{"id":12509,"date":"2012-03-13T08:59:32","date_gmt":"2012-03-13T07:59:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12509"},"modified":"2015-02-03T11:32:10","modified_gmt":"2015-02-03T10:32:10","slug":"die-ermachtigung-des-herrn-gauck-oder-die-spate-rache-der-ehemaligen-ddr-an-der-alten-bundesrepublik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12509","title":{"rendered":"Die \u201eErm\u00e4chtigung\u201c des Herrn Gauck oder die sp\u00e4te Rache der ehemaligen DDR an der alten Bundesrepublik"},"content":{"rendered":"<p>Am 18. M&auml;rz wird der elfte Bundespr&auml;sident der Bundesrepublik Deutschland gew&auml;hlt. Anders als vor knapp zwei Jahren als Christian Wulff sich gegen Joachim Gauck erst im dritten Wahlgang durchsetzen konnte, d&uuml;rfte der neue Bundespr&auml;sident schon bei der ersten Abstimmung eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Stimmen aus der Bundesversammlung bekommen. Joachim Gauck hat die Unterst&uuml;tzung der F&uuml;hrungsgremien von CDU, CSU, FDP, SPD und der Gr&uuml;nen. Die von diesen Parteien entsandten Wahlleute stellen 1.100 der 1.240 Mitglieder der Bundesversammlung. Selbst wenn einige Wahlm&auml;nner oder Wahlfrauen Joachim Gauck nicht w&auml;hlen wollen oder k&ouml;nnen, wird die von der Partei die LINKE benannte Gegenkandidatin Beate Klarsfeld keinerlei Chance haben, denn nach aller Erfahrung folgen die Wahlleute bei der Stimmabgabe den Empfehlungen ihrer Parteif&uuml;hrungen. Wenn sie allerdings Gaucks Texte und Reden lesen w&uuml;rden, dann m&uuml;ssten zumindest die Sozialdemokraten, die Gr&uuml;nen und jene vom Arbeitnehmerfl&uuml;gel der Union gegen ihn stimmen, wenigstens im ersten Wahlgang. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAnders als alle seine Vorg&auml;nger im h&ouml;chsten Staatsamt hat Gauck kein politisches Spitzenamt inne gehabt, aus dessen Aus&uuml;bung sich die Mitglieder der Bundesversammlung ein Bild &uuml;ber den Stil und vor allem &uuml;ber das tats&auml;chliche politische Handeln des zur Wahl stehenden Kandidaten machen k&ouml;nnten. Gaucks fr&uuml;here T&auml;tigkeit ab 1990 als &bdquo;Sonderbeauftragter der Bundesregierung&ldquo; und ein Jahr sp&auml;ter als &bdquo;Bundesbeauftragter f&uuml;r die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR&ldquo; &ndash; ein Amt, das er zehn Jahre lang aus&uuml;bte &ndash; lie&szlig; angesichts dessen Zust&auml;ndigkeit nur einen begrenzten Einblick auf das Denken und Handeln des neuen Bundespr&auml;sidenten zu. <\/p><p>So viel l&auml;sst sich aber &uuml;ber diese Amtsaus&uuml;bung sagen: Man kann Verst&auml;ndnis daf&uuml;r aufbringen, dass sich Gauck angesichts seiner pers&ouml;nlichen Erfahrungen in der ehemaligen DDR auf die Seite der Opfer der Stasi stellte, aber es war nicht sein Auftrag, Ankl&auml;ger und Richter zugleich zu sein und es war schon gar nicht die Aufgabe seines Amtes moralische Urteile zu f&auml;llen. Gauck hat sich als Opfer verstanden und hat sich gleichzeitig zum Richter &uuml;ber die T&auml;ter aufgeschwungen. Es ist, wie wenn in einem Strafgerichtsverfahren der Staatsanwalt gleichzeitig der Richter w&auml;re. Aus einem, der aufkl&auml;ren sollte, wurde <a href=\"\/?p=5927\">ein J&auml;ger<\/a>. Dieses Verst&auml;ndnis hat ihn schon bei seiner ersten Kandidatur vor zwei Jahre gewiss nicht f&uuml;r das doch auf gesellschaftliche Integration und Ausgleich angelegte Amt eines Bundespr&auml;sidenten ausgezeichnet.  <\/p><p>Mit der Prominenz, die ihm durch seine damalige Gegenkandidatur gegen Christian Wulff zugewachsen ist, konnte Gauck seither als selbsternannter &bdquo;Demokratielehrer&ldquo; durch die Lande ziehen und dabei mit gro&szlig;er medialer Unterst&uuml;tzung Sympathien in breiten Teilen der Bev&ouml;lkerung erwerben. Dennoch: Joachim Gaucks Bild in der &Ouml;ffentlichkeit ist wesentlich von den Medien gepr&auml;gt, sowohl die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger als auch die Wahlleute k&ouml;nnen sich in ihrem Urteil &uuml;ber ihn im Wesentlichen nur auf das Medienecho und auf seine Worte st&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Niemand sollte sagen k&ouml;nnen, er habe es nicht gewusst, wem er seine Stimme gab<\/strong><\/p><p>Niemand sollte aber nach der Wahl sagen d&uuml;rfen, er habe nicht gewusst oder nicht wenigstens geahnt, wem er seine Stimme gegeben hat. Nur wenige Stunden nachdem sich die Koalition und die Oppositionsparteien SPD und Gr&uuml;ne auf Joachim Gauck als zuk&uuml;nftigen Bundespr&auml;sidenten festgelegt hatten, brachte der zur bertelsmannschen Verlagsgruppe Random House geh&ouml;rende K&ouml;sel-Verlag einen Text von ihm mit dem Titel &bdquo;Freiheit, Ein Pl&auml;doyer&ldquo; auf den Markt. Einen besseren Zeitpunkt, einen Bestseller zu landen, konnte es nicht geben. Tats&auml;chlich ist eine so d&uuml;nne und d&uuml;rftige Schrift f&uuml;r zehn Euro eher Betrug am Leser. Aber dennoch sollten wenigstens die Wahlleute, die politisch und weltanschaulich eher den Sozialdemokraten oder den Gr&uuml;nen zuneigen, sich der kleinen M&uuml;he unterziehen und sich das Gaucksche Pl&auml;doyer f&uuml;r die &bdquo;Freiheit&ldquo; (das auf einer Rede anl&auml;sslich des Neujahrsemfangs der Evangelischen Akademie Tutzing im Januar 2011 basiert) vor ihrer Stimmabgabe einmal zu Gem&uuml;te zu f&uuml;hren. Sie k&ouml;nnten dort authentisch nachlesen, wes Geistes Kind der neue Bundespr&auml;sident ist.  <\/p><p><strong> Freiheit, Verantwortung und Toleranz als &bdquo;globale Leitkultur&ldquo;<\/strong><\/p><p>&bdquo;Freiheit, Verantwortung und Toleranz&ldquo; sind f&uuml;r Gauck nicht nur seine pers&ouml;nlichen Grundwerte, sondern er verk&uuml;ndet diese Begriffstrias als die drei &bdquo;Wesensmerkmale&ldquo; als &bdquo;Grundlage einer globalen Leitkultur&ldquo; (S. 3). In der ihm eigenen Bescheidenheit, gibt sich Gauck nicht etwa mit einem pers&ouml;nlichen Vorschlag zufrieden, nein, seine Definition der Grundwerte soll gleich eine &bdquo;globale Leitkultur&ldquo; pr&auml;gen.  <\/p><p>Die Freiheitsidee findet sich in den Grundsatzprogrammen nahezu aller politischen Richtungen, deshalb ist f&uuml;r die Ausf&uuml;llung des Freiheitsbegriffs vor allem das Spannungsverh&auml;ltnis mit anderen Grundwerten entscheidend. F&uuml;r Gauck soll nicht mehr die aufkl&auml;rerische Parole der franz&ouml;sischen Revolution &bdquo;Freiheit, Gleichheit, Br&uuml;derlichkeit&ldquo; &ndash; die Grundlage der europ&auml;ischen Demokratie -, auch nicht die aus der Arbeiterbewegung stammende Losung &bdquo;Freiheit, Gleichheit, Solidarit&auml;t&ldquo; und es sollen auch nicht die nach wie vor auf dem Papier stehenden Grundwerte der CDU &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/partei\/15_3269.htm\">Freiheit, Solidarit&auml;t