{"id":126346,"date":"2024-12-16T13:30:49","date_gmt":"2024-12-16T12:30:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126346"},"modified":"2024-12-16T16:59:20","modified_gmt":"2024-12-16T15:59:20","slug":"elendsfuenftel-rund-20-prozent-der-menschen-in-deutschland-wohnen-sich-arm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126346","title":{"rendered":"Elendsf\u00fcnftel: Rund 20 Prozent der Menschen in Deutschland wohnen sich arm"},"content":{"rendered":"<p>Eine Studie des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands bereinigt die offizielle Armutsstatistik um den Faktor Wohnkosten. In der BRD stecken demnach nicht zw&ouml;lf Millionen, sondern &uuml;ber 17 Millionen B&uuml;rger in existenziellen N&ouml;ten. Der Befund ist &uuml;beraus wertvoll und wird den Widerstand gegen Platzmangel und Mietwucher hoffentlich weiter befeuern. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nArmut in Deutschland ist eine gro&szlig;e Nummer, aber kein gro&szlig;es Thema. Sie w&auml;chst und w&auml;chst, aber die Reichen und M&auml;chtigen sehen dar&uuml;ber weg wie &uuml;ber einen br&uuml;chigen Fu&szlig;nagel. Socke hoch, aus dem Sinn, und weiter geht&rsquo;s beim Treten nach unten. Die Tafeln m&uuml;ssen vor Weihnachten die <a href=\"https:\/\/www.noz.de\/deutschland-welt\/politik\/artikel\/wachsende-armut-tafeln-muessen-lebensmittel-ausgabe-rationieren-48099736\">Lebensmittel rationieren<\/a>, schlug dieser Tage deren bundesweite Dachorganisation Alarm. Von derlei Versorgungseinrichtungen gibt es bundesweit beinahe tausend St&uuml;ck. 330 waren es 2003, <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/infografik\/13250\/anzahl-der-tafeln-in-deutschland\/\">ein Jahrzehnt davor gab es eine einzige<\/a>. Inzwischen m&uuml;ssen t&auml;glich 1,6 Millionen Leidtragende f&uuml;r eine kostenlose Speise anstehen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs und der folgenden Preisexplosion haben die Ausgabestellen im Schnitt 50 Prozent mehr &bdquo;Kunden&ldquo; als davor, Tendenz steigend. Tafel-Chef Andreas Steppuhn: &bdquo;Der Armutsbericht des Parit&auml;tischen Gesamtverbandes zeigt, dass etwa 14 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht sind. K&auml;men alle zur Tafel &hellip;&ldquo;<\/p><p>Korrektur! Hierzulande leben deutlich mehr Menschen, die nicht nur von Armut bedroht, sondern schlicht arm sind. Allerdings taucht ein betr&auml;chtlicher Teil von ihnen nicht in der Statistik auf. Gemeint sind all die Personen und Haushalte, die zwar offiziell genug zum Leben haben, aber nach Abzug der Miete dann doch unter die Armutsschwelle rutschen. Die Forschungsstelle des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands hat nachgez&auml;hlt. 5.413.000 und damit deutlich &uuml;ber f&uuml;nf Millionen Menschen wohnen sich arm und vergr&ouml;&szlig;ern damit das Heer der Deklassierten in der BRD auf &uuml;ber 17,5 Millionen. <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/alle-meldungen\/studie-belegt-wohnen-macht-arm\/\">&bdquo;Wohnen entwickelt sich mehr und mehr zum Armutstreiber&ldquo;<\/a>, erkl&auml;rte Joachim Rock, Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Verbands bei der Vorstellung der Ergebnisse am vergangenen Freitag. &bdquo;Die Schere geht durch die steigenden Wohnkosten immer weiter auseinander.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Bahnbrechende&ldquo; Rechnung <\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/fileadmin\/user_upload\/Schwerpunkte\/Wohnen\/doc\/Kurzexpertise_Wohnarmut_24_12_13.pdf\">&bdquo;Wohnen macht arm&ldquo;<\/a>, ist die 28 Seiten starke Kurzexpertise betitelt, deren Verfasser diese mit Recht als &bdquo;bahnbrechend&ldquo; bezeichnen. Nach g&auml;ngiger Lesart gilt als &bdquo;armutsgef&auml;hrdet&ldquo;, wer monatlich weniger als 60 Prozent des sogenannten Medianeinkommens zur Verf&uuml;gung hat, wozu auch s&auml;mtliche Transferzahlungen wie B&uuml;rger- und Wohngeld z&auml;hlen. 2023 fielen knapp &uuml;ber zw&ouml;lf Millionen Menschen in diese Rubrik oder 14,4 Prozent der Bev&ouml;lkerung. Was f&uuml;r ein so reiches Land an sich schon skandal&ouml;s ist, bildet die Wahrheit dennoch nicht einmal zu zwei Dritteln ab. Nimmt man die hinter der Wohnungst&uuml;r verborgene und bislang &bdquo;unsichtbare&ldquo; Armut hinzu, dann sind 21,2 Prozent betroffen, also mehr als ein F&uuml;nftel der Gesellschaft. Oder anders: Jeder F&uuml;nfte lebt im Notstand.