{"id":126339,"date":"2024-12-16T12:23:45","date_gmt":"2024-12-16T11:23:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126339"},"modified":"2024-12-17T15:21:02","modified_gmt":"2024-12-17T14:21:02","slug":"syrien-gestern-und-heute-betrachtungen-einer-korrespondentin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126339","title":{"rendered":"Syrien gestern und heute &#8211; Betrachtungen einer Korrespondentin"},"content":{"rendered":"<p>Kennen Sie &bdquo;Wimmelbilder&ldquo;? Kinder und Erwachsene lieben &bdquo;Wimmelbilder&ldquo;. Kinder lieben sie, weil sie stundenlang darauf sehen und immer wieder Neues entdecken k&ouml;nnen. Erwachsene lieben sie, weil sie Kinder auf diese Weise zumindest eine Zeitlang ruhigstellen k&ouml;nnen. Beliebte Themen f&uuml;r &bdquo;Wimmelbilder&ldquo; sind H&auml;fen, Weihnachts- oder Wochenm&auml;rkte, Bauernh&ouml;fe; Zirkuszelte oder Jahrm&auml;rkte. Es gibt &bdquo;Wimmelbilder&ldquo; aus St&auml;dten und aus verschiedenen Jahrhunderten, es gibt sie als B&uuml;cher, Kalender, im Internet, als Plakate oder als Teppiche f&uuml;r Kinderg&auml;rten. Gemeinsam ist allen, dass sie Phantasiebilder sind, die mit der Wirklichkeit nichts (mehr) zu tun haben. Als &bdquo;Wimmelbild&ldquo; k&ouml;nnen Sie sich vorstellen, was derzeit von Medien und Politikern der westlichen Hemisph&auml;re und ihren Partnern im &ouml;stlichen Mittelmeerraum und in der arabischen Golfregion &uuml;ber Syrien produziert wird. Von <strong>Karin Leukefeld<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_839\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-126339-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=126339-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241217-Syrien-gestern-und-heute-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Da gibt es Analysen, Perspektiven, Wunsch- und Gefahrenkataloge, Ratschl&auml;ge und jede Menge Debatten. Es gibt unz&auml;hlige Interviews, Reiseaktivit&auml;ten und Treffen, mit denen aktuell Bilder eines zuk&uuml;nftigen Syrien produziert werden, die sich die &Ouml;ffentlichkeit stundenlang ansehen und darin immer wieder Neues entdecken kann. Die Drahtzieher dessen, was in Syrien derzeit geschieht, versuchen derweil, mit einem bunten Strau&szlig; voller Wundert&uuml;ten die Syrer zumindest eine Zeitlang ruhigzustellen. Das gilt vor allem f&uuml;r die Syrer, die an ihrem Land festgehalten haben, trotz Mangel und trotz eines Krieges, den keiner von ihnen wollte.<\/p><p>Diese Drahtzieher sind Staaten und deren F&uuml;hrungspersonal, die sich auf Einladung Jordaniens am Wochenende in Akaba trafen. Da waren arabische Staaten vertreten, die 2011\/12 den Aufstand in Syrien mit Geld und Waffen politisch und medial befeuerten. Da waren die USA und die EU vertreten, die Syrien mit einseitigen wirtschaftlichen Strafma&szlig;nahmen (Sanktionen) seit 2011 (EU) und seit 2019 (USA &bdquo;Caesar Gesetz&ldquo;) so sehr sch&auml;digten, dass kein Wiederaufbau m&ouml;glich war. Die Wirtschaft des Landes wurde durch illegale Besatzung und Pl&uuml;nderung syrischer Rohstoffe und syrischen Territoriums so sehr gesch&auml;digt, dass Vertreibung, Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption und Schmuggel die gesamte Gesellschaft an den Rand menschlicher Lebensm&ouml;glichkeiten zwangen.