{"id":12611,"date":"2012-03-20T09:17:37","date_gmt":"2012-03-20T08:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12611"},"modified":"2015-02-08T11:05:05","modified_gmt":"2015-02-08T10:05:05","slug":"gabriel-und-hollande-getrennt-statt-seit-an-seit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12611","title":{"rendered":"Gabriel und Hollande \u2013 getrennt statt Seit\u00b4 an Seit\u00b4"},"content":{"rendered":"<p>Am Wochenende demonstrierten die F&uuml;hrer der sozialdemokratischen Parteien Deutschlands, Frankreichs und Italiens Einigkeit in den wichtigsten Fragen der Zukunft Europas. Die zur Schau gestellte Einigkeit ist jedoch bei n&auml;herer Betrachtung ein hohler Popanz. Die ideologischen Br&uuml;cken zwischen der deutschen und der franz&ouml;sischen Sozialdemokratie sind gewaltig und Sigmar Gabriels Positionen unterscheiden sich teilweise diametral von denen seines franz&ouml;sischen Genossen Fran&ccedil;ois Hollande. Es w&auml;re wohl ehrlicher gewesen, wenn der SPD-Vorsitzende nicht Hollande, sondern dessen Konkurrenten Sarkozy unterst&uuml;tzt h&auml;tte. Die von den Medien diskutierte Wachabl&ouml;sung des Merkozy-Tandems durch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/europa\/frankreich-statt-merkozy-bald-gabrollande\/6334962.html\">Gabrollande<\/a>&ldquo; ist nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich fragw&uuml;rdig. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFran&ccedil;ois Hollande hat sich nicht nur auf seinen direkten Konkurrenten Nicolas Sarkozy, sondern auch auf dessen &bdquo;ch&egrave;re amie&ldquo; Angela Merkel eingeschossen. Die deutsche Kanzlerin ist dabei mehr als nur eine &ouml;ffentlichkeitswirksame Strohpuppe &ndash; Hollande und Merkel trennen auch ideologisch Welten. So lehnt Hollande nicht nur Merkels Fiskalpakt rigoros ab, sondern positioniert sich auch bei anderen politischen Themen als &bdquo;Anti-Merkel&ldquo;. So will er beispielsweise bis zum Jahresende die franz&ouml;sischen Truppen aus Afghanistan abziehen, die Finanzm&auml;rkte strenger regulieren, eine &bdquo;echte&ldquo; Finanztransaktionssteuer einf&uuml;hren, Einkommen oberhalb der Millionengrenze mit 75% besteuern und das Renteneintrittsalter auf 60 Jahre absenken. Bemerkenswert ist auch, dass er im Pr&auml;sidentschaftswahlkampf eine beherztere Opposition zur deutschen Kanzlerin eingenommen hat, als es die SPD in ihrer mehr als zweij&auml;hrigen Oppositionszeit je geschafft hat. W&auml;hrend Sigmar Gabriel seinerseits den offenen Wahlkampf gegen die Kanzlerin <a href=\"\/?p=12019\">verweigert<\/a>, sieht Hollande in der Kanzlerin nicht nur einen politischen, sondern auch einen ideologischen Gegner. W&auml;hrend Hollandes politischer Kompass bei seinen politischen Feinden noch halbwegs intakt ist, weist er jedoch einen Defekt bei der Peilung seiner politischen Freunde auf.<\/p><p>Hollandes Positionen haben nur geringe Schnittmengen mit der deutschen SPD, weisen daf&uuml;r aber um so gr&ouml;&szlig;ere Schnittmengen mit den Positionen der Linkspartei auf, die f&uuml;r den SPD-Vorsitzenden Gabriel der eigentliche politischen Feind im Lande ist. Auch bei den konkreten Themen, die am Wochenende zusammen mit Vertretern anderer europ&auml;ischer sozialdemokratischer Parteien <a href=\"http:\/\/www.feps-europe.eu\/en\/renaissance_en\">debattiert wurden<\/a>,  gibt es keinen Konsens zwischen Gabriel und Hollande. Fran&ccedil;ois Hollande bezeichnet den Fiskalpakt als &bdquo;den &auml;rgsten Feind der europ&auml;ischen V&ouml;lker&ldquo; und will ihn im europ&auml;ischen Rahmen komplett neu verhandelt sehen. Im Falle eines Wahlsiegs werde er sich nicht an die &bdquo;roten Linien&ldquo; der Bundesregierung