{"id":12697,"date":"2012-03-28T08:57:55","date_gmt":"2012-03-28T06:57:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12697"},"modified":"2015-02-08T11:20:39","modified_gmt":"2015-02-08T10:20:39","slug":"bedeutung-der-quote-auch-fur-offentlich-rechtliche-sender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12697","title":{"rendered":"Bedeutung der Quote auch f\u00fcr \u00f6ffentlich-rechtliche Sender"},"content":{"rendered":"<p>Damit sich die NachDenkSeiten nicht den Vorwurf einhandeln, wir w&uuml;rden nur die eine Seite h&ouml;ren &ndash; n&auml;mlich Kritiker der Quote &ndash; wollen wir auch <strong>Thomas Nell<\/strong>, den bisherigen Leiter der Programmgruppe Wirtschaft und Recht beim WDR in K&ouml;ln zu Wort kommen lassen, der den diagnostischen und den (Programm-)Relevanzaspekt der Quotenmessung hervorhebt.<br>\nDamit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt, wir huldigen keineswegs einem ethischen Relativismus. In seinem Referat auf einem Symposion des <a href=\"http:\/\/www.ioer.org\/\">I&Ouml;R<\/a> sieht Thomas Nell die Einschaltquote als unterst&uuml;tzendes Instrument der Programmplanung an, h&ouml;rt man allerdings z.B. den ARD-Programmdirektor Volker Herres (&bdquo;<a href=\"http:\/\/www.turi2.de\/2009\/04\/03\/interview2-volker-herres-programmdirektor-ard-5882203\/\">Quote sind nichts anderes als Menschen<\/a>&ldquo;), dann wir man eher den Kritikern wie <a href=\"\/?p=12591\">Gert Monheim<\/a> oder <a href=\"\/?p=12676\">Manfred Kops<\/a> Recht geben m&uuml;ssen. Wie richtig sie mit ihrer Kritik an der Quote liegen, kann schlie&szlig;lich jeder Rundfunkteilnehmer selbst beobachten, etwa wenn er pro Woche inzwischen f&uuml;nf Talk-&bdquo;Shows&ldquo; ertragen muss und dies noch als ein &bdquo;Mehr an Information&ldquo; angepriesen wird.<br>\n<!--more--><br>\nMeine sehr geehrten Damen und Herren,<br>\ndie Organisatoren dieser Veranstaltung habe das Thema<br>\n<strong>Die Quote als Voraussetzung f&uuml;r die Erf&uuml;llung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmauftrags?* <\/strong><br>\ngesetzt  und schlie&szlig;lich mich gebeten, es zu vertreten. Auch wenn das Thema mit einem Fragezeichen versehen ist, habe ich es so verstanden, dass jemand gesucht wird, der dies als These vertritt &ndash; und zwar m&ouml;glichst ohne Fragezeichen. Nun, wenn ich es v&ouml;llig anders sehen w&uuml;rde, h&auml;tte ich nicht zugesagt. Ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, meine Variation des Themas zu erl&auml;utern. <\/p><p>Damit wir von gleichen Voraussetzungen ausgehen, darf ich mit ein paar Worten die <strong>Grundlagen der Quote<\/strong> erl&auml;utern. Ich gehe davon aus, dass sich einige der hier Versammelten gut in dieser Materie auskennen &ndash; aber wohl nicht alle. Seit dem 01.01.2001 besteht das AGF Forschungspanel aus 5.100 t&auml;glich berichtenden Haushalten, in denen fast 11.500 Personen leben. Damit wird die Fernsehnutzung von 71,94 Mio. Personen ab 3 Jahren bzw. 36,04 Mio. Haushalten abgebildet (Zahlen Stand 01.01.12). Die Auftraggeber sind in der Arbeitsgemeinschaft Fernsehnutzung organisiert:  ARD, ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL. Beauftragt ist das Marktforschungsinstitut GfK in N&uuml;rnberg, die Gesellschaft f&uuml;r Konsumforschung. <\/p><p><strong>Die erste und zentrale Frage lautet: Wie solide ist die Basis?<\/strong><\/p><ul>\n<li>Niemand kann sich selbst zur Teilnahme am Panel bewerben. <\/li>\n<li>Entscheidend bei der Auswahl ist das Zufallsprinzip.