{"id":12446,"date":"2012-03-07T14:39:00","date_gmt":"2012-03-07T13:39:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12446"},"modified":"2015-02-03T11:18:06","modified_gmt":"2015-02-03T10:18:06","slug":"fiskalpakt-selbstmord-aus-angst-vor-dem-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12446","title":{"rendered":"Fiskalpakt: Selbstmord aus Angst vor dem Tod"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem am 2. M&auml;rz auf europ&auml;ischer Ebene unterzeichneten Fiskalpakt verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten dazu, k&uuml;nftig keine nennenswerte Neuverschuldung mehr zuzulassen. Dies jedoch ist fatal, besteht die beste M&ouml;glichkeit, den Schuldenberg zu entsch&auml;rfen, doch in einem soliden Wachstum. Eine Schuldenbremse bremst jedoch nicht die Schulden, sondern das Wachstum. Schlussendlich wird der Fiskalpakt somit nicht zur Stabilisierung, sondern zur Destabilisierung beitragen. Von <strong>Jens Berger.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWer Schulden abbauen will, der kann dies auf einer relativen oder auf einer absoluten Ebene machen. Die blo&szlig;e H&ouml;he der Staatsverschuldung sagt erst einmal &uuml;berhaupt nichts &uuml;ber die damit vielleicht verbundenen Probleme aus. Ein Schuldenstand von einer Billion Euro w&auml;re f&uuml;r &Ouml;sterreich fatal, w&auml;hrend er f&uuml;r Deutschland kein gro&szlig;es Problem darstellen w&uuml;rde. Dies liegt nicht nur an der unterschiedlichen Gr&ouml;&szlig;e der beiden Staaten, sondern urs&auml;chlich an der unterschiedlichen Steuereinnahmebasis. Je gr&ouml;&szlig;er und florierender eine Volkswirtschaft ist, desto gr&ouml;&szlig;er sind auch die Steuereinnahmen des Staates. Wenn eine Volkswirtschaft beispielsweise nominal pro Jahr um vier Prozent w&auml;chst, die Staatsschulden jedoch um nur drei Prozent zunehmen, ist die relative Staatsverschuldung gesunken. Ein Staat kann also mit durchdachten Investitionen auf Pump seine Einnahmebasis derart erweitern, dass seine relative Staatsverschuldung sinkt. In der Privatwirtschaft &uuml;brigens ist die Praxis des kreditfinanzierten Wachstums die Regel. Anders als die Privatwirtschaft hat der Staat durch kreditfinanziertes Wachstum sogar einen direkten Einfluss auf seine Ausgaben, da bei einer wachsenden Volkswirtschaft in der Regel auch die Zahl der Arbeitspl&auml;tze steigt und damit die Sozialausgaben sinken. Wer dem Staat verbieten will, kreditfinanziertes Wachstum zu erzeugen, begeht einen schweren Denkfehler.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/spanien.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/spanien_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><br>\n<em>Lesehilfe: Defizite und &Uuml;bersch&uuml;sse beim Staatshaushalt sind einfarbig dargestellt, w&auml;hrend die Entwicklung des BIP schraffiert dargestellt ist. F&uuml;r beide Gr&ouml;&szlig;en gelten die Werte (Prozent, gemessen am BIP) auf der linken Y-Achse. Die blaue Kurve beschreibt die Staatsschuldenquote, die Werte dazu befinden sich auf der rechten Y-Achse.<\/em><\/p><p>Um den Irrwitz des Fiskalpakts zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf europ&auml;ische Volkswirtschaften, die mit einer Schuldenbremse heute wesentlich schlechter dastehen w&uuml;rden. Spanien konnte beispielsweise in der Zeit von 1996 bis zum Krisenjahr 2008 seine relative Staatsverschuldung durch ein solides Wachstum abbauen. In der Periode von 1996 bis 2004 wies das Land jedoch Jahr f&uuml;r Jahr einen negativen Staatshaushalt auf und w&auml;re nach den Buchstaben des Fiskalpakts ein Defizits&uuml;nder gewesen. Die schuldenfinanzierten Investitionen des spanischen Staates f&uuml;hrten jedoch zu einem so soliden Wachstum, dass die relative Staatsverschuldung (Staatsschuldenquote bzw. Bruttoinlandsprodukt\/Staatsverschuldung) kontinuierlich gesenkt werden konnte. Darauf kommt es an, wenn es um einen Schuldenabbau geht. Spanien hat somit seine Schulden relativ abgebaut, obgleich es sich Jahr f&uuml;r Jahr weiter verschuldet hat. Diese Konjunkturpolitik f&uuml;hrte dazu, dass sich die Steuerbasis von Jahr zu Jahr verbessert hat und Spanien in den Jahren 2005 bis 2007 sogar einen strukturellen Haushalts&uuml;berschuss erwirtschaften und somit die Staatsverschuldung nicht nur relativ, sondern sogar absolut abbauen konnte. Die Probleme, in denen das Land heute steckt, tauchten erst mit der Finanzkrise auf. Wer Spanien nun die M&ouml;glichkeit nimmt, durch neue Investitionen zu wachsen, sorgt auch daf&uuml;r, dass die relative Verschuldung weiter zunimmt, da die Wirtschaft weiter schrumpft und die Staatseinnahmen sinken, w&auml;hrend gleichzeitig die Staatsausgaben steigen.