und Gerechtigkeit<\/a>&ldquo; das gesellschaftliche, ja sogar das globale Zusammenleben leiten. Sein Freiheitsbegriff steht im Spannungsverh&auml;ltnis zu pers&ouml;nlicher &bdquo;Verantwortung&ldquo; und einem  sehr eigent&uuml;mlichen Verst&auml;ndnis von Toleranz. <\/p><p><strong>Die Wertetrias der FDP<\/strong><\/p><p>Sucht man nach den geschichtlichen Wurzeln der Gauckschen Wertetrias, so liegt die Geistesverwandtschaft n&auml;her als man vielleicht denken mag: In der Bundessatzung der &bdquo;Freien Demokratischen Partei&ldquo; hei&szlig;t es in &sect; 1 Abs. 2: &bdquo;Die FDP ist die liberale Partei in Deutschland. Verpflichtendes Ziel f&uuml;r alle Liberalen ist die St&auml;rkung von <strong>Freiheit<\/strong> und <strong>Verantwortung<\/strong> des einzelnen. Die FDP steht f&uuml;r <strong>Toleranz<\/strong> und Weltoffenheit, f&uuml;r eine Ordnung der sozialen Marktwirtschaft und f&uuml;r den freiheitlichen Rechtsstaat.&ldquo; <\/p><p>Angesichts dieser programmatischen Gemeinsamkeit ist es nicht weiter erstaunlich, dass der FDP-Vorsitzende Philipp R&ouml;sler Gauck zum Kandidaten der &bdquo;Liberalen&ldquo; ausgerufen hat. Einen authentischeren Vertreter der Programmatik der FDP konnte er kaum finden. Die FDP d&uuml;rfte also ihre Freude an Gauck haben.<\/p><p>Auch wenn sich die CDU-Vorsitzende Angela Merkel aus Prestigegr&uuml;nden zun&auml;chst geziert hat, hat sie von Gauck als Kanzlerin und f&uuml;r ihre Partei nichts Anst&ouml;&szlig;iges zu bef&uuml;rchten, stehen doch &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; oder &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; bei den Christdemokraten l&auml;ngst nur noch auf Papier und diese Werte spielen allenfalls in Sonntagsreden beim Arbeitnehmerfl&uuml;gel noch eine Rolle. In der praktischen Politik hat sich die CDU-gef&uuml;hrte Regierung von diesen beiden Grundwerten seit Jahren verabschiedet. Jedenfalls d&uuml;rfte man M&uuml;he haben, irgendeine politische Entscheidung der letzten Zeit zu finden, die mit Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t in Einklang zu bringen w&auml;re. <\/p><p>Was meinen aber die Sozialdemokraten, f&uuml;r die doch &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; &ndash; also die Bereitschaft der Menschen, f&uuml;reinander einzustehen und sich gegenseitig zu helfen &ndash; erst die Macht zur Ver&auml;nderung hin zu mehr Freiheit und gleichen Lebenschancen darstellt? Oder wie stellen sich die Gr&uuml;nen dazu, dass der Grundsatz der &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo; f&uuml;r Gauck keine tragende Rolle spielt?<\/p><p><strong>Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied<\/strong><\/p><p>Gauck entwickelte seinen Freiheitsbegriff &ndash; wie er selbst schreibt &ndash; als &bdquo;Insasse&ldquo; (S.20) der ehemaligen DDR als &bdquo;Sehnsucht&ldquo; in seinen Gedanken. &bdquo;Freiheit&ldquo; als &bdquo;das Allerwichtigste im Zusammenleben&ldquo; hei&szlig;t f&uuml;r Gauck nicht eine &bdquo;ungebundene&ldquo;, &bdquo;ungez&uuml;gelte&ldquo; Freiheit &bdquo;von etwas&ldquo;, sondern Freiheit &bdquo;f&uuml;r etwas&ldquo; und &bdquo;zu etwas&ldquo; (S.16). Freiheit sei eine Lebensform der (Selbst-) &ldquo;Erm&auml;chtigung&ldquo; (S. 38). Es ist der typisch liberale, individuelle Freiheitsbegriff, der nicht nach den pers&ouml;nlichen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen fragt &bdquo;f&uuml;r was&ldquo; und &bdquo;zu was&ldquo; der Einzelne seine Freiheit &uuml;berhaupt wahrnehmen kann. Er verlangt eine pers&ouml;nliche Haltung zur Freiheit und fragt nicht nach der gesellschaftlichen Verfasstheit der Freiheit. Gauck nimmt den einzelnen in Verantwortung und nicht die Politik. Jeder ist eben seines pers&ouml;nlichen Gl&uuml;ckes Schmied. Es geht nicht um die Freiheit der gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Zahl, sondern um die pers&ouml;nliche Freiheit des Einzelnen sein Leben zu gestalten &ndash; egal ob reich oder arm, ob oben oder unten.  <\/p><p><strong>Verantwortung als individuelle &bdquo;Erm&auml;chtigung&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dementsprechend beklagt Gauck das &bdquo;merkw&uuml;rdige Unverm&ouml;gen&ldquo; vieler Menschen aus der ehemaligen DDR, den Schritt von der &bdquo;Sehnsucht nach Freiheit&ldquo; zur &bdquo;Gestaltung von Freiheit&ldquo; (S. 24) zu tun. Gestaltung von Freiheit hei&szlig;t f&uuml;r ihn, die F&auml;higkeit einzu&uuml;ben, &bdquo;ja zu sagen zu den vorfindlichen M&ouml;glichkeiten der Gestaltung und Mitgestaltung&ldquo;. Und dieses Ja sagen nennt er &bdquo;Verantwortung&ldquo;. Damit meint er &bdquo;die Bezogenheit auf das eigene Selbst hintanzustellen&ldquo; (S. 26). Wir seien &bdquo;geboren zur Lebensform der Bezogenheit&ldquo;. Das belegt er individualistisch am Beispiel der Mutterliebe seiner Tochter (S. 29) und nicht etwa in Bezug auf gesellschaftliches Zusammenleben. Der &bdquo;wunderbaren F&auml;higkeit, Verantwortung zu &uuml;bernehmen&ldquo; gibt er sogar eine bibelexegetische Fundierung. In unserer Verantwortungsf&auml;higkeit stecke ein Versprechen, das dem Einzelnen wie dieser ganzen Welt gelte: &bdquo;Wir sind nicht zum Scheitern verurteilt&ldquo;, so lautet die seelsorgerische Verhei&szlig;ung des Hirten, der sich zum Staatsmann aufschwingen m&ouml;chte. Gauck ist ein Theologe der Beschwichtigung und nicht der Befreiung, seinen pastoralen Auftrag versteht er nicht als Mahner gegen Ungerechtigkeit und er will nicht den Armen und Gedem&uuml;tigten seine Stimme leihen.<\/p><p>&bdquo;Verantwortung&ldquo; oder &bdquo;Hinwendung&ldquo; sei eine Lebensform von &ldquo;Erm&auml;chtigung&ldquo;, von &bdquo;Erf&uuml;lltheit&ldquo;, die sich bei Jugendlichen etwa durch ein Engagement bei der &bdquo;Freiwilligen Feuerwehr&ldquo;, im Fu&szlig;ballverein oder beim gemeinsamen Musizieren auspr&auml;ge (S.41f.). Jeder einzelne erf&uuml;llt seine Verantwortung eben wie er kann: Die einen finden ihre Erf&uuml;llung durch ihr Engagement im Verein und die anderen &bdquo;erm&auml;chtigen&ldquo; sich, Firmen zu lenken, Medien zu steuern oder eben schlicht mit ihrem &bdquo;Verm&ouml;gen&ldquo; gesellschaftliche und politische Macht auszu&uuml;ben &ndash; jedem das Seine eben. Es ist die inhaltsleere Formel, die nichts dar&uuml;ber aussagt, was einem jeden als das Seine zusteht, mit der sich Unterdr&uuml;ckung genauso ebenso rechtfertigen l&auml;sst wie materielle Ungleichheit. Es ist also nur logisch, wenn f&uuml;r Gauck das Streben nach mehr Gerechtigkeit als Grundwert nicht vorkommt und schon gar nicht kommt die Solidarit&auml;t als Mittel zur Durchsetzung einer gerechteren Gesellschaft vor.  <\/p><p><strong>Toleranz als Missionsauftrag f&uuml;r westliche Werte<\/strong><\/p><p>Ziemlich zusammenhanglos zu &bdquo;Freiheit&ldquo; und &bdquo;Verantwortung&ldquo; wendet sich Gauck &bdquo;zum Schluss&ldquo; seines Pl&auml;doyers der &bdquo;Toleranz&ldquo; zu. Einen Bezug zur Verantwortung stellt er ausschlie&szlig;lich &uuml;ber die negative Abgrenzung der Toleranz von der &bdquo;Gleichg&uuml;ltigkeit&ldquo; her: &bdquo;Gleichg&uuml;ltigkeit ist vielmehr ein anderer Name f&uuml;r Verantwortungslosigkeit&ldquo;. (S. 47)<\/p><p>Gauck tischt dabei die nicht gerade origin&auml;re Erkenntnis auf, &bdquo;dass eher diejenigen, die ihres eigenen Glaubens und ihrer eigenen Werte sicher sind, die Werte von Fremden zu w&uuml;rdigen bereit sind, weil sie das Fremde weniger f&uuml;rchten&ldquo; (S. 49) Die Aussage, dass wir den zu f&uuml;rchten h&auml;tten, der weder wisse, wozu er da ist, noch, was er glaubt, der sich gekr&auml;nkt und klein f&uuml;hle und auf vermeintliches oder tats&auml;chliches Unrecht, das ihm angetan wurde, mit massiver Gegengewalt reagiere, mag man noch als vulg&auml;re Psychologie abtun. Ungeheuerlich, ja geradezu gef&auml;hrlich wird dieses Gerede, wenn daraus eine Erkl&auml;rung f&uuml;r den Terror des Nationalsozialismus abgeleitet wird: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;So wie unser Land in seine gr&ouml;&szlig;te Katastrophe kam (? (WL)) und den allergr&ouml;&szlig;ten nationalen &Uuml;bermut entwickelte, als es klein und niedergetreten war, als es gerade kein starkes Ich hatte nach dem Ersten Weltkrieg. Da entstand als Gegenbewegung eine f&uuml;rchterliche Hybris, die unsere Nation &uuml;berh&ouml;hte und unsere Herrschaft jedem anderen notfalls (? (WL)) mit Gewalt aufzwingen wollte.&ldquo; (S. 51)<\/em><\/p><\/blockquote><p>Einmal abgesehen, dass der Holocaust dabei v&ouml;llig ausgeblendet bleibt, ist das eine Analyse des Faschismus, die geradezu eine zynische Verharmlosung darstellt.<\/p><p>Toleranz bedeutet f&uuml;r Gauck vor allem die Besinnung auf die Werte der christlich-j&uuml;dischen Dogmatik, auf internationale Konventionen, auf die Menschenrechte die es als universell, unver&auml;u&szlig;erlich und unteilbar zu verteidigen gelte. Er beklagt, dass im Diskurs zwischen unterschiedlichen Kulturen &bdquo;die Freude des Westens an einer bewahrenden und sch&uuml;tzenden Freiheit kaum sp&uuml;rbar&ldquo; sei. <\/p><p>Es ist also gerade nicht der aufkl&auml;rerische Toleranzbegriff, dessen Grundlage der Respekt vor dem Anderen und die Anerkennung der Gleichberechtigung unterschiedlicher Kulturen ist, nein, Gauck beklagt die &bdquo;Tradition unserer antikapitalistischen Selbstgei&szlig;elung&ldquo; (S. 54). Wir sollten vielmehr f&uuml;r die Werte streiten, &bdquo;die f&uuml;r den Westen Deutschlands seit 60 Jahren selbstverst&auml;ndlich geworden sind&ldquo; und uns nicht von Vorw&uuml;rfen betroffen f&uuml;hlen &bdquo;wir seien Imperialisten, wir wollten ihnen unsere westlichen Werte &uuml;berst&uuml;lpen&ldquo;. Ganz im Gegensatz zur Ideengeschichte des Toleranzbegriffes, n&auml;mlich gerade der Zur&uuml;ckdr&auml;ngung absoluter Geltungsanspr&uuml;che einzelner Religionen oder Ideologien, wird bei Gauck die Toleranz unvermittelt zum Missionsauftrag f&uuml;r westliche Werte &uuml;ber die ganze Welt.