{"id":124493,"date":"2024-11-11T09:00:57","date_gmt":"2024-11-11T08:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124493"},"modified":"2024-11-12T07:20:41","modified_gmt":"2024-11-12T06:20:41","slug":"der-westen-die-brics-donald-trump-und-das-elend-der-deutschen-berichterstattung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124493","title":{"rendered":"Der Westen, die BRICS, Donald Trump und das Elend der deutschen Berichterstattung"},"content":{"rendered":"<p>Ende Oktober fand in Kazan\/Russland der 16. BRICSplus-Gipfel statt. 36 Staaten aus dem &bdquo;Nichtwesten&ldquo; nahmen an dem Gipfel teil, darunter eine Vielzahl von Staaten, die eine Mitgliedschaft anstreben. In den deutschen Medien wurde erstmals intensiver &uuml;ber den Gipfel in Russland berichtet. Die Berichterstattung war in gro&szlig;en Teilen, wie leider mittlerweile Standard, alles andere als neutral. Allein die Tatsache, dass der Gipfel in Russland unter der Schirmherrschaft des russischen Pr&auml;sidenten stattfand und Putin den Gipfel nutzte, um dem Westen seine angebliche &bdquo;Isolation&ldquo; vorzuf&uuml;hren, war Grund genug, die BRICS erneut als Truppe von Autokraten zu diffamieren. Als dann auch noch der UN-Generalsekret&auml;r Ant&oacute;nio Guterres an dem Gipfel teilnahm, war zumindest in der deutschen Medienlandschaft buchst&auml;blich die H&ouml;lle los. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5627\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-124493-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=124493-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241111_Der_Westen_die_BRICS_Donald_Trump_und_das_Elend_der_deutschen_Berichterstattung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die &Auml;u&szlig;erungen reichten von &uuml;belster Beschimpfung gegen&uuml;ber dem UN-Generalsekret&auml;r &uuml;ber Forderungen seiner Absetzung bis hin zu &Uuml;berlegungen, Deutschland solle dar&uuml;ber nachdenken, seine Zahlungen an die UNO zu reduzieren, einzustellen oder direkt aus der UNO auszutreten. Bei all dem Schaum vor dem Mund wurde &uuml;beraus deutlich, welches Verst&auml;ndnis die politisierenden Medien und so mancher deutsche Politiker von der UNO und dem von ihr verk&ouml;rperten UN-V&ouml;lkerrecht haben. Die durch und durch moralisierende <em>taz<\/em>, einst ein wahrlich linkes Blatt, brachte es bereits &ndash; zumindest als <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ende-des-Brics-Gipfels\/!6038921\/\">Kommentar<\/a> gekennzeichnet &ndash; mit der &Uuml;berschrift und der Unter&uuml;berschrift auf den Punkt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Guterres diskreditiert die Vereinten Nationen &ndash; Der UN-Generalsekret&auml;r hat sich von Putin einladen lassen und mit ihm friedlich vor Kameras posiert. Damit hat er den Westen verraten.&ldquo; Und weiter im Text: &bdquo;In Kasan wird dem Westen demonstrativ die T&uuml;r gewiesen. Und der einzige anwesende Vertreter des Westens l&auml;sst sich das gefallen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Also, halten wir einmal fest: Ant&oacute;nio Guterres ist als UNO-Generalsekret&auml;r nicht ein Vertreter der Weltorganisation UNO, also der gesamten in der UNO organisierten Staatenwelt, sondern nur ein &bdquo;Vertreter des Westens&ldquo;. Mit der Teilnahme am BRICS-Gipfel hat Guterres als &bdquo;Vertreter des Westens&ldquo; diesen seinen &bdquo;Westen verraten&ldquo; und zugleich die Weltorganisation, die dann wohl Eigentum des Westens ist, diskreditiert, mithin ihren Ruf gesch&auml;digt, ihrem Ansehen einen Schaden zugef&uuml;gt. So viel zum Verst&auml;ndnis von internationaler Politik und V&ouml;lkerrecht seitens der <em>taz<\/em>.