{"id":12541,"date":"2012-03-15T09:04:22","date_gmt":"2012-03-15T08:04:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12541"},"modified":"2015-02-08T10:47:30","modified_gmt":"2015-02-08T09:47:30","slug":"verzockt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12541","title":{"rendered":"Verzockt"},"content":{"rendered":"<p>Anfang Mai wird es in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen geben. Ein durchaus bezweifelbares Gutachten von der CDU-gef&uuml;hrten Landtagsverwaltung, wonach mit der Ablehnung des Haushaltsplanes auch nur eines einzigen Ministeriums im Parlament der Gesamthaushalt f&uuml;r NRW schon in der zweiten Lesung als abgelehnt zu gelten hat, hat das Pokerspiel der Landtagsparteien um den Haushalt 2012 f&uuml;r alle &uuml;berraschend beendet. Dabei waren gerade alle Fraktionen dabei sich gegenseitig zu bluffen. Jetzt haben sich alle verzockt und die Karten werden neu gemischt. Es wird einen Wahlkampf geben, der insofern von nationaler Bedeutung ist, als von CDU und FDP im bev&ouml;lkerungsreichsten Bundesland eine Abstimmung &uuml;ber die &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; zum Thema gemacht wird, also &uuml;ber die Frage, ob der Staat finanz-, wirtschafts-, bildungs- und sozialpolitisch noch handlungsf&auml;hig bleiben kann. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nV&ouml;llig verzockt hat sich die FDP. Die rot-gr&uuml;ne Minderheitsregierung hatte nun wirklich ausreichend Signale gesetzt, der FDP mit ein paar Zugest&auml;ndnissen in der dritten Lesung des Haushalts eine Enthaltung &bdquo;abzukaufen&ldquo;. Noch vor zwei Tagen sagte der als holzk&ouml;pfig bekannte FDP-Fraktionsvorsitzende, Gerhard Papke, im Interview, <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/politik\/nrw\/keine-partei-will-neuwahlen-1.2750165\">keine Partei wolle Neuwahlen<\/a>. Er wollte in der zweiten Lesung noch einmal die Muskeln eines Schuldenbremsers spielen lassen, um dann mit Zugest&auml;ndnissen von ein paar Millionen seine angeschlagene FDP &uuml;ber die Zeit zu retten. Dieses taktische Hinhaltespiel wurde nun durch einen Vermerk der Landtagsverwaltung j&auml;h unterbrochen. Dazu muss man wissen, dass die CDU den Landtagspr&auml;sidenten stellt. Eckhard Uhlenberg hat nach Kontroversen mit seiner eigenen Partei allen Grund wieder &bdquo;gut Wetter&ldquo; zu machen. <\/p><p>Jetzt ist &bdquo;Pfeifen im Walde&ldquo; angesagt (&ldquo;Den Mutigen geh&ouml;rt die Zukunft&rdquo; <a href=\"http:\/\/www.fdp-nrw.de\/webcom\/show_article_bb.php\/_c-522\/_nr-19960\/_p-1\/i.html\">so der FDP-Landesvorsitzende Daniel Bahr<\/a>), denn die FDP findet in NRW nach aktuellsten Umfragen gerade noch 2 Prozent Zustimmung. Der gr&ouml;&szlig;te Landesverband der FDP d&uuml;rfte, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, k&uuml;nftig vor der T&uuml;r des D&uuml;sseldorfer Landtags sitzen bleiben.