<\/p><p><strong>Rechtfertigung des Bestehenden<\/strong><\/p><p>Diesen Auftrag st&uuml;tzt Gauck &ndash; den polnischen Ministerpr&auml;sidenten Donald Tusk zitierend &ndash; auf die &Uuml;berzeugung, dass Europa &bdquo;der beste Ort der Welt&ldquo; sei und &bdquo;etwas Besseres&hellip;bisher niemand erdacht&ldquo; habe. Es ist eine nach innen und au&szlig;en gerichtete Rechtfertigung des Bestehenden: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Ja es gibt auch M&auml;ngel in unserer Demokratie und Marktwirtschaft. Wir wissen, dass das System nicht vollkommen ist und st&auml;ndiger Verbesserung bedarf. Aber es ist ein lernf&auml;higes System, das Vorbildcharakter hat.&ldquo; (S. 57)<\/em><\/p><\/blockquote><p> Dieses System kannst und sollst Du nicht &auml;ndern, Du kannst Dich nur selbst &auml;ndern, so lautet sein Appell.<\/p><p>Diese euphorische Rechtfertigung der bestehenden Verh&auml;ltnisse bezeichnet Albrecht M&uuml;ller zu Recht als Botschaft des &bdquo;Emp&ouml;rt Euch nicht&ldquo;. Gauck meint, man k&ouml;nne &bdquo;keinen neuen, dritten Weg ersinnen&ldquo;, er kenne keine Variante, die den Grunds&auml;tzen dieser westlichen Variante von Eigenverantwortung vorzuziehen w&auml;re (S. 58) und deshalb gebe es &bdquo;keinen Grund f&uuml;r den alt-neuen Versuch, eine neue Variante von Antikapitalismus in die politische Debatte zu bringen.&ldquo; Man m&uuml;sse dieser Gesellschaft nur dabei helfen, <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;daran zu glauben, dass sie den neuen Herausforderungen gewachsen sein wird.&ldquo; (S.61)<\/em><\/p><\/blockquote><p>Gaucks Mission ist also die Unzufriedenheit von immer mehr Menschen am Funktionieren unserer Demokratie aufzufangen, von der verbreiteten Kritik an der Herrschaft des Finanzkapitalismus abzulenken, sich mit der herrschenden und zunehmenden Ungleichheit abzufinden, die um sich greifende Armut mit seelsorgerischen Verhei&szlig;ungen auf eine abstrakte Freiheit hinzunehmen und letztlich das pers&ouml;nliche Schicksal als eigenverantwortlich gestaltbar darzustellen. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen nur &bdquo;daran glauben&ldquo;, dass alles gut wird, denn Glauben macht selig.<\/p><p><strong>Wer auf Ver&auml;nderung dr&auml;ngt ist &bdquo;pubert&auml;r&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Freiheit der Erwachsenen&ldquo; hei&szlig;e &bdquo;Verantwortung&ldquo; (S. 62,  auch S. 26), so Gaucks Schlusssatz, alles was &uuml;ber das Bestehende hinausdr&auml;ngt, ist &bdquo;den Erwachsenen ein Gr&auml;uel&ldquo;, es ist f&uuml;r ihn pubert&auml;r. Wohl auch deshalb h&auml;lt er z.B. die Occupy-Bewegung f&uuml;r &bdquo;albern&ldquo;. Er kritisiert an seinen &bdquo;evangelischen Br&uuml;dern und Schwestern und einigen Gr&uuml;nen und sozialdemokratischen Christen&ldquo;, dass deren G&uuml;te und Gro&szlig;mut so unendlich gro&szlig; seien, &bdquo;dass sie fortw&auml;hrend alle Schuld der Welt einr&auml;umen&ldquo; (S. 55), statt in das Loblied einzustimmen, dass Europa trotz &bdquo;mancher &auml;ngstigender Krisen&ldquo; tats&auml;chlich &bdquo;der beste Ort der Welt&ldquo; sei (S. 56). Angesichts der tiefen Krise Europas kann man dies nur als Wirklichkeitsflucht zugunsten einer vorgegaukelten Scheinwirklichkeit bezeichnen. <\/p><p>Gauck spart nicht mit Kritik an seinen skeptischen evangelischen Br&uuml;der und Schwestern und an kritischen Sozialdemokraten oder Gr&uuml;nen, zu den menschenverachtenden und freiheitszerst&ouml;renden Umtrieben der Neonazis f&auml;llt ihm kein einziges verurteilendes Wort