GUS-Staaten.<\/p><p>Ein solcher &bdquo;Sicherheitsg&uuml;rtel&ldquo; m&uuml;sse ein Gebiet au&szlig;erhalb ausl&auml;ndischer Milit&auml;rbl&ouml;cke und frei von ausl&auml;ndischen Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten umfassen. Nicht alle Staaten in diesem Gebiet m&uuml;ssten notwendigerweise Moskaus milit&auml;rische Verb&uuml;ndete sein oder werden, aber enge, &bdquo;verb&uuml;ndete&ldquo; Beziehungen zu den Nachbarn und ihre grunds&auml;tzliche Loyalit&auml;t gegen&uuml;ber Russland seien notwendig. Das unmittelbare Ziel der russischen geopolitischen Abschreckung bestehe darin, den Feind daran zu hindern, nach der Ukraine eine &bdquo;zweite Front&ldquo; gegen Russland zu er&ouml;ffnen, sei es in der Arktis, Kasachstan oder im Nahen Osten, in Asien, Transkaukasien oder dem Fernen Osten.<\/p><p>&bdquo;<strong>Strategischer Parasitismus&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die drei Experten machen in ihrem Buch deutlich, dass die Bedeutung der geopolitischen Abschreckung der USA im postsowjetischen Raum nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion untersch&auml;tzt wurde. Dieses Vers&auml;umnis sowie das unzureichende Vertrauen in die nukleare Abschreckung in der Krise um die Ukraine, die bereits zur Jahreswende 2014 begann, haben Russland aus ihrer Sicht im Februar 2022 gezwungen, die milit&auml;rische Sonderoperation einzuleiten.<\/p><p>Dennoch seien die Vereinigten Staaten zu dem Schluss gekommen, dass die westlichen L&auml;nder in der Ukraine einen indirekten Krieg gegen Russland f&uuml;hren und den Einsatz sogar erh&ouml;hen k&ouml;nnten, ohne einen Atomschlag von russischer Seite bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen. Karaganow zufolge haben die westliche Elite und die gesamte westliche Bev&ouml;lkerung &bdquo;vergessen, was Krieg ist und was ein Atomkrieg ist&ldquo;.<\/p><p>Fast acht Jahrzehnte relativen Friedens zwischen den atomar bewaffneten Staaten h&auml;tten zu dem gef&uuml;hrt, was man als &bdquo;strategischen Parasitismus&ldquo; bezeichnen k&ouml;nnte &ndash; das Verschwinden der Angst vor dem Krieg, einschlie&szlig;lich des Atomkriegs. Das Massenbewusstsein, das zunehmend in den Kategorien der virtuellen Welt und nicht mehr in der realen Welt operiert, glaube nicht mehr an diese Gefahr eines Krieges. Infolgedessen sei der Selbsterhaltungstrieb gef&auml;hrlich geschw&auml;cht, sagte der Politologe bei der Buchvorstellung im Gespr&auml;ch mit <em>Interfax<\/em>.<\/p><p><strong>Widerstand gegen &bdquo;farbige Revolutionen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Versuche, die sogenannte multivektorale Au&szlig;enpolitik der Nachbarstaaten in eine eindeutig antirussische Richtung zu lenken, sollten rechtzeitig unterbunden werden, so die Autoren. Genau das sei mit der Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschehen. Der Westen habe versucht, Belarus auf denselben Weg zu dr&auml;ngen, und versuche nun aktiv, Moldawien zu k&ouml;dern. Die USA und ihre europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten h&auml;tten Armenien ermutigt, sich von Russland abzuwenden, und versucht, Kasachstan und die zentralasiatischen Staaten von Russland zu entfremden.<\/p><p>Die Strategie der geopolitischen Eind&auml;mmung schlie&szlig;t laut den Experten nicht nur die Bereitschaft zum Widerstand gegen &bdquo;farbige Revolutionen&ldquo;, vom Ausland gesch&uuml;rte Konflikte und alle Arten von Provokationen ein. Es bed&uuml;rfe einer systematischen Arbeit mit den politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Eliten der Nachbarl&auml;nder, unabh&auml;ngig von ihrer Einstellung zur bestehenden Machtstruktur in den jeweiligen L&auml;ndern; einer geduldigen und kreativen Arbeit mit der jungen Generation, um ihr Interesse an Russland, der russischen Kultur und der russischen Sprache zu entwickeln.