<\/p><p>Die Studie basiert auf einer Sonderauswertung durch das Statistische Bundesamt. Dabei wurden die Einkommen erstmals um die Wohnkosten (Warmmiete und Strom) bereinigt und so eine Wohnarmutsgrenze ermittelt. Diese bel&auml;uft sich f&uuml;r 2023 auf 1.016 Euro pro Monat. Die Forscher spielen verschiedene Beispiele durch. Zwei Rentnerinnen aus Berlin erhalten beide ein Altersgeld von 1.770 Euro. Frau M&uuml;ller hat einen langj&auml;hrigen Wohnraumvertrag mit einer Warmmiete von 450 Euro, womit sie &uuml;ber der Schwelle von 1.016 Euro bleibt und nicht als arm gilt. Frau Schmidt muss wegen einer k&ouml;rperlichen Beeintr&auml;chtigung in eine barrierefreie Wohnung umziehen, die mit 900 Euro zu Buche schl&auml;gt. Damit sackt sie 146 Euro unter die Wohnarmutsgrenze, selbst bei Bewilligung von Wohngeld bliebe sie mit 100 Euro darunter. Dann ist da eine Studentin in Leipzig mit monatlichen Mitteln in H&ouml;he von 1.350 Euro. Damit liegt sie knapp &uuml;ber der konventionellen Armutsgrenze von 1.314 Euro. Zun&auml;chst lebt sie kostenfrei bei einer Freundin, muss nach deren Umzug aber ein Zimmer in einem Wohnheim zu 400 Euro beziehen. So ger&auml;t sie unter die Schwelle und damit in Armut.<\/p><p><strong>Schleichender und schlagartiger Absturz<\/strong><\/p><p>Die in den zur&uuml;ckliegenden Jahren horrend gestiegenen Wohnkosten haben zwei fatale Entwicklungen befeuert. Inzwischen m&uuml;ssen viele Haushalte &uuml;ber ein Drittel ihres Einkommens zur Begleichung der Miete hinbl&auml;ttern, laut der Analyse &bdquo;manche sogar mehr als die H&auml;lfte&ldquo;. Damit schwindet das zum Leben verbleibende Budget empfindlich, mithin bis zu dem Punkt, an dem man in die &bdquo;unsichtbare&ldquo; Armut abgleitet. Das kann schleichend passieren, infolge wiederholter Mieterh&ouml;hungen, oder schlagartig, n&auml;mlich dann, wenn man zu einem Wohnungswechsel gen&ouml;tigt ist. Eigenbedarfsk&uuml;ndigung, ein neuer Beruf, das Wunschstudium oder der Abschied vom Elternhaus, diese und andere Umzugsgr&uuml;nde k&ouml;nnen Menschen &uuml;ber Nacht in Armut st&uuml;rzen.<\/p><p>Angesichts des fast allerorten herrschenden Wohnraummangels und eines &bdquo;weitgehend unregulierten Mietmarkts&ldquo; sei eine neue Bleibe &bdquo;selten ohne finanzielle &Uuml;berlastung&ldquo; zu finden, schreiben die Autoren. Und weiter: &bdquo;&Uuml;ber den Lebensstandard entscheidet nicht mehr nur die H&ouml;he des Einkommens, immer wichtiger werden die Fragen, wie viel Geld eine Person f&uuml;rs Wohnen ausgeben muss und wie viel Geld dar&uuml;ber hinaus noch &uuml;brigbleibt.&ldquo; Im Lichte der neuen Erkenntnisse erscheint auch die laufende Debatte um einen vermeintlich &uuml;berbordenden Sozialstaat nur noch unanst&auml;ndig. Gerade die Unionsparteien machen derzeit &uuml;ble Stimmung gegen das B&uuml;rgergeld, wollen dieses nach einem Wahlsieg gleich wieder abschaffen. Nimmt man die neu ermittelte, um die Wohnkosten bereinigte Armutsschwelle, liege der Regelbedarf &bdquo;rechnerisch &uuml;ber 500 Euro&ldquo; darunter, hei&szlig;t es in der Studie. F&uuml;r 2023 ergab sich demnach eine sogenannte Armutsl&uuml;cke (Differenz zwischen Regelsatz und Wohnarmutsgrenze) von 514 Euro. Das Urteil der Forscher: &bdquo;B&uuml;rgergeld, Sozialhilfe und Grundsicherung im Alter sch&uuml;tzen nicht vor Armut.