{"id":125010,"date":"2024-11-22T13:09:14","date_gmt":"2024-11-22T12:09:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125010"},"modified":"2024-11-22T16:37:17","modified_gmt":"2024-11-22T15:37:17","slug":"weltpolitik-als-schachspiel-was-sich-von-zbigniew-brzezinski-heute-noch-lernen-laesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125010","title":{"rendered":"Weltpolitik als Schachspiel: Was sich von Zbigniew Brzezi\u0144ski heute noch lernen l\u00e4sst"},"content":{"rendered":"<p>Wer verstehen will, was gespielt wird, sollte dieses Buch lesen, gerade auch, wenn sich inzwischen manches ver&auml;ndert hat. Im amerikanischen Original hie&szlig; es tats&auml;chlich &bdquo;The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives&ldquo;. 1997 erstmals in den USA erschienen, kam es 1999 mit einem Vorwort Hans-Dietrich Genschers unter dem Titel &bdquo;Die einzige Weltmacht&ldquo; auf Deutsch heraus, erreichte bei S. Fischer mehrere Auflagen, war bald vergriffen. Jetzt wurde es vom Nomen Verlag wieder auf den Markt gebracht. Eine faszinierende Mischung von strategischem Scharfsinn und geopolitischer &Uuml;berheblichkeit. Aber Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1566\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-125010-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=125010-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241122-Weltpolitik-als-Schachspiel-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Als US-amerikanischer Geostratege ist Zbigniew Brzezi&#324;ski (1928-2017) nach dem Zweiten Weltkrieg von immensem Einfluss gewesen. Von 1966 bis 1968 war er Wahlkampf-Berater Lyndon B. Johnsons und von 1977 bis 1981 Sicherheitsberater von US-Pr&auml;sident Jimmy Carter. Er war Professor f&uuml;r US-amerikanische Au&szlig;enpolitik an der School of Advanced International Studies (SAIS) der Johns Hopkins University in Washington, D.C., Berater am &bdquo;Zentrum f&uuml;r Strategische und Internationale Studien&ldquo; (CSIS) in Washington, D.C. und stellvertretender Vorsitzender der National Advisory Task Force von Pr&auml;sident George Bush senior, zudem Unternehmensberater f&uuml;r mehrere gro&szlig;e US-amerikanische und internationale Firmen.<\/p><p>Viele seiner geopolitischen Analysen d&uuml;rften regierungsintern geblieben sein, sodass wir in seinen Buchver&ouml;ffentlichungen wohl nur die Spitze des Eisbergs sehen. Deren antikommunistische Zielrichtung entsprach US-amerikanischer Politik und hatte zudem einen pers&ouml;nlichen Hintergrund. 1928 in Warschau als Sohn des Diplomaten Tadeusz Brzezi&#324;ski geboren, hat er aus der Zeit der stalinistischen S&auml;uberungen in seiner Familie tiefe Aversionen mitgebracht. Zudem stammte das Adelsgeschlecht der Brzezi&#324;skis aus der Stadt Brze&#380;any, die 1945 von der Sowjetunion annektiert und der Ukrainischen SSR angegliedert wurde.<\/p><p>W&auml;re der Autor einfach nur ein ideologischer Scharfmacher gewesen, k&ouml;nnte man sich die Lekt&uuml;re sparen. Erhellend ist sie indes allein schon, weil sie so konsequent der im deutschen Titel benannten Zielrichtung folgt: &bdquo;Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft und der Kampf um Eurasien&ldquo;. Erhellend, weil es diesbez&uuml;glich eine verbreitete Traumverlorenheit gibt, zumal im Westen Deutschlands, wo die USA nach dem Zweiten Weltkrieg als Schutzmacht und Freiheitsbringer wahrgenommen wurden &ndash; gegen den von der UdSSR dominierten Osten, wo der Versuch einer Gesellschaft ohne kapitalistische Ausbeutung letztlich scheiterte. <\/p><p>Ein Ende des Kalten Krieges erschien verhei&szlig;ungsvoll. Doch der Traum von einem gemeinsamen europ&auml;ischen Haus zerschellte f&uuml;r den sowjetischen Pr&auml;sidenten Gorbatschow ebenso wie f&uuml;r viele andere Menschen, die sich ein Ende der Konfrontationen in der Welt erhofft hatten. Dass dies jenseits des Atlantiks