<\/p><p>Nun rollen eben diese Staaten f&uuml;r die international als Terrororganisation gelistete <em>Hay&rsquo;at Tahrir al-Sham<\/em> alias <em>Nusra-Front<\/em> alias <em>Al Qaida in Syrien<\/em> den roten Teppich aus und stellen ein Ende der einseitigen wirtschaftlichen Sanktionen in Aussicht. Abu Mohammed al Jolani, auf den die USA ein Kopfgeld von 10 Millionen US-Dollar ausgesetzt hat, wird ermahnt, eine zuk&uuml;nftige Regierung m&uuml;sse den Prinzipien entsprechen, &bdquo;auf die wir uns alle geeinigt haben, dass die neue F&uuml;hrung in Syrien diese einhalten muss&ldquo;, so die neue EU-Au&szlig;enbeauftragte Kaja Kallas, die an dem Treffen in Akaba teilnahm. Diese Prinzipien seien &bdquo;Stabilit&auml;t, Souver&auml;nit&auml;t und territoriale Integrit&auml;t Syriens (&hellip;.) Auch der Respekt von Minderheiten, keine Radikalisierung, der Aufbau von (staatlichen) Institutionen, eine einheitliche Regierung &ndash; das bedeutet alle Gruppen Syriens &ndash; und die Rechenschaftspflicht f&uuml;r begangene Verbrechen&ldquo; m&uuml;ssten ber&uuml;cksichtigt werden. Ob Frau Kallas dabei auch an die Verbrechen von HTS und der Nusra-Front gedacht hat?<\/p><p>Die immer bereiten Medien verbreiten &bdquo;Siegesbilder&ldquo; aus Damaskus. Hunderttausende sollen am ersten Freitag nach dem &bdquo;Sturz des Regimes&ldquo; in und um die Omajjaden-Moschee in der Damaszener Altstadt gefeiert haben. Die engen Stra&szlig;en und Gassen um das ehrw&uuml;rdige Geb&auml;ude seien am Vorabend mit Menschenmassen gef&uuml;llt, wie man sie sonst nur vor dem Krieg an jedem Wochenende dort sehen konnte, berichten Anwohner. Hunderttausende sollen am Freitagabend dem Feuerwerk zugejubelt haben, das &uuml;ber dem Omajjaden-Platz vor dem Opernhaus gez&uuml;ndet wurde, w&auml;hrend im Hintergrund das &bdquo;Four Season&ldquo;-Hotel wie eine Festung erleuchtet war. Eine Festung ist das Hotel allerdings, denn es wurde mit einer hohen Mauer und Stacheldraht umgeben und ist nur durch eine Sicherheitsschleuse zu betreten. Das &bdquo;Four Season&ldquo; beherbergt seit 2012 die Organisationen der Vereinten Nationen, die in Syrien Hilfe f&uuml;r notleidende Menschen organisieren. Aus Sicherheitsgr&uuml;nden m&uuml;ssen die Vereinten Nationen sich wie in einer Festung verschanzen.<\/p><p>Die Filmaufnahmen der vielen Journalisten, die &uuml;ber die T&uuml;rkei &ndash; mit den &bdquo;Rebellen&ldquo; aus Idlib &ndash; nach Damaskus gelangten oder die &uuml;ber den Libanon und die verlassene syrische Grenze ins Land str&ouml;mten, &auml;hneln sich vermutlich auch deswegen, weil sie schnell produziert werden m&uuml;ssen. Die Redaktionen dr&auml;ngen auf immer mehr und neue Bilder, die internationalen Trendsetter-Sender wie <em>BBC<\/em>, <em>CNN<\/em> und <em>Al Jazeera<\/em> haben Reporter, Kameraleute und Techniker in St&auml;rke von Fu&szlig;ballteams nach Damaskus geschickt, sie scheinen rund um die Uhr zu arbeiten. Sie werden nicht m&uuml;de, die Fahnen der &bdquo;Rebellen&ldquo; zu zeigen, die &uuml;berall und massenweise an Gesch&auml;fte und an die Bev&ouml;lkerung verteilt wurden &ndash; eine Fahnenfabrik an unbekanntem Ort war offenbar auf die gro&szlig;e Nachfrage vorbereitet worden und hatte gro&szlig;e Mengen produziert.