{"id":126811,"date":"2025-01-06T12:01:38","date_gmt":"2025-01-06T11:01:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126811"},"modified":"2025-01-06T16:59:24","modified_gmt":"2025-01-06T15:59:24","slug":"syrien-nach-dem-umbruch-nachforschungen-vor-ort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126811","title":{"rendered":"Syrien nach dem Umbruch &#8211; Nachforschungen vor Ort"},"content":{"rendered":"<p>Auch einen Monat nach der Macht&uuml;bernahme von Hay&rsquo;at Tahrir as Scham (HTS) bleibt die Lage in Syrien un&uuml;bersichtlich. <strong>Karin Leukefeld<\/strong> fuhr Ende Dezember nach Damaskus, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Autorin beschreibt f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> die chaotische Situation in Syrien nach dem R&uuml;ckzug des Assad-Regimes. Der Grenz&uuml;bergang ist unkontrolliert und syrische St&auml;dte sind von Zerst&ouml;rung, Pl&uuml;nderung und improvisierter Ordnung gepr&auml;gt. W&auml;hrend Menschen den Sturz Assads feiern, herrscht Unsicherheit. Alte Machtstrukturen sind verschwunden, aber der Wiederaufbau ist ungekl&auml;rt. Regionen wie Ghouta und Jobar liegen in Tr&uuml;mmern, w&auml;hrend auf dem Qassioun-Berg anarchischer Aufbau herrscht. Die Freiheit bringt zugleich neue Herausforderungen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5622\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-126811-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=126811-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"250106-Syrien-nach-Umbruch-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Jenseits des libanesischen Grenz&uuml;bergangs Masna herrscht ein komplett unkontrollierter Zugang zu Syrien. Der Taxifahrer, der die Autorin seit mehr als 15 Jahren zwischen Damaskus und Beirut und fr&uuml;her auch nach Amman fuhr, l&auml;sst seiner Freude freien Lauf: &bdquo;Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch, Syrien&ldquo;, sprudelt es aus ihm heraus. &bdquo;Sieh hier und hier&ldquo;, sagte er und zeigte auf die vielen Fahrzeuge, die mit offenem Kofferraum entlang der Stra&szlig;e stehen und mit Gaszylindern, Plastikflaschen voller Benzin und Kartons mit allen m&ouml;glichen Waren vollgepackt sind. &bdquo;Alles bekommen wir jetzt in Syrien: Gas, Benzin, Lebensmittel und sogar Autos kommen herein.&ldquo; Die gr&ouml;&szlig;te Freude aber sind f&uuml;r ihn die verlassenen Kontrollpunkte, an denen die Fahrer fr&uuml;her immer halten, T&uuml;ren und Kofferraum &ouml;ffnen mussten und meist einen Geldschein oder auch eine Packung Zigaretten abgaben, um schneller weiterzukommen. &bdquo;Alle sind weg&ldquo;, sagt der Fahrer begeistert. &bdquo;Die Alawiten, die Schiiten, alle sind abgehauen, &uuml;ber Nacht!&ldquo;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-01-241227.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-01-241227.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Autotransporter unklarer Herkunft passieren die unkontrollierte Grenze nach Syrien. Offen fu&#776;r alles und alle. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>In der Hauptstadt herrschen chaotische Verkehrsverh&auml;ltnisse, Verkehrspolizei gibt es nicht mehr. &bdquo;Brauchen wir nicht&ldquo;, ist der Fahrer &uuml;berzeugt. &bdquo;Wir Syrer respektieren uns gegenseitig und k&ouml;nnen alles selber regeln.&ldquo; Noch sei es chaotisch, aber bald werde alles gut sein, ist er &uuml;berzeugt. &bdquo;Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch, Syrien!&ldquo;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-04-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-04-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Abbassiyeen-Platz: Kartoffeln und Benzin. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Vor dem Opernhaus am Ommayyaden-Platz und in der Altstadt vor der Ommayyaden-Moschee versammeln sich fast t&auml;glich Menschen, um den Sturz von Bashar al-Assad zu feiern. Die Stadt, Werbetafeln, Gesch&auml;fte und Br&uuml;cken scheinen in ein Meer von schwarz-wei&szlig;-gr&uuml;n und drei roten Sternen getaucht zu sein. Das sind die Farben der neuen syrischen Fahne, die &ndash; neben t&uuml;rkischen Produkten &ndash; der Verkaufsschlager an den vielen kleinen St&auml;nden ist. Die Syrer sind traditionell freundlich zur&uuml;ckhaltend gegen&uuml;ber Fremden und es scheint, als wollten sie signalisieren, dass sie keine Probleme mit den neuen HTS-Machthabern haben wollen. Viele Auto- und Taxifahrer haben die alte Fahne an ihren Fahrzeugen eilig abgerissen und die neue Fahne in das R&uuml;ckfenster geklebt. Die Wenigsten scheinen zu wissen, dass diese Fahne eine Hinterlassenschaft des einstigen Machthabers Frankreich ist, das 24 Jahre lang &ndash; von 1922 bis 1946 &ndash; Mandatsmacht in Syrien war. Ihm sei es egal, wer die neue Fahne mitgebracht habe, sagt der Taxifahrer. &bdquo;Alles ist besser als Assad!&ldquo;<\/p><p><strong>Zerst&ouml;rungen<\/strong><\/p><p>Viele staatliche Einrichtungen sind zerst&ouml;rt und wurden offenbar auch in Brand gesetzt: Polizeistationen und die alten Polizeifahrzeuge sind zerst&ouml;rt, auch das neue und modern eingerichtete Einwohnermeldeamt unweit von Zablatani ging in Flammen auf. Iranische Einrichtungen wie das Kulturzentrum und die Iranische Botschaft wurden ebenfalls angegriffen. Die Geb&auml;ude sind nun verschlossen und liegen verlassen. Auch die schiitische Pilgerst&auml;tte unweit der Ommayyaden-Moschee, die Moschee der Rukheyyeh und Gesch&auml;fte schiitisch-muslimischer Syrer in der Altstadt sind verschlossen. Schiitische Muslime gelten als &bdquo;Iraner&ldquo; und die sind nicht mehr erw&uuml;nscht in Syrien, best&auml;tigt der Taxifahrer. Der neu ernannte HTS-Au&szlig;enminister fordert vom Iran 300 Milliarden US-Dollar ein, weil der Iran f&uuml;r die Kriegszerst&ouml;rungen in Syrien verantwortlich sei.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-02-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-02-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Damaskus Zablatani. Zersto&#776;rtes Einwohnermeldeamt. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Statuen der beiden ehemaligen Pr&auml;sidenten Hafez und Bashar al Assad und Statuen, die an die vielen get&ouml;teten Soldaten erinnern sollen, sind zerst&ouml;rt. In Latakia sei der Kopf einer Statue von Hafez al-Assad mit einem Auto durch die Stra&szlig;en gezogen worden, berichtet eine Bekannte. Jubelnde M&auml;nner h&auml;tten sich darauf sitzend oder stehend mitziehen lassen, sagt sie und sch&uuml;ttelt den Kopf. Bei aller Kritik an den Assads gehe ihr so eine Zerst&ouml;rungswut zu weit, meint sie und murmelt: &bdquo;Auch die Grabst&auml;tte von Hafez al-Assad wurde verw&uuml;stet.&ldquo;<\/p><p><strong>In der &ouml;stlichen Ghouta<\/strong><\/p><p>Die &ouml;stlichen Vororte von Damaskus liegen in Tr&uuml;mmern. Vor dem Krieg standen hier dicht an dicht kleine, zumeist Familienwerkst&auml;tten. Hier wurden M&ouml;bel hergestellt, Autos repariert, hier wurde gen&auml;ht und gestickt oder wurden Lederwaren produziert. Die Orte waren urspr&uuml;nglich um einen historischen Dorfkern gebaut, denn die D&ouml;rfer lagen fr&uuml;her in der Ghouta, einer aus Feldern, Obsthainen und Wiesen bestehenden Oase, die mit dem Wasser des Barada-Flusses bew&auml;ssert wurde. Der Fluss aus dem Anti-Libanon-Gebirge teilte sich unter Damaskus in zahlreiche unterirdische Wasserl&auml;ufe, die Ghouta wurde mit dem Wachsen der Stadt zu einem Erholungsgebiet. Manch einer in Damaskus erinnert sich noch an die Zeit, als eine Stra&szlig;enbahn dort hinausfuhr.