{"id":1246,"date":"2006-05-01T11:14:15","date_gmt":"2006-05-01T09:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1246"},"modified":"2019-03-02T17:09:57","modified_gmt":"2019-03-02T16:09:57","slug":"rudolf-hickel-zum-tod-von-john-kenneth-galbraith-am-3042006","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1246","title":{"rendered":"Rudolf Hickel: Zum Tod von John Kenneth Galbraith am 30.4.2006"},"content":{"rendered":"<p>John Kenneth Galbraith, das &Ouml;konomen-Genie aus den USA ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Der durch den B&ouml;rsenkrach von 1929 stark gepr&auml;gte &Ouml;konom, Sozialkritiker, Berater der Pr&auml;sidenten Roosevelt und Kennedy sowie Diplomat schrieb &uuml;ber 33 B&uuml;cher und eine kaum zu &uuml;berschauende Flut an Aufs&auml;tzen. In seinem ber&uuml;hmt gewordenen Buch &bdquo;The affluent society &ldquo;von 1958 warnte er be reits vor einer heute in Deutschland aktuellen Politik der Spaltung zwischen &bdquo;&ouml;f fentlicher Armut und privaten Reichtum&ldquo;. Auch die &ouml;kologischen Folgen des ent fesselten Wirtschaftswachstums kritisierte er bereits in den 1950er Jahren. Als echter Liberaler, der die Chancengleichheit unabh&auml;ngig vom sozialen Status herstellen wollte, gilt er heute als profiliertester Kritiker des Neoliberalismus.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zum Tod von John Kenneth Galbraith am 30. 4. 2006<\/strong><\/p><p>Rudolf Hickel (Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW))<\/p><p>Geboren wurde er am 15. Januar 1908 in Iona Station in der kanadischen Provinz Ontario. Nach einem Aufenthalt an der renommierten Universit&auml;t von Berkley und der Annahme der US-Staatsb&uuml;rgerschaft 1937 wechselte er an die Eliteuniversit&auml;t Harvard. Jetzt ist er im Alter von 97 Jahren in einem Krankenhaus in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts verstorben. Nach der Promotion mit einem Thema aus der Agrarwirtschaft an der Universit&auml;t von Kalifornien in Berkeley wandte er sich endg&uuml;ltig den gro&szlig;en Fragen der Ent wicklung kapitalistischer &Ouml;konomien zu. 1948 landete er in Harvard und blieb diesem &Ouml;konomenmekka treu. Eine angenehme Abwechselung boten ihm die regelm&auml;&szlig;igen Reisen des durch seine Beststeller reich gewordenen Kenneth Galbraith in den Nobelskiort Gstaad in der Schweiz.<\/p><p><strong>Der geniale Provokateur aus Harvard<\/strong><\/p><p>Mit Superlativen gilt es sparsam umzugehen. Dennoch darf John Kenneth Gal braith als einer der ganz gro&szlig;en Analytiker und Reformer des modernen Kapitalismus bezeichnet werden. Mit einer ungeheuerlichen Schreibwut hat er dessen Triebkr&auml;fte aus Vermachtung und Interessengegens&auml;tzen sowie dessen Krisenan f&auml;lligkeit beschrieben. Zu seinen Publikationen geh&ouml;ren weltweit verbreitete Bestseller. Allerdings ist seine Popularit&auml;t in den letzten Jahren geschrumpft. Den derzeit &uuml;berm&auml;chtigen Glauben an die Erl&ouml;sung durch die neoliberal entfesselte Reichtumsmaschine Kapitalismus st&ouml;ren die galbraithschen Botschaften von einer solidarischen &Ouml;konomie. Sein Tod sollte zum Anlass genommen werden, sein Werk f&uuml;r eine politisch gestaltete, solidarische Wirtschaftsgesellschaft neu zu entdecken. Schlie&szlig;lich beschreibt er mit ei&shy;nem Gesp&uuml;r f&uuml;r historischen Wandel wie die Reduktion von Wirtschaft und Gesellschaft auf einzelwirtschaftlichen Eigennutz politische Gestaltung erzwingt. <\/p><p>Der Werdegang von Kenneth Galbraith ist eng mit der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden. Neben seiner Forschungs- und Publikationsarbeit dr&auml;ngte es ihn immer wieder in die Politik. In der Politik agierte er allerdings weniger erfolgreich. <\/p><p>Bei dem Versuch w&auml;hrend der Pr&auml;sidentschaft von Roosevelt, Preiskontrollen gegen die kriegsbedingte Inflation