<\/li>\n<li>Den Mitarbeitern der GfK werden in zuf&auml;llig ausgew&auml;hlten Gebieten Stra&szlig;en zur Begehung genannt. Der Mitarbeiter notiert &ndash; beginnend bei einer vorgegebenen Startadresse &ndash; die Namen an den Klingelschildern, wobei er die Stra&szlig;en nach bestimmten Begehungsvorschriften abl&auml;uft.<\/li>\n<li>Die GfK Fernsehforschung gibt ihm anschlie&szlig;end vor, welche Adressen von ihm f&uuml;r Interviews zu kontaktieren sind &ndash; auch diese Auswahl erfolgt nach dem Zufallsprinzip.<\/li>\n<li>Nach dieser Auswahl f&uuml;hrt der GfK-Mitarbeiter ein erstes Interview durch und erfragt die Teilnahmebereitschaft am Fernsehpanel.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Die zweite Frage: Wie repr&auml;sentativ sind die Haushalte? Wie vertraulich ist die Teilnahme?<\/strong><\/p><ul>\n<li>Die Panelteilnehmer sind zur Vertraulichkeit verpflichtet und d&uuml;rfen ihre Teilnahme am Fernsehpanel nicht preisgeben.<\/li>\n<li>Auf Basis eines Fragebogens, der einmal im Jahr an alle Panelhaushalte verschickt wird, stellt die GfK &Auml;nderungen der soziodemografischen Strukturen bei den Panelteilnehmern fest.<\/li>\n<li>Teilnehmer, die das Fernsehpanel verlassen (z.B. Umzug, Sterbefall), werden nach den gleichen Kriterien ersetzt. <\/li>\n<\/ul><p>Dieser Exkurs soll aus meiner Sicht deutlich machen, dass es sich bei der Quotenermittlung um ein gut abgesichertes Verfahren handelt, dass &ndash; soweit es technisch und konzeptionell m&ouml;glich ist &ndash; vor Manipulationen gefeit ist und zuverl&auml;ssige Informationen liefert.<\/p><p>Aus meiner Sicht gibt es zwei Argumente, die die <strong>Bedeutung der Quote auch f&uuml;r &ouml;ffentlich rechtliche Sender<\/strong> st&uuml;tzen. Das erste nenne ich das <strong>diagnostische Argument<\/strong>, das zweite das <strong>Relevanzargument<\/strong>. Beide haben miteinander zu tun, sind aber nicht deckungsgleich. Ich will nicht verhehlen, dass es auch in meiner Welt gute Argumente gegen bestimmte Argumentationsstr&auml;nge unter Zuhilfenahme der Quote gibt, aber ich bin sicher, dass mein Kollege Gerd Monheim noch weit massivere Gesch&uuml;tze gegen die Argumentation mit der Quote &ndash; oder gegen die Quote &uuml;berhaupt &ndash; in Stellung bringen wird. Deshalb werde ich mich auf die Pro-Argumente beschr&auml;nken.<\/p><p>Wenden wir uns dem <strong>diagnostischen Argument<\/strong> zu. Wenn ich morgens in den Sender komme, kann ich mir detailliert ansehen, wie viele Menschen ein bestimmtes Programm gesehen haben, welche Altersgruppen wie stark beteiligt waren, wie viele Frauen oder M&auml;nner da waren und wer von welchem Programm zu welchen gewandert ist. Und das f&uuml;r jede Minute. Wenn ich mehr wissen will, zum Beispiel welche Milieus bei der ARD gewesen sind, beim WDR oder bei RTL, dann muss ich zwar unsere Medienforschung fragen, aber binnen kurzem erhalte ich ein recht komplettes Bild. Dann wei&szlig; ich, wer bei uns war, und kann mehr oder minder brauchbare Hypothesen testen, weshalb ein Beitrag oder eine Sequenz gut oder weniger gut angekommen ist. Diese Hypothesen sind und bleiben Hypothesen, es handelt sich nicht um Erkenntnisse.<\/p><p>Jetzt kommen wir zu den <strong>Konsequenzen<\/strong> dieser oft wackeligen <strong>Hypothesen<\/strong>.  