{"id":124831,"date":"2024-11-16T15:00:33","date_gmt":"2024-11-16T14:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124831"},"modified":"2024-11-27T11:13:39","modified_gmt":"2024-11-27T10:13:39","slug":"fehl-diagnose-wie-oekonomen-die-wirtschaft-ruinieren-und-die-gesellschaft-spalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124831","title":{"rendered":"Fehldiagnose \u2013 Wie \u00d6konomen die Wirtschaft ruinieren und die Gesellschaft spalten"},"content":{"rendered":"<p>Die Reform der herrschenden &Ouml;konomielehre im universit&auml;ren Bereich und in der Politik kann man als kritisch hinterfragender B&uuml;rger aktuell nur als &bdquo;zartes Pfl&auml;nzchen&ldquo; bezeichnen. Und wenn selbst h&ouml;chste Gremien der Politikberatung, z.B. die Mitglieder der &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; (Sachverst&auml;ndigenrat f&uuml;r Wirtschaft der Bundesregierung), immer noch &uuml;berwiegend als Bewahrer der neoliberalen Dogmen agieren, dann kann man schon den Mut hinsichtlich einer gelingenden Zukunft der Gesellschaft verlieren. Zwar bieten Internet-Magazine wie beispielsweise <a href=\"http:\/\/makroskop.eu\"><em>Makroskop<\/em><\/a> und die Webseite <a href=\"http:\/\/www.relevante-oekonomik.com\"><em>Relevante &Ouml;konomik<\/em><\/a> von Heiner Flassbeck aufkl&auml;rende Artikel zu den Realit&auml;ten der &Ouml;konomie. Aber die Reichweite dieser Publikationen ist noch nicht umfassend genug, und zwar trotz Hinweisen auf deren Beitr&auml;ge in den <em>NachDenkSeiten<\/em>, also einer der meistgelesenen gesellschaftspolitischen Qualit&auml;tswebseiten im Netz. Umso wertvoller ist das neue Buch des renommierten Universit&auml;tsprofessors in Makro-&Ouml;konomie und Wirtschaftspolitik Tom Krebs. Von <strong>G&uuml;nter Grzega<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs braucht sicherlich pers&ouml;nlichen Mut, um als universit&auml;rer Wirtschaftswissenschaftler in der aktuellen &Ouml;konomie-Szene das Werk <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/fehldiagnose.html?listtype=search&amp;searchparam=tom%20krebs\">&bdquo;Fehldiagnose &ndash; Wie &Ouml;konomen die Wirtschaft ruinieren und die Gesellschaft spalten&ldquo;<\/a> zu ver&ouml;ffentlichen. Schon die Einleitung &bdquo;Ende der M&auml;rchenstunde&ldquo; macht neugierig, denn der Autor l&auml;sst sofort erkennen, dass er ohne Tabus die Grundfesten der herrschenden Wirtschaftsideologie ersch&uuml;ttert, und zwar in einer Sprache, die auch Nicht-Wirtschaftswissenschaftler verstehen und die Lust auf mehr weckt. Und man wird nicht entt&auml;uscht. <\/p><p>Im Teil I beschreibt der Autor in bestechender Weise die Fehldiagnosen der etablierten &Ouml;konomen und ihrer Anh&auml;ngerschar zur Energiekrise im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg. Dabei scheut er sich nicht, die geradezu naive Marktgl&auml;ubigkeit der Neoklassiklehre sowie die, wie er es bezeichnet, &bdquo;irrsinnige Liebe zur Schocktherapie&ldquo; dieser &Ouml;konomen schonungslos mit den Realit&auml;ten einer Volkswirtschaft zu konfrontieren. Aber nicht nur Kritik enth&auml;lt dieser Teil I, sondern auch Anerkennung f&uuml;r die von den etablierten &Ouml;konomen mehrheitlich abgelehnten staatlichen Eingriffe zur Beherrschung der Energiekrise. Diese entschlossenen Eingriffe der Bundesregierung in die Wirtschaft beschreibt der Autor als gelungene Stabilisierung, wobei er auch die von den Marktfundamentalisten abgelehnten Entlastungspakete f&uuml;r die B&uuml;rger als sinnvolle und notwendige Politik aufzeigt. <\/p><p>Dass trotz dieser erfolgreichen Wirtschaftspolitik in der &Ouml;konomen-Zunft kaum Interesse an einer empirischen &Uuml;berpr&uuml;fung der neoklassischen Modelle besteht, zeigt nach Meinung des Autors leider, dass interne Korrekturmechanismen in den Wirtschaftswissenschaften immer noch versagen. Ein &bdquo;Lernen aus Fehlern&ldquo; findet nach seiner Diagnose kaum statt. Leider f&uuml;hrt diese Erkenntnisverweigerung der Mehrheit der &Ouml;konomen jedoch auch dazu, dass die politisch Verantwortlichen nach den richtigen Entscheidungen zu Beginn der Krise wieder sogenannten marktliberalen Empfehlungen folgten. Zu dieser Entwicklung beschreibt Tom Krebs die dahinter stehende Ideologie und die Sehnsucht vieler &Ouml;konomen, ihre Modelle als &bdquo;naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse&ldquo; zu etablieren.