<\/p><p>Immer wieder werden Bilder des Gef&auml;ngnisses in Sednaya gezeigt, dessen Tore wie die aller Gef&auml;ngnisse beim Vormarsch der &bdquo;Rebellen&ldquo; ge&ouml;ffnet wurden. Die &Uuml;berlebenden &ndash; nach unterschiedlichen Angaben in Sednaya bis zu 4.300 &ndash; wurden ihrer neuen Freiheit &uuml;berlassen. Manche Familien, die jahrelang auf die Freilassung ihrer gefangenen Angeh&ouml;rigen gehofft hatten, warteten vergeblich auf deren R&uuml;ckkehr und fanden sie in Leichenh&auml;usern. Andere irrten durch die leeren Zellen des unheimlichen Geb&auml;udes oder durchw&uuml;hlten achtlos zerstreute Dokumente und Personalausweise auf der Suche nach Informationen. Immer dabei waren die Kameras internationaler Fernsehsender und sie zeigten Menschen, die am Boden kauerten, Menschen, die m&uuml;de ins Leere starrten oder voller Entsetzen und Trauer angesichts ihrer toten Angeh&ouml;rigen zusammenbrachen. Wo Hilfe und Zuspruch gebraucht wurde, gab es Kameras und Mikrophone. Syrien, HTS in Damaskus, das Grauen von Sednaya verkauft sich gut. Alles ist Sensation.<\/p><p>Als Schulen und Universit&auml;ten am Sonntagmorgen &ndash; in der arabischen Welt ist das der Wochenanfang &ndash; wieder &ouml;ffnen, sehen die Sch&uuml;ler verlegen zu, wie die neue Fahne gehisst wird, vor der sie nun Aufstellung nehmen m&uuml;ssen. Eine Lehrerin erscheint vor ihren Grundsch&uuml;lern mit der neuen Fahne als Schultertuch.<\/p><p>Alles &Uuml;bel wird auf Bashar al-Assad abgeladen, der unter unklaren Umst&auml;nden das Land ohne ein Wort verlassen hat. Er habe mit seiner Familie in Moskau &bdquo;humanit&auml;res Asyl&ldquo; erhalten, teilt das russische Au&szlig;enministerium mit. Um sein Verschwinden ranken sich zahlreiche Medienberichte, die, basierend auf namentlich nicht genannten Quellen, wissen wollen, wie sein R&uuml;cktritt, sein Abgang sich zugetragen haben soll. Die Schw&auml;che der Armee wird analysiert oder wahlweise auch deren Spaltung. Die Baath-Partei, die mit ihren Institutionen anderes politisches Leben schlie&szlig;lich erstickte, soll sich aufgel&ouml;st haben, hei&szlig;t es. Alle m&uuml;ssten f&uuml;r ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, hei&szlig;t es. Die jahrzehntelange Unterdr&uuml;ckung sei vor&uuml;ber, Syrien werde &bdquo;neu geboren&ldquo;.<\/p><p>Im &bdquo;Wimmelbild&ldquo; Syrien, das der westlichen &Ouml;ffentlichkeit pr&auml;sentiert wird, gibt es keinen Raum f&uuml;r die Geschichte der Region und darin Syriens, das schon unmittelbar nach seiner Unabh&auml;ngigkeit (1946) von US-Intrigen und Interventionen ersch&uuml;ttert wurde. Es gibt keinen Raum f&uuml;r die hunderttausenden Fl&uuml;chtlinge, die in dem Land ein neues Zuhause fanden: Tscherkessen und Algerier im 19. Jahrhundert, Armenier Anfang des 20. Jahrhunderts. 1948 wurden zehntausende Pal&auml;stinenser aufgenommen, die von zionistischen Milizen vertrieben worden waren. Weitere Pal&auml;stinenser folgten nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und erneut nach dem Krieg mit Israel 1973. Nach dem US-&Uuml;berfall auf Irak (2003) und dem folgenden blutigen inneren Krieg, der 2005 seinen H&ouml;hepunkt fand, wurden 1,5 Millionen Iraker in Syrien aufgenommen. Millionen Libanesen kamen nach Syrien w&auml;hrend des Krieges 2006 und zuletzt w&auml;hrend des israelischen Krieges, der von September bis November 2024 dauerte und mehr als 3.900 Zivilisten das Leben kostete und mehr als 16.500 verletzte. Rund 400.000 Syrer, die vor dem Krieg in Syrien in den Libanon flohen, waren in der Zeit nach Syrien zur&uuml;ckgeflohen.