{"id":125947,"date":"2024-12-09T14:01:08","date_gmt":"2024-12-09T13:01:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125947"},"modified":"2024-12-10T08:03:28","modified_gmt":"2024-12-10T07:03:28","slug":"ein-hauch-von-1984-telepolis-loescht-das-eigene-archiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125947","title":{"rendered":"Ein Hauch von 1984 \u2013 Telepolis l\u00f6scht das eigene Archiv"},"content":{"rendered":"<p>Als <em>Telepolis<\/em> 1996 das Licht der Welt erblickte, gab es den Ausdruck &bdquo;alternative Medien&ldquo; noch nicht einmal. Wie auch die NachDenkSeiten geh&ouml;rte das zum Heise Verlag geh&ouml;rende Onlinemagazin zu den Pionieren eines publizistischen, politischen Mediums, in dem auch Fakten und Meinungen zu Wort kamen, die sich nicht in den Mainstream einreihen lie&szlig;en. Dieses kulturelle Erbe ist nun Geschichte. Im Rahmen einer &bdquo;Qualit&auml;tsoffensive&ldquo; &ndash; allein dieser Begriff k&ouml;nnte auch George Orwells 1984 entliehen sein &ndash; hat <em>Telepolis<\/em> nun alle Artikel, die vor 2021 erscheinen sind, <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Qualitaetsoffensive-Telepolis-ueberprueft-historische-Artikel-10190173.html\">vom Netz genommen<\/a> &ndash; das sind &uuml;ber 50.000 Beitr&auml;ge. 2021 &uuml;bernahm der neue Chefredakteur Harald Neuber, der auch f&uuml;r die L&ouml;schaktion verantwortlich zeichnet, das Ruder. Auch ich habe fr&uuml;her f&uuml;r <em>Telepolis<\/em> gearbeitet und empfinde das Vorgehen als Schande. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_955\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-125947-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=125947-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241209_Ein_Hauch_von_1984_Telepolis_loescht_das_eigene_Archiv_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass ich heute &uuml;berhaupt als Journalist arbeiten kann, ist auch zwei Personen zu verdanken: Florian R&ouml;tzer und Thomas Pany, damals Chefredakteur bzw. Redakteur des Onlinemagazins <em>Telepolis<\/em>. Als ich 2006 in meinem alten Job in der Unternehmenskommunikation entnervt den Bettel hinschmiss und mich als freier Journalist bet&auml;tigte, war dies vor allem aus finanzieller Hinsicht eine Kamikaze-Aktion, da es f&uuml;r Quereinsteiger nicht eben einfach ist, seine Texte an den Mann zu bringen. Ohne <em>Telepolis<\/em> &ndash; und sp&auml;ter den <em>Freitag<\/em> &ndash; w&auml;re meine &bdquo;Karriere&ldquo; in der schreibenden Zunft wohl bereits lange beendet, bevor ich 2011 erst als freier Mitarbeiter und sp&auml;ter als Redakteur zu den NachDenkSeiten stie&szlig;. Daf&uuml;r bin ich <em>Telepolis<\/em> und meinen beiden damaligen &bdquo;Betreuern&ldquo; f&uuml;r immer dankbar. <\/p><p>&Uuml;ber die f&uuml;nf Jahre hinweg, die ich als freier Autor f&uuml;r <em>Telepolis<\/em> t&auml;tig war, steuerte ich &uuml;ber 100 Artikel bei. Darunter waren zahlreiche Hintergrundartikel zur Finanzkrise 2007\/2008, eine ausf&uuml;hrliche Serie zur Pleite der <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20240429073924\/https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Die-Jahrhundertpleite-3382268.html\">HypoRealEstate<\/a>, eine Serie zur damals <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20240510060837\/https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Der-Euro-unter-Beschuss-I-3388073.html\">beginnenden Eurokrise<\/a>, aber auch ausf&uuml;hrlich recherchierte Reportagen wie die &uuml;ber den <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230329195916\/https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Whistleblower-vor-Gericht-die-Rudolf-Elmer-Story-3388303.html\">Whistleblower Rudolf Elmer<\/a>, der mit seinen &bdquo;Steuerhinterzieherdaten&ldquo; damals die Republik ersch&uuml;tterte und selbst ins Visier der Schweizer Banken geriet. Auch wenn Eigenlob bekanntlich stinkt, muss ich doch sagen, dass ich durchaus stolz auf diese &bdquo;Fr&uuml;hwerke&ldquo; bin.