als Freibrief empfunden wurde, die eigenen Interessen als &bdquo;einzige Weltmacht&ldquo; umso rigider durchzusetzen, ist f&uuml;r Leser der <em>NachDenkSeiten<\/em> nicht neu. Aber im vorliegenden Buch werden diese weltweiten Hegemoniebestrebungen strategisch und taktisch derma&szlig;en detailliert analysiert, dass ich es immer wieder f&uuml;r verwunderlich hielt, wie sowas an die &Ouml;ffentlichkeit gekommen ist. <\/p><p><strong>Die Ukraine als &bdquo;geopolitischer Dreh- und Angelpunkt&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wer zum Beispiel hierzulande noch glaubt, dass es sich beim Krieg in der Ukraine um einen Konflikt zwischen zwei Staaten handelt, von denen der gr&ouml;&szlig;ere den kleineren aus heiterem Himmel &uuml;berfiel und nun im Sinne von Humanit&auml;t und V&ouml;lkerrecht mit allen Mitteln zur&uuml;ckzudr&auml;ngen ist, sollte dieses Buch lesen. Schon 1997 ist darin die besondere Bedeutung der Ukraine als &bdquo;ein neuer und wichtiger Raum auf dem europ&auml;ischen Schachbrett&ldquo; hervorgehoben, damit auf dem einst sowjetischen Gebiet kein erneuertes Imperium entstehen k&ouml;nne.<\/p><p>F&uuml;r die USA sei sie &bdquo;ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt&ldquo;, weil ihre blo&szlig;e Existenz als unabh&auml;ngiger Staat zur Transformation Russlands beitragen w&uuml;rde. &bdquo;Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr. Es kann trotzdem nach einem imperialen Status streben, w&uuml;rde aber dann ein vorwiegend asiatisches Reich werden, das aller Wahrscheinlichkeit nach in l&auml;hmende Konflikte mit aufbegehrenden Zentralasiaten hineingezogen w&uuml;rde &hellip; Wenn Moskau allerdings die Herrschaft &uuml;ber die Ukraine mit ihren 52 Millionen Menschen, bedeutenden Bodensch&auml;tzen und dem Zugang zum Schwarzen Meer wiedergewinnen sollte, erlangte Russland automatisch die Mittel, ein m&auml;chtiges Europa und Asien umspannendes Reich zu werden. Verl&ouml;re die Ukraine ihre Unabh&auml;ngigkeit, so h&auml;tte das unmittelbare Folgen f&uuml;r Mitteleuropa und w&uuml;rde Polen zu einem geopolitischen Angelpunkt an der Ostgrenze eines vereinten Europas werden lassen.&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Schon 1997, wie gesagt, gab es den Plan einer Ukraine-Front. Die Ausdehnung der EU, so Brzezi&#324;ski, w&uuml;rde zwar eine europ&auml;ische Entscheidung sein, f&uuml;r die NATO-Entscheidung indes sei die &bdquo;Stimme der USA &hellip; noch immer ma&szlig;gebend&ldquo;. Da w&uuml;rde es bald auch um den Status der Ukraine gehen. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Noch ist Jelzin-Zeit, und eine m&ouml;gliche Anwartschaft Russlands, in westliche Strukturen aufgenommen zu werden, steht im Raum. &bdquo;Aber was w&auml;re dann mit der Ukraine?&ldquo;, zweifelt Brzezi&#324;ski. &bdquo;Russlands innenpolitische Erholung ist die wesentliche Voraussetzung f&uuml;r seine Demokratisierung und letztlich f&uuml;r seine Europ&auml;isierung. Aber jede Erholung seines imperialen Potenzials w&auml;re beiden Zielen abtr&auml;glich.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Den Zerfall der Sowjetunion sieht der Autor sowohl mit Genugtuung als auch mit einer viel gr&ouml;&szlig;eren Sensibilit&auml;t als andere, was die Folgen betrifft. Er hat durchaus eine Antenne f&uuml;r &bdquo;den historischen Schock, den die Russen erlitten&ldquo; und auch f&uuml;r ihre gemeinsame &bdquo;panslawische Identit&auml;t&ldquo; mit der Ukraine [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]. Er f&uuml;hlt nach, was der Verlust der Ukraine mit ihren &bdquo;52 Millionen Menschen, die den Russen ethnisch und religi&ouml;s nahe genug standen, um Russland zu einem wirklich gro&szlig;en und selbstsicheren imperialen Staat zu machen&ldquo;, [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] geostrategisch, wirtschaftlich und politisch-emotional bedeutet. Und er gibt russischen Analytikern sogar recht, &bdquo;dass die USA in ganz Eurasien eine Reorganisation der zwischenstaatlichen Beziehungen anstrebten&ldquo; &ndash; ohne eine f&uuml;hrende Macht, sondern mit vielen einzelnen, die sogar &bdquo;im Kollektiv den Vereinigten Staaten zwangsl&auml;ufig unterlegen seien&ldquo;. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]<\/p><p>Teile und herrsche. Schon sp&auml;testens seit 1994 (als Berater Clintons muss er es ja wissen) habe es in den USA eine &bdquo;zunehmende Tendenz&ldquo; gegeben, den amerikanisch-ukrainischen Beziehungen h&ouml;chste Priorit&auml;t beizumessen und der Ukraine ihre neue nationale Freiheit bewahren zu helfen&ldquo;. [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Dass dies eine gef&auml;hrliche Politik war &ndash; hier findet sich schon eine vage Ahnung. Wie sie damals von Helmut Kohl unterst&uuml;tzt worden ist, war mir bislang nicht bewusst. &bdquo;Auch amerikanische Politiker bezeichneten das amerikanisch-ukrainische Verh&auml;ltnis nun als eine &sbquo;strategische Partnerschaft&lsquo; und bedienten sich dabei bewusst desselben Begriffs, mit denen sie die Beziehungen der USA zu Russland beschrieben hatten.&ldquo; [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>Aber &bdquo;Russland war einfach zu r&uuml;ckst&auml;ndig und durch den Kommunismus zu heruntergewirtschaftet, um ein brauchbarer demokratischer Partner der Vereinigten Staaten zu sein. &Uuml;ber dieses Kernproblem konnte auch keine vollmundige Partnerschaftsrhetorik hinwegt&auml;uschen.&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Es ist tats&auml;chlich frappierend, mit welcher Offenheit diese absichtsvolle T&auml;uschung hier zugegeben wird und mit welcher Herablassung das geschieht. Wie sich der Ukraine-Konflikt ab 2014 zuspitzen w&uuml;rde, hat Brzezi&#324;ski wohl dennoch nicht in aller Deutlichkeit vorausgesehen. In einem Artikel f&uuml;r die <em>Washington Post<\/em> am 3. M&auml;rz 2014 schl&auml;gt er eine Doppelstrategie vor: Androhung milit&auml;rischer St&auml;rke seitens des Westens und gleichzeitig Beschwichtigung, indem man Russland versichert, dass die Ukraine nicht in die NATO hineingezogen w&uuml;rde.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] <\/p><p>Aber was derlei Versicherungen betraf, waren die Russen doch l&auml;ngst schon gebrannte Kinder. Dass der Ukraine ein NATO-Beitritt schon zwischen 2005 bis 2010 in Aussicht gestellt worden ist, wie hier verlautet, d&uuml;rfte auch Moskau nicht entgangen sein.<\/p><p><strong>Klartext, auch was Deutschland betrifft<\/strong><\/p><p>Man staunt wirklich: Das Buch h&auml;tte eigentlich das Zeug zu einem Geheimpapier gehabt, welches keinesfalls politischen Widersachern vor Augen kommen soll. So aber konnte man es sich vielerorts auf der Welt zu Gem&uuml;te f&uuml;hren. In russischer &Uuml;bersetzung kam es 1999 unter dem Titel &bdquo;Velikaja schachmatnaja doska&ldquo; heraus und ist problemlos im Internet nachzulesen. Nat&uuml;rlich ist es faszinierend, sich Weltpolitik als gro&szlig;es Schachspiel vorzustellen. Wie Zbigniew Brzezi&#324;ski diese intellektuelle Herausforderung genoss, die ihn anderen auch &uuml;berlegen macht, ist nachzuvollziehen, und man hat beim Lesen daran teil. Doch welche &Uuml;berheblichkeit, Staaten wie Spielfiguren zu behandeln! Ob Widersacher oder Vasall, sie werden charakterisiert, ob es ihnen so gef&auml;llt oder nicht. Armenier und Bulgaren, Chinesen und Esten, Franzosen und Georgier, Inder und Iraner, Japaner und Kasachen, Letten und Mongolen, &Ouml;sterreicher und Polen, Tadschiken und T&uuml;rken &hellip; &ndash; aus US-amerikanischer Sicht scheint die Rangordnung unstrittig. Das muss man sich zu Gem&uuml;te f&uuml;hren. Wer noch nicht aus dem &bdquo;American Dream&ldquo; erwacht ist, den Brzezi&#324;ski der &bdquo;Soft Power&ldquo; zuordnet, wer noch irgendwelche transatlantischen Illusionen hegt, der braucht dieses Buch geradezu, um zu Besinnung zu kommen.