{"id":125005,"date":"2024-11-20T09:00:29","date_gmt":"2024-11-20T08:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125005"},"modified":"2024-11-24T19:06:45","modified_gmt":"2024-11-24T18:06:45","slug":"hauptsache-daten-ein-patient-hat-gefaelligst-glaesern-zu-sein-nicht-gesund-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125005","title":{"rendered":"Hauptsache Daten! Ein Patient hat gef\u00e4lligst gl\u00e4sern zu sein \u2013 nicht gesund zu werden"},"content":{"rendered":"<p>Zum Jahreswechsel bekommt jeder Versicherte eine elektronische Patientenakte aufgedr&uuml;ckt. Nur wer aktiv widerspricht, bleibt verschont und vielleicht unbehelligt. Dem gro&szlig;en Rest verspricht Bundesminister Lauterbach optimale Versorgung und medizinische Innovation, in einem Land, dessen Bev&ouml;lkerung nicht mehr &auml;lter wird und welches das europaweit teuerste Gesundheitssystem beheimatet. Wohin das ganze Geld wohl wandert? Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3014\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-125005-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=125005-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241121-Hauptsache-Daten-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Vor f&uuml;nf Wochen erhielt Karl Lauterbach (SPD) den Big Brother Award in der Kategorie Gesundheit. Den allj&auml;hrlich durch den Verein Digitalcourage verliehenen <a href=\"https:\/\/digitalcourage.de\/blog\/2024\/die-bigbrotherawards-2024\">&bdquo;Oskar f&uuml;r Datenkraken&ldquo;<\/a> hat er sich mit dem von ihm mitverantworteten Europ&auml;ischen Gesundheitsdatenraum &ndash; European Health Data Space (EHDS) &ndash; &bdquo;verdient&ldquo; und dessen nationaler Umsetzung, dem <a href=\"https:\/\/www.recht.bund.de\/bgbl\/1\/2024\/102\/VO.html\">Gesundheitsdatennutzungsgesetz (GDNG)<\/a>. Beide Regelwerke erleichtern die Erhebung, den Austausch und die Nutzbarkeit von Gesundheitsdaten f&uuml;r, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t, <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/ministerium\/gesetze-und-verordnungen\/guv-20-lp\/gesundheitsdatennutzungsgesetz.html\">&bdquo;gemeinwohlorientierte Zwecke&ldquo;<\/a>.<\/p><p>Der noch amtierende Bundesgesundheitsminister blieb der Preisverleihung in Bielefeld fern und verpasste die &bdquo;Laudatio&ldquo; durch Thilo Weichert vom <a href=\"https:\/\/www.netzwerk-datenschutzexpertise.de\/\">Netzwerk Datenschutzexpertise<\/a>, fr&uuml;her Datenschutzbeauftragter von Schleswig-Holstein. Mit den neuen Gesetzen werde ein zentraler Grundsatz der Medizin in Frage gestellt, n&auml;mlich die <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Elektronische-Patientenakte-Big-Brother-Award-fuer-Karl-Lauterbach-9979040.html\">&bdquo;&auml;rztliche Schweigepflicht&ldquo;<\/a>, befand er, und weiter: &bdquo;Galt bisher, dass Behandlungsdaten grunds&auml;tzlich vertraulich zu behandeln sind, so gilt k&uuml;nftig, dass diese Daten Dritten grunds&auml;tzlich zur Verf&uuml;gung gestellt werden k&ouml;nnen.&ldquo; Weichert zeigte sich desillusioniert. Er sei &bdquo;lange ein Fan&ldquo; von Lauterbach gewesen, doch beim Thema Datenschutz kn&uuml;pfe dieser &bdquo;nicht nur voll bei seinem Vorg&auml;nger&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63919\">Jens Spahn<\/a> (CDU) an, &bdquo;er verschlimmert dessen verfassungswidrige Pl&auml;ne zur sogenannten Sekund&auml;rnutzung von Gesundheitsdaten sogar&ldquo;.