&ldquo;<\/p><p><strong>Bremen im Notstand <\/strong><\/p><p>Die sozialen Unwuchten durchs Wohnen zeigen sich auch daran, dass die entsprechenden Belastungen in Relation h&ouml;her ausfallen, je niedriger das vorhandene Haushaltsbudget ist. Wer schon wenig hat, gibt vergleichsweise mehr f&uuml;r ein Dach &uuml;ber dem Kopf aus. Dagegen bleibt bei besser Beg&uuml;terten nach Abzug der Wohnkosten im Verh&auml;ltnis mehr vom Verf&uuml;gbaren f&uuml;r andere Zwecke &uuml;brig. Auch gelten von den Wohneigent&uuml;mern mit 13,3 Prozent unterdurchschnittlich wenige als wohnarm, unter Mietern sind es 28,9 Prozent. Zu den Leidgeplagten geh&ouml;ren allen voran Erwerbslose (61 Prozent), dazu Alleinerziehende (36 Prozent), junge Erwachsene (31 Prozent) und Menschen ab 65 (27 Prozent). Von Rentnern in Singlehaushalten sind knapp 42 Prozent betroffen, das sind fast 13 Prozentpunkte mehr als die amtliche Statistik als &bdquo;armutsbedroht&ldquo; ausweist.<\/p><p>Auch bei der Aufschl&uuml;sselung nach Bundesl&auml;ndern ergeben sich massive Abweichungen zwischen den offiziellen und bereinigten Kennziffern. &bdquo;F&uuml;hrend&ldquo; ist Bremen mit einer Wohnarmutsquote von 29,3 Prozent bei einer konventionellen Quote von 21,5 Prozent. Danach folgen Sachsen-Anhalt mit 28,6 Prozent und Hamburg mit 26,8 Prozent. Lediglich drei L&auml;nder &ndash; Baden-W&uuml;rttemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz &ndash; bleiben unter der 20-Prozent-Marke. Der gro&szlig;e Rest bewegt sich in einem Korridor zwischen 20 und 24 Prozent. Extrem daneben liegen Hamburg und Schleswig-Holstein in puncto Armutsbemessung. F&uuml;r die Hansestadt ergibt sich eine L&uuml;cke von 11,8 Prozentpunkten zwischen amtlichem und realem Niveau, f&uuml;r den angrenzenden Nordstaat eine von 10,3 Prozentpunkten. So zeigte eine Auswertung des Zensus von 2022, dass dort neue Mietvertr&auml;ge <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/schleswig-holstein\/Zensus-2022-So-viel-kosten-neue-Mietvertraege-in-SH,zensus1864.html\">bis zu 40 Prozent teurer<\/a> sind als alte.<\/p><p><strong>SPD schielt auf Superreiche <\/strong><\/p><p>Der Parit&auml;tische hat eine Reihe an Vorschl&auml;gen, um der Misere zu begegnen. &bdquo;Eine zielgerichtete Politik zur Vermeidung von Armut in Deutschland braucht gute L&ouml;hne, bessere soziale Absicherung und eine Wohnungspolitik, die Mieten bezahlbar h&auml;lt&ldquo;, bemerkte Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer Rock. Die Zahlen unterstrichen die Notwendigkeit einer ambitionierten Wohnungspolitik und von Ma&szlig;nahmen zur Begrenzung der Wohnkosten. Dazu z&auml;hlten ein Mietendeckel, mehr Schutz vor Wohnraumverlust, rechtssichere und gef&ouml;rderte Wohngemeinn&uuml;tzigkeit, eine &bdquo;Entfristung von Sozialbindungen&ldquo;, ein effektives kommunales Vorkaufsrecht und allgemein mehr &ouml;ffentlicher Wohnungsbau. Nicht zuletzt brauche es &bdquo;eine Begrenzung von Profiten&ldquo;.<\/p><p>Hat die Politik verstanden? Wohl kaum. L&auml;uft es ganz schlecht, droht im kommenden Jahr die ohnehin nur <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125713\">gebremst wirksame Mietpreisbremse<\/a> auszulaufen, weil sich Regierung und Opposition nicht auf eine Verl&auml;ngerung verst&auml;ndigen k&ouml;nnen. Und wie steht es um eine Profitbremse? Tats&auml;chlich will die SPD mit einer Verm&ouml;genssteuer Wahlkampf machen. Greifen soll die ab: <a href=\"https:\/\/taz.de\/SPD-Wahlprogramm-2025\/!6056448\/\">100 Millionen Euro<\/a>! Von solchen Superreichen gibt es in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/deutschland\/superreiche-steuertricks-kosten-backgroundcheck-100.html\">3.300<\/a>. Und was ist mit den restlichen 1,6 Millionen Million&auml;ren? Die d&uuml;rfen munter weiterzocken &ndash; an der Immobilienb&ouml;rse.<\/p><p><small>Titelbild: Milena Blue\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/18caebee27d44876a7c68fb1e3f1da7d\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbands bereinigt die offizielle Armutsstatistik um den Faktor Wohnkosten. In der BRD stecken demnach nicht zw&ouml;lf Millionen, sondern &uuml;ber 17 Millionen B&uuml;rger in existenziellen N&ouml;ten. 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