{"id":12628,"date":"2012-03-21T14:51:11","date_gmt":"2012-03-21T13:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12628"},"modified":"2015-02-08T11:08:45","modified_gmt":"2015-02-08T10:08:45","slug":"tarifrunde-2012-medizin-fur-eine-krankelnde-volkswirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12628","title":{"rendered":"Tarifrunde 2012 \u2013 Medizin f\u00fcr eine kr\u00e4nkelnde Volkswirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeichen stehen auf Sturm. Nachdem die Arbeitgeberseite trotz Warnstreiks bis dato noch nicht ernsthaft auf die Forderungen der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di eingegangen ist, droht dem Land nun ein z&auml;her Arbeitskampf mit massiven Streiks im &ouml;ffentlichen Dienst. Dabei sind die Forderungen der Arbeitnehmer nicht nur im Sinne der Frage eines gerechten Lohns gerechtfertigt, sondern stellen ein zwingend notwendiges Korrektiv f&uuml;r die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone dar. Da bei den Tarifverhandlungen im &ouml;ffentlichen Dienst der Staat auf Seiten der Arbeitgeber verhandelt, k&ouml;nnte hier die Politik endlich ein Zeichen setzen, gelten die Verhandlungen doch auch als Vorlage f&uuml;r etliche Tarifverhandlungen, die in den n&auml;chsten Monaten anstehen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nZumindest in einer Disziplin ist Deutschland zweifelsohne unschlagbar &ndash; in der Lohnzur&uuml;ckhaltung seiner Arbeiter und Angestellten. W&auml;hrend die Wirtschaft im letzten Jahrzehnt trotz des herben R&uuml;ckschlags w&auml;hrend der Finanzkrise 2008\/2009 insgesamt um 12,6% wuchs, gingen die Reall&ouml;hne im gleichen Zeitraum um 2,9% zur&uuml;ck. Diese Lohnzur&uuml;ckhaltung blieb nat&uuml;rlich nicht folgenlos. Man muss an dieser Stelle &uuml;berhaupt nicht die problematischen Wettbewerbsvorteile gegen&uuml;ber anderen Volkswirtschaften &uuml;berstrapazieren. Viel entscheidender ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Effekt. Export&uuml;bersch&uuml;sse sind immer auch Importdefizite. Deutschland exportiert nicht nur zu viel, sondern importiert auch viel zu wenig G&uuml;ter. Grund f&uuml;r die schwachen Importe ist die bescheidende Kaufkraft, die ganz direkt mit der unterdurchschnittlichen Lohnentwicklung zusammenh&auml;ngt.<\/p><p>Gesamtwirtschaftlich kann ein volkswirtschaftliches Modell, das auf Lohnsenkungen basiert, nicht funktionieren. Jedes Produkt braucht einen K&auml;ufer, selbst Investitionen des Unternehmenssektors tragen sich schlussendlich nur, wenn am Ende der Kette jemand eine Dienstleistung oder ein Produkt einkauft. Nicht Investitionen, sondern Konsumausgaben sind die Triebfeder der Wirtschaft. Kurzgefasst k&ouml;nnte man diesen Zusammenhang mit dem bekannten Ford-Zitat &bdquo;Autos kaufen keine Autos&ldquo; umrei&szlig;en. Um den Wirtschaftskreislauf am Laufen zu halten, ist es daher auch unumg&auml;nglich, dass die Privathaushalte von Jahr zu Jahr mehr bzw. hochwertigere G&uuml;ter und Dienstleistungen konsumieren. Das Ma&szlig; der Lohnsteigerungen h&auml;ngt dabei von der Preissteigerung und der Produktivit&auml;tssteigerung ab &ndash; liegen die Lohnsteigerungen unterhalb der Preis- und Produktivit&auml;tssteigerung, partizipieren die Arbeitnehmer in einem zu geringem Ma&szlig;e von der wirtschaftlichen Entwicklung. Dieses &bdquo;G&uuml;rtel-enger-Schnallen&ldquo; wurde im letzten Jahrzehnt zur Regel.<\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/lohnentwicklung_wsi1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/lohnentwicklung_wsi1_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Summiert man die Differenzen zwischen dem Verteilungsspielraum (also Produktivit&auml;ts- plus Preissteigerung) der letzten zehn Jahre, kommt man auf erschreckende 15,0%. Nur im Krisenjahr 2009 lag die Lohnsteigerung &uuml;ber dem Verteilungsspielraum, was sich damit erkl&auml;ren l&auml;sst, dass wir in diesem Jahr Deflation und eine &ndash; konjunkturbedingt &ndash; sinkende Produktivit&auml;t hatten, die L&ouml;hne aber dennoch stiegen. Ein jeder kann sich vorstellen, wie unsere Volkswirtschaft auss&auml;he, h&auml;tte es im letzten Jahrzehnt gesunde Lohnsteigerungen gegeben. Das Bruttoeinkommen jedes Besch&auml;ftigten l&auml;ge in diesem Falle durchschnittlich 15,0% h&ouml;her &ndash; was nicht nur einen gewaltigen Schub f&uuml;r die Kaufkraft, sondern auch f&uuml;r die