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-03-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-03-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Das Mosaik am o&#776;stlichen Stadtrand von Damaskus wurde mit einer neuen Fahne u&#776;bermalt. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Die massive Landflucht &ndash; verursacht vor allem durch Wasserknappheit &ndash; hatte Zehntausende Menschen in die Ghouta gebracht, die sich dort ohne Genehmigungen kleine H&auml;user und H&uuml;tten bauten. Die D&ouml;rfer der Ghouta wuchsen immer dichter zusammen und wurden zu dicht besiedelten Vorst&auml;dten, in denen bald mehr Menschen lebten als in Damaskus selbst. 2011 und 2012 wurden diese Vorst&auml;dte von verschiedenen bewaffneten Gruppen eingenommen und nach islamistischen Regeln regiert. Es folgten Jahre eines zerm&uuml;rbenden Kampfes zwischen den bewaffneten Gruppen und der syrischen Armee. Erst 2018 gelang es Russland, der T&uuml;rkei und Iran, die sich in der Astana-Gruppe zusammengeschlossen hatten, nach z&auml;hen Verhandlungen, den Abzug der Kampfverb&auml;nde zu erreichen. In Bussen wurden sie nach Idlib abtransportiert und hinterlie&szlig;en eine gro&szlig;e Verw&uuml;stung. Nun sind diese K&auml;mpfer zur&uuml;ckgekehrt und triumphieren &uuml;ber ein &Ouml;dland.<\/p><p><strong>Harasta<\/strong><\/p><p>In Harasta leben die Menschen in Ruinen. Die beiden Kirchen sind zerst&ouml;rt, in einer hatten die K&auml;mpfer einen Tunnel gegraben, um sich unter der Erde einen Weg nach Damaskus zu bahnen. Die Kirche des Heiligen Elias wurde milit&auml;rischer St&uuml;tzpunkt der K&auml;mpfer, das ausgehobene Erdreich war einfach in dem Kirchenschiff aufget&uuml;rmt worden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-06-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-06-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Harasta Zentrum weitgehend zersto&#776;rt mit neuer Fahne. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Die Christen haben Harasta verlassen. Doch in der schmalen Stra&szlig;e, die an der zerst&ouml;rten St.-Elias-Kirche vorbeif&uuml;hrt, begegnet die Autorin einer Gruppe von Frauen, die bereitwillig auf ihre Fragen antworten. Es fehle an allem, sagen sie. Es fehle Strom, nur nachts k&auml;me der Strom manchmal f&uuml;r eine Stunde, sagt eine der Frauen und alle nicken. Ihre Wohnung sei dunkel, es gebe wenig Sonne, ihre Mutter sei blind, es gebe keine Medikamente. Die Frauen klagen dar&uuml;ber, dass es nicht genug zu essen g&auml;be f&uuml;r die Kinder, die doch noch wachsen m&uuml;ssten. Kleidung und Schuhe f&uuml;r die Kinder seien teuer. Ja, eine Schule gebe es, und ihr Mann und ihr Sohn arbeiteten beide im Krankenhaus von Harasta, sagt eine der Frauen mit sorgenvoller Stimme: &bdquo;Aber der Lohn reicht nicht und in diesem Monat wissen wir nicht, ob sie &uuml;berhaupt ihr Geld bekommen.&ldquo; Zum Gl&uuml;ck gebe es eine Hilfsorganisation, die einmal in der Woche an die Bed&uuml;rftigen kostenlos Brot verteile. Sie sei gerade auf dem Weg dorthin.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-08-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-08-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Harasta, Vorort von Damaskus. Brot wird verteilt an Bedu&#776;rftige. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Die Frau geht voraus, um ihre Ration Brot abzuholen. Sie legt ihre Ausweispapiere vor, die Helfer kontrollieren den Namen auf einer Liste. Berechtigt f&uuml;r die Brotspende sind alte Menschen, verwitwete und geschiedene Frauen, Familien, die einen Kranken pflegen m&uuml;ssen, Waisenkinder und Menschen, die eine physische oder psychische Krankheit haben. Gespendet wird das Brot von &bdquo;guten Menschen aus Damaskus&ldquo;, sagt der Leiter der Organisation, Herr Abu Imad, der fr&uuml;her im &ouml;rtlichen Elektrizit&auml;tswerk arbeitete. Ob er einen Namen eines solchen &bdquo;guten Menschen&ldquo; nennen k&ouml;nne? Nein, die Spender wollten anonym bleiben, doch jedes Mal w&uuml;rden 1.000 bis 1.500 Rapta Brot gespendet. Ein Rapta Brot besteht aus sieben Brotfladen und soll nach Vorschrift 1.500 Gramm wiegen. Vor HTS kostete ein Rapta 400 Syrische Pfund und die Familien erhielten je nach Gr&ouml;&szlig;e t&auml;glich mindestens ein Rapta zugeteilt. Heute muss man pro Rapta 4.000 Syrische Pfund bezahlen. Ein Mann mit wei&szlig;em Haar steht etwas abseits und h&ouml;rt dem Gespr&auml;ch zu. Er sei einer der &bdquo;guten Menschen&ldquo;, erf&auml;hrt die Autorin sp&auml;ter. &bdquo;Er kommt morgens fr&uuml;h mit dem Brot und bleibt immer so lange, bis das letzte Brot verteilt ist&ldquo;, hei&szlig;t es. So k&ouml;nne er sicherstellen, dass das Brot auch bei den Bed&uuml;rftigen ankomme.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-07-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-07-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Harasta, Vorort von Damaskus. Es gibt nur eine Stunde Strom am Tag, in der Nacht. Es fehlt an allem. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Die R&uuml;ckfahrt nach Damaskus f&uuml;hrt &uuml;ber die Autobahn, die Aleppo, Hama und Homs mit Damaskus verbindet. Dort, wo die Autobahn sich in eine Umgehungsstra&szlig;e Richtung Flughafen und die Stra&szlig;e Richtung Damaskus Innenstadt teilt, steht seit vielen Jahren ein gro&szlig;es Mosaik, das Hafez al Assad und die landschaftliche, fruchtbare Weite Syriens zeigt. Obwohl das gro&szlig;e Monument genau auf der Frontlinie zwischen den &ouml;stlichen Vororten und der Stadt von Damaskus steht, hatte es die langen Jahre des Krieges unbesch&auml;digt &uuml;berstanden. Doch nun haben Unbekannte das Mosaik mit der neuen Fahne &uuml;bermalt und in gro&szlig;en Buchstaben &bdquo;FREE&ldquo; daneben geschrieben. In Englisch, nicht in Arabisch.<\/p><p><strong>Jobar<\/strong><\/p><p>Kurz vor Damaskus und nicht weit vom Bab Touma, dem Thomas-Tor, entfernt, einem der Zug&auml;nge in die Altstadt, liegt Jobar. Der Vorort bot einst g&uuml;nstigen Wohnraum f&uuml;r junge Leute, die in der Stadt arbeiteten oder studierten. In Jobar gab es zudem eine der &auml;ltesten Synagogen der Region, selbst eine kleine j&uuml;dische Gemeinde war in Syrien geblieben. Die alten Leute wohnten meist zur&uuml;ckgezogen in ihren H&auml;usern in der Altstadt. Heute ist Jobar zerst&ouml;rt und &ndash; bis auf einige Werkst&auml;tten in den Randgebieten &ndash; v&ouml;llig verlassen. Mit Hilfe eines Stadtplans gelingt es, den Standort der Synagoge zu finden. Und andere Journalisten sind schon da. Auf einem Tr&uuml;mmerberg steht ein Kollege der Nachrichtenagentur <em>AP<\/em> mit einem Kameramann, einem Begleiter und einem freundlich l&auml;chelnden wei&szlig;haarigen Mann, der sich als Bakchour Chamatoub vorstellt. Er sei 74 Jahre alt &bdquo;und single&ldquo;, grinst er verschmitzt. Und er sei einer der verbliebenen Juden in Syrien. Auf die Frage, wie viele denn geblieben seien, meint er &bdquo;neun oder zehn&ldquo;.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-13-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-13-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Jobar, zersto&#776;rte Synagoge. Bakhour Chamatoub (74) ist einer der Letzten der ju&#776;dischen Gemeinde, von 9 oder 10 Personen. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Das Geb&auml;ude der Synagoge ist zerst&ouml;rt, auch eine nahegelegene Schule hat den Krieg nicht &uuml;berstanden. Was genau geschehen sei, wisse er nicht, sagt Herr Chamatoub. Doch eine alte Thora, die in der Synagoge gewesen sei, habe man in der T&uuml;rkei einer Gruppe von kriminellen Schmugglern abgenommen. Da der AP-Journalist sein Gespr&auml;ch mit Herrn Chamatoub noch nicht beendet hat, tauscht die Autorin Telefonnummern aus und man verabredet sich f&uuml;r ein anderes Mal. Vor dem zerst&ouml;rten Geb&auml;ude steht ein Mann, der trotz des strahlenden Sonnenscheins eine warme Wollm&uuml;tze auf dem Kopf tr&auml;gt. Mohamed Ali Kassem war 25 Jahre lang W&auml;chter in der Schule, die zur Synagoge geh&ouml;rte. Doch nun liege alles in Tr&uuml;mmern. Der Garten, den er mit dem W&auml;chter der Synagoge angelegt habe und wo sie oft bei einem Tee zusammengesessen h&auml;tten, sei vertrocknet. Ob er glaube, das Jobar wieder aufgebaut werde? &bdquo;Sehen Sie sich um, alles liegt in Tr&uuml;mmern. Wir haben kein Geld, kein Baumaterial, das Ausland streitet sich dar&uuml;ber, wer was in Syrien zu sagen hat. Wer soll Jobar wieder aufbauen?!&ldquo;<\/p><p><strong>Qassioun<\/strong><\/p><p>Viele Menschen zieht es auf den Qassioun, den Hausberg, der sich mehr als 1.100 Meter &uuml;ber der syrischen Hauptstadt erhebt. Vor dem Krieg (vor 2011) war der Berg ein beliebter Ausflugsort. Entlang einer Stra&szlig;e, die unterhalb des Gipfels rund um den Berg herumf&uuml;hrt, waren kleine Caf&eacute;s, Restaurants und Aussichtspl&auml;tze, wo die Bev&ouml;lkerung an Sommerabenden, an Feiertagen und am Wochenende gern die Aussicht &uuml;ber die Stadt und die frische Luft genoss. W&auml;hrend des Fastenmonats Ramadan zogen viele in der Nacht auf den Berg, um dort ihr Fr&uuml;hst&uuml;ck einzunehmen, bevor das t&auml;gliche Fasten begann. Mit Beginn des Krieges wurde die Stra&szlig;e gesperrt. Der Qassioun wurde milit&auml;rische Sperrzone, Caf&eacute;s und Restaurants verwaisten. Die Basis der syrischen Armee an der R&uuml;ckseite des Berges wurde erweitert, Radar- und Telekommunikationst&uuml;rme wurden gebaut. In den Jahren nach 2012, als bewaffnete Gruppen Damaskus aus den Vororten der &ouml;stlichen Ghouta beschossen und von dort in die Stadt eindringen wollten, feuerte die Armee vom Qassioun auf deren Stellungen in Jobar, Harasta, Douma und Arbeen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-15-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-15-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>Syrer auf dem Qassioun, dem Hausberg von Damaskus. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Nun ist der Weg auf den Qassioun frei und Menschenmassen str&ouml;men mit Autos, Motorr&auml;dern oder auch zu Fu&szlig; die Stra&szlig;e zum Berg hinauf. Oben herrscht Chaos. Fahrzeuge parken kreuz und quer, H&auml;ndler vermieten Tische und St&uuml;hle an die Besucher, andere haben bereits begonnen, das Fundament f&uuml;r neue Geb&auml;ude zu bauen. Mit Zement, Steinen, Holz, Blech und Plastik werden H&uuml;tten und Plattformen errichtet, um Getr&auml;nke oder Speisen anzubieten, um neue Caf&eacute;s zu bauen. Es gibt keine Regeln. Wer zuerst kommt, baut zuerst.<\/p><p>HTS-Sicherheitskr&auml;fte der Milit&auml;rpolizei und des Innenministeriums beobachten das Geschehen. Die Milit&auml;rpolizei tr&auml;gt khakifarbene Uniformen, die Kr&auml;fte des Innenministeriums sind schwarz gekleidet. Nicht alle sind bewaffnet, doch fast alle haben ihre Gesichter vermummt. Meist bewegen sie sich in Vierergruppen. &bdquo;Woher kommen Sie&ldquo;, will einer der HTS-Milit&auml;rpolizisten wissen und als er h&ouml;rt, aus Deutschland, stimmt er eine Lobeshymne auf das Land an, das so viele Syrer aufgenommen habe. &bdquo;Sagen Sie den Syrern, sie sollen nach Hause zur&uuml;ckkehren&ldquo;, sagt der HTS-Milit&auml;r dann. &bdquo;Wir brauchen sie hier, f&uuml;r den Wiederaufbau.