<\/p><p>Ob Zufall oder nicht: Die Wahrnehmung der UNO und ihrer Unter- und Sonderorganisationen als &bdquo;Eigentum&ldquo; des Westens seitens der <em>taz<\/em> &ndash; und wohl nicht nur von ihr, sondern auch tats&auml;chlich von vielen westlichen Mainstreammedien, Teilen der politischen Klasse sowie sogenannten westlichen NGOs, wenn man sich deren instrumentelles Verh&auml;ltnis zum V&ouml;lkerrecht und der UNO anschaut &ndash; wird auch vom Nichtwesten geteilt: Die UNO wie auch ihre Unter- und Sonderorganisationen und andere internationale Organisationen geh&ouml;ren dem Westen. Und genau diese Wahrnehmung, diese gemachten Erfahrungen des Nichtwestens stellen das wesentliche Gr&uuml;ndungsmotiv f&uuml;r das BRICSplus-B&uuml;ndnis und weitere B&uuml;ndnisse wie die &bdquo;Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit&ldquo; (Shanghai Cooperation Organisation &ndash; SCO) dar.<\/p><p><strong>BRICSplus &ndash; Gr&uuml;ndungsmotiv?<\/strong><\/p><p>Die Staaten der nichtwestlichen Welt akzeptieren immer weniger die seit Jahrhunderten w&auml;hrende westzentrierte Weltordnung und die ihren Interessen prim&auml;r dienenden Institutionen und Strukturen in den internationalen Beziehungen. Der Widerstand der &bdquo;anderen&ldquo; L&auml;nder wird immer offensichtlicher und selbstbewusster. Schon lange ist eine umfassende Reform der Vereinten Nationen und einiger Sonderorganisationen wie der Weltbank und des IWF, die &ndash; was auch sonst &ndash; ihren Sitz in Washington D.C.\/USA haben, &uuml;berf&auml;llig, um den neuen Machtverh&auml;ltnissen Rechnung zu tragen. Allein mit Blick auf die Zusammensetzung des UNO-Sicherheitsrates und seiner Kompetenzen wie auch im Binnenverh&auml;ltnis zwischen UNO-Generalversammlung und dem UNO-Sicherheitsrat gibt es eine Menge Reformpotenzial, um die ver&auml;nderten globalen Machtverh&auml;ltnisse widerzuspiegeln. Dass die Reformen nicht stattfinden, liegt allerdings nicht allein an den drei St&auml;ndigen Sicherheitsratsmitgliedern des Westens (USA, Frankreich und Gro&szlig;britannien). Auch die beiden Sicherheitsratsmitglieder des Nichtwestens (China und Russland) wollen ihre Privilegien trotz aller vorgetragener Solidarit&auml;t mit dem Globalen S&uuml;den nicht angetastet sehen. <\/p><p>Die Verhinderungsmotive zu Reformen sind so vielf&auml;ltig wie die jeweiligen Interessen der St&auml;ndigen Sicherheitsratsmitglieder. Angesichts dieses Reformstillstandes aufgrund von interessengeleiteten Blockaden sowie des flei&szlig;ig betriebenen Rechtsnihilismus nahezu aller im Sicherheitsrat vertretenen St&auml;ndigen Mitglieder scheinen die Weltorganisation sowie auch ihre Sonderorganisationen zu degenerieren &ndash; zumindest jedoch einen deutlichen Relevanzverlust zu erleiden. Und da f&uuml;r den globalen Nichtwesten ein &bdquo;weiter so&ldquo; der auf die westliche Dominanz zugeschnittenen globalen Institutionen und Strukturen nicht l&auml;nger hinnehmbar ist, werden Alternativen gesucht &ndash; eben auch alternative Institutionen und Strukturen: Neue, regionale Regierungsorganisationen ohne westliche Repr&auml;sentation werden gebildet. Und diese intra- und interregionalen Organisationen und B&uuml;ndnisse erheben den Anspruch, anstelle der westlich dominierten, global wirkenden Regierungsorganisationen internationale Politik sowohl regional als auch interregional zu gestalten. Die logische Konsequenz ist die Herausbildung einer institutionalisierten Teilung der Welt. Intra- und interregionale Regierungsorganisationen ersetzen sukzessive globale Organisationen und ihre Unter- und Sonderorganisationen.