Denn diese Ergebnisse der Medienforschung unter Zuhilfenahme der Quote haben Konsequenzen, da darf man sich nichts vormachen. Und aus meiner Sicht sollte es in der Regel auch Konsequenzen geben. Wenn wir feststellen, dass wir kaum j&uuml;ngeres Publikum haben, dann denkt z.B. meine Redaktion dar&uuml;ber nach, wie man j&uuml;ngeres Publikum gewinnen kann. Lag es an der Erz&auml;hlhaltung oder an den Protagonisten? Hatten wir Themen ausgew&auml;hlt, die unserem Publikum, dass wir uns &ndash; um im Jargon zu bleiben &ndash; manchmal backen, gefallen haben? Belehren wir das Publikum oder begleiten wir es auf dem Weg zu eigenen Erkenntnissen? All diese Nachdenkprozesse f&uuml;hren zu Ver&auml;nderungen &ndash; jedenfalls dann, wenn wir unseren Aufgabe ernst nehmen. Ich darf auf unsere Markenchecks verweisen, die ziemlich konsequent aus diesen Nachdenkprozessen entstanden sind. Und ob man nun zu den Fans oder den Kritikern geh&ouml;rt: Wir scheinen im Alltag unserer Zuschauer angekommen zu sein. Und es scheint uns  recht gut  gelungen zu sein, wenn Sie mir ein Urteil gestatten. Wir haben ein f&uuml;r ARD-Verh&auml;ltnisse sehr junges Publikum f&uuml;r dies Formate gefunden.  Ohne Quotenstudium und Analysen der Medienforschung w&auml;re uns das nicht gelungen.<\/p><p>Nun zu den heikleren Punkten der Diskussion. Sollte es <strong>Quotenvorgaben<\/strong> von oben geben? In meiner Welt kommt es darauf an, wie verbindlich sie sind, wie sie f&uuml;r bestimmte Formate gestaltet und mit welchen Sanktionen sie &ndash; bei Nicht-Erreichen &ndash; verkn&uuml;pft werden. Da pl&auml;diere ich f&uuml;r Gelassenheit und Differenzierung. Es gibt f&uuml;r mich Formate, die sehr wohl mit Quotenvorgaben versehen werden k&ouml;nnen und sollen. Und wenige, bei denen ich darauf verzichten w&uuml;rde. Zum Beispiel sollte das bei vielen Sportsendungen durchaus der Fall sein &ndash; und auch gerne im Unterhaltungsbereich. Wenn wir die Fu&szlig;ball-Bundesliga so schlecht abbilden w&uuml;rden, dass wir von den theoretisch erreichbaren 5 &ndash; 6 Mio Zuschauern bzw. 20 bis 30 % Marktanteil nur einen Bruchteil erreichen, dann haben wir etwas falsch gemacht und m&uuml;ssen umsteuern. Aber auch in der Unterhaltung w&uuml;rden mich Quotenvorgaben in keiner Weise st&ouml;ren. Ich muss gestehen, dass ich es geradezu abenteuerlich f&auml;nde, wenn man bei der Unterhaltung nicht den Ehrgeiz h&auml;tte, sein Publikum zu maximieren. Eine &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt wie der WDR muss nur, und da liegt der Hund begraben, einsch&auml;tzen k&ouml;nnen, wie wichtig ist uns dieses Programm, wie hoch ist sein Zuschauerpotenzial und wo liegen andere wichtige Ziele, wie z.B. Imagegewinn und Pflege des Senderprofils. <\/p><p>Nehmen Sie <strong>Dittsche als Beispiel<\/strong>. Dieser schr&auml;ge Humor wird niemals mehrheitsf&auml;hig sein; aber als Imagefaktor ist Dittsche f&uuml;r den WDR von gro&szlig;em Wert. Nat&uuml;rlich &auml;rgert es uns sehr, dass manche Zuschauer Dittsche f&uuml;r ein NDR-Sendung halten, blo&szlig; weil dieses Format aus Hamburg-Eppendorf kommt. <\/p><p>Als weiteres Beispiel m&ouml;chte ich <strong>WestArt<\/strong> nennen. Dem Kulturmagazin des WDR wird von den Zuschauern eine gute Qualit&auml;t bescheinigt &ndash; w&auml;hrend die Quote mit 2,6 % MA in NRW niedrig ausf&auml;llt. Die Zuschauer bewerten die Sendung als &bdquo;informativ&ldquo;, &bdquo;glaubw&uuml;rdig&ldquo;, &bdquo;abwechslungsreich&ldquo; und &bdquo;unterhaltsam&ldquo;. Die Sendung insgesamt, die Themen und die Moderation erreichen in der qualitativen &Uuml;berpr&uuml;fung gute Werte.  