{"id":126689,"date":"2024-12-24T12:00:22","date_gmt":"2024-12-24T11:00:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126689"},"modified":"2024-12-20T21:16:15","modified_gmt":"2024-12-20T20:16:15","slug":"der-heilige-abend-an-dem-wir-nicht-zur-kirche-gingen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126689","title":{"rendered":"Der Heilige Abend, an dem wir nicht zur Kirche gingen"},"content":{"rendered":"<p>Der Winter von 1947 auf 1948 war zwar nicht so schrecklich kalt wie die beiden vorangegangenen Winter, aber wir froren nach wie vor in unserer Barackenunterkunft und hatten nur wenig zu essen. Wie wir, lebten in dem Barackenlager vor der Stadt noch mehr als hundert Fl&uuml;chtlinge und Vertriebene, die hofften, bald in ihre alte Heimat in Schlesien oder Ostpreu&szlig;en zur&uuml;ckkehren zu k&ouml;nnen. Weihnachten r&uuml;ckte n&auml;her, in der Stadt war in einigen Schaufenstern mit Sternen und bunten Kugeln geschm&uuml;cktes Tannengr&uuml;n zu bewundern, und &uuml;ber die Einkaufsstra&szlig;e waren ein paar k&uuml;mmerliche Girlanden gespannt. <strong>Eine Nachkriegsgeschichte von Wolfgang Bittner.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2785\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-126689-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=126689-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"241224_Der_Heilige_Abend_an_dem_wir_nicht_zur_Kirche_gingen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Das f&uuml;hrte allerdings nicht dazu, dass bei uns so etwas wie Weihnachtsstimmung aufkam. Mein Vater, der in den letzten Kriegstagen noch schwer verwundet worden war und erst k&uuml;rzlich seine Kr&uuml;cken weggelegt hatte, war der Meinung, dass wir trotz allem Weihnachten feiern sollten. Das sei Tradition, sagte er, und man m&uuml;sse allm&auml;hlich zu normalen Verh&auml;ltnissen zur&uuml;ckkehren. Also begann meine kleine Schwester, einen Topflappen als Geschenk f&uuml;r unsere Mutter zu h&auml;keln, und ich &uuml;berlegte, was es an den Feiertagen au&szlig;er Kartoffeln oder Steckr&uuml;ben zu essen geben k&ouml;nnte. Ein Festtagsbraten schwebte mir vor, aber das schien eine Illusion zu sein, denn Fleisch konnten wir uns nicht leisten.<\/p><p>Nun hatten meine Eltern geh&ouml;rt, dass in der Pfarrei manchmal sogenannte Care-Pakete verteilt wurden, die von wohlmeinenden Menschen aus den USA kamen. Darin befanden sich Corned Beef, Trockenobst, Schmalz, Zucker, Mehl, Kakao, Kaffee und sonstige wertvolle Lebensmittel. Danach hatte meine Mutter bei passender Gelegenheit den Pfarrer gefragt. Doch der hatte ihr eine drastische Abfuhr erteilt: &bdquo;Wer nicht regelm&auml;&szlig;ig in die Kirche kommt, so wie Sie und ihre Familie, hat keinen Anspruch auf solche Gaben&ldquo;, war seine Antwort gewesen.<\/p><p>Dennoch hatte die mitleidige Haush&auml;lterin, die auch aus Schlesien kam und meine Mutter kannte, hinter dem R&uuml;cken des Pfarrers ein paar Lebensmittel zusammengepackt: Ein Kilo Mehl, etwas Speck, eine Dose mit Pfirsichen und ein Pfund ranzig gewordene Butter. Immerhin. Es reichte, den Speisezettel f&uuml;r ein paar Tage aufzubessern.<\/p><p>Damals las ich mit hei&szlig;en Ohren Abenteuerromane, die im amerikanischen Westen und im kanadischen Norden spielten. Ich konnte sie f&uuml;r f&uuml;nf Pfennige bei einem Friseur ausleihen, der in seinem Laden eine kleine Leihbibliothek eingerichtet hatte. Und manchmal stie&szlig; ich dabei auf lehrreiche Anleitungen zum Bau von Fallen und zum Auslegen von Schlingen, mit denen man wilde Tiere fangen konnte.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ging es mir nicht um Pelztiere oder W&ouml;lfe. Aber in der N&auml;he des Barackenlagers gab es zwischen den Feldern ein sandiges, von Disteln, Heidekraut und B&uuml;schen &uuml;berwuchertes Gel&auml;nde um einen von den Engl&auml;ndern gesprengten Bunker herum, in dem w&auml;hrend des Kriegs Munition gelagert worden war. Dort hatte ich Kaninchen bemerkt, und dort fand ich auch eine alte Elektrospule mit Kupferdraht, aus dem sich ausgezeichnete Schlingen herstellen lie&szlig;en.<\/p><p>Inzwischen war es Mitte Dezember geworden und vereinzelt hatte es ein wenig geschneit, sodass ich die Kaninchenpfade nachverfolgen konnte. So ein Kaninchenbraten w&auml;re ein wunderbares Weihnachtsessen, dachte ich und begann, mehrere Schlingen zu legen. Und tats&auml;chlich hatte ich kurz vor Weihnachten Erfolg. Da mein Vater sich nicht in der Lage f&uuml;hlte, meiner Beute das Fell abzuziehen, wie er sagte, bat ich einen Nachbarn, es mir zu zeigen. Kein Problem, ich zerlegte das Kaninchen, und schon am n&auml;chsten Tag, dem Heiligen Abend, brutzelten am sp&auml;ten Nachmittag mehrere k&ouml;stlich duftende Bratenst&uuml;cke in der Pfanne.