{"id":125152,"date":"2024-11-24T13:00:28","date_gmt":"2024-11-24T12:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125152"},"modified":"2024-11-24T13:43:14","modified_gmt":"2024-11-24T12:43:14","slug":"beklemmendes-kongressspektakel-in-manila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125152","title":{"rendered":"Beklemmendes Kongressspektakel in Manila"},"content":{"rendered":"<p>Es d&uuml;rfte keinen Zweifel daran geben, dass der 28. Oktober und der 13. November als wahrlich historische Daten in die philippinische Geschichte eingehen. An jenem schwarzen Montag beziehungsweise schwarzen Mittwoch stand Ex-Pr&auml;sident Rodrigo R. Duterte (2016-2022), der Vorg&auml;nger des amtierenden Pr&auml;sidenten Ferdinand Marcos Jr., dem philippinischen Senat sowie einem aus vier Aussch&uuml;ssen gebildeten Sonderuntersuchungskomitee des Repr&auml;sentantenhauses Rede und Antwort, was seinen ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten &bdquo;Krieg gegen die Drogen&ldquo; mit offiziell &uuml;ber 6.000 Toten betraf. Was Duterte allein an diesen beiden Tagen in mehrst&uuml;ndigen Sitzungen von sich gab, h&auml;tte unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten zumindest zur unverz&uuml;glichen Einleitung einer Anklageerhebung wegen Mordes, Beihilfe zum Mord sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit f&uuml;hren m&uuml;ssen. Stattdessen nutzte der Ex-Pr&auml;sident die Hearings auf seine ihm eigene Art als politische Trib&uuml;ne, auf der vermeintliche Ankl&auml;ger &ndash; von wenigen Ausnahmen abgesehen &ndash; zu Duckm&auml;usern mutierten. Ein Kommentar unseres S&uuml;dostasienexperten <strong>Rainer Werning<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Messias mit Besen &amp; Pistole<\/strong><\/p><p>Als 16. Pr&auml;sident der Philippinen &uuml;bertraf Rodrigo R. Duterte die weltweit reaktion&auml;rste Riege von Populisten mit Abstand in puncto rotzig-schnoddrigen Auftretens und ma&szlig;loser Frauen- und Menschrechtsverachtung. Reichlich dokumentiert sind seine blindw&uuml;tigen Attacken gegen politisch Andersdenkende, gegen den fr&uuml;heren US-Kollegen Obama sowie gegen den Papst, die er allesamt als &bdquo;Hurens&ouml;hne&ldquo; abtat und mit einem <em>&bdquo;F*** you&ldquo;<\/em> in den Orkus w&uuml;nschte. Bei Letzterem konnte er es sich nicht verkneifen, auch &ouml;ffentlich den &bdquo;dummen Gott&ldquo; zu schm&auml;hen. Gleicherma&szlig;en verbrieft sind Dutertes Ausf&auml;lle w&auml;hrend Wirtschaftsforen, auf denen er sich &uuml;ber die unterschiedlichen Zust&auml;nde seines Penis &auml;u&szlig;erte; oder vor versammelten staatlichen Sicherheitskr&auml;ften &ndash; die Duterte mit Vorliebe als &bdquo;meine Soldaten&ldquo; und &bdquo;meine Polizisten&ldquo; adressierte &ndash; die Order erteilte, Kombattantinnen der kommunistischen Guerillaorganisation der <em>Neuen Volksarmee (NPA) <\/em>in die Vagina zu schie&szlig;en. &bdquo;Dann n&auml;mlich&ldquo;, so Duterte w&ouml;rtlich, &bdquo;taugen sie auch als Frauen nichts mehr.&ldquo; Und was schlie&szlig;lich den Umgang mit nationalen und internationalen B&uuml;rgerrechts- und Menschenrechtsorganisationen betraf, so hatte der Ex-Pr&auml;sident f&uuml;r sie stets nur ein ver&auml;chtliches <em>&bdquo;F*** you&ldquo;<\/em> &uuml;brig.<\/p><p>Ein solches Verhalten war w&auml;hrend seiner langj&auml;hrigen Amtszeit als B&uuml;rgermeister von Davao City, der gr&ouml;&szlig;ten Stadt im S&uuml;den des Landes, zum Markenzeichen Dutertes geworden. Dort pr&auml;sentierte sich der Mann in Wahlkampfzeiten bevorzugt als Politmacho mit einem Besen oder einer Pistole in der Hand. Und jedem, der es h&ouml;ren wollte, versicherte Duterte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ich sorge hier auf meine Art f&uuml;r Sicherheit und Ordnung. Wenn euch das nicht passt, dann sucht euch gef&auml;lligst einen anderen Kandidaten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Und stets konnte er gewiss sein, eine gro&szlig;e Schar von Bewunderern und Lachern auf seiner Seite zu haben. Duterte w&auml;re nicht