{"id":124468,"date":"2024-11-10T15:00:22","date_gmt":"2024-11-10T14:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124468"},"modified":"2024-11-09T07:21:11","modified_gmt":"2024-11-09T06:21:11","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-das-millionenschwere-geschaeft-des-gluecklichseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124468","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Das millionenschwere Gesch\u00e4ft des \u201eGl\u00fccklichseins&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahrzehnten hat sich der Selbsthilfe-Motivationsdiskurs in der Arbeits- und Gesch&auml;ftswelt etabliert. Das hat&nbsp;dazu gef&uuml;hrt, dass in mehreren Unternehmen die professionelle Ausbildung durch Motivationstraining ersetzt wurde. Nach Angaben der International Coaching Federation (ICF) gab es im Jahr 2023 mehr als 109.000 professionelle Coaches, die Workshops und Vortr&auml;ge f&uuml;r 1,3 Millionen Kunden anboten. In Lateinamerika und der Karibik wurden fast 17.000 Besch&auml;ftigte in diesem Sektor gez&auml;hlt. Das absolute Einkommen dieser multinationalen Branche wurde f&uuml;r 2023 auf 4,5 Milliarden US-Dollar gesch&auml;tzt, was sie zu einer der profitabelsten Aktivit&auml;ten in der sogenannten&nbsp;<em>Mindfulness Economy<\/em>&nbsp;macht. Von <strong>Silvana Solano Rodr&iacute;guez<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSch&auml;tzungen des Coaching Venezuela Monitor (2023) gehen von 11.000 Besch&auml;ftigten in diesem Sektor aus, die in Venezuela t&auml;tig sind, vor allem im Bankwesen und in nationalen und internationalen Konsortien, mit einem fakturierten Einkommen zwischen 2022 und 2023 in H&ouml;he von 822.242 US-Dollar. Dies zeigt, dass es sich um einen Sektor handelt, der sich in vollem Wachstum befindet und bei den Managern der gro&szlig;en Unternehmen des Landes gro&szlig;en Einfluss hat.<\/p><p>Die unternehmerische&nbsp;<em>&bdquo;mindfulness&rdquo;<\/em>&nbsp;(deutsch etwa: Achtsamkeit) hat sich nicht nur zu einem &auml;u&szlig;erst wirksamen ideologischen Instrument zur Verbesserung der Effizienz und Disziplin in den Unternehmen entwickelt, sondern dient auch dazu, einige der grausamsten Aspekte der Marktwirtschaft zu rechtfertigen, ihre Exzesse zu entschuldigen und ihre Torheiten zu vertuschen. Sie erm&ouml;glicht die Einf&uuml;hrung neuer Techniken, um die Vorstellungen von Arbeit und Arbeitnehmer neu zu gestalten und sie an die neuen Bed&uuml;rfnisse und Anforderungen des Unternehmertums anzupassen.<\/p><p>Diese Ideologie ist bestrebt, Klassenunterschiede und strukturelle Probleme auszul&ouml;schen, indem sie verk&uuml;ndet, dass wir alle, in den Worten des Philosophen Slavoj &#381;i&#382;ek, &bdquo;Unternehmer des Selbst&rdquo; sind. Und sie sagt uns, dass wir uns zwar nicht auf eine sichere, w&uuml;rdige und verl&auml;ssliche Besch&auml;ftigung verlassen k&ouml;nnen, aber die M&ouml;glichkeit haben werden, uns neu zu erfinden und neue und unerwartete kreative Potenziale unserer Pers&ouml;nlichkeit zu entdecken.<\/p><p>In einer Welt, in der die Ungleichheit und die Unsicherheit zunehmen, beg&uuml;nstigen diese Hinweise und Ideen eindeutig die Ausbeuterklasse, wie der j&uuml;ngste Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation &bdquo;World Employment and Social Prospects (2024)&rdquo; zeigt. Weltweit gibt es 435 Millionen Menschen mit einem ungedeckten Bedarf an Besch&auml;ftigung, das hei&szlig;t, die dauerhaft arbeitslos sind, und mehr als zwei Milliarden Menschen, die sich in einer informellen, ganz oder teilweise prek&auml;ren Besch&auml;ftigungssituation befinden.