{"id":126508,"date":"2024-12-22T12:00:11","date_gmt":"2024-12-22T11:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126508"},"modified":"2024-12-22T19:14:05","modified_gmt":"2024-12-22T18:14:05","slug":"die-westlichen-eliten-haben-vergessen-was-krieg-ist-und-was-ein-atomkrieg-ist-interview-mit-sergej-karaganow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126508","title":{"rendered":"\u201eDie westlichen Eliten haben vergessen, was Krieg ist und was ein Atomkrieg ist\u201c \u2013 Interview mit Sergej Karaganow"},"content":{"rendered":"<p>Das westliche Entwicklungsmodell ist ins Stocken geraten und versucht nun, den Abbau der Hegemonie mit allen Mitteln zu verlangsamen. Dieser selbstm&ouml;rderischen Politik muss Einhalt geboten werden. Bis zu einem neuen Gleichgewicht der Kr&auml;fte ist es allerdings noch ein weiter Weg, und Spannungen sind in dieser Situation unvermeidlich, aber ein Abdriften in Richtung Weltkrieg muss verhindert werden. Eine st&auml;rkere nukleare Abschreckung kann dazu beitragen, dies zu erreichen, erkl&auml;rte der russische Professor <strong>Sergej Karaganow<\/strong>, Leiter der Abteilung f&uuml;r Weltpolitik an der Moskauer Wirtschaftshochschule und Ehrenvorsitzender des Russischen Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik, gegen&uuml;ber <em>Moszkvater.com<\/em>. Das Interview mit ihm f&uuml;hrte <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>G&aacute;bor Stier: Wir leben in biblischen Zeiten, schreiben Sie mehrmals in Ihren Beitr&auml;gen. Das westliche Entwicklungsmodell habe sich ersch&ouml;pft, sei den neuen Herausforderungen nicht gewachsen und treibe nur noch den Konsum an, was zur Degradierung des Menschen f&uuml;hrt. Der Westen verliere immer mehr an Boden und hole nun verzweifelt zum Gegenangriff aus. Die Welt driftet auf einen dritten Weltkrieg zu, den wir um jeden Preis vermeiden m&uuml;ssen. In der gegenw&auml;rtigen &Uuml;bergangsphase geht es darum, neue Gleichgewichte zu finden, und das bringt Spannungen mit sich. Wie lange wird diese Phase Ihrer Meinung nach dauern, und wird sie wirklich unweigerlich zu Konflikten und Kriegen f&uuml;hren?<\/strong><\/p><p><strong>Sergej Karaganow:<\/strong> Eine gro&szlig;e Transformation wie die jetzige ist ohne Konflikte und Krieg nicht denkbar. Was jetzt geschieht, ist also v&ouml;llig logisch. Die eigentliche Frage ist, ob wir diesen Wandel der Weltordnung ohne einen dritten Weltkrieg &uuml;berstehen k&ouml;nnen. Die Spannungen zwischen dem Westen und anderen Weltregionen drohen zu eskalieren, w&auml;hrend gleichzeitig der Wettbewerb zwischen aufstrebenden M&auml;chten intensiver wird. L&auml;nder wie Indonesien gewinnen zunehmend an Bedeutung, w&auml;hrend in der arabischen Welt neue Konfliktlinien entstehen. Ein zentraler Konfliktpunkt ist der Versuch des Westens, seine Einflusssph&auml;ren durch milit&auml;rische Mittel zu verteidigen. Die Ukraine ist nun der wichtigste Schauplatz dieser Transformation. Moskau verteidigt seine Souver&auml;nit&auml;t und seine Sicherheitsinteressen in der Ukraine, aber dieser Krieg ist eigentlich ein Krieg zwischen Russland und dem Westen. Die Aufgabe Russlands besteht darin, den Westen zu besiegen, ihn von seinen derzeitigen Positionen zu verdr&auml;ngen, die Ereignisse in Richtung eines relativ friedlichen &Uuml;bergangs zu lenken und das Abdriften in Richtung eines Weltkriegs zu stoppen. Zu diesem Zweck muss die Politik der nuklearen Abschreckung aktiviert werden. Die nukleare Abschreckung wird nicht nur in der Konfrontation zwischen dem Westen und Russland hilfreich sein, sondern auch in den Konflikten zwischen nichtwestlichen L&auml;ndern, die in der neuen Weltordnung unweigerlich entstehen werden.<\/p><p><strong>F&uuml;r wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Russland gezwungen sein wird, im Krieg in der Ukraine taktische Atomwaffen einzusetzen?