<\/p><p><strong>BRICSplus was? &ndash; Zusammensetzung und Kennziffern<\/strong><\/p><p>Die BRICSplus-Gruppierung ist zwar keine formale Organisation wie die SCO, verf&uuml;gt also nicht &uuml;ber eigene feste Organisationsstrukturen und einen entsprechenden institutionellen Standort. Ihre Bedeutung auch als &bdquo;nur&ldquo; kooperierende Staatengruppe ist dennoch nicht zu untersch&auml;tzen. Die wechselnd in den Hauptst&auml;dten der Teilnehmerstaaten stattfindenden j&auml;hrlichen Gipfeltreffen sind ein wichtiger Hinweis darauf, dass die Regierungen diesem Staatenb&uuml;ndnis eine hohe politische Relevanz beimessen. Das BRICS-B&uuml;ndnis wurde 2006 gegr&uuml;ndet. Die Gr&uuml;ndungsmitglieder sind Brasilien (B), Russland (R), Indien (I) und China (C), also BRIC. 2010 wurde das B&uuml;ndnis um S&uuml;dafrika (S) und somit auf BRICS erweitert, womit neben dem dominant vertretenen asiatischen Fl&uuml;gel (China, Russland und Indien) und dem lateinamerikanischen Fl&uuml;gel (Brasilien) auch der afrikanische Kontinent im B&uuml;ndnis vertreten ist, sodass von einem tats&auml;chlichen interregionalen B&uuml;ndnis gesprochen werden kann. <\/p><p>Es handelt sich bei diesen Staaten um sogenannte aufstrebende Schwellen- und Industriel&auml;nder. Auf dem BRICS-Gipfel 2023 in S&uuml;dafrika hatten 23 Staaten einen Aufnahmeantrag gestellt. Auf dem Gipfel wurden aber nur sechs Staaten zum Beitritt Anfang 2024 eingeladen, um eine &uuml;bereilte Erweiterung auf Kosten der Vertiefung zu verhindern. Die Einladung erhielten &Auml;gypten, Argentinien, &Auml;thiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Tats&auml;chlich beigetreten sind indes nur vier Staaten. Argentinien und Saudi-Arabien haben aus diversen Gr&uuml;nden den Beitritt nicht weiterverfolgt. Der Name BRICS wurde nicht um weitere Buchstaben der neuen Mitglieder erweitert, da dies unpraktisch sei, sondern lediglich mit einem Plus erg&auml;nzt &ndash; daher BRICSplus bzw. BRICS+.<\/p><p>Die BRICSplus-Staaten repr&auml;sentieren laut Statista rund 45 Prozent der Weltbev&ouml;lkerung (G7-Staaten knapp zehn Prozent Weltbev&ouml;lkerung) und etwas &uuml;ber 35 Prozent des globalen Bruttoinlandsproduktes (G7 rund 30 Prozent des globalen BIP).<\/p><p>Bereits 2014 beschlossen die BRICS-Staaten, als Antwort auf die schleppenden Reformen des IWF hinsichtlich der von den Schwellenl&auml;ndern geforderten Einflussm&ouml;glichkeiten eine alternative &bdquo;Entwicklungsbank&ldquo; und einen &bdquo;W&auml;hrungsfonds&ldquo; mit Sitz in China zu gr&uuml;nden.<\/p><p>Festzuhalten bleibt, dass regionale Regierungsorganisationen, ob nun intra- und interregional agierend, die politischen Entscheidungen ohne die eigentlich zumindest f&uuml;r globale Sicherheitsherausforderungen zust&auml;ndige UNO zunehmend sich selbst &uuml;berantworten. So lange keine milit&auml;rischen Ma&szlig;nahmen ergriffen werden, ist dies sogar von der UNO-Charta (Kapitel 8, Artikel 52) gedeckt. Aber auch milit&auml;rische Ma&szlig;nahmen werden seit 1999 ohne UNO-Mandat selbstherrlich praktiziert.<\/p><p><strong>Exkurs<\/strong><\/p><p>Pr&auml;gende Beispiele f&uuml;r interregional oder gar global agierende regionale Regierungsorganisationen sind die EU und die NATO, die sich selbstherrlich &ndash; also ohne jegliche Legitimation durch den Rest der Welt &ndash; auch f&uuml;r die globale Sicherheit verantwortlich zeichnen. Dabei erkl&auml;ren sie sich faktisch zu einer kleinen, zu einer Ersatz-UNO, n&auml;mlich als Systeme kollektiver Sicherheit, die die paralysierte UNO eben akut ersetzen m&uuml;ssten &ndash; aber selbstverst&auml;ndlich nur, wenn es ihren Interessen entspricht, denn man muss ja mit den begrenzten finanziellen und milit&auml;rischen Ressourcen haushalten.