<\/p><p>Hinzu kommt, dass die Reall&ouml;hne in den meisten L&auml;ndern inflationsbedingt gesunken sind. &bdquo;Alles deutet darauf hin, dass sich die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt in naher Zukunft verschlechtern werden&rdquo;, hei&szlig;t es in dem Bericht. Wie man sieht, hat dies nichts mit der F&auml;higkeit der Arbeitnehmer zu tun, sich &bdquo;neu zu erfinden&rdquo; oder &bdquo;wiederzufinden&rdquo;.<\/p><p>In unserer Region vermehrt die Gro&szlig;bourgeoisie, von der viele diese Ideologie vertreten, weiterhin ihren Reichtum auf Kosten der Arbeitnehmer. Der j&uuml;ngste <a href=\"https:\/\/lac.oxfam.org\/publicaciones\/econonuestra\">Oxfam-Bericht<\/a>&nbsp;zu Lateinamerika &bdquo;EconoNuestra, es tiempo de una econom&iacute;a para todas y todos&rdquo; zeigt dies.<\/p><p>Die reichsten ein Prozent in Lateinamerika und der Karibik verf&uuml;gen &uuml;ber fast 43,5 von je 100 US-Dollar des Gesamtverm&ouml;gens, w&auml;hrend die &auml;rmste H&auml;lfte der Gesamtbev&ouml;lkerung nur &uuml;ber 0,8 von je 100 US-Dollar verf&uuml;gt. Das bedeutet, dass die kleine Gruppe der reichsten Menschen 55-mal mehr Verm&ouml;gen besitzt als die &auml;rmste H&auml;lfte der Region.<\/p><p>Der Reichtum eines jeden dieser Superreichen w&auml;chst mit einer Rate von 43,7 Millionen US-Dollar pro Tag oder 306 Millionen US-Dollar pro Woche. Mit anderen Worten: Ein Arbeiter mit dem durchschnittlichen Mindestlohn in der Region m&uuml;sste 90 Jahre lang arbeiten, um das Gleiche zu verdienen, was der durchschnittliche lateinamerikanisch-karibische Milliard&auml;r an einem einzigen Tag erzielt.<\/p><p>Dies sind strukturelle Probleme, die einen Bewusstseinswandel oder eine emotionale Ver&auml;nderung bei den Arbeitnehmern weit &uuml;bersteigen. Was diese Widerspr&uuml;che mehr verdienen als Selbsthilfe oder Coaching, sind Mobilisierung und Klassenk&auml;mpfe. Was meinst du dazu?<\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2024\/11\/272246\/das-millionengeschaeft-gluecklichsein\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Guguart<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=112835\">Unterdr&uuml;ckung statt Freiheit: Die Welle der Libert&auml;ren in Lateinamerika<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109136\">Stimmen aus Lateinamerika: &bdquo;Es gibt immer eine progressive L&ouml;sung&rdquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123304\">Stimmen aus Lateinamerika: Die Spinne auf dem Fahrrad<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=113880\">Exklusiv-Interview mit Fernando Gonz&aacute;lez Llort: &bdquo;&Auml;u&szlig;erst kritische Wirtschaftslage&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/33922c7ae939409da4617161965b43e5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahrzehnten hat sich der Selbsthilfe-Motivationsdiskurs in der Arbeits- und Gesch&auml;ftswelt etabliert. Das hat&nbsp;dazu gef&uuml;hrt, dass in mehreren Unternehmen die professionelle Ausbildung durch Motivationstraining ersetzt wurde. Nach Angaben der International Coaching Federation (ICF) gab es im Jahr 2023 mehr als 109.000 professionelle Coaches, die Workshops und Vortr&auml;ge f&uuml;r 1,3 Millionen Kunden anboten. 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