<\/strong><\/p><p>Aktive nukleare Abschreckung ist notwendig, denn es ist das mangelnde Vertrauen in die nukleare Abschreckung, das im Februar 2022 zur Einleitung einer &bdquo;besonderen Milit&auml;roperation&ldquo; f&uuml;hrte. Die USA glaubten, dass der Westen einen Stellvertreterkrieg gegen Russland f&uuml;hren k&ouml;nnte, ohne einen Atomschlag bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen. Die westlichen Eliten haben vergessen, was Krieg ist und was ein Atomkrieg ist, und wir stehen nun vor der Notwendigkeit, zu verhindern, dass Konflikte zu einem Weltkrieg eskalieren. Dies erfordert eine neue Abschreckungsstrategie. Man muss in der Lage und entschlossen sein, Atomwaffen einzusetzen, wenn die grundlegenden Interessen Russlands verletzt werden. Die US-Amerikaner beginnen zu begreifen, was auf dem Spiel steht, und sind vorsichtiger geworden, aber Europa, der Haupttreiber des Krieges, muss gestoppt werden, auch um diesen Preis, wenn es nicht zur Vernunft kommt.<\/p><p><strong>Ich akzeptiere, dass die Haltung der Vereinigten Staaten viel rationaler ist als die Europas. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass Europa der Hauptb&ouml;sewicht und der Grund f&uuml;r all das ist. Es ist bereits von den USA abh&auml;ngig, also tut im Wesentlichen das, wozu Washington es dr&auml;ngt. Die Verantwortung liegt also eher bei den Vereinigten Staaten, nicht wahr?<\/strong><\/p><p>Nein! Europa zerrt Amerika in den Konflikt hinein.<\/p><p><strong>Nun ja &hellip;<\/strong><\/p><p>Die Br&uuml;sseler Eliten wollen den Krieg, um den Zusammenbruch des &bdquo;Projekts EU&ldquo; zu vertuschen. Die Vereinigten Staaten haben das nicht n&ouml;tig, sie profitieren einfach vom Krieg. In geopolitischer Hinsicht schw&auml;chen sie Russland und Europa, und in wirtschaftlicher Hinsicht machen sie riesige Gewinne im Milit&auml;r- und Energiesektor.<\/p><p><strong>Europa scheint nicht zu verstehen, was mit ihm geschieht. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Integration der Ukraine, f&uuml;r die weder die Europ&auml;ische Union noch die Ukraine bereit sind &hellip;<\/strong><\/p><p>Die Ukraine wird nicht Mitglied der EU oder der NATO sein. Die Ukraine wird auseinanderfallen und ihre Kapitulation ist unvermeidlich. Russland wird bekommen, was es territorial braucht, und der Rest der Ukraine wird neutral und entmilitarisiert sein.<\/p><p><strong>Sie wird immer noch eine Art Sicherheitsgarantie brauchen &hellip;<\/strong><\/p><p>Die NATO gibt keine Garantien. Artikel 5 ist ein Mythos, und die Vereinigten Staaten w&uuml;rden Europa auch dann nicht zu Hilfe eilen, wenn Russland beispielsweise einen Atomangriff starten w&uuml;rde. Es ist kein Zufall, dass sie sich in der seit anderthalb Jahren andauernden Debatte &uuml;ber dieses Thema nicht ein einziges Mal zu Wort gemeldet haben. Die US-amerikanische Gesellschaft w&uuml;rde ihre Sicherheit in dieser Frage nicht riskieren. Auch die Polen sind vorsichtiger geworden, weil sie wissen, dass ein Atomschlag in erster Linie sie treffen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zu dem Satz, dass Russland bekommen wird, was es braucht: Welches Gebiet w&uuml;rde das Ihrer Meinung nach in einem optimalen Fall bedeuten?<\/strong><\/p><p>Im Optimalfall das linke Ufer des Dnjepr und die Schwarzmeerk&uuml;ste, das sogenannte Noworossija.<\/p><p><strong>Mit dem Rest kann der Westen machen, was er will?<\/strong><\/p><p>Der Westen hat bereits bekommen, was er von der Ukraine wollte &ndash; unter anderem billige und wei&szlig;e christliche Arbeitskr&auml;fte.<\/p><p><strong>Sie haben erw&auml;hnt, dass es Russlands Ziel ist, vor allem Europa zu besiegen. Unterst&uuml;tzt der sogenannte Globale S&uuml;den Moskau dabei?<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich ja, aber er hat nat&uuml;rlich seine eigenen Interessen. Sie wollen zum Beispiel nicht unbedingt gegen die Vereinigten Staaten antreten.<\/p><p><strong>Wie solide ist die strategische Partnerschaft zwischen Russland und China?<\/strong><\/p><p>Ziemlich. Diese Partnerschaft ist f&uuml;r beide Seiten vorteilhaft, und die beiden L&auml;nder erg&auml;nzen sich gut im eurasischen Gro&szlig;raum. China strebt nicht die gleiche Dominanz an wie die Vereinigten Staaten.