Die niedrige Quote hat in diesem Fall offenbar wenig mit der Qualit&auml;t der Sendung zu tun. Vielmehr scheint es so zu sein, dass Kultursendungen generell ein geringes Zuschauerpotenzial haben. <\/p><p>Daraus folgt in meinen Augen, dass &bdquo;Quote&ldquo; im Sinne von Akzeptanz und &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; nicht gleichzusetzen sind. Darauf kann man auch auf verk&uuml;rztem Wege kommen, wenn man sich die quotentr&auml;chtigen RTL-Programme wie &bdquo;Bauer sucht Frau&ldquo;, &bdquo;Dschungelcamp&ldquo; oder den &bdquo;Bachelor&ldquo; ansieht.<\/p><p>Also: Mit <strong>Quotenvorgaben habe ich keine Schwierigkeiten<\/strong>, vorausgesetzt, sie sind realistisch, erreichbar und dienen nicht dazu, auf quasi-objektiviertem Weg Sendungen abzuschaffen oder Qualit&auml;tsstandards zu senken. Es ist ein beliebter Generalverdacht, das Senderhierarchien die &bdquo;Quoten&ldquo; benutzen, um unliebsamen Redakteuren das Leben schwer zu machen. Ich kann auch nicht ausschlie&szlig;en, dass so etwas vorkommt. Hier liegt aber meines Erachtens kein prim&auml;res Problem mit der Quote vor, sondern ein Problem der Betriebskultur. Und erlauben Sie mir den Zusatz: Eine schlechte Betriebskultur ist nicht darauf angewiesen, auf dem Weg der Quote etwas durchzusetzen. <\/p><p>Neben der Diskussion um die Quote gibt es <strong>andere wichtige Faktoren<\/strong>, die zu beachten sind und ihrerseits wieder <strong>Auswirkungen auf die Quote<\/strong> haben bzw. haben k&ouml;nnen. Ich will mich dabei auf die Frage der Programmierung bzw. des Sendeplatzes beschr&auml;nken. Der Sendeplatz Montag 20.15 gilt als besonders schwierig, weil das ZDF dort seinen Fernsehfilm der Woche abspielt &ndash; alles vom Aufwand her sehr hochwertige Produktionen. Und RTL hat seinen Million&auml;r, und dann kommen der &bdquo;Restauranttester&ldquo;, &bdquo;Bauer sucht Frau&ldquo; und &auml;hnliche Formate. Die ARD hat es einmal gewagt, auf diesen Platz &bdquo;Mord mit Aussicht&ldquo; zu hieven. Das war nicht sehr erfolgreich. Dann wurde &bdquo;Mord mit Aussicht&ldquo; auf den Dienstag um 20.15 verschoben. Die Quote hat sich fast verdoppelt, von 9,8 % MA auf 17,6% MA. Die Sendungen waren nicht besser oder schlechter &ndash; aber die Quote hat erfolgreich als Diagnoseinstrument gedient. Und mich hat das gefreut, denn ich bekenne immer gerne, dass ich ein gro&szlig;es Publikum erreichen will. \t<\/p><p>Jetzt m&ouml;chte ich mich gerne mit dem oben angek&uuml;ndigten <strong>Relevanzargument<\/strong> auseinandersetzen. Vielleicht sollte ich kurz definieren, was ich damit meine. Bei dem Relevanzargument geht es mir darum, wie es dem &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk gelingen kann, seine Bedeutung zu behalten und als gesellschaftliche Kommunikationsplattform weiterhin zu dienen. Ich wei&szlig;, dass nicht alle dieses Argument f&uuml;r so wichtig halten wie ich. Ich hoffe aber, dass dies in diesem Kreis durchaus so oder so &auml;hnlich gesehen wird.