<\/p><p>Die drei Imperative imperialer Geostrategie werden klar benannt: &bdquo;Absprachen zwischen den Vasallen zu verhindern und ihre Abh&auml;ngigkeit in Fragen der Sicherheit zu bewahren, die tributpflichtigen Staaten f&uuml;gsam zu halten und zu sch&uuml;tzen sowie daf&uuml;r zu sorgen, dass sich die &sbquo;Barbarenv&ouml;lker&lsquo; nicht zusammenschlie&szlig;en.&ldquo; [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Und wo ist Deutschlands Platz? Auf rund 50 Seiten wird man f&uuml;ndig und muss die Herablassung wohl akzeptieren. &bdquo;Musterknaben&ldquo; im europ&auml;ischen Br&uuml;ckenkopf werden wir genannt. Weil wir auf &bdquo;historische Reinigung&ldquo; aus sind, wird uns die Auss&ouml;hnung mit Polen zugutegehalten. [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] &bdquo;Selbst Deutschland lie&szlig;e sich vielleicht dazu verleiten, eine franz&ouml;sische F&uuml;hrungsrolle in einem vereinten aber (von Amerika) unabh&auml;ngigen Europa zu akzeptieren, doch nur, wenn es in Frankreich tats&auml;chlich eine Weltmacht s&auml;he, die Europa die Sicherheit verschaffen k&ouml;nnte, die es selbst nicht gew&auml;hrleisten kann, wohl aber die USA.&ldquo; [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] <\/p><p>Was die die Bestrebungen der USA und die unsrigen indes im Grundlegenden trennt, belegt ein weiteres Zitat: &bdquo;Sich selbst &uuml;berlassen, laufen die Europ&auml;er Gefahr, von ihren sozialen Problemen v&ouml;llig vereinnahmt zu werden.&ldquo; Die Kosten der alle Bereiche erfassenden Ausweitung des sozialstaatlichen Systems, das Eigenverantwortlichkeit kleinschreibt&ldquo;, w&uuml;rden sich &ouml;konomisch und politisch sch&auml;digend auswirken. &bdquo;Kulturelle Lethargie, eine Kombination von eskapistischem Hedonismus und geistiger Leere&ldquo; k&ouml;nnten von &bdquo;nationalistischen Extremisten oder dogmatischen Ideologen ausgenutzt werden&ldquo;. [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] Solche Einlassungen gegen das, was vom Sozialstaat noch &uuml;brig ist, werden wir in Zukunft wohl noch h&auml;ufiger zu h&ouml;ren bekommen. <\/p><p>&bdquo;Man kann nur w&uuml;nschen, dass sich die Einsicht von der Gleichwertigkeit Europas im amerikanischen Denken allgemein durchsetzt&ldquo;, schreibt Hans-Dietrich Genscher im Vorwort zur deutschen Ausgabe. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] Fein diplomatisch: Als Vasall ist man Kummer gewohnt. Was w&uuml;rde er heute sagen? Werden die USA unter Trump auf unsere politischen und wirtschaftlichen Interessen noch weniger R&uuml;cksicht nehmen als unter seinen demokratischen Vorg&auml;ngern? &bdquo;Ich habe Nord-Stream 1 gestoppt&ldquo;, gab Trump vor seiner Wahl zum Besten. [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] Inwieweit da etwas Wahres dran ist oder nicht, auf jeden Fall hat Deutschland sich auf lange Sicht durch die Wirtschaftssanktionen gegen Russland geschadet. Die USA profitieren durch die Lieferung von umweltsch&auml;dlich gewonnenem Fl&uuml;ssiggas und werden k&uuml;nftig bei der Durchsetzung ihrer nationalen Interessen noch weniger Skrupel kennen.<\/p><p>&bdquo;Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern&ldquo;, stellte schon Zbigniew Brzezi&#324;ski fest. Zwar f&uuml;gt er hinzu, dass dies &bdquo;kein gesunder Zustand&ldquo; sei [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>], meint aber damit nicht mehr Eigenst&auml;ndigkeit f&uuml;r uns, was innerhalb der EU auch zugegebenerma&szlig;en schwierig w&auml;re. Ein &bdquo;gesunder Zustand&ldquo; w&auml;re aus seiner Sicht vielmehr, dass alle im US-Interesse handeln, ohne dass man sie beaufsichtigen m&uuml;sste. Als Anh&auml;nger der US-Demokraten ist der Autor guten Gewissens, f&uuml;r Freiheit und Frieden zu stehen, wie sie die USA aus seiner Sicht f&uuml;r die Welt garantieren k&ouml;nnten, wenn ihr Platz als &bdquo;einzige Weltmacht&ldquo; nicht immer wieder angefochten w&uuml;rde. Dass dies irgendwie geschehen k&ouml;nnte, hat Brzezi&#324;ski allerdings schon geahnt.