<\/p><p>Verzockt hat sich auch die CDU. Ihr passen Neuwahlen derzeit gleichfalls nicht so richtig ins Konzept. Sie hat sich in NRW noch l&auml;ngst nicht von ihrer krachenden Niederlage von vor knapp zwei Jahren mit einem Verlust von &uuml;ber 10 Prozentpunkten erholt und d&uuml;mpelt seither bei Meinungsfragen auf dem damaligen Wert von 34 Prozent Zustimmung. Bei der anstehenden Wahl h&auml;tte sie noch nicht einmal mehr einen Ministerpr&auml;sidenten-Bonus. R&uuml;ckenwind aus Berlin ist auch nicht zu erwarten, denn die Sympathiewerte f&uuml;r die CDU sind bundesweit nicht h&ouml;her. Der Herausforderer Umweltminister Norbert R&ouml;ttgen ist in NRW noch l&auml;ngst nicht angekommen und das nach J&uuml;rgen R&uuml;ttgers verbliebene Spitzenpersonal mit dem bisherigen Fraktionsvorsitzenden Karl-Josef Laumann und Generalsekret&auml;r Oliver Wittke hat kaum Strahlkraft gewonnen. R&ouml;ttgens Wackelkurs beim Atomausstieg und seine z&ouml;gerliche Politik bei der Energiewende haben seine Popularit&auml;t nicht gerade erh&ouml;ht. Selbst wenn die FDP wieder in den D&uuml;sseldorfer Landtag einz&ouml;ge, h&auml;tte Schwarz-Gelb kaum eine Chance die Regierung zu stellen. R&ouml;ttgen h&auml;tte also bestenfalls die M&ouml;glichkeit mit der SPD oder mit den Gr&uuml;nen zusammenzugehen, aber mit dem sich andeutenden konfrontativen Wahlkampf (&bdquo;Schuldenstaat oder Zukunft f&uuml;r unsere Kinder&ldquo;) d&uuml;rfte er sich, wenn die derzeitig noch regierenden Hannelore Kraft und Sylvia L&ouml;hrmann nur ein wenig Charakter zeigen w&uuml;rden, seine Chancen selbst verbauen, Ministerpr&auml;sident zu werden. Auch mit Schwarz-Gr&uuml;n d&uuml;rfte es kaum zu einer stabilen Mehrheit reichen. F&uuml;r einen einfachen Ministerposten in NRW als Juniorpartner einer gro&szlig;en Koalition, d&uuml;rfte R&ouml;ttgen sein Ministeramt in Berlin gewiss nicht aufgeben. Schon deshalb h&auml;lt er sich die R&uuml;ckfahrkarte nach Berlin offen. <\/p><p>Verzockt hat sich aber auch die rot-gr&uuml;ne Minderheitenregierung. Den (relativ bescheidenen) Forderungen der Landtagsfraktion der LINKEN nach einem Sozialticket und f&uuml;r geb&uuml;hrenfreie Kitas wollte man nicht entgegen kommen, vor allem aus der st&auml;ndigen Angst vor einer &bdquo;Roten-Socken-Kampagne&ldquo;. SPD und Gr&uuml;ne setzten daher auf ein &bdquo;Umfallen&ldquo; der FDP in der dritten Lesung des Haushalts. Obwohl sie bei diesem Poker ein gutes Blatt auf der Hand hatten, konnten und wollten sie nun nicht mehr an dem Gutachten der Landtagsverwaltung herumm&auml;keln und mussten &uuml;ber Nacht ins kalte Wasser eines Wahlkampfes springen. <\/p><p>FDP und CDU erkl&auml;ren nun gro&szlig;spurig Rot-Gr&uuml;n in NRW sei &bdquo;gescheitert&ldquo;. Ob das von den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern auch so wahrgenommen wird, darf bezweifelt werden, schlie&szlig;lich haben die Oppositionsparteien die Minderheitsregierung blockiert. Kraft und L&ouml;hrmann k&ouml;nnen den Wahlauseinandersetzungen relativ zuversichtlich entgegen sehen, denn wenn es nicht noch zu einem Stimmungsumschwung kommt, dann k&ouml;nnte die derzeitige Minderheitenkoalition im Mai mit einer klaren Mehrheit in den D&uuml;sseldorfer Landtag einziehen. (Zusammen k&ouml;nnen sie derzeit mit deutlich &uuml;ber f&uuml;nfzig Prozent Zustimmung rechnen.) Anders als vor zwei Jahren als Hannelore Kraft nach den historisch zu nennenden Niederlagen von Wolfgang Clement und mit den epochalen Machtverlust von Peer Steinbr&uuml;ck der Sozialdemokraten an Rhein und Ruhr eher als Notl&ouml;sung ins Rennen geschickt wurde, hat sie als Ministerpr&auml;sidentin deutlich an Statur und Beliebtheit gewonnen. <\/p><p>Obwohl sie in dem nun abrupt abgebrochenen Pokerspiel