<\/p><p>Wahrscheinlich ist das Gel&auml;nde hier am heftigsten vermint. Denn die einen argumentieren, dass die Relevanz nur dann erhalten werden kann, wenn das <strong>Profil eindeutig &ouml;ffentlich-rechtlich<\/strong> ist, auch wenn dies zu deutlichen Zuschauerverlusten f&uuml;hrt. Ich f&uuml;rchte, eine solche Haltung f&uuml;hrt uns in die Nicht-Wahrnehmbarkeit und damit auch in die gesellschaftliche Irrelevanz. In meiner Welt muss der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk darum k&auml;mpfen, zu den Gro&szlig;en im Mediengesch&auml;ft zu geh&ouml;ren. Und daf&uuml;r m&uuml;ssen wir uns auch mit Formaten auseinandersetzen, die vielleicht in kommerziellen Systemen konzipiert worden sind und dort Erfolge aufweisen k&ouml;nnen. Denn die Quote sagt uns, dass die Zuschauer dorthin gegangen sind. Was hat der Zuschauer dort gefunden und weshalb haben wir kein Angebot, dass ihm solche Inhalte liefert? Nat&uuml;rlich m&uuml;ssen wir nicht alles nachahmen, was im kommerziellen TV erfolgreich ist. Wir brauchen kein Dschungelcamp, und auch Germany&rsquo;s next Top-Modell ist bei uns nicht nur verzichtbar, sondern ich halte es f&uuml;r gut, bei Angeboten dieser Art deutlich zu machen, dass sie uns nicht interessieren. Aber mal reinschauen und dar&uuml;ber nachzudenken, weshalb sie so erfolgreich sind, halte ich f&uuml;r ratsam.<\/p><p>Wenn ich fordere, dass wir relevant bleiben m&uuml;ssen, habe ich <strong>zwei Gruppen<\/strong> im Visier. Nat&uuml;rlich zum einen den <strong>ganz normalen Zuschauer<\/strong>. Er muss bei uns Angebote finden, die ihn interessieren, denn er zahlt seine Geb&uuml;hren oder seine Haushaltsabgabe daf&uuml;r, dass wir Programm f&uuml;r  ihn machen. Und nicht nur f&uuml;r das Bildungsb&uuml;rgertum und verwandte Kreise. Da erlaube ich mir &uuml;brigens hinzuzuf&uuml;gen, dass die beiden oben genannten Sendungen nicht nur von Prekariat gesehen werden,  sondern dass ein betr&auml;chtlicher Anteil aus den sogenannten besseren Kreisen kommt. Wenn wir dahin kommen, dass immer mehr Zuschauer sich die Frage stellen: Wof&uuml;r zahle ich eigentlich meine Geb&uuml;hren bzw. Haushaltsabgabe, dann stehen wir irgendwann auf der Kippe. Und dieses Land wird sich ohne &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk dramatisch ver&auml;ndern. Das ist zugegebenerma&szlig;en ein These, aber ich bin von ihr &uuml;berzeugt.<\/p><p>Die <strong>andere Gruppe<\/strong>, die ich im Auge habe, ist die <strong>Politik im weitesten Sinn<\/strong>, inklusive aller Interessenverb&auml;nde, Kirchen und Gewerkschaften. Wenn wir keinen R&uuml;ckhalt mehr bei diesen gesellschaftlich relevanten Gruppen haben, ist es um die Zukunft des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks schlecht bestellt. Denn vielen Akteuren geht es nicht um die Konkurrenz zwischen kommerziellen und &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmen, sondern sie sehen vor allem die Konkurrenz um das Medienbudget, das den Haushalten zur Verf&uuml;gung steht. Wenn es keine Haushaltsabgabe mehr g&auml;be, lie&szlig;en sich bessere Gesch&auml;fte machen, denn dann st&uuml;nde das gesamte angenommene Medienbudget f&uuml;r kommerzielle Angebote zur Verf&uuml;gung. Die gesellschaftlich relevanten Gruppen und ihre Unterst&uuml;tzung f&uuml;r uns sind das Bollwerk, dass die Haushaltsabgabe sichert &ndash; oder irgendwann vielleicht nicht mehr sichert. Unser &Uuml;berleben als &ouml;ffentlich-rechtliche Sender h&auml;ngt davon ab, dass die gesellschaftlich relevanten Gruppen uns f&uuml;r unersetzlich halten &ndash; unabh&auml;ngig davon, wen wir gerade mal wieder heftig ge&auml;rgert haben.