<\/p><p><strong>Ladenh&uuml;ter<\/strong><\/p><p>Den Verfassungsbruch gibt es demn&auml;chst als Kassenleistung. Ein f&uuml;r Deutschland entscheidender Baustein im Rahmen der EU-Digitalisierungsstrategie ist die elektronische Patientenakte (ePA), die im kommenden Jahr &bdquo;f&uuml;r alle&ldquo; eingerichtet werden soll. Was viele nicht wissen: Die ePA existiert bereits seit Januar 2021 auf freiwilliger Basis, also auf aktiven Antrag derer, die das Angebot nutzen wollen. Allerdings ist der Zuspruch statistisch kaum messbar, nach Angaben der Bundes&auml;rztekammer hat lediglich <a href=\"https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/themen\/aerzte\/digitalisierung\/digitale-anwendungen\/telematikinfrastruktur\/epa\">&bdquo;ein Prozent aller&ldquo;<\/a> rund 73 Millionen gesetzlich Versicherten zugegriffen. Was ein Datenh&uuml;ter f&uuml;r die breite Masse werden sollte, ist bisher ein echter Ladenh&uuml;ter. Warum wohl?<\/p><p>Die Macher in Politik, bei Verb&auml;nden und in den Reihen der Gesundheits&ouml;konomie behaupten, der b&uuml;rokratische Aufwand sei einfach zu gro&szlig; gewesen. Deshalb wird das Prozedere jetzt &bdquo;vereinfacht&ldquo;, durch Umstellung auf das mit dem <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/ministerium\/gesetze-und-verordnungen\/guv-20-lp\/digig.html\">Gesetz zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen<\/a> (DigiG) implementierte Opt-out-Modell. Demnach wird f&uuml;r jeden eine ePA eingerichtet, es sei denn, der Betroffene widerspricht dem ausdr&uuml;cklich. Der Dreh wird die Nutzerzahlen in die H&ouml;he schie&szlig;en lassen, der verbreitete Hang zur Bequemlichkeit wird es richten. Die Bundesregierung rechnet damit, dass im kommenden Jahr 80 Prozent der Versicherten in das System eingebunden sein werden.<\/p><p><strong>Zum Gl&uuml;ck zwingen<\/strong><\/p><p>Ob sie davon auch profitieren, steht auf einem anderen Blatt. Die Verantwortlichen jedenfalls tun so, als bringe die ePA nichts als Vorteile und als w&auml;re der Quasi-Automatismus zum Mitmachen das opportune Mittel, die Menschen zu ihrem Gl&uuml;ck zu zwingen. Derzeit werden die Versicherten von ihren Kassen mehr oder weniger umfassend &uuml;ber die anstehenden &Auml;nderungen und dar&uuml;ber informiert, wie und zu welchem Grad sie eine Teilnahme ablehnen beziehungsweise begrenzen k&ouml;nnen. Zur Auswahl stehen <a href=\"https:\/\/www.kbv.de\/html\/epa.php\">mehrere M&ouml;glichkeiten<\/a>: vom Komplettverzicht &uuml;ber bestimmte Zugriffs- und Einstellungsbeschr&auml;nkungen bis hin zur Absage an eine Verwendung von Daten zu Forschungszwecken.<\/p><p>Hierin liegt die eigentliche &bdquo;Revolution&ldquo; der Neuerung. Die in der ePA abgelegten Daten werden der Forschung zur Verf&uuml;gung gestellt. Akteure, die sie nutzen wollen, stellen einen Antrag an das Forschungsdatenzentrum des Bundes (FDZ), wo s&auml;mtliche Informationen gesammelt und gespeichert werden. Dabei soll nicht nur die &bdquo;unabh&auml;ngige&ldquo; Wissenschaft, etwa in Gestalt der staatlich finanzierten Forschungsinstitute, Zugriff bekommen, sondern prinzipiell auch die kommerzielle Gesundheitswirtschaft, zum Beispiel die gro&szlig;en Pharmakonzerne. Selbstredend soll auch das nur zum Besten der Menschen geschehen, zugunsten der Entwicklung moderner Therapien und Medikamente oder zur Bek&auml;mpfung unheilbarer Krankheiten wie Krebs.