<\/p><p><strong>Ohne ein &bdquo;langfristiges Miteinander&ldquo; geht es nicht<\/strong><\/p><p>Im Nachwort von 2016 gibt Brzezi&#324;ski zu, dass &bdquo;Amerika sowohl im In- als auch im Ausland als geschw&auml;cht wahrgenommen&ldquo; wird, sich &bdquo;Russland in die vorderste Linie des Weltgeschehens dr&auml;ngt&ldquo; [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] und China sich als &bdquo;neu entstehende Weltmacht&ldquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] entwickelt. &bdquo;Die einzige Sache, die wirklich niemand will, ist, dass sich Russland und China verb&uuml;nden.&ldquo; [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] Was Donald Trump in Arizona bei einem seiner letzten Wahlkampfauftritte sagte, ist also nicht neu. Dass Russland und China nun im Bunde sind, legt er seinem Vorg&auml;nger Biden zur Last. Henry Kissinger (1923-2023) hatte kurz vor seinem Tod gesagt: &bdquo;Die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r den Weltfrieden? Das sei eine Konfrontation zwischen den USA und China.&ldquo; [<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] <\/p><p>Und auch Brzezi&#324;ski war klug genug, vor einer wirklichen Kollision zur&uuml;ckzuweichen. Am&uuml;sant beim Lesen zu beobachten, welchen Zickzack-Kurs er einschl&auml;gt: Eben noch siegesgewiss am &bdquo;Schachbrett&ldquo;, kommt ihm dann doch zu Bewusstsein, dass es noch andere Spieler gibt, deren Selbstbewusstsein w&auml;chst. Umso eindringlicher mahnt er im &bdquo;Ausblick&ldquo; von 2016 L&ouml;sungen an &ndash; f&uuml;r ein &bdquo;langfristiges Miteinander aller drei Seiten &hellip; China, dem Problem der Zukunft, Russland, dem Unruhestifter der Gegenwart, und den Vereinigten Staaten, der alternden Supermacht, gefangen in den schlechten Gewohnheiten seiner Geschichte&ldquo;. [<a href=\"#foot_22\" name=\"note_22\">22<\/a>] <\/p><p>Ob vor dem Hintergrund einer neu entstehenden multipolaren Weltordnung eine Untersuchung wie die von Brzezi&#324;ski &uuml;berholt und somit obsolet geworden w&auml;re? Im Gegenteil! Erstens sind die hier beschriebenen hegemonialen Bestrebungen noch l&auml;ngst nicht vom Tisch &ndash; in einer zunehmend krisenhaften Situation unter Pr&auml;sident Trump k&ouml;nnten sie noch sch&auml;rfere Formen annehmen &ndash; und zweitens bietet das Buch eine Schulung in geostrategischem Denken. In einer Rationalit&auml;t, die gerade heutigen US-h&ouml;rigen deutschen &bdquo;Musterknaben&ldquo; (und -schwestern) verloren gegangen ist, sodass sie als Moralapostel international schon nicht mehr ernst genommen werden. <\/p><p>Aber: &bdquo;In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erz&auml;hlt.&ldquo; [<a href=\"#foot_23\" name=\"note_23\">23<\/a>] &ndash; Was Egon Bahr am 3.&nbsp;Dezember 2013 bei einer &bdquo;Willy-Brandt-Lesewoche&ldquo; vor 45 Gymnasiasten in Heidelberg sagte, h&auml;tte wohl sogar Brzezi&#324;skis Zustimmung gefunden. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft und der Kampf um Eurasien. &Uuml;bersetzung Angelika Beck. Vorwort Hans-Dietrich Genscher. Nomen Verlag, 295 S., br., 20 &euro;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: zef art\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht, S. 70<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] ebenda, S. 76<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] ebenda, S. 78<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] ebenda, S. 125<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] ebenda, S. 128<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] ebenda, S. 143<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] ebenda, S. 143<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] ebenda, S. 155<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] ebenda, S. 144<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/zbigniew-brzezinski-after-putins-aggression-in-ukraine-the-west-must-be-ready-to-respond\/2014\/03\/03\/25b3f928-a2f5-11e3-84d4-e59b1709222c_story.html\">washingtonpost.com\/opinions\/zbigniew-brzezinski-after-putins-aggression-in-ukraine-the-west-must-be-ready-to-respond\/2014\/03\/03\/25b3f928-a2f5-11e3-84d4-e59b1709222c_story.