{"id":12512,"date":"2012-03-13T09:06:41","date_gmt":"2012-03-13T08:06:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12512"},"modified":"2019-01-30T11:02:31","modified_gmt":"2019-01-30T10:02:31","slug":"amok-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12512","title":{"rendered":"Amok im Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Gegen 3 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat ein 38-j&auml;hriger US-Feldwebel s&uuml;dwestlich von Kandahar seinen St&uuml;tzpunkt verlassen und ist in n&auml;chste Dorf gegangen. Dort brach er in H&auml;user ein und t&ouml;tete wahllos schlafende Bewohner, darunter auch Kinder und Frauen. Danach soll er versucht haben, die Leichen anzuz&uuml;nden. Nach gegenw&auml;rtigem Kenntnisstand kamen 16 Menschen bei dem Amoklauf ums Leben. Der T&auml;ter ergab sich anschlie&szlig;end widerstandslos den Beh&ouml;rden. Die US-Armee betont, das Massaker sei die Tat eines Einzelnen, den man zur Rechenschaft ziehen und einer Bestrafung zuf&uuml;hren werde.<br>\nSolche Massaker geschehen in Kriegen regelm&auml;&szlig;ig, sie geh&ouml;ren zum Krieg wie der Unfall zum Stra&szlig;enverkehr. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMax Horkheimers ber&uuml;hmtes Diktum abwandelnd, k&ouml;nnte man sagen: Wer &uuml;ber den Krieg nicht reden will, sollte auch von den Massakern schweigen. Massaker wie das des Leutnants Calley im M&auml;rz 1968 in Vietnam oder das des Soldaten in Afghanistan am vergangenen Wochenende demonstrieren die Schrecken des Krieges, offenbaren dessen barbarischen Kern. Was die Verantwortlichen als bedauerliche Entgleisung eines Einzelnen und die Tat eines kriminellen oder verr&uuml;ckt gewordenen Soldaten hinstellen, geh&ouml;rt in Wahrheit zur Kriegsroutine. H&auml;tte dieser Soldat w&auml;hrend eines regul&auml;ren Einsatzes 16 Zivilisten get&ouml;tet, w&uuml;rde er als Held gefeiert, der den Taliban einen schweren Schlag versetzt hat, mordet er in eigener Regie gilt er als durchgeknallter Einzelg&auml;nger. Krieg ist von 8 bis 17 Uhr, au&szlig;erhalb der normalen Dienstzeiten ist es Mord oder Amok. <\/p><p>Immer wieder kommt es vor, dass Soldaten das vom Krieg freigegebene und entfesselte T&ouml;ten nicht im Zaum halten k&ouml;nnen. Sie haben das Gef&uuml;hl, dem anonymen Feind, der &uuml;berall im Land lauert, zuvorkommen und auf eigene Faust handeln zu m&uuml;ssen. Sie f&uuml;hren gewisserma&szlig;en panikinduzierte, individuelle Pr&auml;ventivschl&auml;ge durch. Ich versuche mich in die Situation hineinzudenken: Ein Soldat liegt nachts im St&uuml;tzpunkt auf seiner Pritsche. Pl&ouml;tzlich hat er das Gef&uuml;hl, aus dem Dunkel der Nacht seien zahllose Augenpaare und Gewehrl&auml;ufe auf ihn gerichtet. Gleich wird etwas passieren, eine Bombe wird detonieren und ihn zerfetzen. Im Unterbau der Psyche fortdauernde archaische Kinder&auml;ngste steigen wie durch ein Steigrohr an die Oberfl&auml;che und schlie&szlig;en sich wie ein Verst&auml;rker an die aktuell erlebte Angst an, die sich so zur Panik steigert. Das Differenzierungsverm&ouml;gen bildet sich zur&uuml;ck, der Feind verliert seine Konturen und verschwimmt zu einem einzigen &sbquo;b&ouml;sen&lsquo;, verfolgenden Objekt, gegen das Kampf mit allen Mitteln geboten ist. Er hat das Gef&uuml;hl, dass er seiner Vernichtung zuvorkommen muss und schl&auml;gt in &sbquo;Notwehr&lsquo; zu. <\/p><p>Die meisten Amokl&auml;ufe