<\/p><p><strong>Technik k&ouml;nnte Leben retten<\/strong><\/p><p>Wollte man all diese Aspekte in der Diktion von Datensch&uuml;tzer Weichert unter &bdquo;Sekund&auml;rnutzung&ldquo; fassen &ndash; worin best&uuml;nde dann der &bdquo;Prim&auml;rnutzen&ldquo;? Die Argumente der Bef&uuml;rworter wirken zun&auml;chst &uuml;berzeugend: S&auml;mtliche Daten, die bisher in einer Praxis, Klinik oder durch sonstige Gesundheitsdienstleister einzeln abgelegt wurden, werden k&uuml;nftig digital geb&uuml;ndelt, um sie bei Bedarf schnell und zielgerichtet abzurufen. Leistungserbringer wie &Auml;rzte, Therapeuten und Apotheker gewinnen einen umfassenden &Uuml;berblick &uuml;ber die Krankheitsgeschichte ihrer Patienten, um auf dieser Basis die beste Behandlung zu gew&auml;hrleisten. Beispielsweise k&ouml;nnen so Mehrfachuntersuchungen vermieden oder in Notfallsituationen falsche Eingriffe verhindert werden. Wenn etwa ein Patient nicht ansprechbar ist, dringend ein Medikament ben&ouml;tigt, aber keine Auskunft &uuml;ber bestehende Arzneimittelallergien geben kann, gen&uuml;gt ein Blick in seine ePA, und der Notarzt bewahrt ihn und sich vor einer mithin fatalen Fehlentscheidung. Im &auml;u&szlig;ersten Fall k&ouml;nnte die Patientenakte also durchaus Leben retten.<\/p><p>Solche und andere denkbare Vorz&uuml;ge sind nicht von der Hand zu weisen. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass das System wirklich reibungslos funktioniert und alle f&uuml;r eine optimale Versorgung erforderlichen Informationen tats&auml;chlich zusammenlaufen und bei Bedarf einsehbar sind. Das allein ist angesichts der technischen Herausforderungen l&auml;ngst nicht ausgemacht (dazu mehr weiter unten). Grenzen seiner Tauglichkeit ergeben sich indes schon aus den (noch) offerierten Entscheidungsfreiheiten der Nutzer, mit welchen Daten sie ihre Akte best&uuml;cken und wem sie &uuml;ber welchen Zeitraum Zugang dazu gew&auml;hren m&ouml;chten. Tats&auml;chlich sollen Versicherte die ePA &uuml;ber eine App auf dem Smartphone, Tablet oder PC eigenverantwortlich verwalten k&ouml;nnen. Zum Beispiel w&auml;re es ihnen &uuml;berlassen, nur einzelne Dokumente (Befunde, Diagnosen, Therapiema&szlig;nahmen) oder bestimmte Bereiche wie Orthop&auml;die oder Dermatologie freizugeben, sei es aus Sorge vor Diskriminierungen, zum Beispiel im Fall von Aids-Patienten, oder aus Scham, etwa bei Genitalerkrankungen.<\/p><p><strong>Selbstbestimmung ade<\/strong><\/p><p>Diese Eingriffsrechte bergen jedoch Gefahren dahingehend, dass Behandelnde aus der unvollst&auml;ndigen Akte die falschen Schl&uuml;sse ziehen und ihnen mitunter &uuml;ber Leben und Tod entscheidende Informationen verborgen bleiben. Damit k&ouml;nnte sich der beschworene Fortschritt durch die ePA ins exakte Gegenteil verkehren &ndash; zumal dann, wenn Mediziner k&uuml;nftig der ePA blind vertrauen und von bisher &uuml;blichen Verfahren zur Abkl&auml;rung des Zustands ihrer Patienten (Aktenstudium, Absprache mit Kollegen) absehen. Letztlich k&ouml;nnte die ePA ihre Potenziale unter der Bedingung tats&auml;chlich unabh&auml;ngiger und einzig auf das Patientenwohl kaprizierter Leistungserbringer nur dann zur Entfaltung bringen, wenn sie uneingeschr&auml;nkt alle Daten allen Behandelnden offenlegt &ndash; und medizinische Laien (und das sind die allermeisten) gef&auml;lligst die Finger davon lassen m&uuml;ssten.