<\/p><p>Das sieht der derzeitige Chefredakteur von <em>Telepolis<\/em> offenbar anders. Wenn man diese Artikel heute auf der Seite von <em>Telepolis<\/em> aufrufen will, erh&auml;lt man nur den Hinweis, dass &bdquo;dieser Text nicht weiter zur Verf&uuml;gung gestellt [wird]&ldquo;, da er nicht dem &bdquo;redaktionellen Leitbild&ldquo; entspricht, dem sich <em>Telepolis<\/em> im Jahr 2022 verschrieben hat. Und das betrifft nicht nur die Artikel aus meiner Feder, sondern ausnahmslos alle(!) Artikel, die vor dem Jahr 2021 erschienen sind &ndash; also auch die Artikel der damaligen Redaktion und kulturhistorisch wertvolle St&uuml;cke wie die des ber&uuml;hmten polnischen Science-Fiction-Schriftstellers Stanislaw Lem, von dem seit 1997 <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20230131130527\/https:\/\/www.telepolis.de\/thema\/Stanislaw-Lem\">zahlreiche Essays<\/a> auf <em>Telepolis<\/em> erschienen sind, von denen gerade einmal <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/thema\/Stanislaw-Lem\">zwei 2021 postum erschienene Texte<\/a> die gro&szlig;e S&auml;uberung &uuml;berlebt haben. Auch dass ein Chefredakteur s&auml;mtliche Artikel seines Vorg&auml;ngers l&ouml;scht, ist in der Mediengeschichte wohl ein einmaliger Vorgang. Eine derartige Zerst&ouml;rung kulturellen Erbes kennt man sonst nur von den Taliban.<\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Qualitaetsoffensive-Telepolis-ueberprueft-historische-Artikel-10190173.html\">Erkl&auml;rung<\/a> des TP-Chefredakteurs Neuber ist dabei an zahlreichen Stellen unfreiwillig komisch. Da hei&szlig;t es beispielsweise, man k&ouml;nne in den &auml;lteren Beitr&auml;gen &bdquo;m&ouml;gliche Urheberrechtsverletzungen nicht ausschlie&szlig;en&ldquo;, da &bdquo;der Umgang mit urheberrechtlich gesch&uuml;tztem Material in der Fr&uuml;hzeit des Internets lockerer war&ldquo; und nun Abmahnungen drohen. Ja, das ist richtig. Dieses Problem kennen auch die NachDenkSeiten &ndash; nur, dass wir nie auf die Idee k&auml;men, deshalb das komplette Archiv zu l&ouml;schen. Wir haben in aufw&auml;ndiger Arbeit &auml;ltere Mediendateien, die m&ouml;glicherweise urheberrechtlich problematisch sind, h&auml;ndisch aussortiert, die Artikel, in denen diese Bilder vorkamen, sind aber selbstverst&auml;ndlich noch online. Ferner schreibt Neuber, dass ein Grund f&uuml;r das &bdquo;Offline nehmen&ldquo; der Artikel der Umstand gewesen sei, dass die &bdquo;Bilder [in den &auml;lteren Artikeln] nie barrierefrei und damit nicht f&uuml;r alle Leser zug&auml;nglich&ldquo; w&auml;ren, was als Erkl&auml;rung f&uuml;r die L&ouml;schung unfreiwillig komisch klingt. <\/p><p>Neuber k&uuml;ndigt auch an, dass &bdquo;viele Archivperlen&ldquo; neu erscheinen werden, und f&uuml;hrt dabei aus: &bdquo;Wir werden die alten Inhalte systematisch und so schnell wie m&ouml;glich sichten und &ndash; soweit sie noch einen Mehrwert bieten &ndash; nach unseren Qualit&auml;tskriterien bewerten und &uuml;berarbeiten.