durchzusetzen, scheiterte er an der Lobby der Gro&szlig;unternehmen. Diese bittere Erfahrung mit dem politischen Einfluss der &ouml;konomisch m&auml;chtigen Unternehmensgiganten sollte sp&auml;ter seine Anatomie des wirtschaftlich vermachteten US-Kapitalismus nachhaltig pr&auml;gen. In der Kampagne f&uuml;r die Pr&auml;sidentschaft von John F. Kennedy 1960 unterst&uuml;tzte er massiv seinen alten Studienfreund. Dieses Engagement brachte jedoch wohl auch wegen der pr&auml;sidialen Sorge &uuml;ber den unkontrollierbaren Querdenker keinen Ministerposten im Kennedykabinett. Er wurde von 1961 bis 1963 Botschafter in Indien.<\/p><p>Sein wissenschaftliches Werk hat gro&szlig;e Kontroversen ausgel&ouml;st. Das Spektrum der Beurteilung reicht vom gro&szlig;en Vision&auml;r in der Tradition von Thorsten Veblen, Joseph Schumpeter und John Maynard Keynes bis hin zum marxistisch verblendeten Sozialisten und Populisten. Der &Ouml;kono&shy;menpapst Paul A. Samuelson soll dem schlaksigen Zweimeter-Mann aus Harvard abgesprochen haben, &uuml;berhaupt &Ouml;konom zu sein. W&auml;hrend Samuelson bereits im zweiten Jahr der Vergabe den Nobelpreis f&uuml;r &Ouml;konomie erhielt, wurde diese Ehrung Galbraith nie zu teil. Als Galbraith die harsche Kritik von Samuelson bekannt wurde, kom mentierte er selbstbewusst: <\/p><blockquote><p>Nichts k&ouml;nnte mich weniger ber&uuml;hren. Ich glaube nicht, dass jemand, der nur &Ouml;konom ist und soziale wie politische Gedanken ausklammert, irgendeine Bedeutung f&uuml;r die reale Welt hat.<\/p><\/blockquote><p>Seine Erfolge sind auf zwei Gr&uuml;nde zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Zum einen formuliert er gut lesbar, provozierend, aufkl&auml;rend, gespickt mit &auml;tzendem Witz. Stolz verk&uuml;ndet er in einem Interview 1999: <\/p><blockquote><p>Ja ich schreibe f&uuml;r ein breites Publikum, weil es mir schmeichelt, aber auch weil meiner Ansicht nach das Verstehen der Funktionsweise der Wirtschaft &ndash; und insbesondere die Tendenz der Privilegierten, ihre eigenen Interessen zu pflegen &ndash; eine der wichtigsten Dinge in einer Demokratie ist.<\/p><\/blockquote><p>Zum anderen ist es die interdisziplin&auml;re Methode, die Zusammenf&uuml;hrung verschiedener Fachdisziplinen. Galbraith ist ein wichtiger Wegbereiter einer evolutorischen Institutionen&ouml;konomik. Nach dieser Theorie sind es die institutionellen Ver&auml;nderungen und gro&szlig;en Strukturen, die einzelwirtschaftliches Handeln pr&auml;gen. Obwohl er den Theorierevolution&auml;r John Maynard Keynes aus Gro&szlig;britannien oft wider&shy;sprochen hat, gro&szlig;e &Uuml;bereinstimmungen sind un&uuml;bersehbar. Galbraith begr&uuml;ndet &ndash; wie Keynes &ndash; die Notwendigkeit politischer Gestaltung zur Vermeidung von Wirtschaftskrisen, zur Versorgung mit &ouml;ffentlichen G&uuml;tern und zur sozialen Absicherung gegen Risiken, die die M&auml;rkte f&uuml;r diejenigen schaffen, die vom Erwerbseinkommen existenziell abh&auml;ngig sind. Wie er im Untertitel seines 1998 vorgelegten Essays zur &bdquo;solidarischen Gesellschaft&ldquo; betont, ordnungspolitisch pl&auml;diert er brandaktuell &bdquo;f&uuml;r eine moderne soziale Marktwirtschaft&ldquo;.<\/p><p>Anstatt der durch die Neoklassik modellierten Idylle vom vollkommenen Wett bewerb hebt Galbraith die &ouml;konomische Konzentration auf wenige Megaunternehmen hervor. Die Folge ist der Einsatz strategischer Preissetzungsmacht auf den monopolitischen M&auml;rkten. Die unsichtbare Hand &ndash; die &bdquo;invisible hand&ldquo; -, &uuml;ber die die einzelwirtschaftliche Rationalit&auml;t hinter dem R&uuml;cken der Akteure die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt optimieren soll, ist l&auml;ngst durch das Shakehand der Unternehmensgiganten abgel&ouml;st worden. In einem seiner ersten, 1952 vorgelegten Bestseller zum &bdquo;American Capitalism&ldquo; zeigt er die Folgen der durch &ouml;konomische Monopolmacht gepr&auml;gten Wirtschaft. Er schlussfolgert wohl auch mit Blick f&uuml;r die realen Machtverh&auml;ltnisse nicht, die Monopole m&uuml;ssten zerschlagen werden. Viel mehr setzt er darauf, dass &ouml;konomisch geballte Macht Gegenmacht durch Gewerkschaften erzeugt und der intervenierende Staat die Balance (&bdquo;countervailing power&ldquo;) sichert. Dieses Modell des &bdquo;organisierten Kapitalismus&ldquo; hat jedoch durch den Machtverlust gro&szlig;er Institutionen in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. In dem 1967 vorgelegten Bestseller &bdquo;Der moderne Industriestaat&ldquo; (&bdquo;The New Industrial State&ldquo;) greift er die neueren Entwicklungen im &bdquo;organisierten Kapitalismus&ldquo; auf. Hervorgehoben wird die voranschreitende Trennung der Kapitaleigner &ndash; Shareholder &ndash; ge&shy;gen&uuml;ber der wachsenden Schicht von Kapitalfunktion&auml;ren. Aus heutiger Sicht hat Galbraith jedoch den in den letzten Jahren ausgebauten Einfluss der Kapitaleigener gegen&uuml;ber den Topmanagern untersch&auml;tzt. Heute werden die Bosse auf den Vorstandsetagen durch die geballte Macht der Kapitalgeber zur Renditesteigerung getrieben.<br>\nDie Anpeitscher sind die Agenten der Shareholder, vor allem die gro&szlig;en Fondsvertreter sowie die kleine Clique hemds&auml;rmeliger Analysten im Machtzentrum der New Yorker B&ouml;rse.<\/p><p>In seinem wohl wichtigsten Werk &bdquo;Gesellschaft im &Uuml;berfluss&ldquo; (The Afluent So ciety) steckt Galbraith die f&uuml;r die Wirtschaft wesentlichen Staatsaufgaben ab. Aus dem Skiurlaub im schweizerischen Nobelort Gstaad hat er dieses Werk mitgebracht und 1958 publiziert. &Ouml;konomisch bezahlbare Bed&uuml;rfnisse &ndash; so der Nachweis &ndash; werden durch die Profitwirtschaft bedient und vorangetrieben. W&auml;hrend dadurch der &Uuml;berfluss im privaten Reichtum w&auml;chst, verarmen mangels Einkommen nicht nur die zahlungsunf&auml;higen Konsumenten. Vor allem aber verarmt der &ouml;ffentliche Sektor, weil es keinen entsprechenden Mechanismus zur Sicherstellung seiner notwendigen Produktion gibt. Privatwirtschaftlicher Reichtum innerhalb sich ausbreitender &ouml;ffentlicher Armut ist die Folge. Dies belegen verwahrloste St&auml;dte, eine defizit&auml;re Infrastruktur und riesige Einkommensarmut. Galbraith argumentiert f&uuml;r den Abbau dieses Ungleichgewichts zwischen Staat und Privatwirtschaft. Er will die riesigen Produktionsm&ouml;glichkeiten in den Wohlstand f&uuml;r Alle umsetzen und das hei&szlig;t &bdquo;Kampf gegen die Armut&ldquo;. Die &Uuml;berflussgesellschaft ist heute f&uuml;r Deutschland aktueller denn je. Durch eine reichtumsschonende Steu&shy;erpolitik und Umschichtung der Einnahmen und Lasten im f&ouml;deralen Bundesstaat konzentriert sich derzeit in Deutschland die &ouml;ffentliche Armut auf die Gemeinden. <\/p><p>Das 1998 vorgelegte Essay &bdquo;Die solidarische Gesellschaft&ldquo; liest sich wie ein Verm&auml;chtnis. Die Ziele seiner &bdquo;modernen soziale Marktwirtschaft&ldquo; sind: Besch&auml;ftigung, Aufstiegschancen f&uuml;r alle Menschen, eine gute Bildung, Freiheit von sozialen Unruhen, ein stabiles Netz, Abbau der elenden B&uuml;rokratie sowie eine partnerschaftliche und sozialorientierte Au&szlig;enpolitik. <\/p><p>Das erkenntnisleitende Interesse von Galbraith und damit sein moralisches Fundament formuliert er wie folgt: <\/p><blockquote><p>Die moralische Rechtfertigung f&uuml;r &Ouml;konomen liegt in der Frage, ob sie die Welt verbessern k&ouml;nnen, in der sie Leben.<\/p><\/blockquote><p>Daran sollten k&uuml;nftig Wirtschaftssysteme und deren &ouml;konomischen Theoretiker, Ideologen sowie Politiker gemessen werden.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Kenneth Galbraith, das &Ouml;konomen-Genie aus den USA ist im Alter von 97 Jahren gestorben. 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