halten. Das sieht sein deutscher Genosse Gabriel nicht ganz so kritisch. Seine Partei will den Vertrag ohne &Auml;nderungen im deutschen Parlament ratifizieren, wenn er nur durch eine europ&auml;ische Initiative f&uuml;r Wachstums- und Besch&auml;ftigungsimpulse erg&auml;nzt wird. Was er sich darunter konkret vorstellt, beh&auml;lt Gabriel lieber f&uuml;r sich &ndash; allzu hoch wird der Preis f&uuml;r seine Zustimmung sicher nicht sein, w&uuml;rde ein echter Widerstand doch seine Chancen auf die wahrscheinlich im n&auml;chsten Jahr angestrebte Juniorpartnerschaft unter einer Kanzlerin Merkel mindern. <\/p><p>Einen guten Einblick in Sigmar Gabriels finanzpolitische Gedankenwelt bietet sein Aufsatz &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/kapitalismus\/eurokrise-was-wir-europa-wirklich-schulden-11560106.html\">Was wir Europa wirklich schulden<\/a>&ldquo;. Hollandes Fundamentalkritik am europ&auml;ischen Fiskalpakt und der Austerit&auml;tspolitik ist dort nicht wiederzufinden. Im Gegenteil &ndash; Gabriel echauffiert sich vielmehr dar&uuml;ber, dass Deutschland nicht genug spare und Merkels erster Entwurf f&uuml;r den Fiskalpakt zwar nationale Schuldenbremsen beinhalte, diese aber nicht wirkungsvoll genug durch Sanktionsmechanismen flankiere. Er sorgt sich nicht um die Folgen der Austerit&auml;tspolitik, sondern um vermeintliche M&ouml;glichkeiten, die Schuldenbremse zu umgehen. Staaten, die vom Finanzsystem erpresst werden, vergleicht er mit &bdquo;Drogens&uuml;chtigen&ldquo;, Kredite zu vertretbaren Zinskonditionen mit &bdquo;billigen Drogen&ldquo;, und eine harte, durch Sanktionen flankierte, Schuldenbremse mit einem &bdquo;Therapieangebot&ldquo;. Gabriel kritisiert nicht die verheerenden &ouml;konomischen Folgen des Fiskalpakts, sondern stellt sich als den &bdquo;besseren Sparer&ldquo; und zugleich auch als den &bdquo;besseren Zuchtmeister&ldquo; f&uuml;r die europ&auml;ische Peripherie dar. Das hat mit Hollandes Kritik am Fiskalpakt so gar nichts gemein.<\/p><p>&Auml;hnlich gro&szlig; sind die Diskrepanzen bei der Vision, wie die EZB k&uuml;nftig als stabilisierendes Element in die europ&auml;ische Wirtschafts- und Finanzpolitik integriert werden k&ouml;nnte. Hollande will die EZB-Satzung &auml;ndern, so dass sie als letzter Kreditgeber (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lender_of_last_resort\">Lender of last resort<\/a>) f&uuml;r Staatsschulden einspringen kann. Dem europ&auml;ischen Stabilisierungsmechanismus ESM will er einen Zugriff auf die Liquidit&auml;t der EZB verschaffen. In einem <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/franzoesischer-praesidentschaftskandidat-hollande-kritisiert-europaeischen-fiskalpakt-11688671.html\">Interview mit France 2<\/a> sagte Hollande sogar: &bdquo;Die Europ&auml;ische Zentralbank verleiht Geld an Banken, aber nicht an Staaten. Dar&uuml;ber werden wir zu diskutieren haben.&ldquo;  Das klingt wirklich progressiv, Hollande scheint die Stimme der Vernunft in der Kakophonie des europ&auml;ischen Chors des Irrsinns zu sein. Er ist jedoch ein Solist. Sigmar Gabriel will von solch progressiven Ans&auml;tzen nichts wissen, lehnt jede Ausweitung der Kompetenzen der EZB kategorisch ab und tr&auml;llert somit lautstark im Chor mit. Hollande w&auml;re eher der passende Duett-Partner f&uuml;r einen Oskar Lafontaine, dessen N&auml;he er auch in alten Zeiten, als Lafontaine noch SPD-Vorsitzender war, gesucht hat. Die deutsche Linkspartei zeigt sich allerdings mit Hollandes Konkurrenten Jean-Luc M&eacute;lenchon solidarisch, der ihrer Schwesterpartei &bdquo;Parti de Gauche&ldquo; angeh&ouml;rt.