ein. <\/p><p><strong>Unverbesserlicher &bdquo;kalter Krieger&ldquo;<\/strong><\/p><p>Und noch etwas sollten gerade Sozialdemokraten wissen, wenn Sie Joachim Gauck zum Bundespr&auml;sidenten w&auml;hlen: Sein Denken ist tief im Antikommunismus und kalten Krieg der f&uuml;nfziger und fr&uuml;hen sechziger Jahre verhaftet. In einer Sch&auml;rfe, wie dies keine relevante politische Kraft der Gegenwart noch formulieren w&uuml;rde, prangert er die Entspannungspolitik Willy Brandts an. Diejenigen die gegen Aufr&uuml;stung eintraten und das &bdquo;Gleichgewicht des Schreckens&ldquo; als Bedrohung betrachteten, seien bereit gewesen, <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;der guten Kontakte zu den Unterdr&uuml;ckern wegen die Kontakte zu den Oppositionellen zu begrenzen&ldquo;. Trotz eines Kommunismus mit imperialen Absichten, seien sie bereit gewesen mental und milit&auml;risch abzur&uuml;sten. Zwar nur als suggestive Frage formuliert, sieht er die damalige Entspannungspolitik als &bdquo;die Fortf&uuml;hrung einer Appeasement-Politik, deren Gef&auml;hrlichkeit uns in Europa bewusst sein sollte&ldquo;. (S. 45)<\/em><\/p><\/blockquote><p>Gauck ist Gefangener seiner negativen pers&ouml;nlichen Erfahrungen als &bdquo;Insasse&ldquo; der ehemaligen DDR und mangels Erfahrungen im kapitalistischen Westdeutschland idealisiert er seine damaligen Sehns&uuml;chte auf den &bdquo;freien&ldquo; Westen. Das f&uuml;hrt zu einem bin&auml;ren Denken: Er verdammt alles, was ihm auch nur nach Sozialismus oder gar Kommunismus riecht, und er verkl&auml;rt alles, was er sich als Ideale einer freien Gesellschaft ersehnt hatte. Dass auch die westliche Welt vielf&auml;ltiger und komplexer ist und mit schwerwiegenden Problemen behaftet ist, verblasst in seinem missionarischen &Uuml;berschwang f&uuml;r die westlichen Werte. <\/p><p>Zugespitzt k&ouml;nnte man sagen: Gauck als Bundespr&auml;sident ist die sp&auml;te Rache eines unterdr&uuml;ckten DDR-&bdquo;Insassen&ldquo; an der alten Bundesrepublik.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 18. M&auml;rz wird der elfte Bundespr&auml;sident der Bundesrepublik Deutschland gew&auml;hlt. Anders als vor knapp zwei Jahren als Christian Wulff sich gegen Joachim Gauck erst im dritten Wahlgang durchsetzen konnte, d&uuml;rfte der neue Bundespr&auml;sident schon bei der ersten Abstimmung eine &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Stimmen aus der Bundesversammlung bekommen. Joachim Gauck hat die Unterst&uuml;tzung der F&uuml;hrungsgremien<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12509\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,194,191],"tags":[277,442,441,764],"class_list":["post-12509","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-gruene","category-spd","tag-ddr","tag-eigenverantwortung","tag-freiheit","tag-gauck-joachim"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12509","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12509"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12509\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12511,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12509\/revisions\/12511"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12509"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12509"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12509"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}