<\/p><p>So hat die NATO 1999 mit ihrem rechtswidrigen Angriffskrieg auf Jugoslawien die UNO zum ohnm&auml;chtigen Zaungast degradiert. Der Irak-Krieg der &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; unter US-F&uuml;hrung hat diese Marginalisierung der UNO zementiert. Auch die regionale Regierungsorganisation EU pflegt ein eigent&uuml;mliches Selbstverst&auml;ndnis, &uuml;ber den eigenen Mitgliederraum hinaus wirken zu wollen (beispielsweise das Projekt der europ&auml;ischen Nachbarschaftspolitik, das trotz euphemistischer Sprache eine klare Machtpolitik darstellt). Ich erinnere mich noch sehr gut an eine wundersch&ouml;ne euphemistische Aussage zur Aufh&uuml;bschung knallharter Machtprojektionsambitionen seitens eines Vertreters des Ausw&auml;rtigen Amtes im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages, der ohne jegliche Selbstzweifel sinngem&auml;&szlig; folgende Aussage t&auml;tigte: Der s&uuml;dliche Mittelmeerraum &bdquo;verdiene nun mehr Aufmerksamkeit&ldquo; seitens der EU. Dass es sich dabei nicht um humanit&auml;re Hilfsprogramme handelte, ergab sich allein schon aus dem thematischen Kontext.<\/p><p>Und auch Russland nimmt dieses westliche Selbstverst&auml;ndnis, internationales Recht nach Gutd&uuml;nken instrumentalisieren zu k&ouml;nnen, nunmehr f&uuml;r sich in Anspruch: Die v&ouml;lkerrechtswidrigen diplomatische Anerkennungen der abtr&uuml;nnigen georgischen Provinzen S&uuml;dossetien und Abchasien im Jahr 2008 sowie j&uuml;ngst auch mit Blick auf die gewaltsame Annexion ostukrainischer Regionen: Das vom Westen einseitig &bdquo;weiterentwickelte V&ouml;lkerrecht&ldquo;, bei dem die tragenden S&auml;ulen einer stabilen Weltordnung, n&auml;mlich die uneingeschr&auml;nkte Souver&auml;nit&auml;t und territoriale Integrit&auml;t von Staaten, nach westlichem Ermessen gegen&uuml;ber nichtwestlichen Staaten buchst&auml;blich geschreddert wurden, hat Fr&uuml;chte getragen &ndash; allerdings andere Fr&uuml;chte, als man im Westen erwartet hatte. Das damals vom Westen gefeierte neue Primat des externen Selbstbestimmungsrechts auf Kosten der territorialen Integrit&auml;t und Souver&auml;nit&auml;t Jugoslawiens schl&auml;gt nun wie ein Bumerang brutal zur&uuml;ck: Ukraine und Georgien. Selbstverst&auml;ndlich bestreiten die &bdquo;strategischen Gro&szlig;denker&ldquo; im Westen &ndash; und auch nur sie &ndash; einen v&ouml;lkerrechtlichen Zusammenhang zwischen dem Schicksal Jugoslawiens und den Schicksalen Georgiens und der Ukraine hinsichtlich der Begr&uuml;ndungen f&uuml;r die erzwungene Abtretung von Teilen ihrer Staatsgebiete. Im globalen Nichtwesten ist die Perzeption eine andere.<\/p><p>Exkurs Ende<\/p><p><strong>BRICSplus &ndash; &bdquo;gegen den Westen&ldquo; oder nur &bdquo;ohne den Westen&ldquo;?<\/strong><\/p><p>In den westlichen Politik- und Redaktionsstuben wird gemutma&szlig;t, ja sogar behauptet, BRICSplus richte sich gegen den Westen. Diese Behauptungen lassen sich nicht seri&ouml;s belegen, weder durch die Aussagen der BRICSplus-Teilnehmer noch durch die verabschiedeten Kommuniqu&eacute;s. Eine &bdquo;gegen den Westen&ldquo; gerichtete Sichtweise l&auml;sst sich nur dann herbeihalluzinieren, wenn man die Emanzipation der BRICSplus-Staaten von dem Anspruch auf westliche und von der Praxis der westlichen Globaldominanz als &bdquo;gegen den Westen gerichtet&ldquo; interpretiert; also B&uuml;ndnisse und multilaterale Treffen ohne den Westen, die Abkopplung vom US-Dollar als Weltleitw&auml;hrung, die Nichtbeteiligung an unilateralen westlichen Sanktionen gegen Drittstaaten sowie das Ignorieren