<\/p><p>Wir konnten uns nach l&auml;ngerer Zeit wieder einmal richtig satt essen. Zum Nachtisch gab es Pfirsichh&auml;lften aus der Dose, die meine Mutter in der Pfarrei erbettelt hatte. Wir schwelgten, und nach dem Essen bereiteten die Eltern den Heiligen Abend vor. Ein kleiner Tannenbaum, den mein Vater nachts heimlich aus dem Wald geholt hatte, wurde mit Lametta, Sternen aus Silberpapier und ein paar Kerzen geschm&uuml;ckt, die uns die Haush&auml;lterin des Pfarrers geschenkt hatte.<\/p><p>Drau&szlig;en schneite es ein wenig, der Heilige Abend hatte begonnen und der Weihnachtsbaum gl&auml;nzte in hellem Kerzenschein. Wir sangen die alten Lieder und tranken hei&szlig;en Tee mit dem erahnbaren Geschmack von Zucker. Dann wurden die Weihnachtsgeschenke ausgepackt. Erstaunlich, was da zusammenkam: Der Topflappen f&uuml;r die Mutter, ein geschnitzter Brief&ouml;ffner und ein Paar Socken f&uuml;r den Vater und ein Pullover f&uuml;r meine Schwester, den die Mutter abends gestrickt hatte, wenn wir Kinder schon im Bett waren. Ich bekam endlich das Taschenmesser, das ich mir schon lange gew&uuml;nscht hatte; au&szlig;erdem ein Buch, in dem ich sofort zu lesen begann. Es handelte von einem Jungen namens Mogli, der seine Eltern verloren hatte und im Dschungel bei W&ouml;lfen aufwuchs. Ich kam den ganzen Abend nicht mehr davon los.<\/p><p>Sp&auml;ter beschlossen meine Eltern, zur Mitternachtsmesse in die Kirche zu gehen. &bdquo;Das haben wir zu Hause immer so gemacht&ldquo;, sagte meine Mutter und meinte damit: zu Hause in Schlesien. Sie wandte sich an uns Kinder und meinte: &bdquo;Weil Weihnachten ist, d&uuml;rft ihr ausnahmsweise l&auml;nger aufbleiben und mitkommen.&ldquo;<\/p><p>Doch meine Schwester erkl&auml;rte kategorisch, dass sie nicht mitgehen werde. Was denn in sie gefahren sei, wollte unsere Mutter wissen, warum sie denn um Himmels willen nicht mit in die Kirche gehen wolle. &bdquo;Das fragst du noch?&ldquo;, erwiderte meine Schwester aufgebracht, wie ich sie selten gesehen hatte. &bdquo;Erinnerst du dich nicht, wie dich der Pfarrer neulich abgefertigt hat, als Du nach einem Care-Paket gefragt hast? Und dem soll ich zuh&ouml;ren, wenn er von der Geburt des armen Jesuskindes spricht?&ldquo;<\/p><p>Dar&uuml;ber wurde des L&auml;ngeren diskutiert, und auch an sp&auml;teren Weihnachtsfesten war das Aufbegehren meiner Schwester immer mal wieder ein ergiebiges Gespr&auml;chsthema. An diesem Heiligen Abend gingen wir jedenfalls nicht zur Kirche. Wir sangen noch &ldquo;Es ist ein Ros entsprungen&ldquo; und &ldquo;Stille Nacht, heilige Nacht&ldquo; und gingen eigentlich recht gl&uuml;cklich und miteinander vers&ouml;hnt zu Bett.<\/p><p><em>&Uuml;ber den Autor: Der Schriftsteller und Publizist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> ist Autor zahlreicher B&uuml;cher, darunter der Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, Verlag zeitgeist 2019. Siehe auch <a href=\"https:\/\/wolfgangbittner.de\">https:\/\/wolfgangbittner.de<\/a><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Roland Oster\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Winter von 1947 auf 1948 war zwar nicht so schrecklich kalt wie die beiden vorangegangenen Winter, aber wir froren nach wie vor in unserer Barackenunterkunft und hatten nur wenig zu essen. Wie wir, lebten in dem Barackenlager vor der Stadt noch mehr als hundert Fl&uuml;chtlinge und Vertriebene, die hofften, bald in ihre alte Heimat<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126689\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":91659,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212],"tags":[2104,2250,849],"class_list":["post-126689","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","tag-kriegsopfer","tag-nachkriegszeit","tag-nahrungsmittel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Shutterstock_555182728.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126689"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126689\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126739,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126689\/revisions\/126739"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/91659"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}