<\/p><p><strong>Europas Sturz in den dritten Weltkrieg<\/strong><\/p><p>Karaganow zeigte sich bei der Buchvorstellung &uuml;ber die europ&auml;ischen Nachbarn verbl&uuml;fft: &bdquo;Sie st&uuml;rzen sich in den dritten Weltkrieg. Das ist unerkl&auml;rlich. Sie haben die ganze Welt innerhalb einer Generation in den ersten und dann in den zweiten Weltkrieg getrieben. Deshalb ist es notwendig, Europa zu stoppen, das die Quelle allen Leids der Menschheit ist.&ldquo;<\/p><p>Die europ&auml;ischen Eliten, die noch st&auml;rker als die US-amerikanischen Eliten vom &bdquo;strategischen Parasitismus&ldquo; betroffen seien, haben aus Sicht des russischen Politologen die F&auml;higkeit, strategisch zu denken, v&ouml;llig verloren. Sie befinden sich demnach in einer komplexen Krise und verlieren an Legitimit&auml;t. Die herrschenden Kreise in Europa w&uuml;rden bereits moralisch-politisch und milit&auml;risch-wirtschaftlich einen gro&szlig;en Krieg mit Russland vorbereiten.<\/p><p>Laut Karaganow ist Europa &bdquo;das Schlimmste, was die Menschheit in den letzten mindestens 500 Jahren hervorgebracht hat. Neokolonialismus, Rassismus, mehrere V&ouml;lkermorde, Nazismus nannte er daf&uuml;r als Beispiele. &bdquo;Wir m&uuml;ssen mit ihnen aufr&auml;umen.&ldquo; Europa muss seiner Meinung nach in die &bdquo;Kiste der Geschichte&ldquo; verbannt werden, damit es nicht l&auml;nger das Leben der Menschheit verderbe.<\/p><p><strong>Auf der f&uuml;nften Stufe der Eskalationsleiter<\/strong><\/p><p>Zur Umsetzung einer wirksameren Abschreckungspolitik schlagen die Autoren eine Reihe von insgesamt 24 Schritten im Sinne des Konzepts der &bdquo;Eskalationsleiter&ldquo; vor, die vom &bdquo;&Uuml;berdenken des bisherigen &sbquo;friedlichen&lsquo; Ansatzes der strategischen Abschreckung &uuml;ber die Abkehr von der Gewohnheit, haupts&auml;chlich auf die Schritte des Gegners zu reagieren&ldquo;, bis hin zum &bdquo;&Uuml;berschreiten der nuklearen Schwelle durch Atomschl&auml;ge gegen Ziele auf dem Territorium von NATO-Staaten&ldquo; reichen, berichtet die Nachrichtenagentur <em>Interfax<\/em>. Laut Karaganow wurden f&uuml;nf Stufen dieser &bdquo;Leiter&ldquo; bereits erreicht.<\/p><p>Das &Uuml;berschreiten der nuklearen Schwelle durch Angriffe mit Atomwaffen auf Ziele im Hoheitsgebiet von NATO-Staaten w&auml;re dabei das absolut letzte Mittel. Es ist aus Sicht der drei Experten notwendig, eine Eskalationsleiter festzulegen: Welche Schritte, in welcher Reihenfolge, in welchen Bereichen &ndash; diplomatisch, politisch, milit&auml;risch-technisch und schlie&szlig;lich milit&auml;risch &ndash; sollten unternommen werden, um diese zerst&ouml;rerische Eskalation zu stoppen.<\/p><p>Das letzte Abschreckungsmittel seien Demonstrations- oder begrenzte Atomschl&auml;ge, hei&szlig;t es im Buch. Hier sollte es keinen Zweifel daran geben, dass Russland unter bestimmten Bedingungen zum Einsatz von Atomwaffen bereit ist. &bdquo;Es ist eindeutig an der Zeit, von der verbalen Abschreckung zur praktischen Abschreckung &uuml;berzugehen&ldquo;, so die Autoren.<\/p><p>Ihnen zufolge sollte die Milit&auml;rdoktrin der Russischen F&ouml;deration entsprechend ge&auml;ndert werden. Russland m&uuml;sse daf&uuml;r mehr geeignete Waffen, die Atomsprengk&ouml;pfe tragen k&ouml;nnen, einschlie&szlig;lich Mittelstrecken- und Kurzstreckenraketen, produzieren. Wichtig sei au&szlig;erdem, dass die russische F&uuml;hrung in jeder Phase mit der F&uuml;hrung der USA in Kontakt bleibt. So solle sie Washington signalisieren, dass die Absichten Moskaus ernst sind und es ihr Ziel ist, den Konflikt zu f&uuml;r Russland g&uuml;nstigen Bedingungen zu beenden.