angesichts ihrer politischen Ausgrenzung bestenfalls &bdquo;Kiebitze&ldquo; waren, k&ouml;nnten auch DIE LINKEN Verlierer sein. Ob sie ihren knappen Einzug mit 5,6 Prozent bei der letzten Landtagswahl wiederholen k&ouml;nnen, steht in Frage. Die Linkspartei hat es in den zwanzig Monaten, seit denen sie im Landtag sitzt, nicht geschafft, sich in gr&ouml;&szlig;eren Bev&ouml;lkerungskreisen als das &bdquo;soziale Korrektiv&ldquo; darzustellen. Sie hat weder von der Abschaffung der Studiengeb&uuml;hren noch von der von ihr unterst&uuml;tzten Abwahlm&ouml;glichkeit von B&uuml;rgermeistern profitieren k&ouml;nnen und musste allein gegen alle (auch gegen die Medienbarriere) k&auml;mpfen. Und die allgemeine Stimmungslage im Lande gegen&uuml;ber der Linkspartei d&uuml;rfte ihr im Kernland einer eher bodenst&auml;ndigen Sozialdemokratie auch nicht viel R&uuml;ckenwind geben.  <\/p><p>Dennoch d&uuml;rfte der Wahlkampf im bev&ouml;lkerungsreichsten Bundesland nationale Bedeutung erlangen. Alles deutet darauf hin, dass FDP und CDU populistisch eine Schuldenkampagne inszenieren werden. Obwohl die Minderheitsregierung mit ihrem Haushaltsentwurf f&uuml;r 2012 mit knapp 4 Milliarden Neuverschuldung die Verfassungsgrenze einh&auml;lt und obwohl der letzte CDU-Finanzminister Helmut Linssen in seinem Haushalt 2010 mit 6,6 Milliarden deutlich mehr neue Schulden machte als der derzeitige Finanzminister Norbert Walter-Borjans, setzt die CDU auf das schlechte Ged&auml;chtnis der Leute und auf den von Kanzlerin Merkel f&uuml;r ganz Europa verordneten &bdquo;Sparwahn&ldquo;. Es ist ja gelungen, systematisch aus dem Ged&auml;chtnis zu tilgen, dass es die Konjunkturprogramme, die Abwrackpr&auml;mie oder die Subventionen f&uuml;r die Kurzarbeit waren, die Deutschland im Vergleich zu anderen bisher glimpflich durch die Finanzkrise kommen lie&szlig;en, vergessen ist auch, dass gerade die daf&uuml;r aufgenommenen Schulden die Steuereinnahmen mehr sprudeln lie&szlig;en als jede Sparpolitik es jemals k&ouml;nnte. Dadurch dass es aber m&ouml;glich war, die Finanzkrise in eine Staatsverschuldungskrise umzudeuten, weht der in NRW wenigstens in Ans&auml;tzen verfolgten &bdquo;pr&auml;ventiven Finanzpolitik&ldquo; ein scharfer Wind entgegen. <\/p><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten nun oft genug erl&auml;utert, warum das Denken in Kategorien der &bdquo;schw&auml;bischen Hausfrau&ldquo; volkswirtschaftlich betrachtet schlicht falsch ist und wir haben dargestellt, dass eine Schuldenbremse die finanz- und damit wirtschaftspolitische Handlungsf&auml;higkeit des Staates als Konjunkturmotor abw&uuml;rgt; das soll an dieser Stelle nicht alles noch einmal wiederholt werden. Auch die Erfahrungen mit der Sparpolitik auf europ&auml;ischer Ebene, die Griechenland, Spanien oder Portugal geradezu in eine wirtschaftliche Rezession zwingen, die die Verschuldung immer weiter ansteigen l&auml;sst, kann offenbar die Mehrheit Deutschen nicht von der Unsinnigkeit eines eindimensionalen Austerit&auml;tsdenkens abbringen. CDU und FDP wollen &ndash; wie jetzt schon erkennbar &ndash; populistisch auf dieser Welle reiten. Mit unsinnigen und auf falschen Zahlen basierenden Sparvorschl&auml;gen wollen sie Rot-Gr&uuml;n in die Enge treiben. So verlangt die CDU z.B. den Abbau von 12.000 Stellen. Sie