<\/p><p>Das h&auml;tte indes einen sehr hohen Preis, weil sich so die informationelle Selbstbestimmung der Versicherten komplett erledigen w&uuml;rde. Dagegen wahren die Verantwortlichen mit ihrem (f&uuml;rs erste) gew&auml;hlten Modell immerhin noch den Schein, die Menschen blieben irgendwie doch Herr &uuml;ber ihre pers&ouml;nlichen Daten. Das ist nat&uuml;rlich Augenwischerei. Es ist zun&auml;chst anzunehmen, dass die allerwenigsten von den individuellen Wahlm&ouml;glichkeiten Gebrauch machen und stattdessen den Komplettzugriff gestatten werden. Die ganzen Modalit&auml;ten &uuml;berhaupt zu begreifen, erfordert allerhand Geduld und Reflexionsverm&ouml;gen, und beides geht heutzutage vielen B&uuml;rgern ab (vergleiche dazu den <a href=\"https:\/\/www.kbv.de\/html\/69298.php\">Leitfaden der Kassen&auml;rztlichen Bundesvereinigung<\/a>). Gerade in Fragen des Datenschutzes herrscht in der Bev&ouml;lkerung eine verbreitete Indifferenz. &bdquo;Wen interessiert&lsquo;s, mit welchen Wehwehchen ich mich herum&auml;rgere &ndash; au&szlig;er meinen Arzt.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;<strong>Gute&ldquo; und &bdquo;schlechte&ldquo; Risiken<\/strong><\/p><p>Irrtum! Gesundheitsdaten sind hei&szlig; begehrt, insbesondere bei Versicherern und in der Pharmaindustrie. Das Wissen dar&uuml;ber, welches Gesundheitsprofil, welche Dispositionen ein Mensch hat, um sp&auml;ter vielleicht schwer zu erkranken oder langfristig gesund zu bleiben, entscheidet schon heute dar&uuml;ber, ob eine Assekuranz einen Kunden will oder nicht. Privatversicherungen w&auml;hlen wie selbstverst&auml;ndlich zwischen &bdquo;guten&ldquo; und &bdquo;schlechten&ldquo; Risiken, wobei Erstere geringere, Letztere h&ouml;here Pr&auml;mien zahlen m&uuml;ssen. Zumindest in Tendenzen gibt es das heute auch bei den gesetzlichen Krankenkassen, unter denen die Beitr&auml;ge je nach Versichertenstruktur (mehr Junge, mehr Alte) erheblich variieren k&ouml;nnen.<\/p><p>Zwar sollen die Kassen als Anbieter der Akte selbst keinen Zugriff auf die pers&ouml;nlichen ePA-Daten erhalten. Allerdings liegen ihnen ohnehin umfangreiche Informationen in den Abrechnungsdaten vor. Und nach den Regularien des besagten Gesundheitsdatennutzungsgesetzes sind sie neuerdings berechtigt, &bdquo;in gesetzlich geregelten F&auml;llen (der risikoadaptierten Krebsfr&uuml;herkennung oder im Rahmen einer &Uuml;berpr&uuml;fung der Arzneimittelsicherheit) auch auf solche Risiken (f&uuml;r die Gesundheit des Versicherten) hinweisen zu k&ouml;nnen&ldquo;. Diese Verarbeitung d&uuml;rfe <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/ministerium\/gesetze-und-verordnungen\/guv-20-lp\/gesundheitsdatennutzungsgesetz\/faq-gesundheitsdatennutzungsgesetz\">nur im Interesse der Betroffenen<\/a> erfolgen und diene der Patientensicherheit, hei&szlig;t es seitens des Lauterbach-Ministeriums. &bdquo;Verarbeitet eine Krankenkasse Daten entgegen den gesetzlichen Vorschriften, droht dem Vorstand ein Bu&szlig;geld.