<\/p><p><strong>Wenn wir &uuml;ber die neue Weltordnung sprechen, ist es auch klar, dass die derzeitigen Institutionen reformiert und erneuert werden m&uuml;ssen. K&ouml;nnen diese reformiert werden, oder sollten neue geschaffen werden?<\/strong><\/p><p>Es muss Wettbewerb geschaffen werden, es m&uuml;ssen parallele Institutionen eingerichtet werden, denn nur so kann die Modernisierung der bestehenden Institutionen erzwungen werden.<\/p><p><strong>Und was ist mit den Vereinten Nationen?<\/strong><\/p><p>Die Vereinten Nationen arbeiten derzeit nicht effektiv, deshalb muss die Organisation erneuert werden. Wir m&uuml;ssen mit dem Sekretariat beginnen, denn es dient dem Westen und ist daher ein Hindernis f&uuml;r die Durchsetzung eines ver&auml;nderten Kr&auml;fteverh&auml;ltnisses in der Organisation.<\/p><p><strong>Wie Sie sagten, ist die Ukraine heute der hei&szlig;este Punkt der globalen Konfrontation. Wann wird sich Ihrer Meinung nach ein Fenster &ouml;ffnen, um den Konflikt zumindest einzufrieren?<\/strong><\/p><p>Hoffentlich so bald wie m&ouml;glich. Russland hat Zeit, aber es muss seine Menschen schonen. Der schnellste Weg, diesen Krieg zu beenden, ist die Verst&auml;rkung der nuklearen Abschreckung. Denn Europa muss irgendwie bewusst gemacht werden, dass es eine selbstm&ouml;rderische Politik betreibt, weil es viele Menschen mit in den Abgrund rei&szlig;en k&ouml;nnte. Das muss verhindert werden, und das ist eine Aufgabe f&uuml;r Russland.<\/p><p><strong>Inwieweit kann der Sieg von Donald Trump dazu beitragen?<\/strong><\/p><p>Darum geht es nicht, denn die Vereinigten Staaten h&auml;tten auch bei einem Sieg von Kamala Harris einen vorsichtigen R&uuml;ckschritt gemacht. Das Wei&szlig;e Haus verlagert die Finanzierung des Krieges schon seit einiger Zeit zunehmend nach Europa, und dieser Prozess wird sich noch beschleunigen.<\/p><p><strong>Wir haben mit der Umgestaltung der Weltordnung begonnen, also lassen Sie uns mit dieser Frage enden. Wie lange wird es Ihrer Meinung nach dauern, bis sich nach der derzeitigen &Uuml;bergangsphase der Spannungen und Kriege ein neues Gleichgewicht der Kr&auml;fte einstellt?<\/strong><\/p><p>Noch etwa 15 bis 20 Jahre. Dieser Prozess ist bereits seit einiger Zeit im Gange, ich sch&auml;tze den Beginn der Transformation auf 2008. Diese Turbulenzen waren unvermeidlich, aber ein Weltkrieg ist vermeidbar.<\/p><p><em>Das Interview wurde urspr&uuml;nglich in der ungarischen Wochenzeitung &bdquo;Demokrata&ldquo; ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><p><em>Anmerkung der Redaktion: Sergej Karaganow ist als Leiter der Abteilung f&uuml;r Weltpolitik an der Moskauer Wirtschaftshochschule und Ehrenvorsitzender des Russischen Rates f&uuml;r Au&szlig;en- und Verteidigungspolitik eine gewichtige beratende Stimme in Fragen der russischen Geopolitik. Es ist selbstredend, dass die NDS-Redaktion nicht alle Einsch&auml;tzungen von Karaganow teilt. Aber unser Anspruch ist es, unseren Lesern ein breites Ma&szlig; an Einsch&auml;tzungen und Perspektiven zur Information und eigenen Meinungsbildung zu bieten. <\/em><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock\/ Maxal Tamar<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126179\">Stimmen aus Ungarn: Vertrauen in Putins Vernunft<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=125410\">Die multilaterale Weltordnung ist im Entstehen begriffen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124945\">Stimmen aus Ungarn: Pershing, Tomahawk, ATACMS &ndash; Wo bleiben diesmal die Massenproteste?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=124749\">Kremlsprecher Peskow im Interview: Dialogm&ouml;glichkeiten mit Russland, die Wahl Trumps und der Krieg in der Ukraine<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b16864f6743c4898b842cf29911fb640\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das westliche Entwicklungsmodell ist ins Stocken geraten und versucht nun, den Abbau der Hegemonie mit allen Mitteln zu verlangsamen. 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