&ldquo; Artikel, die damals von Redaktion und Chefredaktion bereits bewertet und ggf. auch &uuml;berarbeitet wurden, sollen nun also vom neuen Chefredakteur noch einmal bewertet und &uuml;berarbeitet werden? Wo verl&auml;uft die Grenze zwischen Geschichten umschreiben und Geschichte umschreiben? <\/p><p>So sehr man die L&ouml;schung des kompletten Archivs auch kritisieren muss &ndash; vollkommen &uuml;berraschend kam dies nicht. Seit dem Abschied des Telepolis-Mitgr&uuml;nders und langj&auml;hrigen Chefredakteurs Florian R&ouml;tzer hat das Magazin deutlich an Biss verloren. War <em>Telepolis<\/em> fr&uuml;her ein kritischer Dorn im Fleisch der M&auml;chtigen und &ndash; wie die NachDenkSeiten &ndash; ein Korrektiv zum Mainstream, bem&uuml;ht man sich seitdem sichtlich um &bdquo;Ausgewogenheit&ldquo;, man hat seine Kanten abgeschliffen und bezeichnet das nach au&szlig;en als Orientierung an <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/Ueber-Telepolis-9305053.html\">journalistischen Standards<\/a>. <\/p><p>Sicher, nicht alle historischen Artikel werden diesen Standards entsprochen haben &ndash; aber auch das ist Kulturgeschichte. <em>Telepolis<\/em> wurde als medienpolitisches Experiment ins Leben gerufen. Wer wissen will, wie sich die deutsche Netzkultur in den fr&uuml;hen Jahren des Onlinejournalismus entwickelt hat, f&uuml;r den war <em>Telepolis<\/em> die wohl beste Prim&auml;rquelle. Es sind nicht nur die &bdquo;guten&ldquo;, journalistisch hochwertigen Texte &ndash; die nun auch alle gel&ouml;scht wurden -, sondern auch die aus heutiger Perspektive vielleicht ein wenig schr&auml;gen Artikel, die kulturell wertvoll sind. Es k&auml;me ja auch niemand auf die Idee, die fr&uuml;hen, sicher nicht perfekten Werke von Malern, Schriftstellern oder Komponisten zu vernichten, weil sie sp&auml;teren Qualit&auml;tsstandards nicht entsprechen. <\/p><p>&Uuml;ber die Hintergr&uuml;nde der L&ouml;schaktion und der Anpassung der redaktionellen Ausrichtung an den Mainstream kann man nur spekulieren. Die Entwicklung, die <em>Telepolis<\/em> genommen hat, ist jammerschade und stellt f&uuml;r die alternativen Medien in Deutschland zweifelsohne eine Z&auml;sur dar. Seien Sie sich aber sicher, dass die NachDenkSeiten diesen Weg nicht gehen werden. <\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Telepolis<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/273632731359479cbb614f48892fc7ce\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als <em>Telepolis<\/em> 1996 das Licht der Welt erblickte, gab es den Ausdruck &bdquo;alternative Medien&ldquo; noch nicht einmal. Wie auch die NachDenkSeiten geh&ouml;rte das zum Heise Verlag geh&ouml;rende Onlinemagazin zu den Pionieren eines publizistischen, politischen Mediums, in dem auch Fakten und Meinungen zu Wort kamen, die sich nicht in den Mainstream einreihen lie&szlig;en. Dieses kulturelle Erbe<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125947\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":125948,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,182,183],"tags":[2218,1471,1554,3230,1307],"class_list":["post-125947","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-medienkritik","tag-alternative-medien","tag-investigativer-journalismus","tag-orwell-2-0","tag-revisionismus","tag-telepolis"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/241209jb.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125947","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=125947"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125947\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125997,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125947\/revisions\/125997"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/125948"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=125947"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=125947"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=125947"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}