<\/p><p><strong>Mit dem Jahr 2011 waren die Syrer selbst zu Fl&uuml;chtlingen geworden<\/strong><\/p><p>Damals boomte die Wirtschaft des Landes. Die Weltbank stufte Syrien unter den arabischen Staaten als f&uuml;nftst&auml;rkste &Ouml;konomie ein. Das Land hatte sich in den 10 Jahren nach 2000 unter dem jungen Pr&auml;sidenten Bashar al Assad nach Westen, nach Europa ge&ouml;ffnet und bot sich nach dem 11. September 2001 als Partner im &bdquo;Kampf gegen den Terror&ldquo; an, den die USA erkl&auml;rten. Syrien lie&szlig; bereitwillig ausl&auml;ndische Studierende, Firmen, Organisationen, Medien einreisen. Mit der EU wurde &uuml;ber ein Assoziierungsabkommen verhandelt. Auf den &Ouml;lfeldern im Osten des Landes entlang der Grenze zum Irak waren s&auml;mtliche gro&szlig;en internationalen &Ouml;l-Unternehmen zu finden. Entlang der Stra&szlig;e von Damaskus nach Homs bauten internationale Autofirmen gro&szlig;e Ausstellungs- und Verkaufsh&auml;user. Die Gesellschaft f&uuml;r technische Zusammenarbeit (GTZ, heute GIZ) sanierte aufw&auml;ndig die Altstadt von Aleppo. Die syrische Regierung lud syrische Wissenschaftler und Unternehmer ein, die im Ausland lebten, und rief sie auf, in Syrien zu investieren. Besonders &Auml;rzte bauten private Kliniken und Praxen auf und erg&auml;nzten damit die gesundheitliche Versorgung im Land.<\/p><p>Die Autorin hatte 2005 den Irak verlassen und war den irakischen Fl&uuml;chtlingen nach Syrien gefolgt. Ein Antrag auf Akkreditierung wurde 5 Jahre lang &bdquo;bearbeitet&ldquo;, bis er schlie&szlig;lich 2010 bewilligt wurde. Als zur Jahreswende 2010\/11 auf dem Tahrir-Platz in Kairo die Proteste begannen, reiste die Autorin vom Flughafen Damaskus nach Kairo, um von dort zu berichten. &bdquo;Erz&auml;hl uns, was Du dort h&ouml;rst und erlebst&ldquo;, sagte ein Bekannter vor der Abreise. &bdquo;Ich hoffe nur, dass sie dort am Ende nicht die Muslimbr&uuml;der bekommen.&ldquo; &Auml;gypten bekam einen Pr&auml;sidenten der Muslimbruderschaft. 2013 folgte ein Milit&auml;rputsch unter F&uuml;hrung von Feldmarschall Abdel Fatteh al-Sisi, der 2014 Pr&auml;sident wurde.<\/p><p>In Syrien begannen Demonstrationen, &uuml;berall wurde diskutiert. Erste Menschen wurden bei den Protesten get&ouml;tet, Angriffe auf Polizei und Armee vor allem in den Grenzgebieten zur T&uuml;rkei und zu Jordanien nahmen zu. Wissenschaftler, Offiziere, Politiker, Journalisten wurden erschossen oder entf&uuml;hrt, es herrschte Angst. Oppositionelle aus verschiedenen Parteien stellten auf einer Konferenz im Semir-Amis-Hotel im Sommer 2011 ihre Forderungen vor: Keine Gewalt, Freilassung der Gefangenen, nationaler Dialog. Etwa zeitgleich wurde in der T&uuml;rkei die &bdquo;Freie syrische Armee&ldquo; gegr&uuml;ndet. Deutschland, Frankreich und Gro&szlig;britannien riefen gleichzeitig ihre Botschafter zur&uuml;ck und schlossen Anfang 2012 ihre Botschaften in Damaskus. Eine vom Staat organisierte Konferenz f&uuml;r den nationalen Dialog in Syrien endete Ende 2011 ohne Ergebnis. Im n&auml;chsten Jahr, 2012, wurden K&auml;mpfer, Waffen und Ausbilder ausl&auml;ndischer Geheimdienste &uuml;ber Jordanien und die T&uuml;rkei nach Syrien geschleust, es war die CIA-Operation &bdquo;Timber Sycamore&ldquo;, die den Sturz des Regimes zum Ziel hatte. Die Bev&ouml;lkerung war ratlos.