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/italien.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/italien_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Ganz &auml;hnlich verh&auml;lt es sich mit Italien. Auch Italien konnte seine Staatsschuldenquote trotz &ndash; teilweise erheblicher &ndash; Neuverschuldung bis zum Beginn der Finanzkrise signifikant senken. Auch hier w&auml;re eine Schuldenbremse der Einstieg in einen Teufelskreis aus Sparvorhaben, schrumpfender Wirtschaft, sinkenden Staatseinnahmen, steigenden Staatsausgaben, weiteren Sparvorhaben und schlussendlich einer steigenden Staatsschuldenquote. <\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/oesterreich.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/oesterreich_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Was f&uuml;r Spanien und Italien gilt, gilt auch f&uuml;r die sogenannten &bdquo;Nordl&auml;nder&ldquo;. Auch &Ouml;sterreich konnte seine Staatsschuldenquote bis zum Jahr 2007 trotz stetiger Neuverschuldung senken. Wer die Grafiken aufmerksam betrachtet, wird &uuml;berdies erkennen, dass die Staatsschuldenquote nur in einem sehr geringen Ma&szlig;e vom Haushalts&uuml;berschuss\/-defizit, daf&uuml;r aber in um so h&ouml;heren Ma&szlig;e vom Wirtschaftswachstum beeinflusst wird. Wer die Staatsschuldenquote senken will, sollte daher auch zuv&ouml;rderst daran denken, die Wirtschaft zu stimulieren &ndash; und sei es auf Pump. Dies ist in der Volkswirtschaftslehre als &bdquo;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deficit_spending\">Deficit Spending<\/a>&ldquo; bekannt.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/polen.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/polen_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Als besonders fatal d&uuml;rfte sich der Fiskalpakt f&uuml;r L&auml;nder erweisen, deren wirtschaftliche Basis noch weit hinter der moderner Industriestaaten hinterherhinkt. Wollen diese L&auml;nder aufschlie&szlig;en, m&uuml;ssen sie &uuml;ber viele Jahre hinweg weitaus h&ouml;here Wachstumsraten erzielen, als das Zentrum Europas. Polen geh&ouml;rt beispielsweise nach Lesart des Fiskalpakts zum Klub der &bdquo;Dauers&uuml;nder&ldquo;, hat es das Land im letzten Jahrzehnt doch nur ein einziges Mal geschafft, unter der Maastricht-Grenze von drei Prozent Neuverschuldung zu bleiben. Dennoch stieg die polnische Staatsschuldenquote in diesem Jahrzehnt nur leicht an und es waren nicht die hohen Haushaltsdefizite, sondern die schwache Konjunktur der Jahre 2001\/2002 und 2009\/2010, die die Staatsschuldenquote nach oben trieben.<\/p><p>Wer Staaten die M&ouml;glichkeit nimmt, die Konjunktur mit kreditfinanzierten Investitionen anzukurbeln, begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Volkswirtschaften, die dazu gezwungen werden, stets einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, bremsen ohne Not ihr Wachstum und verschlechtern &uuml;berdies ihre Steuerbasis, w&auml;hrend sie ihre Ausgaben steigern. Wer plant, seine Schulden durch Sparpolitik abzubauen, erreicht schlussendlich nur eine Erh&ouml;hung der Staatsverschuldung. Es ist erstaunlich, dass diese simple Botschaft in Berlin und Br&uuml;ssel noch nicht angekommen ist.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/13bb7ed0df324df1a225031c1b7ffd4c\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem am 2. M&auml;rz auf europ&auml;ischer Ebene unterzeichneten Fiskalpakt verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten dazu, k&uuml;nftig keine nennenswerte Neuverschuldung mehr zuzulassen. Dies jedoch ist fatal, besteht die beste M&ouml;glichkeit, den Schuldenberg zu entsch&auml;rfen, doch in einem soliden Wachstum. Eine Schuldenbremse bremst jedoch nicht die Schulden, sondern das Wachstum. 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