&ldquo;<\/p><p><strong>F&uuml;nf Jahre Blackbox<\/strong><\/p><p>Nur wie w&auml;re das nachzuvollziehen? Der Informatiker und Jurist Martin Weigele hat sich den Gesetzesbeschluss genauer angesehen. Darin sei geregelt, dass erst in f&uuml;nf Jahren &bdquo;die Zugriffe und die versuchten Zugriffe auf personenbezogene Daten der versicherten Personen beziehbar protokolliert werden&ldquo;, sagte er im Oktober gegen&uuml;ber dem <em>Mitteldeutschen Rundfunk (MDR)<\/em>, und weiter: <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/nachrichten\/deutschland\/gesellschaft\/elektronische-patientenakte-sicherheit-widerspruch-102.html\">&bdquo;Dass man so was machen kann, ist absoluter Standard.&ldquo;<\/a> Aber eben nicht bei der ePA. &bdquo;Dass anonym irgendwelche Dinge jetzt abgefragt werden k&ouml;nnen, die in dieser Patientenakte gespeichert werden, und niemand nachvollziehen kann, wer auf diese Daten zugreifen kann bis zum Jahr 2030. Das finde ich schon einen ziemlichen Hammer.&ldquo; Wegen dieser und anderer offener Fragen r&auml;t Weigele dazu, der Einrichtung einer ePA grunds&auml;tzlich zu widersprechen.<\/p><p>Er ist nur einer unter vielen Kritikern. Sorgen bereitet diesen auch der Stand der Umsetzung. Die elektronische Patientenakte soll ab Mitte Januar 2025 in ausgew&auml;hlten Modellregionen getestet werden, um sie dann im M&auml;rz bundesweit auszurollen. Bisher sei jedoch &bdquo;keines der beiden ePA-Aktensysteme von IBM und RISE &ndash; dort, wo die Gesundheitsdaten der Versicherten liegen &ndash; von der gematik zugelassen&ldquo;, schrieb vor zw&ouml;lf Tagen das Onlineportal <em>Heise<\/em>. Eigentlich sollten schon Mitte Oktober die Vertrauensw&uuml;rdige Ausf&uuml;hrungsumgebung (VAU) und die beiden Aktensysteme f&uuml;r Tests zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p><p><strong>Kollateralnutzen<\/strong><\/p><p>Auch sonst lauert offenbar ein ganzes Rudel an Unw&auml;gbarkeiten. So k&ouml;nnen zum Beispiel Bilddaten in den Formaten JPG und PNG zun&auml;chst nicht in die ePA eingestellt werden. Am 15. Januar werde es &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/news\/Entwickler-zu-E-Patientenakte-Ab-Januar-dunkelgruene-Schrumpelbananensoftware-10009231.html\">&bdquo;dunkelgr&uuml;ne Schrumpelbananensoftware&ldquo;<\/a> in den Praxen und Apotheken geben, zitierte <em>Heise<\/em> einen IT-Hersteller<em>. <\/em>Dabei hatten die &Auml;rzte schon im Fr&uuml;hjahr genug &Auml;rger mit der Umstellung auf das sogenannte E-Rezept. Die ePA biete noch viel mehr M&ouml;glichkeiten, Praxisabl&auml;ufe zu behindern, befand das Portal und verwies auf Bef&uuml;rchtungen, mit der sogenannten Innovation drohe demn&auml;chst die &bdquo;digitale Schriftenrolle&ldquo;.<\/p><p>Aber wenn alles so schlecht l&auml;uft und vor allem beim Datenschutz so vieles im Argen liegt, warum zieht die Regierung dann nicht die Rei&szlig;leine? Antwort: Weil die Profiteure des Projekts so m&auml;chtig sind und mit den Hufen scharren. Anders ausgedr&uuml;ckt: Der &bdquo;Prim&auml;rnutzen&ldquo; liegt bei den Pharmakonzernen und privaten Gesundheitsdienstleistern, wogegen m&ouml;gliche Vorteile f&uuml;r die Patienten bestenfalls als &bdquo;Kollateralnutzen&ldquo; zu betrachten sind. Die M&ouml;glichkeit, demn&auml;chst zu &bdquo;Forschungszwecken&ldquo; an gewaltige Datens&auml;tze von mithin 70 Millionen Versicherten zu gelangen, &ouml;ffnet bisher unbekannte Profitquellen. Und um medizinischen Fortschritt geht es dabei allenfalls als nette Begleiterscheinung.