oder das Umgehen von Sekund&auml;rsanktionen, milit&auml;rische Zusammenarbeit nichtwestlicher Staaten etc. <\/p><p>Will man der &Ouml;ffentlichkeit in Deutschland und im Westen allen Ernstes das in der UNO-Charta verbriefte Recht auf freie und souver&auml;ne Entwicklung der Staaten dieser Welt als &bdquo;gegen den Westen gerichtet&ldquo; verkaufen? Wenn diese abstruse Sichtweise tats&auml;chlich vorherrscht, ja politikbestimmend in Berlin, Paris, Br&uuml;ssel und Washington sein sollte, dann wird der bereits konfliktbeladende Weg zu einer ohnehin unvermeidlichen multipolaren Weltordnung m&ouml;glicherweise noch viel Blut und Eisen zeitigen. Es wird h&ouml;chste Zeit, und dies ganz besonders nach dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA, die geopolitischen und geo&ouml;konomischen Doktrinen und Pr&auml;missen in Deutschland und der EU einer kritischen Revision zu unterziehen.<\/p><p><strong>Neuer und alter US-Pr&auml;sident Donald Trump &ndash; Auswirkungen f&uuml;r Europa<\/strong><\/p><p>Der Westen dominiert die Welt nicht mehr in der altbekannten Absolutheit der 1990er- und 2000er-Jahre &ndash; weder &ouml;konomisch noch milit&auml;risch noch demographisch. Und diese Machtfaktoren relativieren sich j&auml;hrlich weiter zu Ungunsten des Westens, Europas und Deutschlands. Eine kluge Neuausrichtung unser Au&szlig;en-, Au&szlig;enwirtschafts-, Sicherheits- und Geopolitik sowie Geo&ouml;konomie ist nun vordringlich. Das hei&szlig;t, strategische Entscheidungen auf der Grundlage realpolitischer Sichtweisen, mithin befreit von Wertepolitik zu treffen. Es ist aber wohl illusorisch, dass diese Einsicht in den n&auml;chsten Monaten reifen wird. Das Einzige, was den M&ouml;chtegernexperten so einf&auml;llt, ist der einf&auml;ltige Gedanke der Aufr&uuml;stung. Ansonsten wird sich das politische Berlin in den n&auml;chsten Monaten viel mehr mit dem Thema Neuwahlen und Wahlkampf besch&auml;ftigen als mit den wirklichen Herausforderungen nationaler und internationaler Krisen.<\/p><p>Und auch im Rest Europas wird sich nicht viel bewegen, da die europ&auml;ischen Eliten wie das Kaninchen gel&auml;hmt auf die Schlange, also den US-Pr&auml;sidenten Donald Trump schauen werden. W&auml;hrenddessen wird das Machtpotenzial der transatlantischen Welt weiter relativiert. Wenn auch etwas verringert, verm&ouml;gen die USA ihr Machtpotenzial auf einem Level zu halten, der sie weiter zur globalen Gro&szlig;macht, vielleicht auch zur st&auml;rksten Gro&szlig;macht, indessen nicht mehr zur Supermacht bef&auml;higt. Europa, die EU und Deutschland schaffen dies aber nicht &ndash; aufgrund realpolitischer und strategischer Unf&auml;higkeiten. Allein die Tatsache, dass die EU es nicht auf die Reihe bekommt, mit realpolitischer Analyse &ndash; also ohne Wunschdenken und Siegeshoffnungen &ndash; auch nur einen Waffenstillstand, geschweige denn eine Friedensl&ouml;sung im ukrainisch-russischen Krieg zu bef&ouml;rdern, ist ein wichtiges Indiz f&uuml;r das abnehmende Machtpotenzial der EU.<\/p><p>Die selbst verschuldete Nichtsouver&auml;nit&auml;t Europas, der EU und Deutschlands wird dazu f&uuml;hren, dass der neue US-Pr&auml;sident D. Trump vermutlich auf Realpolitik basierende Vorschl&auml;ge f&uuml;r einen Waffenstillstand und wohlm&ouml;glich eine nachthaltige Friedensl&ouml;sung einbringen wird. Sollten sich die USA und Russland &uuml;ber die K&ouml;pfe der Europ&auml;er zur Ukraine verst&auml;ndigen, was nicht unwahrscheinlich ist, dann ist Europa, dann ist die EU bis auf die Knochen blamiert. Die EU und Europa m&uuml;ssten mit den Konsequenzen und Lasten dieses US-amerikanisch-russischen Deals nolens volens leben.