von Soldaten finden allerdings nicht im Land des Kriegseinsatzes statt, sondern in den jeweiligen Heimatl&auml;ndern &ndash; nach der R&uuml;ckkehr oder vor dem Kampfeinsatz. Erinnern wir uns an die Tat des 39-j&auml;hrigen amerikanischen Milit&auml;rpsychiaters Nidal Malik Hasan, der am 6. November 2009 auf dem Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt Fort Hood in Texas das Feuer auf seine Kameraden er&ouml;ffnete und 13 von ihnen erschoss und an die 40 weitere verletzte, bevor er selbst von vier Kugeln getroffen und schwer verletzt wurde. Zu den Aufgaben des Psychiaters, der als scheuer Einzelg&auml;nger geschildert wurde, geh&ouml;rte die Betreuung von Soldaten, die nach Eins&auml;tzen in Afghanistan oder im Irak mit den Folgen von Traumatisierungen zu k&auml;mpfen hatten. Allein im Jahr 2008 haben sich 128 US-Soldaten das Leben genommen, eine Zahl, die 2009 noch einmal anstieg. Allein auf dem St&uuml;tzpunkt Fort Hood brachten sich seit Beginn des Afghanistan-Krieges 75 Soldaten um. Hasan wusste also, was ihn erwartete, wenn er zu einem Auslandseinsatz abkommandiert w&uuml;rde, und war laut Aussage eines Cousins &uuml;ber seine bevorstehende Entsendung nach Afghanistan &bdquo;zu Tode erschrocken&ldquo;. Wenige Tage vor seiner Versetzung, die ihn als amerikanischen Staatsb&uuml;rger und gl&auml;ubigen Muslim seelisch und k&ouml;rperlich vor eine Zerrei&szlig;probe gestellt h&auml;tte, l&ouml;ste er dieses Dilemma gewaltsam, indem er die Seite wechselte und den Krieg in die Heimat verlagerte. H&auml;tte er vier Wochen sp&auml;ter in Afghanistan um sich geschossen, w&auml;re es entweder eine Heldentat oder ein bedauerlicher Fall von &bdquo;friendly fire&ldquo; gewesen, so wurde es ein Amoklauf, der Amerika unter Schock setzte und ratlos machte.<\/p><p>Es gibt Garnisonsst&auml;dte in den USA, in denen ganze Familien von aus dem Krieg heimgekehrten Familienv&auml;tern umgebracht wurden. Laut Frankfurter Allgemeine  Zeitung vom 12.11.2009 wird seit 2001 auf Milit&auml;rst&uuml;tzpunkten ein Anstieg der h&auml;uslichen Gewalt um 75 Prozent verzeichnet. W&auml;hrend die Gewaltkriminalit&auml;t in vergleichbaren St&auml;dten zur&uuml;ckgeht, stieg sie in Garnisonsst&auml;dten seit 2001 um 22 Prozent an. Schon Kant wusste: &bdquo;Der Krieg ist darin schlimm, dass er mehr b&ouml;se Menschen macht, als er davon wegnimmt.&ldquo;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegen 3 Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag hat ein 38-j&auml;hriger US-Feldwebel s&uuml;dwestlich von Kandahar seinen St&uuml;tzpunkt verlassen und ist in n&auml;chste Dorf gegangen. Dort brach er in H&auml;user ein und t&ouml;tete wahllos schlafende Bewohner, darunter auch Kinder und Frauen. Danach soll er versucht haben, die Leichen anzuz&uuml;nden. Nach gegenw&auml;rtigem Kenntnisstand kamen 16<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12512\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[171,161],"tags":[351,865],"class_list":["post-12512","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-afghanistan","tag-amok"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12512","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12512"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48863,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12512\/revisions\/48863"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}