<\/p><p>Die jungen Leute, die heute in Syrien jubeln, sind im Krieg aufgewachsen. Sie kennen das Syrien von gestern nicht, sie kennen Mangel, Armut, Arbeitslosigkeit, sie wollen ein neues Syrien bauen. Die dschihadistischen K&auml;mpfer, sofern sie Syrer sind, kennen das alte Syrien nicht. Sie haben gek&auml;mpft, aus welchem Grund auch immer. Der Umgang mit Waffen ist ihnen vertrauter als der Umgang mit Schulb&uuml;chern. Sie haben pr&auml;gende Jahre ihres Lebens in einer Umgebung des &bdquo;Heiligen Krieges&ldquo; und religi&ouml;ser Herrschaft verbracht. Sie sind im Hass auf andere, besonders auf die Al-Assad-Familie aufgewachsen und geschult worden. Doch auch sie waren ersch&ouml;pft, wie die Autorin in Interviews mit &bdquo;Rebellen&ldquo; erfuhr, die in der T&uuml;rkei und in Afrin unter t&uuml;rkischer Kontrolle lebten. &bdquo;Wir haben unser Haus zerst&ouml;rt&ldquo;, sagte ein Offizier der von der T&uuml;rkei finanzierten und gef&uuml;hrten Syrischen Nationalen Armee (SNA), in einem telefonisch gef&uuml;hrten Interview (August 2022). &bdquo;Uns fehlt es an Geld, wir wollen richtige Arbeit, wir wollen nach Hause&ldquo;, sagte er durch einen Dolmetscher. &bdquo;Wenn unsere jungen M&auml;nner versuchen, von hier nach Aleppo zu entkommen, werden sie festgenommen oder erschossen.&ldquo; Ob dieser Mann jetzt bei den vorr&uuml;ckenden HTS-Truppen auf Damaskus dabei war? Oder ob er im Osten des Landes &ndash; im Auftrag der T&uuml;rkei &ndash; in den Reihen der SNA gegen die kurdischen Selbstverteidigungskr&auml;fte k&auml;mpfen muss?<\/p><p><strong>1,5 Millionen Menschen sind in Syrien auf der Flucht<\/strong><\/p><p>Das sagen die Vereinten Nationen. Sie fliehen aus Angst, sie fliehen, weil sie vertrieben werden. Sie fliehen, um sich und ihre Familien vor den neuen Herrschern in Sicherheit zu bringen. Im Nordosten des Landes fliehen kurdische Familien Richtung der irakischen Grenze. Aus dem s&uuml;dlich von Damaskus gelegenen Sayda Zeynab fliehen schiitische Syrer in Richtung Libanon oder in den Irak. Alawiten fliehen aus dem ganzen Land Richtung Libanon. Von den Golan-H&ouml;hen und aus Qunaitra fliehen Syrer nach Damaskus. Diejenigen aber, die aus der T&uuml;rkei oder dem Libanon nach Syrien zur&uuml;ckkehren, finden oft nicht mehr als Tr&uuml;mmer dort, wo einst ihre H&auml;user standen. Schon jetzt ist das Leben in Damaskus so teuer geworden, dass viele sich die Fahrt mit dem Minibus aus den Vororten in die Stadt nicht mehr leisten k&ouml;nnen. F&uuml;r sieben Fladen Brot, die unter Assad 500 Lira kosteten, m&uuml;ssen die Menschen nun stundenlang anstehen und 4.000 Lira bezahlen, wenn sie Gl&uuml;ck haben, noch etwas zu bekommen.