<\/p><p>Wof&uuml;r ich immer wieder pl&auml;diere, ist die dauernde <strong>&Uuml;berpr&uuml;fung unserer Programme<\/strong>, unseres Handelns und auch der Rahmenbedingungen, von denen wir meinen, dass sie gegeben seien. Sie &auml;ndern sich schneller, als wir oft wahrnehmen wollen oder k&ouml;nnen. Dabei kann die Quote helfen &ndash; wenn sie als Diagnoseinstrument eingesetzt wird. Sie ist keine Garantie, dass wir die richtigen Formate und die von uns allen hochgehaltener Qualit&auml;t produzieren. Aber sie kann uns dabei helfen, dass wir nicht erstarren. Wenn Redakteure von der Qualit&auml;t ihrer Sendungen &uuml;berzeugt sind &ndash; und dazu neigen sie permanent &ndash;  und wenn es kein Korrektiv gibt, dann wird das System in Sch&ouml;nheit und Erfolglosigkeit erstarren. Und sich &uuml;berfl&uuml;ssig machen, weil es sich von den konkreten Lebensbedingungen der B&uuml;rger entfernt. Nat&uuml;rlich ist auch das eine Hypothese. <\/p><p>Neben der Quote gibt es weitere Tools, mit denen wir unsere Erkenntnisse zum Thema Akzeptanz erweitern k&ouml;nnen. Dazu geh&ouml;rt im WDR das <strong>Programmcontrolling<\/strong>. Das l&auml;uft vereinfacht so ab: Die Programmverantwortlichen definieren die wesentlichen Qualit&auml;tskriterien ihrer Sendung in einem Zielvereinbarungsgespr&auml;ch. Die Erf&uuml;llung dieser Kriterien wird dann beim Publikum &uuml;berpr&uuml;ft. Dazu werden ca. 100 Zuschauer gebeten, sich mehrere Ausgabe einer Sendung anzusehen und diese zu bewerten. Leider ist das Testpublikum nach meiner Erfahrung nicht immer ganz ehrlich. Oft werden Antworten gegeben, bei denen ich den Eindruck habe, dass die Befragten zeigen wollen, dass sie f&uuml;r das Edle, Gute und Sch&ouml;ne stehen und am liebsten investigative Geschichten mit knallharten Reportern sehen. Ich bleibe da ein wenig skeptisch und habe deshalb davon gesprochen, dass wir so unsere Erkenntnisse erweitern k&ouml;nnen. Endg&uuml;ltiges wird auch hier nicht geliefert.<\/p><p>Ein weiteres Diagnoseinstrument zur Akzeptanz von Fernsehproduktionen sind die <strong>Preise<\/strong>, die von zahlreichen Institutionen, Verb&auml;nden oder Firmen vergeben werden. Manche haben ein sehr gutes Image, manche sind ein wenig fragw&uuml;rdig. Das muss man sich kritisch ansehen. Und zweifellos ist es so, dass ein Grimmepreis, ein Deutscher Fernsehpreis oder ein Ernst-Schneider-Preis deutlich machen, dass eine Produktion eine hohe Akzeptanz bei einem sachverst&auml;ndigen und professionellen Publikum gefunden hat.  <\/p><p>Zum Schluss eines Vortrags sollte man sich noch einmal vergewissern, <strong>ob man auch wirklich das erbetene Thema behandelt<\/strong> oder sich ein wenig drumrumgemogelt hat. Ja, es f&auml;llt leider auf, dass das Thema lautete: &bdquo;<strong>Die Quote als Voraussetzung f&uuml;r die Erf&uuml;llung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmauftrags<\/strong>&ldquo;. An der Quote habe ich mich durchaus ein wenig abgearbeitet &ndash; aber wie steht es um die Voraussetzung derselben f&uuml;r die Erf&uuml;llung? Jetzt kann man das WDR-Gesetz zur Hand nehmen und sich den &sect; 4 a ansehen, der folgende &Uuml;berschrift tr&auml;gt: Erf&uuml;llung des Programmauftrags. Bei n&auml;herem Hinsehen stellen Sie dann aber fest: Hier geht weniger um die inhaltliche Beschreibung, sondern um Berichtspflichten und Regelwerke. Der &sect; 5 tr&auml;gt die &Uuml;berschrift: Programmgrunds&auml;tze &ndash; und bietet einen umfangreichen Katalog von Werten, f&uuml;r die der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk steht oder stehen soll. Das f&auml;ngt bei der Verfassung an, die zu respektieren