Duterte, z&ouml;ge er sich lautlos aus dem politischen Geschehen zur&uuml;ck. Das geht schon deshalb nicht, weil sein &bdquo;Antidrogenkrieg&ldquo; laut Einsch&auml;tzungen von Menschenrechtsorganisationen bis zu 30.000 Todesopfer gefordert haben soll und den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag auf den Plan rief. Au&szlig;erdem steht das politische Schicksal seiner Tochter Sara auf dem Spiel. Sie ist zwar Vizepr&auml;sidentin, doch seit reichlich einem Jahr ist das Tischtuch mit dem Pr&auml;sidenten Marcos Jr. und seiner Familie zerschnitten. Last, but not least stehen im Mai 2025 Halbzeitwahlen auf den Inseln an, die die Weichen f&uuml;r die n&auml;chste Pr&auml;sidentschaftswahl im Fr&uuml;hjahr 2028 stellen. Das weckt unter Politikern Begehrlichkeiten und l&auml;sst sie bereits jetzt schon kr&auml;ftig mit den Hufen scharren.<\/p><p>Meinen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123669\">letzten Beitrag auf den NachDenkSeiten<\/a> beendete ich mit den S&auml;tzen: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Am 7. Oktober lie&szlig; er (Rodrigo R. Duterte) sich bei der staatlichen Wahlkommission (Comelec) als Kandidat f&uuml;r das Amt des B&uuml;rgermeisters in seiner Heimatstadt Davao City registrieren. Ein h&ouml;chst ungew&ouml;hnliches Politikgebaren, das allemal das Zeug hat, f&uuml;r weitere &Uuml;berraschungen zu sorgen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Mehr als nur &Uuml;berraschungen<\/strong><\/p><p>Nachdem einst enge Vertraute Dutertes im Unterhaus des philippinischen Kongresses unter Eid bekundet hatten, dass bereits w&auml;hrend seiner langen Amtszeit als B&uuml;rgermeister Davaos eine<em> &bdquo;Davao Death Squad&ldquo; <\/em>(DDS &ndash; Todesschwadron) existierte, berichtete Royina Garma, eine pensionierte Polizistin im Range eines Oberstleutnants, zudem &uuml;ber au&szlig;ergerichtliche T&ouml;tungen als Teil einer &bdquo;Architektur des Massenmords&ldquo; im Rahmen des &bdquo;Antidrogenfeldzugs&ldquo; w&auml;hrend der sechsj&auml;hrigen Pr&auml;sidentschaft Dutertes. W&ouml;rtlich gab die Ex-Polizistin am 11. Oktober zu Protokoll:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Das Davao-Modell beinhaltet drei Stufen von Zahlungen oder Belohnungen. Die Erste ist die Belohnung, wenn der Verd&auml;chtige get&ouml;tet wird. Die Zweite ist die Finanzierung der geplanten Operationen. Drittens die R&uuml;ckerstattung der operativen Kosten.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die Summe solcher &bdquo;Belohnungen&ldquo; pro get&ouml;tete Person soll sich zwischen 20.000 und eine Million Peso (zirka 300 beziehungsweise 15.000 Euro) bewegt haben &ndash; je nach &bdquo;Bedeutung&ldquo; des Opfers.<\/p><p>Gespannt wartete man seitdem auf das pers&ouml;nliche Erscheinen Dutertes als geladener Zeuge vor den Untersuchungsaussch&uuml;ssen im Senat sowie im Repr&auml;sentantenhaus. Mal hie&szlig; es, er verweigere solche Auftritte, dann lie&szlig; er verlauten, er komme, wenn er sich fit f&uuml;hle. Doch dann tauchte er auf &ndash; an eben dem 28. Oktober und 13. November. Und wie!<\/p><p>Lange Rede, kurzer Sinn: In beiden Hearings &uuml;bernahm Duterte die &bdquo;volle rechtliche Verantwortung&ldquo; f&uuml;r den von ihm gef&uuml;hrten &bdquo;Antidrogenkrieg&ldquo;. Auf die Frage, ob er der Polizei direkt befohlen habe, Drogenverd&auml;chtige zu t&ouml;ten, best&auml;tigte er unmissverst&auml;ndlich, dass er dies tats&auml;chlich getan habe. Und er f&uuml;gte hinzu, er habe Polizisten sogar angewiesen, Verd&auml;chtige zum Gegenangriff (nanlaban) zu provozieren, damit sie sich einfach auf &bdquo;Selbstverteidigung&ldquo; berufen konnten.