<\/p><p>Niemand in Syrien wei&szlig;, wie es f&uuml;r ihn und seine Familie weitergeht in diesem neuen Krieg, der noch wie eine politische Ver&auml;nderung daherkommt. Nichts gibt es so reichlich wie Waffen in den H&auml;nden von Dutzenden Kampfverb&auml;nden. Wie geht es weiter in Syrien, dessen Menschen wie seit Jahrzehnten die Menschen im Irak, in Pal&auml;stina und Libanon in den Netzen der Geopolitik gefangen sind? Welche Zukunft gibt es f&uuml;r Syrien, das aus geopolitischen Gr&uuml;nden von denjenigen mutwillig zerst&ouml;rt wurde, die heute von Frieden sprechen? Wird es in drei oder vier Zonen zerteilt, werden die T&uuml;rkei, die USA (mit den Kurden) und Israel das Land aufteilen, wie manche Karten es beschreiben? Oder wird gar Russland die Kontrolle &uuml;ber den schmalen K&uuml;stenstreifen Latakia und Tartus &uuml;bernehmen, wo es Marine- und Luftwaffenbasen hat?<\/p><p>F&uuml;r die Christen ist klar, dass f&uuml;r sie &ndash; wie in der pal&auml;stinensischen Stadt Bethlehem, dem Geburtsort von Jesus &ndash; Weihnachten ausfallen wird. Sie sollten auch die Glocken nicht mehr l&auml;uten, berichtet ein Pfarrer. Das h&auml;tten die neuen Verantwortlichen ihnen gesagt. &bdquo;Die Muslime k&ouml;nnten sich gest&ouml;rt f&uuml;hlen.&ldquo; Und wer wei&szlig; schon noch, dass die Muslime mit den Christen gemeinsam Weihnachten feierten, so wie die Christen mit den Muslimen das Eidfest, mit dem der Fastenmonat Ramadan zu Ende geht? Man feiere zu Weihnachten die Geburt von Jesus, so ein Priester etwas hilflos gegen&uuml;ber einer Journalistin auf der Suche nach einer guten Perspektive. Vielleicht sei nun auch die Neugeburt Syriens zu feiern?<\/p><p>Die Sorgen und N&ouml;te der Menschen sind h&ouml;chstens Randnotizen in den bunten und fr&ouml;hlichen &bdquo;Wimmelbildern&ldquo;, die Politik und Medien der &Ouml;ffentlichkeit und den Syrern verkaufen.<\/p><p>W&auml;hrend die Staaten in Akaba sich drehen und wenden und sch&ouml;ne Worte benutzen, tut Israel das, was es am besten kann. Mit rund 500 Luftangriffen hat die israelische Luftwaffe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126096\">80 Prozent der milit&auml;rischen Verteidigungsm&ouml;glichkeiten Syriens zerst&ouml;rt<\/a>: Hubschrauber, Kampfjets, Panzer, Transportfahrzeuge, Luft-Abwehrraketen und die dazugeh&ouml;rigen Abschussrampen, Lagerh&auml;user und vieles mehr. Die kleine Marine des Landes im Hafen von Latakia wurde in Brand geschossen. Israel nutzt das Machtvakuum im Wei&szlig;en Haus und in Damaskus, um sich Land anzueignen, das ihm nicht geh&ouml;rt. Israelische Truppen haben die syrischen Golan-H&ouml;hen komplett &uuml;bernommen und die dort stationierten UNDOF-Truppen ignoriert. Sie stehen 40 km vor Damaskus und haben angek&uuml;ndigt, mindestens ein Jahr dort zu bleiben. In dem von ihnen besetzten Land werde der Siedlungsbau verdoppelt, hie&szlig; es am Wochenende.<\/p><p>Im Gazastreifen werden daf&uuml;r t&auml;glich Dutzende Pal&auml;stinenser get&ouml;tet, ihre H&auml;user zerst&ouml;rt, Felder plattgewalzt, neue Stra&szlig;en und Sicherheitsanlagen errichtet. Die Zahl der Toten stieg seit dem 7. Oktober 2023 auf 45.000, die Zahl der Verletzten auf mehr als 100.000. Im Westjordanland sterben t&auml;glich Menschen durch die Gewalt von Siedlern oder bei Razzien der Besatzungstruppen. Die UN-Organisation f&uuml;r Pal&auml;stinenser, UNRWA, kann in dem Fl&uuml;chtlingslager Jenin nicht mehr arbeiten. Wehren die sich und greifen dabei zu Waffen, wird ihre gesamte Familie zur Rechenschaft gezogen und ihr Haus wird zerst&ouml;rt.