<\/p><p>Im Teil II besch&auml;ftigt sich das Buch mit den Fehlentscheidungen der Bundesregierung nach den ersten erfolgreichen Ma&szlig;nahmen zur Krisenbew&auml;ltigung. Hier wird der interessierte Leser mit verst&auml;ndlichen Tabellen &uuml;ber die die Volkswirtschaft Deutschlands besch&auml;digenden politischen Entscheidungen aufgekl&auml;rt. Dar&uuml;ber hinaus kann man sich auch am Beispiel der USA &uuml;ber international erfolgreiche Klima- und Wirtschaftspolitik informieren &ndash; im Gegensatz zu Deutschlands &bdquo;M&auml;rchenwelt der &Ouml;konomen&ldquo;. Aber auch &uuml;ber die als grunds&auml;tzliche Fehlentscheidungen zu bewertende Zinspolitik der EZB wird in Teil II fundiert aufgekl&auml;rt. Dass der Autor auch die Themen Arbeits-&bdquo;Markt&ldquo;, Klimapolitik, Mindestlohn, Kindergrundsicherung sowie vor allem auch das Verfassungsgerichtsurteil zur &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; kritisch beleuchtet, macht das Buch besonders lesenswert. <\/p><p>Im Teil III &bdquo;Der Weg aus der Dauerkrise&ldquo; wird faktenbasiert aufgezeigt, wie die aktuelle Politik der Ampelregierung Deutschland bereits Wohlstand kostet und ohne eine Initiative f&uuml;r &ouml;ffentliche Investitionen weiterhin kosten wird. Werden makro&ouml;konomisch unverzichtbare staatliche Investitionen in die inzwischen marode Infrastruktur, Bildung, Energie, Umwelt- und Klimaschutz etc. weiter vernachl&auml;ssigt, steuert Deutschland in eine langfristige Rezession. In diesem Teil III werden die M&ouml;glichkeiten einer modernen Wirtschaftspolitik pr&auml;zise beschrieben. Voraussetzung ist dabei jedoch, dass die aktuelle neoliberale Wirtschaftsideologie durch den vom Autor immer wieder aufgezeigten Wandel einer naiven Marktgl&auml;ubigkeit durch eine faktenbasierten &Ouml;konomie aller Beteiligten, vor allem des Staates, abgel&ouml;st wird. <\/p><p>Eine gelingende Marktwirtschaft wird es offensichtlich jedoch nur dann geben, wenn auch die soziale Gerechtigkeit, z.B. faire L&ouml;hne, also eine <a href=\"https:\/\/germany.econgood.org\/\">Gemeinwohl-&Ouml;konomie<\/a>, das Handeln in Politik und Gesellschaft bestimmt. Besonders wertvoll f&uuml;r die Leser sind die Ausf&uuml;hrungen zur Finanzierung staatlicher Investitionen. Die &bdquo;schw&auml;bische Hausfrau als Unternehmerin&ldquo; wird entzaubert und die M&ouml;glichkeiten einer Kreditfinanzierung zus&auml;tzlicher staatlicher Investitionsausgaben trotz Schuldenbremse aufgezeigt. Selbst dem aktuellen Tabu-Thema der Politik, n&auml;mlich dem Thema Steuern, z.B. Verm&ouml;genssteuer auf Gro&szlig;verm&ouml;gen, widmet der Autor Aufmerksamkeit. <\/p><p>Ein Wunsch bleibt jedoch zum Thema Finanzierung offen, n&auml;mlich die Erwartung, dass in diesem umfassend die Realit&auml;ten der &Ouml;konomielehre aufzeigenden Buch auch das Thema Geldsystem behandelt wird. Vor allem die Realit&auml;t der absoluten &Uuml;bereinstimmung von Geld-Schulden und Geld-Verm&ouml;gen ist f&uuml;r das Verst&auml;ndnis der grunds&auml;tzlichen Unsinnigkeit einer staatlichen Schuldenbremse und der Fehlkonstruktion der Euro-Fiskalregeln unverzichtbar. Solange der Mehrheit in Politik, &Ouml;konomie und Gesellschaft nicht bewusst ist, dass die Forderung eines realen Abbaus von Staatsschulden gleichzeitig eine Forderung zum Abbau des Geldverm&ouml;gens der Wirtschaftssektoren Unternehmen und private Haushalte in exakt gleicher H&ouml;he bedeutet, bleibt die staatliche Investitionspolitik ein schwieriges Thema. Dies alles aufzuzeigen, w&auml;re eine Bereicherung des Werks, denn ohne ein Verst&auml;ndnis der Funktionsweise unserer modernen Geldsysteme gibt es auch kein vollst&auml;ndiges Verstehen &ouml;konomischer Prozesse. Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung dieses geradezu fesselnden &Ouml;konomie-Buchs.<\/p><p>Fazit: F&uuml;r alle an Wirtschaft und Politik Interessierte ist dieses an den realen Gegebenheiten orientierte und im Hinblick auf die herrschende Lehre sehr mutig zu nennende Buch ein Geschenk. Man w&uuml;nscht diesem Werk, dass es ein Bestseller wird, denn dann gibt es auch eine Verbreiterung &ouml;konomischen Wissens, das die Grundvoraussetzung f&uuml;r eine gelingende Zukunft der Gesellschaft ist.<\/p><p><em>Anmerkung des Autors: Aus Gr&uuml;nden der fl&uuml;ssigen Lesbarkeit wurde im gesamten Text grunds&auml;tzlich die maskuline Form angewandt. Alle Geschlechter sind jedoch gleicherma&szlig;en angesprochen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Reform der herrschenden &Ouml;konomielehre im universit&auml;ren Bereich und in der Politik kann man als kritisch hinterfragender B&uuml;rger aktuell nur als &bdquo;zartes Pfl&auml;nzchen&ldquo; bezeichnen. 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