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Es wurde deutlich, dass Duterte nicht die Absicht hatte, Reue zu zeigen. Obwohl er nicht mehr an der Macht ist, wollte er sich nicht wie ein in Ungnade gefallener Ex-F&uuml;hrer behandeln lassen&ldquo;,<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>schrieb der emeritierte Soziologieprofessor und Kolumnist Randy David am 17. November in der in Manila erscheinenden Tageszeitung <em>The <\/em><em>Philippine Daily Inquirer<\/em> &uuml;ber des Ex-Pr&auml;sidenten Erscheinen im Kongress. Und er f&uuml;gte hinzu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Es war klar, dass Duterte seine Gegen&uuml;ber nicht als gleichberechtigt ansah. W&auml;hrend seiner sechsj&auml;hrigen Pr&auml;sidentschaft wagten es weder der Senat noch das Abgeordnetenhaus, seinen Drogenkrieg in Frage zu stellen. Der Kongress, dessen Aufgabe es ist, die Exzesse der Exekutive zu kontrollieren, schwieg, w&auml;hrend die T&ouml;tungen vom ersten Tag seiner Pr&auml;sidentschaft an anhielten. Damals war es an der Zeit, sich mit polizeilichen &Uuml;bergriffen und Gewalt zu befassen. Warum also der pl&ouml;tzliche Wandel? Hat sich der Kongress wirklich ge&auml;ndert, oder handelt es sich um eine blo&szlig;e moralische Inszenierung im Dienst eines unvollendeten politischen Zerm&uuml;rbungskrieges? Dieser eklatante Widerspruch schwebte wie eine unausgesprochene Wahrheit &uuml;ber den Anh&ouml;rungen.<\/em><\/p>\n<p><em>F&uuml;r Duterte waren die Anh&ouml;rungen eine Plattform, um das Rampenlicht zur&uuml;ckzuerobern, das er einst als Pr&auml;sident innehatte. Trotz der wiederholten Ermahnungen, keine Schimpfw&ouml;rter zu benutzen und beim Thema zu bleiben, genoss er die Sendezeit und gab langatmige Erkl&auml;rungen ab, die von Widerspr&uuml;chen durchsetzt waren.&ldquo; (&Uuml;bersetzung: RW)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Drohgeb&auml;rden zum Schluss<\/strong><\/p><p>Dutertes Auftritt entpuppte sich rasch als das, was ihm von vornherein vorschwebte &ndash; eine dreiste Provokation, gespickt mit einer vor Kraftausdr&uuml;cken und Unverfrorenheit triefenden Sprache gem&auml;&szlig; dem Kalk&uuml;l: &bdquo;Nur zu &ndash; klagt mich an oder werft mich ins Gef&auml;ngnis, wenn ihr wollt. Aber erwartet nicht, dass ich mich f&uuml;r das entschuldige oder rechtfertige, was ich f&uuml;r notwendig hielt und erneut tun w&uuml;rde.&ldquo;<\/p><p>Abgesehen von der couragierten Senatorin Risa Hontiveros und verschwindend wenigen Abgeordneten musste der um Objektivit&auml;t bem&uuml;hte Zuschauer und Zuh&ouml;rer den Eindruck gewinnen, Duterte zelebrierte da eine Messe, in der sich fromm-devote Messdiener darin &uuml;berboten, ja nicht anzuecken. Nur als Ex-Senator Antonio F. Trillanes IV. Duterte erneut vorhielt, Drogengelder selbst eingestrichen zu haben und zu feige zu sein, seine Bankkonten offenzulegen, erhitzten sich einige Gem&uuml;ter. Duterte machte Anstalten, als schleuderte er gern sein Mikrofon gen Trillanes, w&auml;hrend dieser mit einer Gestik und Mimik konterte, als forderte er den Ex-Pr&auml;sidenten am liebsten zum Faustkampf heraus.<\/p><p>Derweil muss Vizepr&auml;sidentin Sara Duterte um ihre Position bangen, sollte der Kongress mit Unterst&uuml;tzung von Marcos Jr. beschlie&szlig;en, in einem Showdown ein Amtsenthebungsverfahren gegen die Duterte-Tochter einzuleiten.<\/p><p>Man darf gespannt sein, wie sich angesichts des moralischen Verfalls &bdquo;traditioneller Politiker&ldquo; &ndash; kurz &bdquo;trapos&ldquo; genannt, was im Spanischen &bdquo;Putzlappen&ldquo; bedeutet &ndash; die philippinische Literatur- und Kunstszene auf der <em>Frankfurter Internationalen Buchmesse 2025<\/em> pr&auml;sentiert, deren Gastland die Philippinen dann sind. Zumindest hat die schreibende Zunft im Lande sehr kritisch gegen den Stachel gel&ouml;ckt, was die letzten Kongressspektakel betraf. Es gibt aber nach wie vor auch Kr&auml;fte, die am liebsten alles deodorisieren m&ouml;chten, was das Image des Landes in wie immer gearteter Weise tr&uuml;bt.<\/p><p><small>Titelbild: OFFICIAL FACEBOOK ACCOUNT OF THE SENATE OF THE PHILIPPINES<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es d&uuml;rfte keinen Zweifel daran geben, dass der 28. Oktober und der 13. November als wahrlich historische Daten in die philippinische Geschichte eingehen. An jenem schwarzen Montag beziehungsweise schwarzen Mittwoch stand Ex-Pr&auml;sident Rodrigo R. 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