<\/p><p><strong>Koordinierte strategische Kommunikation<\/strong><\/p><p>Die Strategen betonen im Buch, dass es unabdingbar sei, &bdquo;bei der strategischen Kommunikation mit dem Gegner auf ein H&ouml;chstma&szlig; an Koh&auml;renz in unseren Aktionen und Erkl&auml;rungen&ldquo; zu achten. &bdquo;Chaotische und in mehrere Richtungen gehende &ouml;ffentliche Erkl&auml;rungen vermitteln dem Gegner den Eindruck, dass wir intern unkoordiniert sind, und k&ouml;nnen ihn eher provozieren als abschrecken.&ldquo; &Ouml;ffentliche Drohungen, denen keine konkreten Schritte folgen, seien besonders sch&auml;dlich: Der Gegner nehme die Warnungen nicht mehr ernst.<\/p><p>Abschreckung und Einsch&uuml;chterung sind laut Trenin psychologische Kategorien, die unter anderem auf dem Willen und der Bereitschaft beruhen, dieses Potenzial unter bestimmten Umst&auml;nden einzusetzen. &bdquo;Der Feind t&auml;uscht sich, und zwar sehr schwer, wenn er die Zur&uuml;ckhaltung unserer F&uuml;hrung f&uuml;r einen Bluff h&auml;lt.&ldquo; F&uuml;r Russland stehe in der Ukraine viel mehr auf dem Spiel als f&uuml;r den Westen. Aber die Kosten eines Fehlers f&uuml;r den Westen k&ouml;nnen kolossal sein, und leider nicht nur f&uuml;r den Westen, so der Politologe.<\/p><p>Deshalb sei es notwendig, den Feind abzuschrecken, ihn aus seinen T&auml;uschungen herauszuf&uuml;hren, die Eskalationsstrategie des Westens zu brechen und Zweifel an der Sicherheit dieser Strategie f&uuml;r den Westen selbst zu wecken. Es sei notwendig, dem Feind das Gef&uuml;hl der Straffreiheit zu nehmen. &bdquo;Leider hatte er zu Beginn der Sonderoperation offensichtlich ein solches Gef&uuml;hl, und meiner Meinung nach ist es bis heute nicht &uuml;berwunden&ldquo;, so der ehemalige Leiter des Carnegie Moscow Center.<\/p><p><strong>Krise der Weltordnung<\/strong><\/p><p>Nicht zuletzt sollte aus Sicht der Autoren ein dritter Bereich der strategischen Abschreckung entwickelt werden: eine flexible Koalitionsstrategie, um der globalen Hegemonie der USA entgegenzuwirken sowie generell die internationale Sicherheit zu st&auml;rken und den dritten Weltkrieg zu verhindern. &bdquo;Wir haben eine Koalition von mehr als 50 L&auml;ndern, die gegen uns arbeiten&ldquo;, sagte Trenin dazu in Moskau. Eine erweiterte strategische Partnerschaft zwischen Russland und China werde den Kern der eigenen Koalition bilden.<\/p><p>Das Streben nach einem stabilen Gleichgewicht auf der internationalen B&uuml;hne und nicht der Kampf um die eigene Vorherrschaft habe die russische Au&szlig;enpolitik in der gesamten Geschichte des Landes gepr&auml;gt, betonen die Strategen in ihrem Buch. Russlands strategisches Ziel in der Auseinandersetzung mit dem Westen sei in erster Linie, die nationalen Interessen des Landes zu sch&uuml;tzen und zu f&ouml;rdern.<\/p><p>Es waren laut Trenin nicht die Atomwaffen an sich, sondern die gegenseitige nukleare Abschreckung der Sowjetunion und der USA, die daf&uuml;r sorgten, dass der Kalte Krieg &bdquo;kalt&ldquo; blieb und bleibt. Er betonte im Gespr&auml;ch mit <em>Interfax<\/em> die Rolle des Gleichgewichts, und zwar sowohl des geopolitischen als auch des milit&auml;risch-strategischen.