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht, S.62<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] ebenda, S. 90<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] ebenda, S. 94<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] ebenda, S. 104f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] ebenda, S. 13<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/donald-trump-nord-stream-2-kreml-reagiert-li.2267990\">berliner-zeitung.de\/news\/donald-trump-nord-stream-2-kreml-reagiert-li.2267990<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht, S. 86ff<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] ebenda, S. 286<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] ebenda, S. 288<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/politik\/international-politics\/donald-trump-will-russland-von-china-trennen-experten-zweifeln\/\">businessinsider.de\/politik\/international-politics\/donald-trump-will-russland-von-china-trennen-experten-zweifeln\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article245512784\/Kissinger-Ich-bin-uebrigens-nicht-der-Meinung-dass-alle-Schuld-bei-Putin-liegt.html\">welt.de\/politik\/ausland\/article245512784\/Kissinger-Ich-bin-uebrigens-nicht-der-Meinung-dass-alle-Schuld-bei-Putin-liegt.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_22\" name=\"foot_22\">&laquo;22<\/a>] Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht, S. 289<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_23\" name=\"foot_23\">&laquo;23<\/a>] <a href=\"https:\/\/schicketanz.eu\/2016-08-egon-bahr-es-geht-um-interessen\">schicketanz.eu\/2016-08-egon-bahr-es-geht-um-interessen<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/c7364477f4d244cf9ac9e639e1a6ada0\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer verstehen will, was gespielt wird, sollte dieses Buch lesen, gerade auch, wenn sich inzwischen manches ver&auml;ndert hat. Im amerikanischen Original hie&szlig; es tats&auml;chlich &bdquo;The Grand Chessboard: American Primacy and Its Geostrategic Imperatives&ldquo;. 1997 erstmals in den USA erschienen, kam es 1999 mit einem Vorwort Hans-Dietrich Genschers unter dem Titel &bdquo;Die einzige Weltmacht&ldquo; auf Deutsch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125010\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":125011,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,208],"tags":[1206,379,2102,1426,2529,3276,259,260,1556],"class_list":["post-125010","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-rezensionen","tag-brzezinski-zbigniew","tag-china","tag-geostrategie","tag-hegemonie","tag-imperialismus","tag-multipolare-welt","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/shutterstock_2201464309.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125010","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=125010"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125010\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125187,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125010\/revisions\/125187"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/125011"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=125010"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=125010"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=125010"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}