ist, &uuml;ber die Menschenw&uuml;rde, die Freiheit, die Toleranz gegen&uuml;ber religi&ouml;sen &Uuml;berzeugungen, ich erspare Ihnen und mir eine komplette Aufz&auml;hlung. <\/p><p>Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass auf den ersten Blick die Quote nicht unbedingt eine Voraussetzung f&uuml;r die Erf&uuml;llung des &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmauftrags darstellt. Aber wenn ich noch einmal auf das Relevanz-Argument zur&uuml;ckkommen darf, dann gibt es einen indirekten Zusammenhang. In dem Abschnitt hatte ich die &Uuml;berlebensf&auml;higkeit des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks mit seiner gesellschaftlichen Relevanz verkn&uuml;pft. Wenn wir irrelevant werden, dann leben wir nicht mehr lange. Und dann gibt es langfristig auch keinen &ouml;ffentlich-rechtlichen Programmauftrag mehr.<\/p><p>Ich erlaube mir, mit dem Zitat des englischen Philosophen Julian Baggini zu schlie&szlig;en: &bdquo;Um das zu werden, was wir gerne w&auml;ren, m&uuml;ssen wir weiter werden, oder wir h&ouml;ren auf, das zu sein, was wir einmal geworden sind.&ldquo; Ich bin und bleibe ein &uuml;berzeugter Anh&auml;nger der Evolutionstheorie. Und das hei&szlig;t Varianz, Replikationsf&auml;higkeit und Selektion. Wir m&uuml;ssen Variationen nicht nur zulassen, sondern f&ouml;rdern. Wir m&uuml;ssen bisher Hochgehaltenes st&auml;ndig &uuml;berpr&uuml;fen.  Und wenn wir feststellen, dass Neuerungen auf merkw&uuml;rdige Weise sehr erfolgreich sind, dann kann man evolutionstheoretisch sagen, dass sie Vorteile in puncto Replikationsf&auml;higkeit haben. Aber das ist ein weites Feld, wie Effi Briests Vater gesagt h&auml;tte. Bleiben wir beim Nachdenken und &Uuml;berpr&uuml;fen des Bestehenden. Und dabei kann uns die Quote helfen &ndash; ohne den Anspruch, dass Quoten&uuml;berlegungen stets den richtigen Weg aufzeigen. <\/p><p>* Referat auf dem Symposion des Initiativkreises &Ouml;ffentlicher Rundfunk (I&Ouml;R) zum Thema &bdquo;Public Value. Was soll der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk f&uuml;r die Gesellschaft leisten?&ldquo;. Am 9. M&auml;rz an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Damit sich die NachDenkSeiten nicht den Vorwurf einhandeln, wir w&uuml;rden nur die eine Seite h&ouml;ren &ndash; n&auml;mlich Kritiker der Quote &ndash; wollen wir auch <strong>Thomas Nell<\/strong>, den bisherigen Leiter der Programmgruppe Wirtschaft und Recht beim WDR in K&ouml;ln zu Wort kommen lassen, der den diagnostischen und den (Programm-)Relevanzaspekt der Quotenmessung hervorhebt.<br \/> Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=12697\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[41,161],"tags":[313,1255,688,1552],"class_list":["post-12697","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienanalyse","category-wertedebatte","tag-oerr","tag-einschaltquote","tag-gfk","tag-wdr"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12697","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=12697"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12697\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12699,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/12697\/revisions\/12699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=12697"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=12697"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=12697"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}