&ldquo;<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-16-241226.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/250106-Syrien-16-241226.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/div><p><small>HTS-Milita&#776;rpolizei auf dem Qassioun, dem Hausberg von Damaskus. Foto: K. Leukefeld<\/small><\/p><p>Pl&ouml;tzlich gibt es Bewegung unter den Menschen. Einige der Sicherheitskr&auml;fte rennen zu einem gro&szlig;en Bagger, der angefangen hat, Erdreich auszuheben. Vermutlich will jemand an der Stelle ein Geb&auml;ude errichten, doch die HTS-Kr&auml;fte unterbinden das. Einige M&auml;nner, deren Herkunft unklar ist, kommen mit Hacken, Hammern und Schaufeln und zerst&ouml;ren die frisch gebauten Plattformen und Mauern. Die Mehrheit der Leute sieht dem Geschehen teilnahmslos zu, einige unterst&uuml;tzen das Vorgehen. &bdquo;Richtig so&ldquo;, sagt ein Mann. &bdquo;Dieses wilde Bauen muss sofort gestoppt werden. Der Qassioun geh&ouml;rt uns allen.&ldquo;<\/p><p>Die R&uuml;ckfahrt f&uuml;hrt um den Gipfel des Qassioun hinunter zur Stadt. Die Milit&auml;rbasis der syrischen Streitkr&auml;fte liegt verlassen. Einige Menschen sitzen im Gras und haben ein Picknick ausgepackt. Die Autorin wirft einen Blick auf das Handy, um zu pr&uuml;fen, ob Nachrichten eingegangen sind. Der syrische Internetanbieter ist verschwunden, stattdessen gibt es einen neuen, unbekannten Anbieter namens &bdquo;Cellcom&ldquo;. Das SMS-Signal k&uuml;ndigt eine neue Nachricht an. Darin weist der deutsche Vertragspartner darauf hin, dass man in einem neuen Land angekommen sei. &bdquo;Willkommen in Israel&ldquo;, beginnt die Nachricht. &bdquo;Um Daten nutzen zu k&ouml;nnen (z.B. Internet oder E-Mail), ben&ouml;tigst Du eines der folgenden Angebote (&hellip;.).&ldquo; Mitten in Syrien, mitten in Damaskus ist ein israelischer Mobilfunkanbieter aktiv. Hurieh, Freiheit, jubeln die Menschen. Die Freiheit des Landes, die Souver&auml;nit&auml;t Syriens ist schon verkauft.<\/p><p><small>Titelbild: K. Leukefeld<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch einen Monat nach der Macht&uuml;bernahme von Hay&rsquo;at Tahrir as Scham (HTS) bleibt die Lage in Syrien un&uuml;bersichtlich. <strong>Karin Leukefeld<\/strong> fuhr Ende Dezember nach Damaskus, um sich selbst ein Bild zu machen. Die Autorin beschreibt f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> die chaotische Situation in Syrien nach dem R&uuml;ckzug des Assad-Regimes. Der Grenz&uuml;bergang ist unkontrolliert und syrische St&auml;dte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=126811\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":126812,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,20],"tags":[712,1754,2022,849,1553,2474],"class_list":["post-126811","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-landerberichte","tag-arzneimittel","tag-energieversorgung","tag-failed-state","tag-nahrungsmittel","tag-syrien","tag-wiederaufbau"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/250106-Syrien-250106_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126811","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126811"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126811\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126834,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126811\/revisions\/126834"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/126812"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126811"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126811"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126811"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}