<\/p><p>&bdquo;<strong>Nebenwirkung Tod&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wer sich seine Illusionen &uuml;ber das Gesundheitssystem in den kapitalistischen Zentren dieser Welt nehmen lassen will, sollte das Buch <a href=\"https:\/\/www.buecher.de\/artikel\/buch\/nebenwirkung-tod\/36046795\/\">&bdquo;Nebenwirkung Tod&ldquo;<\/a> des inzwischen verstorbenen John Virapen lesen. Der packte darin 2007 als Ex-Topmanager des US-Konzerns Eli Lilly &uuml;ber die Machenschaften seines fr&uuml;heren Arbeitgebers aus. Geschildert wird ein R&auml;derwerk aus Bestechung und Korruption, mit dem &Auml;rzteschaft, Versicherungen und Wissenschaft zu Gesch&auml;ftszwecken eingespannt wurden. In Stichpunkten: Hochgef&auml;hrliche Medikamente fanden auf den Markt, nachdem in klinischen Studien etliche Todesf&auml;lle zu beklagen, aber systematisch vertuscht worden waren. Trotz selbstm&ouml;rderischer und amoklaufender Patienten wurden die fraglichen Pr&auml;parate unter den zugedr&uuml;ckten Augen der Aufsichtsbeh&ouml;rden jahrelang weiter vertrieben. Vermeintlich innovative Produkte waren reine Zufallsfunde, weil sich in Studien Nebenwirkungen pl&ouml;tzlich als vermarktungsf&auml;hig herausstellten (Fettabbau). Schon existente Wirkstoffe wurden minimal &ndash; etwa durch Ver&auml;nderung nur eines Molek&uuml;ls und ohne jeden Zusatznutzen &ndash; aufgepeppt, um ein neues Patent zu ergattern, das jahrelang die Kasse klingeln lie&szlig;. Laut Virapen waren dies keine singul&auml;ren Ausrutscher, sondern das g&auml;ngige Gesch&auml;ftsmodell der gesamten Branche. Diese streiche ihre Gewinne nicht damit ein, Menschen gesund zu machen, sondern sie krank zu machen und zu erhalten, lautete sein Fazit.<\/p><p>Die <em>NachDenkSeiten<\/em> hatten j&uuml;ngst &uuml;ber Vorw&uuml;rfe gegen Eli Lilly berichtet, das Unternehmen habe sich seine Entscheidung zur <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123185\">Ansiedlung im rheinland-pf&auml;lzischen Alzey<\/a> durch ein Gesetz der Ampelregierung vergelten lassen, das ihm das Geldverdienen leichter macht. Das w&uuml;rde ins Bild passen. Nach Angaben der Organisation f&uuml;r Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verschlingt das deutsche Gesundheitssystem mit <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/2024-11\/lebenserwartung-oecd-eu-deutschland-gesundheit-ausgaben\">Pro-Kopf-Ausgaben von 5.300 Euro und damit 50 Prozent &uuml;ber dem EU-Schnitt<\/a> europaweit das meiste Geld. Zugleich ist die Lebenserwartung seiner Bev&ouml;lkerung mit im Mittel 81,2 Jahren erstmals unter das EU-Mittel gerutscht. Daraus l&auml;sst sich schlie&szlig;en: Die Ausgaben landen &uuml;ber das &uuml;bliche Ma&szlig; hinaus als Profite bei Klinikkonzernen, Pharmaunternehmen und sonstigen Gesundheitsdienstleistern, ohne jeden Mehrwert f&uuml;r die Volksgesundheit &ndash; im Gegenteil.<\/p><p><strong>Gru&szlig; von der Dystopie<\/strong><\/p><p>Trotzdem braucht die Republik angeblich noch mehr Innovation und bekommt sie prompt, dank ePA. Bei der geballten Lobbymacht der Industrie nimmt es auch nicht wunder, wenn die beim FDZ lagernden Datensch&auml;tze ziemlich lausig gesichert werden. Die k&uuml;nftig zu Forschungszwecken vergebenen Daten sollen laut Gesetz lediglich pseudonymisiert und nicht anonymisiert werden. Fachleute beklagen, damit lie&szlig;en sich die Informationen mit blo&szlig; geringem Aufwand der zugeh&ouml;rigen Einzelperson zuordnen. Au&szlig;erdem m&uuml;ssen die Empf&auml;nger den Nachweis, wie und wof&uuml;r sie die Daten verwendet haben, erst nach zwei Jahren nachliefern. F&uuml;r den Fall eines Datenmissbrauchs droht der Gesetzgeber mit dem Wurf von Watteb&auml;llchen: Dann w&auml;re ein Nutzungsverbot von maximal zwei Jahren f&auml;llig.