{"id":12656,"date":"2012-03-23T15:45:55","date_gmt":"2012-03-23T14:45:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12656"},"modified":"2015-02-08T11:11:13","modified_gmt":"2015-02-08T10:11:13","slug":"dazugelernt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12656","title":{"rendered":"Dazugelernt"},"content":{"rendered":"<p>&ldquo;Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, &ndash; ist ein alter Scherz, den man wohl in unsern Zeiten nicht gar f&uuml;r Ernst wird behaupten wollen.&rdquo; Diesen Satz schrieb der gro&szlig;e deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schon 1821 in der Vorrede zu den &bdquo;Grundlinien der Philosophie des Rechts&ldquo; und diese Kritik trifft gewiss auch die heutige Politikergeneration. Aber immerhin scheint der neue Bundespr&auml;sident Joachim Gauck &ndash; kaum im Amt &ndash; dazugelernt zu haben. Offenbar nimmt er die Kritik, die an seinen bisher ge&auml;u&szlig;erten Positionen ge&uuml;bt wurde, ernst. In seiner Rede nach seiner Vereidigung vor Bundestag und Bundesrat hat er T&ouml;ne angeschlagen und Themen aufgegriffen, die man so von ihm noch nicht geh&ouml;rt hatte. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWir wollen an dieser Stelle unsere Kritik an seinen <a href=\"\/?page_id=12555\">bisherigen Aussagen<\/a> nicht wiederholen, denn wir haben in seiner ersten Rede als Bundespr&auml;sident einige Antworten und Klarstellungen auf Fragen geh&ouml;rt, die auch uns vorher gefehlt haben.<\/p><p>Gleich zum Einstieg hat er an &bdquo;unser Land&ldquo; dr&auml;ngende Fragen aufgeworfen: <\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Vereinzeln wir immer weiter? Geht die Schere zwischen arm und reich immer mehr auseinander? Verschlingt uns die Globalisierung? Werden Menschen, die sich als Verlierer f&uuml;hlen, an den gesellschaftlichen Rand gedr&auml;ngt? Schaffen ethnische oder religi&ouml;se Minderheiten in gewollter oder beklagter Isolation Gegenkulturen? Hat die europ&auml;ische Idee Bestand? Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg?&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Fragen, mit denen sich Joachim Gauck &ouml;ffentlich bisher allenfalls am Rande besch&auml;ftigt hatte.<\/p><p>&Uuml;berraschend fand ich Gaucks Einordnung der 68er-Generation, in dem er ihrem Aufbegehren bescheinigte, dass es &bdquo;die historische Schuld ins kollektive Bewusstsein ger&uuml;ckt&ldquo; habe.<\/p><p>Anders als in seinem j&uuml;ngsten (d&uuml;rftigen) B&uuml;chlein, wo er nahezu ausschlie&szlig;lich auf die individuelle Freiheit und die pers&ouml;nliche Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft abhob, hat Gauck dieses Paradigma des individualistischen Liberalismus &bdquo;erg&auml;nzt&ldquo; um Werte wie <em>&bdquo;soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschancen&ldquo;<\/em>. Sprechen Konservative &uuml;blicherweise eher von &bdquo;Chancengerechtigkeit&ldquo; reklamierte der neue Bundespr&auml;sident eine eher von der fortschrittlich, emanzipatorischen Seite geforderte &bdquo;<em>Chancengleichheit&ldquo;<\/em>: <\/p><blockquote><p><em>&ldquo;Wir d&uuml;rfen nicht dulden, dass Kinder ihre Talente nicht entfalten k&ouml;nnen, weil keine Chancengleichheit existiert. Wir d&uuml;rfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, Leistung lohne sich f&uuml;r sie nicht mehr, und der Aufstieg sei ihnen selbst dann verwehrt, wenn sie sich nach Kr&auml;ften bem&uuml;hen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Wir vermissten im gauckschen Wertekanon bisher den Wert der &bdquo;Gerechtigkeit&ldquo;. Das Spannungsverh&auml;ltnis der Gerechtigkeit zur <em>&bdquo;Freiheit&ldquo;<\/em> hat er nun in seiner Rede angesprochen:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Umgekehrt ist das Bem&uuml;hen um Gerechtigkeit unerl&auml;sslich f&uuml;r die Bewahrung der Freiheit. Wenn die Zahl der Menschen w&auml;chst, die den Eindruck haben, ihr Staat meine es mit dem Bekenntnis zu einer gerechten Ordnung der Gesellschaft nicht ernst, sinkt das Vertrauen in die Demokratie.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Musste man den Begriff der &bdquo;Toleranz&ldquo; in seiner letzten Ver&ouml;ffentlichung geradezu in einem Gegensatz zum aufkl&auml;rerischen Toleranzbegriff &ndash; eben nicht als Respekt vor dem Anderen und als Anerkennung der Gleichberechtigung unterschiedlicher Kulturen und Religionen &ndash; verstehen, sondern umgekehrt als Missionsauftrag f&uuml;r westliche Werte, so stellt Gauck nunmehr klar:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;In &bdquo;unserem Land&ldquo; sollen auch alle zuhause sein k&ouml;nnen, die hier leben. Wir leben inzwischen in einem Staat, in dem neben die ganz selbstverst&auml;ndliche deutschsprachige und christliche Tradition Religionen wie der Islam getreten, auch andere Sprachen, andere Traditionen. In dem der Staat sich immer weniger durch die nationale Zugeh&ouml;rigkeit seiner B&uuml;rger definieren l&auml;sst, sondern durch ihre Zugeh&ouml;rigkeit zu einer politischen und ethischen Wertegemeinschaft. In dem nicht ausschlie&szlig;lich die &uuml;ber lange Zeit entstandene Schicksalsgemeinschaft das Gemeinwesen bestimmt, sondern zunehmend das Streben von Unterschiedlichen nach dem Gemeinsamen: diesem unseren Staat in Europa, in dem wir in Freiheit, Frieden und in Solidarit&auml;t miteinander leben wollen&hellip;Unsere Verfassung spricht allen Menschen dieselbe W&uuml;rde zu, ungeachtet dessen, woher sie kommen, woran sie glauben und welche Sprache sie sprechen. Sie tut dies nicht als Belohnung f&uuml;r gelungene Integration, sie versagt dies aber auch nicht als Sanktion f&uuml;r verweigerte Integration.