<\/p><p>Der S&uuml;dlibanon wurde mit wei&szlig;em Phosphor und abgereicherten Urangeschossen verw&uuml;stet, der &Uuml;berfall auf Syrien k&ouml;nnte die Vorstufe zu einem &Uuml;berfall auf Irak und Iran sein. Netanyahu spricht von der Umstrukturierung der Region in einen &bdquo;Neuen Mittleren Osten&ldquo; und liefert damit den USA, EU und NATO, was sie schon lange wollten. Hauptsache, die St&ouml;renfriede Hamas, Hisbollah, Assad und Syrien sind beseitigt, Iran und Russland wurden aus der Region zur&uuml;ckgedr&auml;ngt.<\/p><p>US-Au&szlig;enminister Blinken r&auml;umt ein, die USA seien im Gespr&auml;ch mit der Terrororganisation HTS. Das gleiche gilt f&uuml;r Gro&szlig;britannien, wie der britische Verteidigungsminister erkl&auml;rt. Geir Pederson, UN-Sonderbeauftragter f&uuml;r Syrien, hofft bei seiner Ankunft im &bdquo;Four Season&ldquo;-Hotel in Damaskus, dass die Sanktionen gegen Syrien bald aufgehoben werden. Eine Forderung, die zwar vom UN-Sonderberichterstatter f&uuml;r die Auswirkungen von einseitigen Sanktionen seit Jahren erhoben wurde, die von der UN offiziell aber in all den Jahren nicht zu h&ouml;ren war.<\/p><p>&bdquo;Dann kommen all die NGOs, es gibt Projekte und Wiederaufbau und Arbeit f&uuml;r die Syrer&ldquo;, &uuml;berlegt eine Bekannte in Damaskus. Das sei nicht die schlechteste Variante, selbst wenn HTS bleibe. Wahrscheinlicher aber sei, dass Syrien sich in ein neues Libyen oder Somalia verwandeln werde. &bdquo;Die streiten sich um Macht und Kontrolle und sind bewaffnet bis an die Z&auml;hne&ldquo;, meint sie. &bdquo;Dann gnade uns Gott.&ldquo;<\/p><p><small>Titelbild: Mohammad Bash\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie &bdquo;Wimmelbilder&ldquo;? Kinder und Erwachsene lieben &bdquo;Wimmelbilder&ldquo;. Kinder lieben sie, weil sie stundenlang darauf sehen und immer wieder Neues entdecken k&ouml;nnen. Erwachsene lieben sie, weil sie Kinder auf diese Weise zumindest eine Zeitlang ruhigstellen k&ouml;nnen. Beliebte Themen f&uuml;r &bdquo;Wimmelbilder&ldquo; sind H&auml;fen, Weihnachts- oder Wochenm&auml;rkte, Bauernh&ouml;fe; Zirkuszelte oder Jahrm&auml;rkte. Es gibt &bdquo;Wimmelbilder&ldquo; aus St&auml;dten und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126339\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":126340,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20,171,30],"tags":[1035,1516,947,1055,302,2163,1557,1418,1553,1019],"class_list":["post-126339","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","category-militaereinsaetzekriege","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-al-kaida","tag-al-assad-baschar","tag-arabellion","tag-fluechtlinge","tag-gaza","tag-gefaengnis","tag-israel","tag-regime-change","tag-syrien","tag-wirtschaftssanktionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Shutterstock_2556205265.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126339"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126339\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126456,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126339\/revisions\/126456"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/126340"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}