<\/p><p>Die Risiken seien betr&auml;chtlich, warnte Datensch&uuml;tzer Weichert in seiner <a href=\"https:\/\/bigbrotherawards.de\/2024\/bundesgesundheitsminister-karl-lauterbach\">&bdquo;Lobrede&ldquo;<\/a> auf Lauterbach. Die Daten k&ouml;nnten in die H&auml;nde von Adressh&auml;ndlern gelangen und die Krankenkassen versucht sein, Patienten hinter dem R&uuml;cken ihrer &Auml;rzte zu g&uuml;nstigeren Therapien zu &uuml;berreden. Man k&ouml;nne den Bogen auch &bdquo;ins Dystopische&ldquo; spannen: &bdquo;Wer kann k&uuml;nftig ausschlie&szlig;en, dass Versicherungsunternehmen oder Arbeitgeber aus solchen Daten ablesen, wer zum Beispiel wegen einer Depression behandelt wurde oder einen spezifischen Gendefekt hat?&ldquo; Zudem k&auml;me die Infrastruktur f&uuml;r die Datenbereitstellung vom Staat, &bdquo;die Profite kommen der Industrie zugute&ldquo;. Die Betroffenen w&uuml;rden &bdquo;weder informiert, geschweige denn gefragt&ldquo;.<\/p><p>Zum Abschluss gr&uuml;&szlig;te Weichert den Abwesenden mit einem Zwinkern: &bdquo;Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch, Gesundheitsminister Professor Dr. Karl Lauterbach.&ldquo; Man m&ouml;chte hinzuf&uuml;gen: &bdquo;Und bleiben Sie gesund!&ldquo;<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125164\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Nan_Got\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/52deaf875e734f20be88cceaf974dab5\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Jahreswechsel bekommt jeder Versicherte eine elektronische Patientenakte aufgedr&uuml;ckt. Nur wer aktiv widerspricht, bleibt verschont und vielleicht unbehelligt. Dem gro&szlig;en Rest verspricht Bundesminister Lauterbach optimale Versorgung und medizinische Innovation, in einem Land, dessen Bev&ouml;lkerung nicht mehr &auml;lter wird und welches das europaweit teuerste Gesundheitssystem beheimatet. Wohin das ganze Geld wohl wandert? Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125005\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":125006,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,149,150],"tags":[2344,2033,850,1379,562,438],"class_list":["post-125005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-gesundheitspolitik","category-verbraucherschutz","tag-bigbrotheraward","tag-datenhandel","tag-datenschutz","tag-krankenkassen","tag-lauterbach-karl","tag-pharmaindustrie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/Shutterstock_2284179983.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=125005"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125005\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125224,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125005\/revisions\/125224"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/125006"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=125005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=125005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=125005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}