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Gauck ging in seiner Antrittsrede nicht konkret auf die Finanzkrise und auf die Krise der Europ&auml;ischen Union ein, aber in ziemlichem Gegensatz zur bei uns weit verbreiteten populistischen Abwertung und Geringsch&auml;tzung der in Schwierigkeiten geratenen s&uuml;deurop&auml;ischen Nationen, bekennt sich Gauck dazu, dass <em>&bdquo;das europ&auml;ische Miteinander &hellip; ohne den Lebensatem der Solidarit&auml;t nicht gestaltbar&ldquo;<\/em> sei. <\/p><p>Hat man von Joachim Gauck bisher oft eher absch&auml;tzige Bemerkungen &uuml;ber soziale Bewegungen oder &uuml;ber B&uuml;rgerprotest auf der Stra&szlig;e und im Internet wahrgenommen, so konnte man jetzt durchaus wertsch&auml;tzende Ankl&auml;nge heraush&ouml;ren:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Neben den Parteien und anderen demokratischen Institutionen existiert eine aktive B&uuml;rgergesellschaft. B&uuml;rgerinitiativen, Ad-hoc-Bewegungen und Teile der digitalen Netzgemeinde erg&auml;nzen mit ihrem Engagement, aber auch mit ihrem Protest die parlamentarische Demokratie und gleichen M&auml;ngel aus.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Klar und unmissverst&auml;ndlich war auch seine deutliche Absage an die <em>&bdquo;rechtsextremen Ver&auml;chter unserer Demokratie&ldquo;<\/em>. <\/p><p>Nicht angesprochen hat Joachim Gauck die Themen &Ouml;kologie, seine Haltung zu Milit&auml;reins&auml;tzen blieb offen, auch sein Verst&auml;ndnis vom Sozialstaates und einer wirklich &bdquo;sozialen Marktwirtschaft&ldquo; gegen&uuml;ber den Zw&auml;ngen der Finanzm&auml;rkte blieb ausf&uuml;llungsbed&uuml;rftig. Undeutlich blieb auch auf welche Felder der ganz praktischen Politik Joachim Gauck in seiner Amtszeit sein besonderes Engagement lenken will. Doch sollte man von einer kurzen Antrittsrede keinen Rundumschlag erwarten.<\/p><p>Nichts gegen Gaucks kalkulierte P&auml;dagogik des Lobens, man wei&szlig; ja, dass ein positives Motivieren oft mehr bewirken kann, als st&auml;ndiges Kritisieren von Fehlern, aber zu viel des Lobes kann auch zu realit&auml;tsferner Selbst&uuml;bersch&auml;tzung f&uuml;hren. Man m&uuml;sste, wenn man von der Angst &uuml;ber die zunehmende Distanz vieler B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu den demokratischen Institutionen und von der Geringsch&auml;tzung und Verachtung von Politik und Politikern spricht, nicht nur den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, sondern zumal den Regierenden &ouml;fters auch einmal ins Gewissen reden.<\/p><p>In seiner pastoralen Attit&uuml;de versucht Gauck, den Menschen mit ihren &Auml;ngsten und Sorgen Mut zuzusprechen. Wenn das aber nicht nur ein falscher Trost sein soll, n&auml;mlich sich eben mit den pers&ouml;nlichen N&ouml;ten und Lebenslagen abzufinden, sondern wenn dieser Trost unterf&uuml;ttert w&uuml;rde mit Mitgef&uuml;hl, mit Solidarit&auml;t gegen&uuml;ber den Betroffenen, um sie aus ihrem Gef&uuml;hl der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit herauszuf&uuml;hren und wenn Joachim Gauck daf&uuml;r auch noch Ziele und Projekte aufzeigen k&ouml;nnte, aus denen sich neues Selbstvertrauen und Fortschritt speisen lie&szlig;en, dann w&uuml;rde er in sein neues Amt hineinwachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&ldquo;Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand, &ndash; ist ein alter Scherz, den man wohl in unsern Zeiten nicht gar f&uuml;r Ernst wird behaupten wollen.&rdquo; Diesen Satz schrieb der gro&szlig;e deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schon 1821 in der Vorrede zu den &bdquo;Grundlinien der Philosophie des Rechts&ldquo; und diese Kritik trifft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12656\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[96,132,161],"tags":[764],"class_list":["post-12656","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundespraesident","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-gauck-joachim"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12656","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12656"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12656\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12658,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12656\/revisions\/12658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12656"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12656"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12656"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}