wei&szlig; aber genau, oder sie m&uuml;sste es genau wissen, dass sie weder Lehrer-, noch Hochschullehrer-, noch Polizeistellen abbauen kann. Das Einsparpotential aus den insgesamt 340.000 Stellen im &ouml;ffentlichen Dienst Nordrhein-Westfalens beschr&auml;nkt sich also gerade mal auf die restlichen 30.000 Stellen. Davon &uuml;ber ein Drittel zu streichen ist eine reine Luftbuchung. &Auml;hnlich unsinnig ist auch der Vorschlag einer rasenm&auml;her&auml;hnlichen K&uuml;rzung im Haushalt von 4%, zumal ja gleichzeitig die Landesmittel f&uuml;r die Kommunen wiederum erh&ouml;ht werden sollen.<\/p><p>Gerade ein Land wie Nordrhein-Westfalen, das nach wie vor vom Strukturwandel gebeutelt ist, m&uuml;sste in seine Zukunft investieren. Der Weg mit 150 Millionen Euro auf fr&uuml;hkindliche Erziehung zu setzen, die schulischen und beruflichen Ausbildungschancen zu verbessern wird inzwischen ja <a href=\"http:\/\/www.perspektive-mittelstand.de\/Bildungsrendite-Bildung-zahlt-sich-aus\/management-wissen\/3273.html\">sogar von wirtschaftsnaher Seite<\/a> als richtig angesehen. Auch die 250 Millionen Euro als Ersatz f&uuml;r die Studiengeb&uuml;hren sind gut angelegtes Geld f&uuml;r mehr Chancengleichheit. Und den kaputt gesparten Kommunen wieder ein wenig Luft zur&uuml;ckzugeben, damit sie endlich wieder die dringend notwendigen Investitionen vor Ort t&auml;tigen k&ouml;nnen, ist das wirksamste Konjunkturprogramm. <\/p><p>Der Wahlkampf wird also darum gehen, ob eine auf einen aktiven Staat setzende, langfristig angelegte Finanzpolitik in Deutschland &uuml;berhaupt noch eine Chance hat. Die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in NRW stimmen also nicht nur &uuml;ber Zukunft ihres Bundeslandes ab. Sie h&auml;tten die Chance aus ihrem Stimmzettel einen Denkzettel gegen das Kaputt-Sparen und gegen eine unsoziale Politik der gesellschaftlichen Spaltung zu machen und an Schwarz-Gelb nach Berlin zu schicken. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Mai wird es in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen geben. Ein durchaus bezweifelbares Gutachten von der CDU-gef&uuml;hrten Landtagsverwaltung, wonach mit der Ablehnung des Haushaltsplanes auch nur eines einzigen Ministeriums im Parlament der Gesamthaushalt f&uuml;r NRW schon in der zweiten Lesung als abgelehnt zu gelten hat, hat das Pokerspiel der Landtagsparteien um den Haushalt 2012 f&uuml;r alle &uuml;berraschend<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12541\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[192,193,190],"tags":[754,726,392,735],"class_list":["post-12541","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cducsu","category-fdp","category-wahlen","tag-nrw","tag-roettgen-norbert","tag-schuldenbremse","tag-schwaebische-hausfrau"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12541","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12541"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12541\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12543,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12541\/revisions\/12543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12541"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12541"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12541"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}