<\/p><p>Die ideologischen Barrieren zwischen Gabriels SPD und Hollandes PS (Parti socialiste) sind keineswegs neu. Frankreichs Sozialdemokraten sind, anders als ihre Schwesterparteien anderer europ&auml;ischer Staaten, nicht den Weg der &bdquo;neuen Mitte&ldquo; gegangen, den Gerhard Schr&ouml;der und Tony Blair 1999 in ihrem Schr&ouml;der-Blair-Papier vorgaben. Seitdem f&auml;hrt den Pariser Sozialisten regelm&auml;&szlig;ig ein Schreck in die Glieder, wenn sie den neoliberalen Kurs ihrer Genossen in Berlin verfolgen m&uuml;ssen. Die SPD wiederum h&auml;lt die PS f&uuml;r ein Relikt vergangener Tage, das die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Als Gerhard Schr&ouml;der im Dezember letzten Jahres Paris besuchte, lobte er daher auch Nicolas Sarkozy &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee, w&auml;hrend er Hollande links liegen lie&szlig;. Diese Aktion war wesentlich symptomatischer f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von SPD und PS, als Gabriels vermeintlicher Schulterschluss mit Hollande am vergangenen Wochenende. Was versprechen sich Gabriel und Hollande eigentlich von ihrem ungleichen B&uuml;ndnis?<\/p><p>Es ist unwahrscheinlich, dass Fran&ccedil;ois Hollande sich &ndash; wie die deutschen SPD-W&auml;hler &ndash; von Gabriel t&auml;uschen l&auml;sst und tats&auml;chlich an das Vorhandensein von bedeutsamen Schnittmengen mit der SPD glaubt. Hollande steht jedoch unter Druck. Sarkozy holt in den Meinungsumfragen dank seiner rechtspopulistischen Spr&uuml;che zum Schengen-Abkommen merklich auf und hat es bis jetzt immer wieder geschafft, Hollande als isolierten Kandidaten darzustellen, der seine Wahlversprechen zumindest auf europ&auml;ischer Ebene mangels B&uuml;ndnispartnern nicht umsetzen kann. Dieser Vorwurf ist dabei noch nicht einmal allzu weit hergeholt. Im Falle eines Wahlsiegs w&auml;re Hollande auf europ&auml;ischer Ebene tats&auml;chlich isoliert und es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass sich dies auf absehbare Zeit &auml;ndern k&ouml;nnte. F&uuml;r Hollande ist es daher auch sehr wichtig, zumindest im Wahlkampf den Eindruck zu erwecken, er habe B&uuml;ndnispartner. Dass diese B&uuml;ndnispartner selbst in der Opposition sind und es sowohl in Deutschland als auch in Italien keinesfalls ausgemacht ist, dass sich dies 2013 &auml;ndern k&ouml;nnte, ist ein Sch&ouml;nheitsfehler in seiner Wahlkampfstrategie. Mehr als ein Sch&ouml;nheitsfehler ist es jedoch, dass seine B&uuml;ndnispartner selbst im Falle eines Wahlsiegs gar kein Interesse an der Politik haben, die Hollande vorschwebt. Es ist daher abzuwarten, ob Sarkozy den Bluff entzaubern kann. Sigmar Gabriel kann durch seinen Schulterschluss mit Hollande jedenfalls nur gewinnen. W&auml;hrend er daheim mucksm&auml;uschenstill vor der Kanzlerin kuscht, kann er sich in Paris als Oppositionspolitiker aufspielen und sich dabei auch noch international in Szene setzen. Dies wird ihm vor allem im parteiinternen Kampf um die Kanzlerkandidatur gegen den international erfahrenen Peer Steinbr&uuml;ck sicherlich nicht zum Nachteil gereichen. Was st&ouml;rt es da schon, dass es gar keine gemeinsamen Inhalte mit Hollande gibt und die SPD und die PS eher voneinander getrennt stehen, statt Seit&acute; an Seit&acute; f&uuml;r Europas Zukunft zu k&auml;mpfen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/7812eb4661f24076bf8c7c45251bf191\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende demonstrierten die F&uuml;hrer der sozialdemokratischen Parteien Deutschlands, Frankreichs und Italiens Einigkeit in den wichtigsten Fragen der Zukunft Europas. Die zur Schau gestellte Einigkeit ist jedoch bei n&auml;herer Betrachtung ein hohler Popanz. 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