<\/p><p>Aber auch &uuml;ber die Ukraine hinaus stellt sich die Frage, wie sich der globale Wandlungsprozess unter dem Einfluss des neuen US-Pr&auml;sidenten darstellen wird. Wird Donald Trump die USA mit &uuml;berzogenen Machtvorstellungen, m&ouml;glicherweise sogar unter Nutzung milit&auml;rischer Mittel, in eine Sackgasse f&uuml;hren? Oder wird er sich im Zweifel sogar ohne oder gar gegen die EU auf eine Verst&auml;ndigungspolitik, mithin politische Deals mit den anderen Gro&szlig;m&auml;chten einigen &ndash; sprich den ver&auml;nderten Machtverh&auml;ltnissen zumindest in angemessenen Ma&szlig;en entsprechen? Wird also eine Art Neuauflage des europ&auml;ischen M&auml;chtekonzerts der ersten H&auml;lfte des 19. Jahrhunderts das 21. Jahrhundert der Weltpolitik bestimmen &ndash; im Zweifel auch ohne Europa? Das Spektrum der m&ouml;glichen Entwicklungen in den n&auml;chsten Jahren und Jahrzehnten ist breit.<\/p><p>Zumindest hat Donald Trump in der Wahlnacht, als sein Sieg weitgehend sicher galt, vor seinen Anh&auml;ngern eine f&uuml;r den Rest der Welt sehr wichtige Botschaft ge&auml;u&szlig;ert: &bdquo;Ich werde keine Kriege anfangen, ich werde Kriege beenden.&ldquo; Der Lackmustest steht aus. Der Nichtwesten schaut sicherlich gespannt auf die diplomatischen Initiativen der neuen US-Administration.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Sunflower<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124346\">Was bedeutet der Ausgang der US-Pr&auml;sidentschaftswahlen f&uuml;r den Nahen und Mittleren Osten und f&uuml;r Westasien?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124329\">Waldai-Treffen in Russland: Der &bdquo;Globale S&uuml;den&ldquo; wird immer selbstbewusster<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=116796\">Putins Rede zur Au&szlig;enpolitik im Wortlaut<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=117202\">EU-Europa &ndash; Realpolitik oder Ideologie?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/24ee20e4315b479aa482a1e035b15459\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende Oktober fand in Kazan\/Russland der 16. BRICSplus-Gipfel statt. 36 Staaten aus dem &bdquo;Nichtwesten&ldquo; nahmen an dem Gipfel teil, darunter eine Vielzahl von Staaten, die eine Mitgliedschaft anstreben. In den deutschen Medien wurde erstmals intensiver &uuml;ber den Gipfel in Russland berichtet. Die Berichterstattung war in gro&szlig;en Teilen, wie leider mittlerweile Standard, alles andere als neutral.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124493\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":124494,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,181,37,190],"tags":[1980,3360,3517,2465,3276,259,3415,1800,3438,639,1556],"class_list":["post-124493","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-europapolitik","category-globalisierung","category-wahlen","tag-brics","tag-europaeische-union","tag-globaler-sueden","tag-guterres-antonio","tag-multipolare-welt","tag-russland","tag-staatliche-souveraenitaet","tag-trump-donald","tag-un-charta","tag-uno","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/shutterstock_2369786551.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=124493"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":124609,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124493\/revisions\/124609"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/124494"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=124493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=124493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=124493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}