Steuereinnahmen darstellen w&uuml;rde. Wenn man einmal grob &uuml;ber den Daumen peilt, dass 20% der zus&auml;tzlichen L&ouml;hne als Einkommensteuer abgef&uuml;hrt w&uuml;rden, k&auml;me man auf Mehreinnahmen in H&ouml;he von 32,2 Milliarden Euro im Jahr 2011 &ndash; der Staat h&auml;tte also keine neuen Schulden aufnehmen m&uuml;ssen, wenn die L&ouml;hne in einem gesunden Ma&szlig; gestiegen w&auml;ren. Auch die Sozialsysteme w&uuml;rden von einer gesunden Steigerung profitieren, h&auml;ngen die Einnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, der Pflegeversicherung, der Arbeitslosenversicherung und nicht zuletzt auch der Rentenversicherung doch direkt mit den L&ouml;hnen zusammen. Die Renten sind sogar direkt an die Lohnentwicklung gekoppelt. Wenn es denn eine &bdquo;eierlegende Wollmilchsau&ldquo; der Volkswirtschaft gibt, so sind dies Lohnsteigerungen. <\/p><p><a href=\"\/upload\/bilder\/lohnentwicklung_wsi2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/lohnentwicklung_wsi2_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>In einer freien Marktwirtschaft kann der Staat das Lohngef&uuml;ge nicht bestimmen, es ist vielmehr Verhandlungsgegenstand der Tarifpartner. Eine Ausnahme von dieser Regel bilden jedoch die Tarifverhandlungen des &ouml;ffentlichen Dienstes. Hier sitzt der Staat als Arbeitgeber mit am Verhandlungstisch. Es w&auml;re w&uuml;nschenswert, wenn der Staat in dieser Rolle einmal &uuml;ber den einzelwirtschaftlichen Tellerrand hinausblicken w&uuml;rde und sich seiner gesamtwirtschaftlichen Funktion bewusst w&auml;re. Der Bundeshaushalt bietet mehr als genug Spielraum f&uuml;r Lohnerh&ouml;hungen. Die kommunalen Haushalte sind zwar in einer Dauerkrise, dies ist jedoch ein politisches Problem auf anderer Ebene, das nicht auf dem R&uuml;cken der Volkswirtschaft und schon gar nicht auf dem der Arbeitnehmer ausgetragen werden darf. Eine Steuerreform zugunsten der Kommunen ist l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig &ndash; vollkommen unabh&auml;ngig vom Ausgang der Lohnverhandlungen.<\/p><p>Leider wird auch bei der jetzigen Tarifrunde im &ouml;ffentlichen mit missverst&auml;ndlichen Zahlenangaben operiert. Der verhandelte Tarifvertrag gilt f&uuml;r die kommenden zwei Jahre, die im Raum stehenden Angebote der Arbeitgeberseite beziehen sich somit auch auf zwei Jahre und m&uuml;ssen halbiert werden, will man sie mit Daten wie der Preissteigerung oder der Produktivit&auml;tssteigerung vergleichen. Mit der Ausgangsforderung von 6,5% f&uuml;r 12 Monate liegt ver.di jedoch deutlich &uuml;ber dem zu erwartenden Verteilungsspielraum. Nimmt man die aktuelle Inflation von 2,5% f&uuml;r 2012 und die EZB-Zielinflation von 2,0% f&uuml;r 2013 als Basis, muss man von einer Preissteigerung von 4,55% ausgehen. Die prognostizierte Produktivit&auml;tssteigerung f&uuml;r 2012 betr&auml;gt 1,0% (Sachverst&auml;ndigenrat) und f&uuml;r 2013 1,3% (EU-Kommission) &ndash; macht zusammen 2,31%. Bei einem zweij&auml;hrigen Tarifvertrag w&auml;re auf Basis dieser Zahlen somit ein Verteilungsspielraum von 7,06% vorhanden. Das aktuelle Angebot der Arbeitgeber liegt mit 3,3% (1,77% pro Jahr) sogar noch unter der Preissteigerung und stellt somit einen Reallohnverlust dar. Dies ist nat&uuml;rlich vollkommen indiskutabel. <\/p><p>Man kann daher auch aus volkswirtschaftlicher Sicht nur hoffen, das ver.di R&uuml;ckgrat beweist und f&uuml;r seine Forderungen k&auml;mpft. Dies ist nat&uuml;rlich mit Nachteilen f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung verbunden. Es ist nicht sch&ouml;n, wenn der M&uuml;ll nicht abgeholt wird, die Kitas geschlossen haben und die Busse ausfallen. Dies ist jedoch nur ein kleiner Preis, den wir alle zu zahlen bereit sein sollten, da ein gesunder Lohnabschluss ja auch uns allen zugute k&auml;me. Sollten Sie dennoch das Verlangen versp&uuml;ren, sich &uuml;ber den Streik zu beschweren, dann wenden Sie sich doch an Ihren B&uuml;rgermeister oder Ihren Bundestagsabgeordneten und sagen ihm, dass er ein wenig Druck auf die Verhandlungsf&uuml;hrer der Arbeitgeberseite machen soll, so dass der Streik m&ouml;glichst schnell im Sinne der Allgemeinheit beendet werden kann.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/df7e0ba2e07647a288b35569dc0a5c31\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeichen stehen auf Sturm. 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