<\/p><p>Die Konfrontation Russlands mit dem kollektiven Westen ist aus seiner und der Sicht der Mitautoren ein integraler Bestandteil der globalen Krise der Weltordnung. Der &Uuml;bergang von der Hegemonie des Westens unter F&uuml;hrung der Vereinigten Staaten zu einem neuen, ausgewogeneren Modell sei schwierig und schmerzhaft. Dazu m&uuml;sse Moskau aktiv mit Partnern aus Asien, Afrika und Lateinamerika zusammenarbeiten und eine flexible Koalitionsstrategie entwickeln, um die gemeinsamen Interessen Russlands und der L&auml;nder, die die Weltmehrheit darstellen, zu f&ouml;rdern.<\/p><p>Gemeinsame Interessen halten die Autoren zudem f&uuml;r notwendig, aber nicht ausreichend f&uuml;r die Bildung von Koalitionen. Es m&uuml;sse eine gemeinsame Wertekomponente vorhanden sein. Russland beabsichtige nicht, betonen die Autoren, irgendjemandem seine Ideologie aufzuzwingen.<\/p><p><strong>Hartn&auml;ckiges Missverst&auml;ndnis<\/strong><\/p><p>Admiral Awakjants, Direktor des Instituts f&uuml;r Weltmilit&auml;r&ouml;konomie und -strategie der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics, sieht &bdquo;ein gewisses hartn&auml;ckiges Missverst&auml;ndnis, dass dieses Buch die Idee zu verk&uuml;nden scheint, dass wir uns jetzt in der Ukraine fast ohne Grund dem Thema des praktischen Einsatzes von Atomwaffen zuwenden, auch um einige innenpolitische Probleme zu l&ouml;sen&ldquo;. Davon k&ouml;nne keine Rede sein, sagte er Medienberichten zufolge bei der Buchvorstellung, denn der Einsatz von Atomwaffen sei &bdquo;eine Ma&szlig;nahme der letzten Instanz&ldquo;. Der Admiral betonte, der Einsatz von Atomwaffen sei nicht einfach nur ein Knopfdruck, sondern eine Reihe von ernsthaften Vorbereitungsma&szlig;nahmen. Zugleich bedeute das, dass niemand spontan oder intuitiv auf den &bdquo;roten Knopf&ldquo; dr&uuml;cke.<\/p><p>Er wies in Moskau darauf hin, dass das Buch &bdquo;ein gro&szlig;es B&uuml;ndel von Ma&szlig;nahmen skizziert, die eine Aggression, einen Aggressor verhindern sollen&ldquo;. Und wenn das nicht funktioniert, dann ist es seiner Meinung nach notwendig, Waffen &bdquo;zum T&ouml;ten&ldquo; einzusetzen.<\/p><p>Das Buch &bdquo;Von der Abschreckung zur Einsch&uuml;chterung&ldquo; ist im Verlag &bdquo;Molodaja Gwardija&ldquo; erschienen.<\/p><p>&Uuml;ber die Autoren:<\/p><p><strong>Dmitri Trenin<\/strong> &ndash; Wissenschaftlicher Direktor des Instituts f&uuml;r Weltmilit&auml;r&ouml;konomie und -strategie, Forschungsprofessor an der Fakult&auml;t f&uuml;r Weltwirtschaft und Weltpolitik der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics, Mitglied des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik<\/p><p><strong>Sergej Awakjants<\/strong> &ndash; Admiral, Direktor des Instituts f&uuml;r Weltmilit&auml;r&ouml;konomie und -strategie der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics, Mitglied des Pr&auml;sidiums des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik<\/p><p><strong>Sergej Karaganow<\/strong> &ndash; Professor Emeritus, Forschungsdirektor der Fakult&auml;t f&uuml;r Weltwirtschaft und Weltpolitik der Nationalen Forschungsuniversit&auml;t Higher School of Economics, Ehrenmitglied des Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Fly Of Swallow Studio<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=121947\">&bdquo;Einen Weltkrieg mit Atomwaffen unter allen Umst&auml;nden verhindern!&ldquo; &ndash; Exlusiv-Interview mit Dmitri Trenin<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113348\">&bdquo;Der Westen bek&auml;mpft Russland, als ob es keine Atomwaffen h&auml;tte&ldquo; &ndash; Interview mit Dmitri Trenin<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65265\">Deutschland initiiert eine neue &bdquo;Wende&rdquo; &ndash; eine Wende zur&uuml;ck. 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